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Zukunftsforum für Jugendliche "#DE2036 – Wie soll es aussehen, dieses Land? Deutschland in 20 Jahren"

Bundespräsident Joachim Gauck hält eine Rede beim Zukunftsforum für Jugendliche '#DE2036 – Wie soll es aussehen, dieses Land? Deutschland in 20 Jahren' im Großen Saal von Schloss Bellevue Schloss Bellevue, 13. Oktober 2016 Zukunftsforum für Jugendliche "#DE2036 – Wie soll es aussehen, dieses Land? Deutschland in 20 Jahren" – Begrüßung der Jugendlichen im Großen Saal © Marvin Ibo Güngör

Heute ist ein besonderer Tag für mich, denn ich wollte gegen Ende meiner Amtszeit doch noch einmal einen Satz, den ich ganz zu Anfang, als ich meinen Dienst antrat, öffentlich gesagt habe, ein bisschen nachklingen lassen: Wie soll es denn nun aussehen, unser Land? Das wollte ich nicht meine Altersgenossen fragen, da weiß ich schon, was die dann sagen. Ich wollte es Menschen fragen, die da sein werden, wenn meine Altersgruppe nicht mehr da ist. Das ist der Hintergrund für die Veranstaltung, die wir heute hier erleben. Sie, liebe junge Gäste, wissen das schon. Und Sie, meine Damen und Herren, werden ähnlich wie ich gespannt sein, wie die Ergebnisse dieses Treffens hier im Schloss Bellevue schließlich aussehen.

Ich begrüße jetzt mal eine Person ganz besonders – sie weiß das noch nicht, dass ich das tun werde, aber ich tue es einfach mal: Liebe Frau Hamm-Brücher, Sie sind unter uns. Meine Damen und Herren, im jugendlichen Alter zwischen fünfzehn und fünfundzwanzig, Frau Hamm-Brücher war vielleicht die erste weibliche Politikerin, die nach dem Krieg in Deutschland einen Schatten geschmissen hat: Als junge Staatsrätin in München, seinerzeit für die Freien Demokraten, hat sie so etwas wie Politikgeschichte geschrieben. Ich glaube, sie ist jetzt Mitte neunzig und kommt hier nach Berlin gereist, um sich anzuschauen, wie das, was sie sich einmal gewünscht hat für unser Land, wie Sie – liebe junge Gäste – das weitertragen, und wie wir anderen das so machen mit unserer demokratischen Gesellschaft.

Also, meine sehr verehrten Damen und Herren jugendlichen Alters, heute geht es um Sie, um Ihren Blick auf Deutschland, um Ihre Hoffnungen, um Ihre Erwartungen an die Zukunft. Dieses Forum ist ausdrücklich Ihnen gewidmet. Es gab viele Foren hier in den vergangenen Jahren, es wird bestimmt auch künftig welche geben, bei einem anderen Bundespräsidenten oder einer Bundespräsidentin. Aber dieses Forum heute ist ausdrücklich Ihnen und Ihren Erwartungen gewidmet. Ich spreche gerne mit Menschen in dieser Altersgruppe zwischen fünfzehn und fünfundzwanzig, denn ich erinnere mich an meine Verfasstheit in diesem Alter und an meine Wünsche ans Leben und die Intensität meiner eigenen Suche: Was wird der richtige Weg sein fürs Leben? Mit dieser Intensität besitzen Sie eine Kraft und ein Kapital, um das viele ältere Menschen Sie beneiden, bewahren Sie sich das.

Wie soll es nun aussehen unser Land, in zwanzig Jahren, 2036? Wie könnte es aussehen? Wie steht es dann um unsere Demokratie, mit der Teilhabe und mit dem Engagement in der Gesellschaft? Wie gut ist die Bildung dann, zu der junge Menschen Zugang haben werden? Welche Rolle spielt Deutschland in Europa und in der Welt? Wie geht die Gesellschaft mit den Herausforderungen um, die uns jetzt so bewegen, etwa Flucht und Migration? Oder: Was wird in künftigen Zeiten der Begriff soziale Gerechtigkeit bedeuten – wie ist der Inhalt zeitgemäß zu gestalten?

