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Soiree "Augenblick und Dauer" zu Ehren der Fotografie

Bundespräsident Joachim Gauck begegnet Beteiligten der Soiree 'Augenblick und Dauer' zu Ehren der Fotografie im Großen Saal von Schloss Bellevue Schloss Bellevue, 30. September 2016 Soiree "Augenblick und Dauer" zu Ehren der Fotografie – Begegnung mit Beteiligten im Großen Saal © Clemens Bilan

Nur wenn man eine Sache vollkommen ernst nimmt, kann man sie mit aller Kraft lieben und ehrlich loben – oder kräftig über sie schimpfen. In den Passagen aus Thomas Bernhards "Auslöschung", die Ulrich Matthes uns gerade vorgetragen hat, wird die Macht der Fotografie beschworen wie wohl in keinem anderen Stück deutscher Literatur. Unter der Camouflage der typisch Bernhard‘schen Tirade wird geradezu ein Hymnus auf die Fotografie angestimmt.

Die Fotografie ernst zu nehmen, nicht nur ihre eigentümliche, gelegentlich vielleicht auch unheimliche Macht anzuerkennen, nein, sie wahr zu nehmen als ein höchstrangiges Ausdrucksmittel, als eine ganz eigene Kunstform, darum geht es mir heute Abend.

Noch nie, das mag man kaum glauben, hat es beim Bundespräsidenten eine solche Veranstaltung gegeben, in der die Fotografie und die Fotografen im Mittelpunkt stehen. Höchste Zeit also! Die Fotografie ist in Deutschland nun schon seit Jahrzehnten eine bedeutende Form von Kunst und eine ganze Reihe von Fotografen gehören zu den bedeutendsten Künstlern unseres Landes – eine Fotografin ist in den Orden Pour le mérite gewählt worden –, oder sie stammen aus Deutschland, arbeiten aber überall auf dem Globus und viele von ihnen sind inzwischen weltberühmt. Der "Europäische Monat der Fotografie", der gestern in Berlin eröffnet wurde, ist ein wunderbarer Anlass, ein fotografisches Familientreffen jetzt einmal Wirklichkeit werden zu lassen.

Ich freue mich, dass Sie alle der Einladung gefolgt sind. Ich freue mich besonders darüber, dass hier eine so illustre Runde versammelt ist. Fast kein Name fehlt, der einem in den Sinn käme, wenn man an die herausragenden Fotokünstler unseres Landes denkt. Ich habe heute aber auch einige Fotografen eingeladen, die vielleicht noch nicht ganz so berühmt sind wie ihre weltberühmten Kollegen, die aber durch die Qualität ihrer Arbeiten zeigen, auf welch hohem Niveau sich die fotografische Kunst überall in Deutschland bewegt.

Das Spektrum der zeitgenössischen Fotografie, Sie wissen es alle, ist riesig. Wir werden das gleich ausschnitthaft sehen, wenn wir von jedem der anwesenden Fotografen ein Bild anschauen können, das er oder sie selber, auf meine Bitte hin, ausgesucht hat, weil es besonders charakteristisch ist für die Arbeit eines jeden Einzelnen.

Es war für den einen oder anderen von Ihnen sicher nicht einfach, sich auf ein einziges Bild zu konzentrieren und es auszuwählen. Aber in der Bilderflut der Gegenwart ist, glaube ich, das Bekenntnis zum einzelnen Werk auch eine Bewahrung des Kostbaren, des Nicht-Inflationären.

Apropos Bilderflut: Wer jemals in einem Restaurant mitbekommen hat, wie am Nachbartisch erst einmal das Essen fotografiert wird, dann auf Facebook mit allen Freunden geteilt wird, und wie schließlich den lieben Freunden am Tisch mit einer ausgefeilten Wischtechnik die 2.500 Fotos vorgeführt werden, die vom anderthalbtägigen Besuch in Kopenhagen erstellt worden sind, der wird nicht mehr in den beliebten Spott über die alten familiären Dia-Abende einfallen wollen.

Wie auf einem solchen familiären Dia-Abend werden wir übrigens gleich die einzelnen Fotos, in streng alphabetischer Reihenfolge und in drei Abteilungen, Revue passieren lassen. Eine virtuelle Promenade, ein Ausstellungsgang im Sitzen sozusagen.

Sie werden sehen, wie – ganz ohne die Hand eines Chefkurators – aus 48 Einzelentscheidungen ein repräsentatives Panorama wird. Da steht etwa der welthistorische Augenblick des 11. September neben dem Alltag in der Ostberliner S-Bahn, da steht die geheimnisvolle Aura eines leeren Zimmers neben dem prallen Lachen eines gebadeten Säuglings, da steht die Vorgartenpflege einer unbekannten Frau auf dem Campingplatz neben den Porträts der Berühmten, der lebenden wie der toten. Und dann gibt es sogar den unwahrscheinlichen Zufall, dass gleich zwei von Ihnen ein Motiv vom selben Ereignis ausgesucht haben: eine Leidensprozession am Palmsonntag in Eichsfeld, einmal in Farbe, einmal in Schwarz-Weiß.

