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Tag der Heimat des Bundes der Vertriebenen

Bundespräsident Joachim Gauck hält eine Ansprache anlässlich des Tags der Heimat des Bundes der Vertriebenen im Humboldtsaal der Urania in Berlin Berlin, 3. September 2016 Tag der Heimat des Bundes der Vertriebenen – Ansprache im Humboldtsaal der Urania © Henning Schacht

Mehr als sieben Jahrzehnte ist es her, dass 14 Millionen Deutsche aus ihrer Heimat vertrieben wurden oder flohen.

Schon sieben Jahrzehnte ist es her, dass sie neu anfangen mussten: in Gegenden, die sie nicht kannten, unter Menschen, die eine andere Mundart sprachen, in einem Land, das nach einem verlorenen Krieg völlig zerstört war.

Doch selbst nach sieben Jahrzehnten ist die Vergangenheit nicht gänzlich vergangen. Noch immer sind nicht alle Wunden geheilt. Noch immer ist nicht alles Unrecht eingestanden. Erst im vergangenen Jahr hat der Deutsche Bundestag eine Entschädigung für deutsche Zivilisten beschlossen, die während des Zweiten Weltkrieges und danach von fremden Staaten zur Zwangsarbeit herangezogen wurden: Deutsche aus Ostpreußen, aus Pommern und Schlesien, Rumänien und Jugoslawien, aus Ungarn, die in die Sowjetunion deportiert wurden oder auch in Polen und der Tschechoslowakei interniert und zur Zwangsarbeit verpflichtet worden sind. Weit wichtiger aber als die finanzielle Entschädigung ist für die Betroffenen dabei die Geste – die Tatsache, dass sie wahrgenommen werden. Wichtig ist, dass unsere Gesellschaft diesen Menschen, die monate- und manchmal jahrelang als menschliche Reparationen missbraucht wurden, ein deutliches Signal gibt: Wir interessieren uns für Euer Schicksal! Wir wollen das Wissen über Eure Erlebnisse auch nachfolgenden Generationen vermitteln.

Wer kennt beispielsweise das Straflager 517 in Karelien? Ein Straflager vor allem für Frauen aus Ostpreußen, die bei eisigen Temperaturen Bäume fällen und Schneisen in den Wald schlagen mussten. Von den 2.000 Menschen, die im Frühjahr 1945 in Insterburg verladen worden waren, kamen bis zur Auflösung des karelischen Lagers gut ein halbes Jahr später 522 Insassen um.

Wer kennt das Lager bei Novo Gorlovka in der Ukraine, in das auf Befehl Stalins tausende von Rumäniendeutschen zum Arbeitsdienst deportiert wurden und das 334 Menschen, ausgemergelt von Arbeit und Hunger und ausgesetzt der Willkür und Brutalität der Wachmannschaften, nicht überlebten?

Und wer das Lager überlebte, den verfolgten die traumatischen Erlebnisse noch über Jahre und Jahrzehnte – die Appelle, die Entwürdigung, die Angst vor Strafen, die Angst vor dem Tod und immer wieder: der Hunger. All das blieb im Kopf und in der Seele auch nach der Entlassung und breitete sich dort aus. "Man kann sich nicht schützen, weder durchs Schweigen noch durchs Erzählen", bekennt Leopold Auberg, der Protagonist in Herta Müllers Roman "Atemschaukel".

Ich begrüße es außerordentlich, dass die Politik nun hilft, das Schicksal dieser Menschen aus dem Erinnerungsschatten zu holen. Und ich danke allen, nicht zuletzt dem Bund der Vertriebenen, die sich dafür eingesetzt haben!

Flucht und Vertreibung haben im 20. Jahrhundert massenhaft Bevölkerungsverschiebungen verursacht. Allein in Europa wurden im Zuge des Zweiten Weltkrieges 60 Millionen Menschen vertrieben, über zehn Prozent der Einwohner des Kontinents. Die Deutschen waren die größte Gruppe unter ihnen.

In den vergangenen sieben Jahrzehnten haben diese deutschen Flüchtlinge und Vertriebenen einen langen Weg zurückgelegt. Lassen Sie uns diesen Weg noch einmal in Gedanken nachvollziehen: Er begann mit Verzweiflung, mit Trauer, oft auch mit Groll, führte später zur Öffnung gegenüber der neuen Heimat und schließlich – wohl auch unter dem Druck politischer Ereignisse – zur Aussöhnung mit dem Verlust der alten Heimat.