Diese Fragen haben Sie, die jungen Teilnehmerinnen und Teilnehmer, sich selbst gestellt, und heute ist die Situation, in der ich zurückfrage: Was ist herausgekommen bei Ihren Gesprächen?

Diejenigen, die sich beteiligt haben, haben sich schon kennengelernt, bevor sie sich hier als Person in die Augen geschaut haben. Sie haben das im Netz getan, sie waren auf der Website "#DE2036" unterwegs und sind auf dieser Ebene in die Diskussion hineingekommen. Und hier jetzt im Schloss Bellevue, gestern und heute, erleben wir praktisch das Finale dieser Debatte, die schon im September begonnen hat. Mehr als einhundert Schülerinnen und Schüler, Auszubildende und Studierende haben sich in fünf Gruppen ein Thema vorgenommen, wie gesagt: zunächst online. In einer Überschrift wie "Demokratie" waren natürlich viele, viele weitere Themen verborgen. Und dann musste die Auswahl eine Schärfung von Inhalten bringen. Das war natürlich eine anspruchsvolle Aufgabe. Die Ergebnisse werden wir gleich hören.

Meine jugendlichen Damen und Herren, bitte halten Sie sich dabei nicht zurück. Dies ist ein Ambiente, das Sie zu Hause wohl nicht jederzeit haben, und ich weiß, wie es in einigen Schulen aussieht. Aber Sie sollen sich nicht allzu schlossmäßig hier verhalten, sondern am liebsten so, wie Sie sich selber kennen, wenn Sie zu Hause sind und in Ihrem eigenen Umfeld. Also: keine übertriebene Haltung, als würde hier eine Majestät wohnen. Hier wohnt ein Bürger, und so möchte ich Ihnen auch begegnen.

Wenn ich Sie so auffordere, frei zu sprechen, dann werden Sie auch manchmal etwas formulieren, von dem Ältere Ihnen sagen: "Mensch, das ist doch eine Utopie." Ich bin im Stande, Utopien anzuhören, meine Seele braucht sie auch. Als pragmatischer Politiker habe ich eine besondere Beziehung dazu. Aber das entwickelt sich im Laufe eines Lebens: dieses Verhältnis von dem, was machbar ist, zu dem, was wir träumen. Aber das alles werden wir merken, spätestens bei den Themen in der Diskussion, die Ihnen wichtig sind. Ich wünsche mir, dass in Ihrem Leben etwas erhalten bleibt, eine Fähigkeit, die darin besteht, dass wir unsere Fähigkeit zu träumen nicht völlig verlieren und uns gleichzeitig daran gewöhnen, dass es besser geht, wenn wir realistisch und mit Argumenten auftreten und der Realität ihre Würde und ihren Ernst einräumen.

Vertreter der älteren Generation neigen bekanntlich dazu, die Jugend besonders kritisch zu betrachten. Ich muss heute unbedingt ein Zitat unterbringen, weil ich keine andere Gelegenheit mehr habe, es im Laufe meiner Präsidentschaft zu tun. Ein Zitat, das viele Ältere schon benutzt haben. Es geht so: "Die Jugend liebt heutzutage den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt vor den älteren Leuten und schwatzt, wo sie arbeiten sollte. Die jungen Leute stehen nicht mehr auf, wenn Ältere das Zimmer betreten." – Heute war eine Ausnahme. – "Sie widersprechen ihren Eltern, schwadronieren in der Gesellschaft, verschlingen bei Tisch die Süßspeisen, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer." So sah es Sokrates, der griechische Philosoph, 400 vor Christus. Trotz seines Ausspruchs scheint es danach immerhin noch ein paar Generationen gegeben zu haben, die ganz ordentlich gearbeitet haben und die die Welt leidlich vorangebracht haben. Die Welt der Anständigen ging offenbar trotz aller Kriege und Katastrophen, die über die Länder kamen, sie ging überraschenderweise nicht zugrunde. Wohin also mit dem Kulturpessimismus? Am besten: beiseite damit. Pessimismus verbraucht so viel Energie und schenkt selten neue Einsichten.