Gerade bei Motiven, die mir auf den ersten Blick nie als fotografierwürdig vorgekommen wären, und es gibt viele solcher Motive, denke ich oft bei mir selber: Wie sehr unsere Blicke doch durch die Blicke anderer Menschen, anderer Fotografen, belehrt werden! Weil ein Blick einem anderen kostbar ist, werden mir selber Dinge oder Menschen kostbar. Durch respektvolles Sehen erhalten Menschen so eine neue Würde – so geht es mir oft. Oder, durchaus anders: Durch eine überraschende Perspektive wird das Falsche deutlich, etwa falsche Erhabenheit, sie wird lächerlich.

Heute Abend wird dann ein weiterer Programmpunkt ein kurzes Gespräch über Reportage oder politische Fotografie sein. Neben dem legitimen anything goes in der Kunst gibt es ja immer noch den Anspruch, dass Fotografie uns Wirklichkeit zeigen soll: Geheimes aufdecken, Verborgenes entlarven oder Zusammenhänge dokumentieren. Wir wissen zwar alle längst, wie Fotografien manipuliert werden können – das gab es ja auch schon früher, bevor die Computertechnik da war. Aber was genau Wirklichkeit ist, darüber gibt es lange und tiefe philosophische Debatten.

Dennoch: Es gibt einen Anspruch, dass wir etwa im Reportagefoto Wirklichkeit wirklich abgebildet sehen wollen. Und diesen Anspruch vollen wir auch nicht aufgeben. Vielleicht wird deutlich, worum es geht, wenn wir an jenes für deutsche Fußballfreunde wichtigstes Foto erinnern – das es nicht gibt: Das Foto nämlich, das eindeutig zeigen würde, ob beim WM-Finale 1966 in Wembley der Ball zum dritten englischen Tor drin war oder nicht. Wir wissen: Er war nicht drin. Aber es fehlt etwas. Es fehlt das Foto dazu.

Aber im Ernst: Manche Fotos verdichten Wirklichkeit so, dass sie zu Ikonen werden und die Geschichte einer ganzen Epoche zu erzählen vermögen – wie etwa das Foto vom Kniefall Willy Brandts in Warschau. Andere Fotos können politische Veränderungen mitbewirken. Denken wir an das nackte, schreiende Mädchen, das im Vietnamkrieg vor einer Napalmwolke flieht. Oder sie können das Bewusstsein von uns allen prägen – wie die blaue Erde über der Wüste des Mondes. Die Wirklichkeit ist für die, die diese Fotos gesehen haben, dann nicht mehr dieselbe.

Mit diesem Gedanken streifen wir ein noch tieferes Geheimnis der Fotografie, in der sozusagen Physik und Metaphysik ineinander übergehen. Der Philosoph Hans Blumenberg beschreibt einmal, wie er mit seinem fotografisch begeisterten Vater in der Dunkelkammer arbeitet, ihn dabei aber etwas anderes interessiert als die fertigen Bilder:

"Was mich faszinierte, war der Prozess, wie aus dem Nichts etwas entstand, was vorher ganz und gar nicht da war: (...) Ich wusste, ich sah es vor mir, wie es bei der Erschaffung der Welt zugegangen war. Erst nichts, und dann etwas – und etwas nur, weil zuerst einmal für Licht gesorgt worden war. Die biblische Prozedur erschien mir phototechnisch als ganz richtig, die Dunkelkammer als Imitation der Gesamtlage im Universum vor dem ersten Schöpfungstag. Ohne dass es finster gemacht wurde, konnte aus nichts nichts werden, und Licht war dann die wichtigste Bedingung (...) Unter meinen Händen, bei vorsichtigstem Schwenken der Platten in den Bädern kam die Welt zutage – nicht mit soviel Aplomb und Tohuwabohu wie am biblischen Auftakt, aber doch im Prinzip nach keinem anderen Verfahren...".

Diese faszinierende Erkenntnis, diese Nähe von Fotografie und Welterschaffung, führt gleich zu zwei Programmpunkten des heutigen Abends: zu einem kleinen Abenteuerfilm über die chemische Oberfläche des klassischen fotografischen Verfahrens, das im Zeitalter der kompletten Digitalisierung mit all seiner Sinnlichkeit aber auch Symbolik wohl zu verschwinden droht.

Und dann hören wir einem Mann zu, der von Schöpfung und Metaphysik viel versteht und darüber hinaus einer Gemeinschaft angehört, dem Orden der Benediktiner nämlich, der seit mehr als 1.500 Jahren gründliche Erfahrung mit Betrachtung gesammelt hat, einer intensiven geistigen Übung also, die für den Umgang mit Fotographie ziemlich elementar ist. Ich bin also gespannt auf Pater Elmar Salmann.

Keine Angst: Das Programm dauert nicht so lang, wie sich das jetzt anhört – und wir haben danach genügend Zeit für das Wichtigste, nämlich die Begegnung miteinander. Fotografie ist ja nicht nur eine Sache der Fotografen. Zur Familie gehören auch die, die Fotografien sammeln, die darüber schreiben, die sie ausstellen, verkaufen, die sie drucken und verlegen, die sie in ihren Buchhandlungen anbieten, die sie archivieren und in Museen zugänglich machen und nicht zuletzt auch die, die sie sorgfältig restaurieren und so ein großes Kulturgut erhalten. Von all diesen Mitspielern in der fotografischen Welt ist heute jemand hier vertreten. Und so wünsche ich uns allen einen schönen und vergnüglichen, einen in jeder Hinsicht: bunten Abend.