Vorbei die Zeiten, in denen es Hunderttausende zu alljährlichen Großveranstaltungen zog, um Verwandte und Bekannte aus der alten Heimat zu treffen und wenigstens für einige Stunden "heimzukehren" in die alte, in die verlorene Welt, in den Trachten und mit der Musik von einst. Vorbei auch die Zeiten, in denen große Parteien das Heimischwerden in Westdeutschland erschwerten, weil sie die Rückkehr in die alte Heimat versprachen und Vertriebenenpolitiker eine Revision der deutschen Grenzen forderte.

Glücklicherweise überwunden sind auch Denkweisen, die durch die Fokussierung auf das eigene Leid allzu häufig verhinderten, sich der brutalen Unterdrückung, Vertreibung und Vernichtung zu stellen, die Deutsche zuvor zum Alltag deutscher Großmachtpolitik gemacht hatten. Überwunden sind schließlich auch die Unterdrückung des Themas Flucht und Vertreibung – wie in der DDR – oder seiner Marginalisierung – wie in der Bundesrepublik in Zeiten der Entspannungspolitik. Besonders linke und liberale Milieus versuchten damals aus dem öffentlichen Diskurs auszuklammern, was einer Annäherung mit den Nachbarn im Osten im Wege stand.

Vertriebene und ihre Verbände gerieten in dieser Zeit oftmals an den gesellschaftlichen Rand. Ich kann verstehen, dass Flüchtlinge und Vertriebene Unwillen auf sich zogen, solange Verbandsvertreter mit territorialen Forderungen auftraten oder selbstgerecht nur das eigene Leid thematisierten – als Störenfriede in einem Europa, das nach dem Kalten Krieg die Annäherung brauchte und suchte. Ich kann aber auch die Klagen und den Groll vieler Flüchtlinge und Vertriebener verstehen, die sich mit ihrem Schicksal zeitweilig von der Gesellschaft allein gelassen sahen und kaum Verständnis erhoffen konnten. Ich verstehe das.

Viele hier im Saal dürften es mit Bitterkeit erinnern: Heimatverlust wurde im Westdeutschland der 1970er und 1980er Jahre weitgehend als Kollektivbestrafung für die Verbrechen akzeptiert, die von Deutschen begangen worden waren. Selbst Söhne und Töchter der Vertriebenen wollten oft nichts hören von dem, was Vater und Mutter durchlebt hatten, wollten nichts wissen von dem Verstörenden, was sich manchmal auch hinter Schweigen verbergen konnte. "Heimat", so erinnert sich die Journalistin Petra Reski, "war ein überwundenes Relikt aus der trüben Vergangenheit, und ich war froh, mit so etwas nicht geschlagen zu sein.[...] Was heult ihr denn jetzt, dachte ich, ihr seid doch selbst schuld, dass man euch vertrieben hat. Ich war der neue Mensch. Ich stand auf der Seite der Sieger." Hier endet das Zitat und viele von Ihnen werden sich an Haltungen erinnern, die uns damals im eigenen Umfeld begegnet sind. Und die jungen Menschen, die so sprachen, kamen sich dabei sehr gut vor.

So schrumpfte die Heimat von Flüchtlingen und Vertriebenen zu einem Sehnsuchtsort in der Phantasie, der belebt wurde zu fortgeschrittener Stunde auf Familienfeiern oder beim Lesen der Texte von Johannes Bobrowski, Günter Grass, Arno Surminski oder Siegfried Lenz. Der aber auch tief in der Seele vergraben sein konnte und sich manchmal nur in Träumen meldete.

Den versöhnlichen Umgang mit Flucht und Vertreibung lernten wir Deutsche erst mit großem Abstand: seitdem der Zweite Weltkrieg in unserem Bewusstsein angekommen ist als untrennbare Einheit von der Schuld, die die Deutschen auf sich geladen hatten, und dem Leid, das ihnen als Antwort darauf zugefügt wurde. Viele Vertriebene machten sogar die erleichternde Erfahrung: Gerade weil sie sich zur deutschen Schuld bekannten, konnten sie bei unseren Nachbarn auch Verständnis für deutsches Leid erwecken. Und viele Söhne und Töchter erkannten: Die Empathie mit den Opfern der Deutschen – mit Juden, Russen, Polen – schließt die Empathie mit deutschen Opfern doch keineswegs aus.