Allerdings muss ich zugeben: Optimistisch zu sein, ist nicht ganz einfach in einer Zeit, in der wir täglich beunruhigende Nachrichten hören müssen. Extremisten versuchen, uns und unsere Nachbarn in Angst und Verzweiflung zu stürzen. Die Europäische Union, die wir so sehr schätzen, befindet sich im Krisenmodus. Das Vertrauen in Demokratie und internationale Zusammenarbeit ist gesunken, die Erwartung an die scheinbar größere Lösungskompetenz von Nationalstaaten ist dagegen gestiegen. Und viel erschreckender noch: Zurzeit sterben weltweit jeden Tag unzählige Menschen an den Folgen von Krieg und Unterdrückung. Wer heute in Deutschland siebzehn, zwanzig oder dreiundzwanzig Jahre alt ist, der hat es zwar vergleichsweise gut – in Kenntnis der Welt sage ich einmal noch deutlicher: sehr gut –, aber er ist doch von den Problemen der Menschheit nur ein paar Kilometer oder auch nur einen Mausklick entfernt. Und die Probleme dieser Menschheit, das haben wir erlebt, machen nicht einfach vor den Staatsgrenzen halt.

Das darf allerdings keineswegs ein Grund sein, sich in ein Schneckenhaus zurückzuziehen. Eine der großen Aufgaben für Sie – die junge Generation – wird es sein, das eigene Leben, das eigene Umfeld aktiv zu gestalten und diesen neuen Herausforderungen mutig zu begegnen. Dabei werden Sie dem Zögern und Zagen, dem Beharren und Festhalten von vielen Älteren etwas entgegenzusetzen haben. Sie müssen etwas wollen und es dann tun. Um nicht missverstanden zu werden: Gesellschaften brauchen sehr wohl die Erfahrung und Urteilskraft, im besten Fall auch so etwas wie die Weisheit der Älteren. Aber das ist nicht alles. Jede Gesellschaft braucht neben dieser grundlegenden Beständigkeit und Verlässlichkeit, neben dem Lebensgefühl der Älteren und ihrer Orientierung am Status Quo und der Betonung von Risiken und Gefahren eben auch jugendliche Frische, den Mut und die Energie, Neues zu wagen. Beides gehört zueinander, es muss ausbalanciert werden: diese Erfahrungswelt der Älteren und die energiegeladene Suche nach neuen Zielen, neuen Inhalten der jungen Generation. Unsere Gesellschaft braucht also Menschen, die Ideen haben und daraus etwas machen; die etwas wagen, damit sie etwas gewinnen; die alte Fragestellungen neu durchdenken; die sich einbringen und nicht verzweifeln im Angesicht ungelöster Fragen.

Es gibt manchmal so etwas wie eine Neigung in der Kulturszene: Wir spüren das, wenn die Künstler Themen auf die Bühne bringen – dann sind die Brüche, die Verzweiflungen und auch die Fluchtstrategien oftmals Inhalt großer künstlerischer Bemühungen. Aber ich spreche von einem Gestus, der anders ist, der nicht die Strategien derer ausmalt, die besonders intelligent und kulturell vorteilhaft verzweifeln können, sondern ich spreche über Energien, die einem Land Zukunft verschaffen. Und da sind Sie meine Adressaten, die ich in besonderer Weise brauche, um den Geist der Zuversicht in diesem Land dauerhaft zu beheimaten. Kurzum, was wir brauchen, sind Menschen, die durch ihr Tun beweisen: Unser Land ist stark. Unsere demokratische Gesellschaft, sie hat Zukunft.

