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Verleihung des Internationalen Preises des Westfälischen Friedens an den König des Haschemitischen Königreiches Jordanien, Abdullah II. Ibn Al-Hussein

Bundespräsident Joachim Gauck hält eine Laudatio für den König des Haschemitischen Königreiches Jordanien, Abdullah II. Ibn Al-Hussein, bei der Verleihung des Internationalen Preises des Westfälischen Friedens Münster, 8. Oktober 2016 Verleihung des Internationalen Preises des Westfälischen Friedens – Laudatio für den König des Haschemitischen Königreiches Jordanien, Abdullah II. Ibn Al-Hussein © Kai-Uwe Knoth

Bevor ich mich unserem Preisträger widme, bitte ich ihn, seine verehrte Gattin und uns alle einen Moment inne zu halten und uns vorzustellen, dass wir einen Friedenspreis verleihen, während Krieg geführt wird. Wir haben von Münster gehört, und dass diese Stadt nach dem Zweiten Weltkrieg ähnlich ausgesehen hat wie Hamburg, Dresden oder Köln. In diesem Moment denken wir an Aleppo, wo gerade jetzt Menschen sterben – genauso wie hier in vergangenen Jahrhunderten und in naher Vergangenheit. Wir machen uns das klar und verleihen trotzdem Preise, die Menschen ermutigen sollen, für Frieden zu kämpfen bei fortwährendem Kriegsgeschrei, bei fortgesetztem Töten, bei fortgesetztem Unverstand und bei fortgesetzter Neigung einiger, die Macht über das Recht zu stellen.

Wir feiern diesen Tag also mit einer Mischung aus Betroffenheit und großer Freude darüber, dass es immer wieder Menschen gibt, die sich nicht entmutigen lassen. Deshalb kommen wir jetzt zu Ihnen, Majestät.

"Zivilisation beruht auf gegenseitigem Respekt. Menschen siedeln dort, wo Völker einander achten, wo sie eine Zukunft haben." Sie werden sich erinnern, Majestät. Dies sind Worte, die Sie im März vergangenen Jahres an das Europäische Parlament richteten. Zwei Sätze, die Größe und Tragik des Nahen Ostens umreißen.

König Abdullah II. von Jordanien, den wir heute mit dem Preis des Westfälischen Friedens auszeichnen, ist das Oberhaupt eines jungen Staates mit einer langen, einer sehr langen Geschichte. Jordanien ist nicht nur atemberaubend schön, es ist ein Ort frühester menschlicher Kultur und Zivilisation, ein kleines Land, knapp an Ressourcen, aber reich an Zeugnissen unterschiedlicher Völker und Religionen. Und es liegt mitten in einer Region von großer kultureller Vielfalt.

Doch schon indem wir uns die geographische Lage vor Augen führen, erkennen wir: Jordanien ist zugleich betroffen von den drängendsten Problemen unserer Tage, von Krieg, Terror und Vertreibung. In einer Region, wo sich die ersten Hochkulturen bildeten, die ersten Städte und Staaten, wo der Welthandel seinen Ausgang nahm und die ersten schriftlichen Zeugnisse unserer Zivilisation entstanden, eben dort ist unsere Zivilisation heute in besonderem Maße von Barbarei bedroht.

Die verheerenden Folgen des Krieges in Syrien und im Nordirak sind im gesamten Nahen Osten spürbar. Doch für Jordanien sind die Folgen dieser Kriege zu einer existenziellen Herausforderung geworden. Wir können uns das in Deutschland nicht vorstellen. Die Klagen, die hier geführt werden, sind im Vergleich mit dem, was wir in Jordanien sehen, nur schwer verständlich.

Fast fünf Millionen syrischer Flüchtlinge zählte das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen Ende vergangenen Jahres. 656.000 von ihnen leben allein in Jordanien, viele in den zu Städten angeschwollenen Flüchtlingslagern entlang der Grenze zu Syrien. Noch mehr aber haben Aufnahme in den Dörfern, den Gemeinden und Großstädten des Landes gefunden. Dort sieht es nicht überall so aus, wie hier in Münster. Die Versorgung dieser Menschen verschlingt einen guten Teil des Staatshaushalts.

Majestät, ich wünschte mir, mehr Menschen in Deutschland und Europa könnten mit diesen dürren Zahlen Eindrücke verbinden, wie Daniela Schadt und ich sie bei unserem Besuch im Flüchtlingslager in Azraq in Jordanien im vergangenen Jahr gewinnen konnten. Die Bilder aus Jordanien sind mir unvergesslich. Wer so etwas einmal gesehen hat, dem erschließt sich erst die Dimension dessen, was Ihre Landsleute und Sie, Majestät, für diese Flüchtlinge tun. Da könnten wir schon einmal unser Haupt voller Respekt verneigen.

In den Gemeinden ist man zusammengerückt. Die schulpflichtigen Kinder werden in zwei Schichten – am Vormittag und am Nachmittag – unterrichtet. Jordanien hat sich verpflichtet, dafür zu sorgen, dass – beginnend mit diesem Schuljahr – jedes syrische Flüchtlingskind zur Schule gehen kann. Das bedeutet: mehr als 230.000 zusätzliche Schüler in nur zwei Jahren. Das sind fast so viele Schüler, wie Jordanien heute hat. Wer hier im Saal kann sich vorstellen, was das bedeutet, wenn sich die Anzahl der Schüler zum Beispiel in Deutschlands Schulen derart rasend erhöhen würde? Ich glaube, es sind sehr wenige, die sich das vorstellen können. Ich kann es nicht.