"Mit einem Mal schämte ich mich dafür, als Kind so hartherzig gewesen zu sein", bekannte Petra Reski nach einem Besuch der ostpreußischen Heimat ihres Vaters. "Für meine Familie war es Heimat, für mich Ideologie. Für sie war es [...] der morgendliche Dunst über den Feldern, [...] das Schwarz des Waldsees, ein Brombeergebüsch, der Geruch von Kartoffelfeuern. Für mich ein unentwirrbares Knäuel von bedrohlichen Begriffen wie Nationalsozialismus, Revanchismus, Revisionismus. Und die Ideologie verbot mir zu denken, dass die Flüchtlinge für den verlorenen Krieg einen höheren Preis hatten bezahlen müssen als andere Deutsche."

Siegfried Lenz ließ das masurische Heimatmuseum, das bei der Flucht nach Schleswig-Holstein gerettet worden war und das seinem Roman den Titel gab, Heimatmuseum, 1978 noch in Brand stecken. Er fürchtete, es könnte revanchistischen Mitgliedern eines Heimatverbandes in die Hände fallen. Heute hätte sich Lenz wahrscheinlich anders entschieden. Heute brauchen wir nicht mehr aus Angst vor Missbrauch zu vernichten, was uns doch kostbar ist. Die Erinnerung schmerzt vielleicht noch, aber der Blick zurück ist nicht mehr mit einer Hoffnung auf eine Rückkehr zu alten Zeiten verbunden. Die Vertriebenen dürfen, ja sie sollen sich erinnern, damit ihre Seelen Frieden finden. Die Gesellschaft darf, ja sie soll sich erinnern, um – gerade in der heutigen Zeit – Sensibilität gegenüber den Themen Flucht und Vertreibung auf der ganzen Welt zu schaffen und zu erhalten. Deshalb mein Zuruf an die Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung: Widmen Sie sich diesen wichtigen Aufgaben engagiert und phantasievoll!

Wir alle haben gelernt – die Vertriebenen, ihre Nachkommen und die ganze Gesellschaft. Wir haben gelernt in Folge der äußeren Veränderungen und des Drucks, uns diesen Veränderungen anzupassen. Die Identität – über die der "Tag der Heimat" in diesem Jahr nachzudenken einlädt – hat sich keinesfalls als starres, unveränderbares, gar bestimmendes Schicksal erwiesen, sondern als Prägung, die auch von Wunsch und Willen des Einzelnen abhängig ist.

Heute können Vertriebene, wenn sie das wünschen, eine Wiederannäherung an die Orte ihrer Kindheit und Jugend leben, wie sie lange illusorisch schien. Seit der Eiserne Vorhang fiel und die mittelosteuropäischen Staaten der Europäischen Union beitraten, sind die Staatsgrenzen durchlässig. Nichts steht Begegnungen mit der alten Heimat und ihren neuen Bewohnern im Wege. Und ich bin sicher: Auch viele hier im Saal sind in ihre Geburtsorte gereist, womöglich gemeinsam mit Kindern und Kindeskindern. Und einige haben sich in der alten Heimat sogar einen zweiten Wohnsitz geschaffen. All das ist heute möglich.

Nun hoffe ich, dass diese vielfältigen Kontakte mit den Herkunftsländern den ehemaligen deutschen Kulturraum des Ostens auch wieder stärker in das Gedächtnis unserer Nation holen. Dass noch mehr Menschen entdecken, wie Architektur, Literatur, Philosophie, Musik, wie die gesamte Geschichte des Ostens nicht nur die östlichen Gebiete geprägt haben, sondern die ganze deutsche Nation. Erinnert sei hier nur an Immanuel Kant und Johann Gottfried Herder, an Ferdinand Lassalle und Erich Mendelsohn, an Joseph von Eichendorff und Gustav Freytag, an Hermann Sudermann und Ernst Wiechert, an Werner Bergengruen, Georg Dehio und Marie von Ebner-Eschenbach.

Lassen Sie mich also mein Anliegen so zusammenfassen: Das Erinnern, das Gedenken, das Bewahren der Traditionen, darf nicht allein in den Verbänden aufgehoben sein. Geschichte und Kultur der ehemaligen deutschen Siedlungsgebiete gehören in das kollektive Gedächtnis der ganzen Nation.

Zahlreiche Initiativen haben bereits begonnen, den ehemaligen deutschen Osten auf neue Weise wiederzuentdecken. Das, was stattfindet, ist mehr als eine einfache Freilegung dessen, was über Jahrzehnte in den Herkunftsländern verboten, verdrängt oder tabuisiert war – es ist eine Wiederaneignung in neuem historischen Kontext. Und sie erwächst nicht nur aus dem Interesse von Deutschen – manchmal sind die Menschen in unseren Nachbarländern sogar noch stärker motiviert.