Wer heute jung ist, kann sich zumeist über gute Startbedingungen freuen. Die Wirtschaft wächst seit Jahren und eilt von einem Beschäftigungsrekord zum Nächsten. Die Kohorte der Berufseinsteiger muss sich heute kaum irgendwo so drängeln wie einst die Generation der Babyboomer – nicht auf dem Arbeitsmarkt und auch nicht auf dem Schulhof. Vor zwanzig Jahren noch suchten Schulabsolventen händeringend nach einem Ausbildungsplatz, weil einfach nicht genügend Plätze für alle Bewerber da waren. Heute ist es umgekehrt. Unternehmen suchen händeringend nach jungen Leuten.

Das sind die Rahmenbedingungen. Sie gelten bei uns im Großen und Ganzen, aber – und das gilt es zu berücksichtigen – nie ganz pauschal für alle und jeden Einzelnen, nicht in jedem Berufszweig und schon gar nicht an jedem Ort Deutschlands. Und lernen und sich anstrengen, um gute Zeugnisse zu erhalten – das muss ja nun weiterhin jede und jeder selbst.

Ich gönne Ihnen also die insgesamt positiven Bedingungen von Herzen. Und der Grund für vergleichsweise gute Startchancen liegt ja nicht allein in der guten Wirtschaftslage begründet. Es gibt ganz einfach wenige – manche sagen: zu wenige – junge Menschen. Und gleichzeitig können wir alle uns über eine gestiegene Lebenserwartung freuen. Das Letztere finde ich nicht wirklich schlecht. Aber nun entsteht folgendes Phänomen: Wenn wir das einmal bildlich darstellen, wird aus der Alterspyramide, wie wir es früher immer gesagt haben, ein Alterspilz, ein Pilz mit einem mächtigem Schirm: Eine große Zahl von Menschen, die sechzig, siebzig, achtzig Jahre oder älter sind, wird von einem schmalen Stamm, einer vergleichsweise kleinen Gruppe jüngerer Leute getragen.

Sie mögen also recht gut hineinkommen in unsere Arbeitswelt und unsere Gesellschaft. Aber kommen Sie auch gut nach oben? Können Sie aufsteigen? Können Sie sich durchsetzen? Wo Sie hinwollen, da sitzen ja zumeist schon viele Ältere. Deren Lebensgefühl, deren Ansichten, deren Entscheidungen, sie dominieren dann das Geschehen und das wahrscheinlich auf eine längere Zeit. Das gilt für das Wirtschaftsleben, in dem es doch gerade die Jüngeren sind, die mit neuen Ideen Innovationen und Modernisierung vorantreiben können. Aber das gilt auch für die Politik, in der das Mehrheitsprinzip so wichtig ist.

Manchmal staune ich ja, wie ruhig die jüngeren Leute alle sind: die Zwanzigjährigen, wie sie die aktuellen Debatten um Rentensystem, Gesundheits- und Pflegekosten so einfach an sich vorbeiziehen lassen. Im Jahr 2036 – und das ist ja das Referenzjahr für unsere heutige Diskussion – im Jahr 2036 werden Sie spätestens spüren, was Konzepte wie der Generationenvertrag oder das Umlagesystem für Sie persönlich bedeuten können. Dann werden viele von Ihnen eigene Kinder haben und vielleicht auch pflegebedürftige Eltern. Sie werden sich wünschen, dass beides funktioniert: gute Bildung von klein auf und gute Betreuung in der letzten Lebensphase.

Und dann kommt die Frage: Wer finanziert das jetzt? In den Programmen der Parteien gibt es dazu sehr unterschiedliche Vorschläge. Ich rate Ihnen: Lesen Sie gründlich, und ich rate Ihnen auch, bringen Sie sich in diese Debatten ein, bringen Sie sich stärker ein, um Ihre berechtigten Interessen gegenüber der Mehrheit der Älteren zu benennen und dann auch durchzusetzen.