Jordanien ist in dieser und in früheren Krisen bis an die Grenze seiner Kapazitäten gegangen, um zu helfen. Es hat anderen sein Land geöffnet und sich in einer Weise großzügig gezeigt, die beispielhaft ist.

Dafür, Majestät, möchte ich Ihnen heute von Herzen danken. Sie und Ihre Landsleute setzen damit Maßstäbe für Humanität und Mitmenschlichkeit.

Viele der syrischen Flüchtlinge wollen nahe der Heimat bleiben, wenn es denn irgend möglich ist. Bei aller Hilfsbereitschaft wird Jordanien diese Folge des Krieges für das eigene Land nicht allein bewältigen können. Auch der Helfende wird Hilfe benötigen, darüber herrscht Einigkeit in der internationalen Gemeinschaft. Hilfe nicht nur, um die drängendsten Probleme zu bewältigen, sondern auch um die langfristigen Herausforderungen zu meistern.

Vertreibung und Terror sind zu einer Geißel für uns alle geworden. Doch zuallererst ist die Auseinandersetzung mit dem radikalen Islamismus ein Konflikt, der innerhalb der islamisch geprägten Staaten ausgetragen wird. Diese Nationen müssen nicht allein ihre Staatlichkeit verteidigen, sondern auch den Glauben ihrer Bevölkerungsmehrheiten. So haben Sie, Majestät, es dem Europäischen Parlament erklärt.

Immer wieder nehmen Sie persönlich und öffentlich Stellung gegen Gewalt, gegen Radikalisierung, etwa als Sie sich gegen jene Terroristen wandten, die im vergangenen Jahr Mitarbeiter der Satirezeitschrift Charlie Hebdo und eines jüdischen Supermarktes ermordeten. Sie eilten sofort nach Paris, um ein Zeichen zu setzen wider den Nihilismus der Täter.

Ihr Wort hat Gewicht, Majestät. Nicht nur in Europa und den Vereinigten Staaten. Es findet Gehör bei den Muslimen in aller Welt. Sie haben diese, Ihre Autorität vielfach genutzt, um zu vermitteln, vor allem im Nahostkonflikt. Jordanien hat sich unter Ihrem Vater, König Hussein, und unter Ihrer Führung, Majestät, für das Existenzrecht Israels und für eine Zwei-Staaten-Lösung eingesetzt, und das auch in schwierigen Zeiten. Ihr Einsatz verdient unseren besonderen Respekt.

Wir ehren mit König Abdullah II. einen Monarchen und einen Berufsoffizier mit dem Westfälischen Friedenspreis. Das ist nun wirklich ein Novum. Mancher mag da vielleicht sogar Fragen stellen. Wer sich indes erinnert, was der Westfälische Friede ist und wer ihn geschlossen hat, der wird erkennen, dass der heutige Preisträger würdiger kaum sein könnte. Denn wir ehren einen Staatsmann, der seinem Land mit großem Geschick den Frieden auch unter widrigsten Bedingungen erhalten hat. Die Region, ja, die Weltgemeinschaft hat Jordanien, Sie hat Ihnen, Majestät, viel zu danken.

Zu den Mitteln eines aufgeklärten Monarchen zählen im Inneren auch Schritte zu mehr Partizipation der Bürger. Ein Land in die Moderne zu führen, ist eine Generationenaufgabe. Eine Gesellschaft braucht Zeit, sich aus alten Mustern heraus zu lösen. Umsichtige Reformen sind ein langwieriger Prozess. Immer neue Schritte sind notwendig. Wo immer wir Ihren, den jordanischen Reformprozess unterstützen können, Majestät, wollen wir es gerne tun.

In Ihrem Land leben Muslime und Christen Seite an Seite, und zwar auch, weil Sie selbst, Majestät, ein friedliches Zusammenleben als Gebot des Islam betrachten. Sie haben immer wieder darauf hingewiesen, was Muslimen von frühster Kindheit an beigebracht wird: Respekt und Fürsorge für den Nächsten zu zeigen. Und Sie zitieren dabei die Worte des Propheten Mohammed: "Niemand unter Euch hat den rechten Glauben, wenn er nicht seinem Nachbarn wünscht, was er für sich selbst wünscht". Wir kennen es aus unserer Heiligen Schrift der Christen und der Juden. Dies ist die Grundlage für unsere Zivilisation, es ist das Gebot der Nächstenliebe, wie es Judentum, Christentum und Islam miteinander teilen.

Religionsfrieden, Toleranz und Föderalismus waren die Kernelemente des Westfälischen Friedensschlusses vor mehr als 300 Jahren. Der Nahe Osten brauche heute einen Westfälischen Frieden, erklärte vor wenigen Wochen unser Außenminister Frank-Walter Steinmeier.

Wenn wir darunter die Schaffung staatlicher und zwischenstaatlicher Voraussetzungen für religiöse Toleranz und Koexistenz verstehen, sollten wir alles in unserer Macht stehende tun, solch einen Friedensschluss zu fördern. Was dazu nötig ist, haben Sie uns erklärt, Majestät: Wir alle werden einen Kampf um die Herzen und den Verstand der Menschen führen müssen. Und ich zitiere: "Dieser Kampf ist keiner zwischen Völkern, Gesellschaften oder Religionen, sondern einer zwischen den Gemäßigten, den Moderaten aller Glaubensrichtungen gegen Extremisten in allen Religionen". Für diesen Kampf braucht der Nahe Osten Menschen wie Sie, Majestät, den heutigen Preisträger, König Abdullah II. von Jordanien.

Herzlichen Dank und herzlichen Glückwunsch!