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Staatsbankett zu Ehren von König Carl XVI. Gustaf und Königin Silvia von Schweden

Bundespräsident Joachim Gauck hält eine Rede im Großen Saal in Schloss Bellevue anlässlich des Staatsbanketts zu Ehren von König Carl XVI. Gustaf und Königin Silvia von Schweden Schloss Bellevue, 5. Oktober 2016 Staatsbankett zu Ehren von König Carl XVI. Gustaf und Königin Silvia von Schweden – Rede im Großen Saal © Steffen Kugler

Mit großer Freude heiße ich Sie willkommen – zu Ihrem ersten Staatsbesuch in Deutschland seit 23 Jahren und Ihrem ersten Besuch im Schloss Bellevue. Dass Sie heute hier sind, ist ein besonderes Zeichen der schwedisch-deutschen Freundschaft. Sie beide sind Deutschland auf tiefe und auch auf persönliche Weise verbunden. Und während Ihres Besuches werden Sie sicher erleben, wie groß das Ansehen ist, das Sie und Ihr Land bei den Deutschen genießen.

Ich selbst habe mich Schweden schon immer nah gefühlt, nicht erst seit meinem ersten Staatsbesuch bei Ihnen als Bundespräsident in Stockholm 2012. Vor dem Fall der Mauer war Ihr Land für mich – wie für viele Ostdeutsche – ein Sehnsuchtsland. Unzählige Menschen haben in den Jahren der Teilung Europas an der mecklenburgischen und pommerschen Ostseeküste gestanden, dort, wo es für uns Ostdeutsche dann nicht mehr weiterging. Wir blickten hinaus in die Ferne. Irgendwo, auf der anderen Seite des Meeres, musste Schweden liegen, das Land, in dem es gab, wovon wir träumten: Freiheit, Demokratie und wahre soziale Gerechtigkeit. Heute können wir sagen: Schweden und das glücklich vereinte Deutschland teilen die Überzeugung, dass freie Gesellschaften besser funktionieren, wenn sie Chancen und Teilhabe für alle anstreben. Dieser Gedanke inspiriert Menschen nicht nur in unseren beiden Ländern, sondern weltweit.

Schweden ist für viele Deutsche ein Ort der Sehnsucht geblieben, der uns fasziniert und beflügelt. Schon Kurt Tucholsky hat vor vielen Jahren konstatiert: Es gibt kein deutsches Normalgehirn, das bei dem Gedanken ‚Schweden‘ andere als angenehme, freundliche, gute Gedanken hätte.“ Heute denken wir vielleicht an Nobelpreise wie auch an Kinderliteratur und Krimi, an Popmusik und Design, aber auch an große innovative Unternehmen, an Wohlstand, an Toleranz, an Konsenskultur.

Eine andere schwedische Kompetenz, die wir besonders anziehend finden, ist der beständige Einsatz der schwedischen Politik wie auch der Zivilgesellschaft für die Achtung der Menschenrechte weltweit und die Unterstützung von Menschenrechtsverteidigern. Und dann: In Ihrem Land herrscht ununterbrochen Frieden – seit zwei Jahrhunderten – welche Leistung ist das wohl in einem lange kriegerischen Europa! Schwedische Institutionen – ich denke an das Friedensforschungsinstitut SIPRI – helfen uns, Krisen und Konflikte besser zu verstehen und schneller beizulegen. Und zudem ist Ihr Land ein Hafen für Flüchtlinge aus aller Welt gewesen, in der Zeit der nationalsozialistischen Diktatur auch für viele Deutsche, und daran denke ich mit besonderer Dankbarkeit.

Aber auch Deutschland, das darf ich vielleicht erwähnen, hat auf Schweden gewirkt. Im kommenden Jahr feiern wir hier in Deutschland und Sie in Schweden 500 Jahre Reformation. Die Gebrüder Petri brachten sie nach Schweden und veränderten ihr Land damit für immer. Und so bildet auch unser gemeinsames evangelisches Erbe eine stabile Brücke über die Ostsee.

Heute leben wir in unruhigen Zeiten. Im Angesicht internationaler Krisen sind enge und vertrauensvolle Beziehungen unverzichtbar. Nur gemeinsam kann es gelingen, die aktuellen Herausforderungen in Europa und in der Welt zu bewältigen.

Schweden und Deutschland verbindet im außenpolitischen Denken und Handeln etwas Wesentliches: Es ist das Vertrauen in die internationale Zusammenarbeit und in den Multilateralismus. Gemeinsam wollen wir die globalen Ordnungsstrukturen erhalten, den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen stärken und den Zusammenhalt in der Europäischen Union wahren. Dieser Geist prägt auch unsere regionale Kooperation – etwa als enge Partner im Ostseerat. Schweden kann auf deutsche Unterstützung bauen, wenn es Mitte 2017 dessen Vorsitz übernimmt.

Beim weltweiten Engagement für Menschenrechte und Entwicklung betrachten wir Schweden als einen engen Partner, der unser Verständnis davon teilt, was für Menschen in Not getan werden muss. Ich freue mich daher ganz besonders über die erfolgreiche Kandidatur Schwedens für den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen.

Wie dringend notwendig mehr internationale Zusammenarbeit ist, das hat uns die Flüchtlingskrise aufgezeigt: Denn in dieser Krise tragen Schweden und Deutschland, mit nur wenigen Partnern, bisher die Hauptlast. Pro Kopf hat Schweden im Jahr 2015 von allen europäischen Ländern die meisten Flüchtlinge aufgenommen. Unsere Bevölkerungen und unsere Regierungen wissen: Ohne Lastenteilung und ohne Steuerung des Zuzugs sind Schweden wie Deutschland auf die Dauer überfordert. Eine langfristige Lösung ist deshalb nur im europäischen Verbund zu erreichen.

Die wesentliche innere Herausforderung für unsere Länder liegt in der Integration all der neu angekommenen Menschen. Ich bin überzeugt, dass wir gerade dabei viel von Ihnen und dass wir viel voneinander lernen können. Beispielhaft dafür ist die von zwei Schweden gegründete Berliner Integrationsinitiative, die Sie, Majestäten, besuchen werden. Immer wieder haben Sie mit Besuchen in Flüchtlingsunterkünften und mit sozialem Engagement dazu beigetragen, dass in Not geratene Menschen Aufmerksamkeit und Zuwendung erfahren.

Unser Bekenntnis zur freiheitlichen Demokratie und zu sozialem Ausgleich, unser gemeinsames kulturelles Erbe und die Werte, die wir teilen – das sind die Grundpfeiler unserer Beziehungen. Darauf wollen wir uns auch in Zukunft stützen und die vor uns liegenden Aufgaben meistern.

Ich bitte Sie nun, das Glas zu erheben – auf Ihre Majestäten, König Carl Gustaf von Schweden und Königin Silvia, auf das schwedische Volk und die schwedisch-deutsche Zusammenarbeit und Freundschaft.