Die Politik hat hier eine besonders schwierige Aufgabe. Das sehe ich, denn ich bin Realist: Sie muss die Interessen der Jüngeren vertreten und die Generationengerechtigkeit im Auge behalten, obwohl dann vor allem die älteren Jahrgänge den Wahlausgang bestimmen und die Wahlsiege bestimmen. Als Optimist möchte ich daran glauben, dass der Politik das Kunststück gelingt, trotzdem alle Generationen für eine Politik zu gewinnen, die langfristig und auf Ausgleich der Interessen angelegt ist.

Auch die Jüngeren haben in diesem Prozess eine wichtige Rolle. Denn wer sich in der Demokratie Gehör verschaffen will, der muss sich engagieren, muss werben, muss andere überzeugen, muss manchmal Widerstände überwinden und – ja – er muss auch kämpfen, er oder sie. Mir ist es wichtig, dass wir die Power der jungen Frauen einbeziehen. Ich sage das als älterer Mann. Als wir 1989 in der DDR anfingen, einen Umbruch zu organisieren, der in eine Friedliche Revolution mündete, waren es in den meisten Fällen Frauen, die besonders mutig und besonders aktiv waren – in einer Zeit, in der Mut teuer war und Angst die allgemeine Kultur bestimmte. So viel zu den Potenzialen, die wir noch immer nicht gehoben haben in unserer Gesellschaft. Wenn ich über Mut spreche, dann meine ich nicht irgendeine Form von Aggressivität, sondern ich wünsche mir den Mut sich des Verstandes zu bedienen – ein alter aufklärerischer Ansatz –, den Mut zu überzeugenden Argumenten. Immer wieder müssen wir uns sagen: Wir müssen es einüben. Die Demokratie lebt vom Mitmachen, von der Beteiligung. Das war schon immer mühsam, das wird es auch bleiben. Aber wir wissen, dass die Regierungsform der Vielen so gewachsen ist, unsere Demokratie. Und dieses Mitmachen der Vielen, das erzeugt die Würde. Wir könnten es poetisch sagen: die Schönheit der Demokratie. Und der wollen wir doch verpflichtet bleiben. Sie bleibt ganz einfach die beste Staatsform, obwohl jeder von uns eine gewisse Anzahl von Mängeln benennen kann, die uns früher begleitet haben, die uns jetzt begleiten, und die uns auch in Zukunft begleiten werden. Aber trotzdem sagen wir in dieser starken Weise Ja zu unserer Demokratie.

Dieses Ja, das haben Sie schon in der Schule gelernt. Aber es darf eben nicht nur Schulwissen bleiben, nicht nur Theorie. Die Bürgergesellschaft, die Bürgerinnen und Bürger, sie müssen sich in jeder Generation neu definieren. Sie müssen wieder wachsen. Man kann einmal Errungenes auch verlieren. Und darum ist es so wichtig, dass wir bei den inspirierenden Figuren der Vergangenheit, dass wir dort anknüpfen und sagen: Genau dies oder das uns Angemessene, was ihre Haltung damals eingebracht hat, das wollen wir heute einbringen. Wir wünschen uns, dass aus diesem Geist heraus Firmen, Institutionen, Vereine, Initiativen, die es schon gibt und die von Älteren gegründet wurden, Anschluss finden an die jüngere Generation. Sie können das fortzuführen, sie können es modifizieren. Aber wir warten auf Sie, die jungen Leute, weil Sie Ihr Leben, unser Land und die Welt gestalten müssen, Sie, die Jüngeren, wenn wir Ältere unsere Aktivitäten eingestellt haben.

Zukunft ist nicht zuletzt das, wofür wir uns bewusst entscheiden. Es ist nicht Schicksal, sondern bewusste Entscheidung, sich für ein Studium etwa in einem anderen Land unserer Europäischen Union oder andernorts zu entscheiden. Es ist nicht Schicksal, sondern bewusste Entscheidung, etwa ein Jahr ins Ausland zu gehen, um dort zu helfen, wo es not tut, sei es in einem Kinderheim in Afrika oder an anderen problematischen Orten. Es ist nicht Schicksal, sondern bewusste Entscheidung, ein Start-up zu gründen und neue Lösungen für Herausforderungen zu finden. Die Zahl der Möglichkeiten ist enorm, und sie ist in den vergangenen Jahren sogar stark gewachsen. Als Bundespräsident wünsche ich mir, dass auch wirklich alle jungen Menschen solche Chancen erhalten – und wahrnehmen können. Wie das zu schaffen ist, das haben wir aber noch nicht völlig gelöst, und darüber müssen und werden wir sprechen.

