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Eröffnung der restaurierten Schlosskirche in Wittenberg

Bundespräsident Joachim Gauck hält ein Grußwort in der Evangelischen Schlosskirche anlässlich des Erntedankgottesdienstes zur Eröffnung der restaurierten Schlosskirche in der Lutherstadt Wittenberg Lutherstadt Wittenberg , 2. Oktober 2016 Erntedankgottesdienst zur Eröffnung der restaurierten Schlosskirche – Grußwort in der Evangelischen Schlosskirche © Henning Schacht

Das ist nun wirklich ein wunderschöner Erntedanktag, und es ist ein wunderschöner Tag für Wittenberg. Kurz vor Beginn der Feiern zum Reformationsjubiläum, wenn aus aller Welt nicht nur die Kirchen der Reformation hierher schauen werden, können wir diese Kirche, nun also renoviert und in frischem Glanz, neu in Gebrauch nehmen. Das Gotteslob kann wieder in Wort und Lied erklingen, auf der Orgel kann man buchstäblich wieder alle Register ziehen.

"All morgen ist ganz frisch und neu..." fällt einem da unvermittelt ein, mir jedenfalls, und die Textsicheren unter uns wissen auch, wie das Lied weitergeht: "...des Herren Gnad und große Treu; sie hat kein End den langen Tag, drauf jeder sich verlassen mag."

Die Reformation war gerade 25 Jahre alt, da hat Johannes Zwick diese Zeilen geschrieben. Wie schön sich in ihnen reformatorische Zuversicht zeigt, fröhliches Vertrauen auf Gottes Gnade. Gnade und Zuwendung aber rufen bei denen, die sie erfahren, Dankbarkeit hervor.

Und so fügt sich auch dies zum heutigen Tag, der dem Dank gewidmet ist – dem Dank dafür, dass wir zu essen haben, dass die Felder fruchtbar waren und die Ernte eingebracht ist. Dank aber auch dafür, dass menschliche Arbeit gelungen ist – wie zum Beispiel hier, bei der Renovierung der Schlosskirche –, Dank dafür, dass unser Tun immer wieder zu einem guten Ende gebracht wurde. Dank für die Ernte und für den Erfolg menschlicher Arbeit: Das gehört zusammen. Für beides immer wieder dankbar zu sein, ist Ausdruck der Einsicht, dass beides nie selbstverständlich ist, wie groß unser Einsatz auch sein mag. Gelingen ist nie selbstverständlich. Wer etwas von Gnade weiß, weiß das zutiefst.

"O Gott du schöner Morgenstern, gib uns, was wir von dir begehrn...". So geht das Lied, das ich zitiert habe, weiter. Wer weiß, wann es zum ersten Mal hier in dieser Schlosskirche gesungen wurde. Jahrhundertelang ist es hier erklungen. Daran sollten wir auch denken, wenn alles so neu und schön erscheint: Diese Kirche, sie hat eine lange und wechselvolle Geschichte von ihren Anfängen im Mittelalter bis zur von Kaiser Wilhelm II. eröffneten Neugotik und darüber hinaus. Am wichtigsten aber ist: In ihr ist gepredigt und gesungen, gehört und gebetet und geseufzt worden, es ist gehofft worden, wie immer auch die Zeiten waren, die über dieses Land gingen. Die Gebrauchsspuren des gelebten Glaubens sieht man ihr, jetzt so neu, vielleicht nicht an.

Aber gerade hier, wo die Thesentür uns erinnert an das unscheinbare Ereignis einer akademischen Disputation, das Weltgeschichte ausgelöst hat, gerade hier, wo der begraben ist, den keine Frage so sehr umtrieb wie die nach dem gnädigen Gott, gerade hier erfahren wir: Das, wofür diese Kirche steht, was sie in ihren Mauern erfahren hat, es ist ganz alt. Es kommt von weit her – wir haben es empfangen von vielen, die vor uns ihr Leben meistern mussten, von den Unzähligen, die vor uns auf Gott vertraut und mit ihm gehadert haben. Luther las zum Beispiel die schon damals über tausend Jahre alten Schriften Augustins. Glaube ist nicht unsere Erfindung, er ist uns übergeben. Traditio nennt man das auf Latein. Und auch dafür darf man an einem solchen Tag dankbar sein.

Ich freue mich, heute mit Ihnen allen zusammen hier zu sein. Ich freue mich, dass wir diesen Tag so feierlich begehen können und dass wir dazu auch noch königlich-dänischen Glanz in unserer Mitte wissen. Ja, Majestät, Ihre Anwesenheit ehrt unsere Zusammenkunft heute noch einmal ganz besonders. Das Geschenk, das Sie mitgebracht haben, aber auch darüber hinaus das Geschenk der Freundschaft des dänischen Volkes zu uns, zu unserem Volk mit seiner problematischen Geschichte. Für all das an diesem Tag ein Dankeschön an Sie, Majestät, und an Ihre Landsleute.

Jetzt bitte ich Sie noch, nehmen Sie einen Gruß mit, und zwar, wenn Sie am 31. Oktober im Dom zu Aalborg die 500 Jahre Reformation in Dänemark feiern, grüßen Sie die dort Versammelten vom Präsidenten dieses Landes und von den Bürgern aus Wittenberg und aus Deutschland.

Ich freue mich, dass wir bald – traditionsbewusst, aber zugleich zukunftsorientiert – den 500. Jahrestag jenes Ereignisses begehen und feiern, das weltweit Folgen hatte und das hier, in der Schlosskirche zu Wittenberg, seinen Anfang nahm. Dessen innerste Mitte können wir vielleicht noch einmal mit dem Lied von Johannes Zwick zum Ausdruck bringen:

"Zünd deine Lichter in uns an, laß uns an Gnad kein Mangel han."

Ich danke Ihnen.