So werden Erinnerungen, die über Jahrzehnte konkurrierend nebeneinander, oft auch gegeneinander standen, heute öfter miteinander verflochten und geteilt. Vielfach sind deutsche Geschichte und deutsche Geschichten bereits in Romane und Filme polnischer und tschechischer Autoren eingegangen. Auf das alte Danzig stoßen wir inzwischen nicht nur in der "Blechtrommel" von Günter Grass, sondern auch in den Romanen von Stefan Chwin und Paweł Huelle. Und über die Vertreibung der Deutschen aus der Tschechoslowakei berichten nicht nur Betroffene wie die Journalistin Barbara Coudenhove-Kalergi, sondern auch junge tschechische Autoren wie Kateřina Tučková und Radka Denemarková.

Ja, selbst schwierige Themen werden nicht mehr ausgeklammert. Der Wenzel-Jaksch-Gedächtnispreis der Seliger-Gemeinde wurde in diesem Jahr an Petr Vokřál verliehen, den Oberbürgermeister von Brünn. Anlässlich des 70. Jahrestages des "Brünner Todesmarsches" hatte der Stadtrat ein "Jahr der Versöhnung" ausgerufen und einen Gedenkmarsch organisiert, der in Gegenrichtung zum damaligen Vertreibungsweg in der Stadt Brünn endete: Damit sollen symbolisch die Deutschen in Brünn wieder begrüßt werden.

Besonders bemerkenswert sind die vielfältigen Bemühungen zur Bewusstmachung deutscher Geschichte in Breslau, der schlesischen Metropole, die für dieses Jahr zur Kulturhauptstadt Europas ernannt wurde. Nach aufwendiger Renovierung hat sich die Synagoge "Zum Weißen Storch" zu einem der schönsten kulturellen Zentren der Stadt entwickelt – gebaut wurde sie 1829 vom deutschen Architekten Ferdinand Langhans. Büsten anderer deutscher Breslauer, die sich um die Stadt verdient gemacht haben, stehen in der Eingangshalle des alten Rathauses neben prominenten polnischen Bürgern: von der Heiligen Hedwig über Adolph Menzel bis zu Max Born und Edith Stein. Und die Universität ehrt in ihren Hallen die zehn Nobelpreisträger, die zu deutschen Zeiten in dieser Stadt geboren wurden. Im vergangenen Jahr hat die Universität zudem die Aberkennung der akademischen Titel für fast 260 deutsche Wissenschaftler – vor allem jüdischer Herkunft – aufgehoben, die von den Nationalsozialisten in der unglückseligen Zeit vollzogen worden waren.

Mag das polnische Breslau auch kein Rechtsnachfolger des deutschen Breslau sein, so fühlt es sich doch zunehmend verantwortlich für das Erbe: Polnische Breslauer wollen nicht einfach die Gebäude bewohnen, sondern sich auch mit dem Geist auseinandersetzen, der in diesen Mauern herrschte. Im Guten wie im Bösen.

Und so wollen wir denn loben, was an vielen Orten der Herkunftsländer in den vergangenen 25 Jahren geschah, ohne uns der Täuschung hinzugeben, diese Offenheit und Gemeinsamkeit und staatenübergreifende Sicht seien unumkehrbar. Vielmehr gilt es weiterhin alles zu tun, damit die Gespenster der Vergangenheit keine Chance erhalten, Völker wieder gegeneinander aufzubringen.

Über die Jahrzehnte hin haben wir die Geschichte von Flucht und Vertreibung der Deutschen interpretiert im Rahmen unserer nationalen Geschichte, als Reaktion auf den Krieg, auf Gewaltherrschaft und Genozid, die vom nationalsozialistischen Deutschland ausgingen. Inzwischen haben wir etwas dazugelernt. Wir haben gelernt, sie auch im Kontext einer internationalen Geschichte zu verstehen, die das 20. Jahrhundert zu einem Jahrhundert der Vertreibungen werden ließ. Zu einem Jahrhundert, in dem die Gewaltmigration geprägt war von völkischem Nationalismus und Rassismus und so viele Menschen ihre Heimat oder ihr Leben verloren wie niemals zuvor – aus ethnischen, rassistischen, religiösen oder politischen Gründen. In Europa, Asien, Afrika, im Nahen und Mittleren Osten.