Wenn ich mich umschaue, hier im Saal und überall dort, wo ich als Bundespräsident auftrete, dann ist mir nicht bange, dass die junge Generation dieses und andere wichtige Themen angehen wird. Ich sehe eine Jugend vor mir, die Ideen und Energie hat, die anpacken will, die ihre Chance in dieser und für diese Gesellschaft sucht und einfordert. Meinen Altersgenossen kann ich guten Gewissens zurufen: Habt keine Sorge! Die, die uns in unserem Land nachfolgen werden, sind in ihrer überwältigenden Mehrheit demokratisch, sie sind europäisch, ja geradezu weltbürgerlich gesinnt. Gerade wenn uns berechtigte Sorgen umtreiben wegen der Existenz aggressiver und politisch destruktiver Milieus, ist dies eine Feststellung, die uns mit Hoffnung und Optimismus erfüllt. Und wenn Sie betonen, meine Damen und Herren, dass Sie Weltbürger sind, während andere meinen, in ihrer dumpfen Liebe zu irgendeiner beschriebenen kleinen Identität könnten sie besser leben, dann haben Sie – die Weltbürger – den Bundespräsidenten auf Ihrer Seite. Ich bin mit Ihnen ein Bürger, der sich mit dieser Welt und für diese Welt versteht, der sich für die Probleme dieser Welt als zuständig erklärt, nicht nur für das, was vor unserer eigenen Haustür passiert.

Mir ist besonders wichtig das zu sagen, weil nicht alle Sie dafür loben, dass Sie Weltbürger sein wollen und dass Sie große Probleme der Welt angehen wollen, weil Sie einfach nicht ertragen können, dass der Zustand der Welt so bleiben soll, wie er nun einmal ist. Bleiben Sie Ermutigte.

Sie merken aus meinen Worten: Ich gehöre nun gar nicht zu der Klasse der Apokalyptiker, die das baldige Ende prophezeien und dann in Untergangsphantasien schwelgen wollen. Ich bin weit entfernt von jenen, die fürchten, morgen ginge unsere Zivilisation unter. Unsere Erfahrung spricht übrigens dagegen, nicht nur unsere Wünsche. Unsere Erfahrung spricht dagegen – seit Sokrates.

Lassen Sie uns also nun dem Morgen zuwenden, dem Jahr 2036, um genau zu sein. Lassen Sie uns darüber sprechen, wie wir uns das Land vorstellen, das wir uns wünschen.

Bevor wir beginnen, habe ich noch eine Dankesschuld abzutragen. Liebe Teilnehmerinnen und Teilnehmer, ich danke Ihnen für Ihre Aktivität. Sie haben diesem Forum in den Wochen der Vorbereitung viel Zeit und viele Ideen gewidmet, und das ist wunderbar. Aber ich danke natürlich auch unseren Partnern, ohne die eine solche Veranstaltung nicht möglich wäre: der ZEIT-Stiftung und der Deutschen Telekom Stiftung, aber auch den anderen Stiftungen und Verbänden und Unterstützern, die an diesem Projekt mitgewirkt haben. Nicht zuletzt Michel Abdollahi, der wird gleich unser Gespräch moderieren, und Ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und all denen, die bei Jöran und Konsorten eine intensive Arbeitsphase mitgestaltet und moderiert haben. Nicht zuletzt all den Fachleuten und Coaches, die uns geholfen haben, das zu tun, was wir gerade tun.

Und jetzt: Bühne frei!