Nur unzureichend haben wir bisher wahrgenommen, dass Flucht und Vertreibung das 20. Jahrhundert nicht nur in Mitteleuropa, sondern weltweit so stark geprägt haben. Über vier Fünftel aller weltweit registrierten Flüchtlinge sind nämlich möglichst nahe der Heimat geblieben, in den Staaten des Globalen Südens, in Entwicklungs- und in Schwellenländern. Deutschland aber war in den letzten Jahrzehnten, wenn wir von den Flüchtlingen aus dem ehemaligen Jugoslawien absehen, nur selten Ziel von wirklich großen Gruppen Schutzsuchender. Erst jetzt sind wir konfrontiert mit Hunderttausenden, die gewaltsame Auseinandersetzungen im Nahen Osten und in Afrika nach Europa und in unser Land treiben.

Jetzt sind wir gefordert, jene Verpflichtung einzulösen, die die Bundesrepublik mit der Genfer Flüchtlingskonvention Mitte der 1950er Jahre übernommen hat, zu einer Zeit, in der niemand Fluchtbewegungen in der augenblicklichen Größe vorhergesehen hat und vorhersehen konnte. Und wir haben uns mit der schwierigen Frage auseinanderzusetzen, wie wir unserer rechtlichen und moralischen Verpflichtung zum Schutz von Verfolgten nachkommen können, ohne die Stabilität und den Zusammenhalt unserer Gesellschaft zu gefährden.

Eines wissen wir: Die existentielle Erfahrung eines Heimatverlustes ist Flüchtlingen auf der ganzen Welt gemein – die tiefe Prägung durch eine häufig traumatische Flucht, die Trauer um das Verlorene, das Fremdsein im Ankunftsland, die Zerrissenheit zwischen dem Nicht-Mehr-Dort- und Noch-Nicht-Hier-Sein.

"Es plagte mich die Sehnsucht nach Rückkehr", gesteht Bahman Nirumand, der als politischer Flüchtling aus dem Iran Anfang der 1980er Jahre nach Deutschland kam. So wie die deutschen Vertriebenen von Schlesien, dem Sudetenland oder der Bukowina träumten, so träumen die Flüchtlinge unserer Tage vom Basar in Aleppo, vom Volkspark in Teheran oder dem Sindschar-Gebirge im Nordirak. Und würde man den Namen des Landes austauschen, könnte das, was der syrische Dokumentarfilmer Orwa Nyrabia anderthalb Jahre nach seiner Flucht bekannte, vor siebzig Jahren auch ein Vertriebener gesagt haben. Ich zitiere: "Die ständige Beschäftigung mit Syrien verhindert, dass ich ein neues Leben in Berlin suche. Man bleibt gefühlsmäßig fremd. Aber andererseits hilft es meinem inneren Gleichgewicht, weil ich spüre, dass ich nicht vollständig von meinen Wurzeln abgeschnitten bin."

Wir wissen aus der eigenen geschichtlichen Erfahrung: Es braucht Zeit, Flüchtlinge in eine Gesellschaft einzugliedern, und es braucht Zeit, Einheimische an eine sich verändernde Gesellschaft zu gewöhnen. Wir beginnen aber erst allmählich zu erfassen, wie langdauernd und wie kräftezehrend auf beiden Seiten der Prozess der Eingliederung ist, wenn Einheimische und Ankömmlinge gänzlich anderen und unterschiedlichen Kulturen angehören.

Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen ja Menschen, die dieselbe Sprache sprachen, denselben christlichen Konfessionen und derselben Kultur angehörten. Heute fällt Einheimischen wie Neuankömmlingen die sprachliche Verständigung schwer, sehr schwer, und jede Seite fremdelt mit den Mentalitäten, Religionen und Lebensstilen der jeweils Anderen. Der iranische Autor Bahman Nirumand beispielsweise brauchte viele Jahre, sich geistig, kulturell, aber auch emotional der neuen Umwelt anzunähern. "In mir" – bekannte er – "fand ein permanenter Kulturaustausch, ja ein regelrechter Kulturkampf statt."

Im Unterschied zu den Vertriebenen von damals ist Deutschland für die Flüchtlinge von heute auch nicht das Vaterland, sondern der fremde Staat, der sich in vielen Fällen nur als vorübergehender Schutzraum oder zeitweiliges Gastland erweisen wird. Menschen, deren Asylantrag abgelehnt wird, müssen unser Land in der Regel wieder verlassen. Selbst für jene, die als politische oder Bürgerkriegsflüchtlinge anerkannt sind, existiert – anders als bei den Deutschen nach 1945 – oftmals tatsächlich eine Rückkehroption.

Nicht verschwiegen werden soll an dieser Stelle auch, dass die augenblickliche Flüchtlingszuwanderung mit Risiken verbunden ist, die die Einwanderung von vor siebzig Jahren so nicht kannte. Kein Land, das Schutzbedürftige aufnimmt, kann völlig ausschließen, dass sich unter die Fliehenden auch Personen mischen, die dem Aufnahmeland Schaden zufügen wollen oder sich nach der Aufnahme radikalisieren. Das macht es heute für viele Menschen noch schwieriger als damals, wirklich Hilfsbedürftigen mit Offenheit und Empathie zu begegnen.

Wir brauchen also einen langen Atem, damit jene, die bleiben wollen und dürfen, das Gefühl der Zugehörigkeit zu diesem Staat und der Loyalität ihm gegenüber entwickeln. Selbst die Integration der deutschen Vertriebenen war keineswegs immer eine Erfolgsgeschichte. Allzu oft stießen sie auf Kälte und Ablehnung, obwohl sie Deutsche waren. Sie waren – wie der Schriftsteller Peter Härtling es aus eigener Erfahrung wusste – "Fremde, […] die behaupteten, Häuser und Höfe besessen zu haben, und nichts als dreckige Bündel und ihre Anmaßung mitbrachten. Fremde, die vorgaben, Deutsche zu sein, und sich in einer falschen Sprache ausdrückten, die man weit fortwünschte."

Wie wir sehen braucht es wenig, um jemanden zum Fremden abzustempeln. Und es fällt leicht, sich seinem Leid dann zu verschließen und stattdessen in eine Opferkonkurrenz einzutreten. Ältere hier im Saal dürften sich an die Bewohner bombardierter Großstädte erinnern, die ihr Leid damals gegen das der Flüchtlinge aufrechneten. Andere dürften aber auch von Vertriebenen gehört haben, die den Flüchtlingen von heute eine Unterstützung missgönnen, auf die sie selbst damals leider nicht hoffen konnten.

Denen, die so fühlen und denken, möchte ich sagen: Wirkliche Empathie sieht allein das leidende Individuum. Deshalb ist mir auch jene Haltung im aktuellen Diskurs fragwürdig, die die Flüchtlinge von heute willkommen heißt, das Schicksal der Landsleute von damals aber ignoriert oder marginalisiert.

Wir brauchen keinen Wettstreit darüber, wer mehr gelitten hat und wem mehr geholfen wurde. Flüchtlinge – wie Opfer überhaupt – müssen sich nicht gegenseitig verdrängen im Kampf um öffentliche Aufmerksamkeit, sie können ihre Schicksale vielmehr miteinander verknüpfen.

Es hat mich beeindruckt, wie vertriebene Deutsche in den vergangenen Monaten gemeinsam mit Flüchtlingen aufgetreten sind, wie sie sich ausgetauscht und um gegenseitiges Verständnis geworben haben. Ein Drittel unter den ehrenamtlichen Flüchtlingshelfern, so ergab es eine neue Untersuchung, kommt selbst aus einer Vertriebenenfamilie, prozentual also weit mehr, als ihrem Anteil in der Bevölkerung entspricht. Ihnen allen gilt mein ausdrücklicher Dank!

Wer wüsste besser als die Vertriebenen, dass der beste und schnellste Weg zur Eingliederung über das gemeinsame Tun und das persönliche Miteinander erfolgt – in der Arbeitswelt, aber auch im Alltag. Wer wüsste besser als die Vertriebenen, dass schneller in neuer Umgebung ankommt, wer neben staatlicher Unterstützung auch gesellschaftliche Offenheit erfährt.

Viel Arbeit liegt vor uns. Flüchtlinge wie Mehrheitsgesellschaft werden sich verändern, Deutschland als Ganzes wird sich verändern. Und dennoch werden wir bleiben, wer wir sind, weil wir entschlossen sind, diesen Prozess zu gestalten: in dem Geist und auf die Art und Weise, die uns und unserem Land entsprechen.

Wir werden festhalten an unseren Grundlagen der Demokratie und des Rechtes. Und wir werden geprägt bleiben vom humanen Geist und einer Haltung der Offenheit, Hilfsbereitschaft und Mitmenschlichkeit gegenüber Verfolgten, Vertriebenen und Entrechteten. Das bleibt unser Markenzeichen. Das wollen wir, das werden wir nicht aufgeben.