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Festakt "500 Jahre Reformation"

Bundespräsident Joachim Gauck hält eine Rede beim Festakt '500 Jahre Reformation' im Konzerthaus in Berlin Berlin, 31. Oktober 2016 Festakt "500 Jahre Reformation" – Rede im Konzerthaus © Marvin Ibo Güngör

Dass die Reformation und die Feier ihres Gedenkens mich ganz persönlich sehr bewegen, als evangelischen Christen und als Pastor, der ich einmal war – das dürfte niemanden überraschen. Aber ich spreche zu Ihnen heute als Bundespräsident und bringe damit zum Ausdruck, dass unser Gemeinwesen dieses ja zunächst kirchliche Ereignis außerordentlich wichtig nimmt. Wir vermischen hier nicht unzulässigerweise die kirchliche und die staatliche Sphäre, sondern der Staat erkennt an, dass auch er selber, in seiner Geschichte und Vorgeschichte, in vielfacher Weise von der Reformation und ihrer Wirkungsgeschichte geprägt ist. Die heutige Gestalt unseres Gemeinwesens ist ohne die christlichen Kirchen nicht denkbar. Und sie ist nicht denkbar ohne die Reformation.

Diese Feststellung kommt heute ohne antikatholische Töne aus. Die Brücken zwischen den Konfessionen werden immer tragfähiger, und längst gibt es an unzähligen Orten gelebte Gemeinsamkeit und selbstverständliche ökumenische Praxis. Die Zeiten, in denen sich Katholiken nicht als gleichwertig behandelt fühlen konnten – ich denke zum Beispiel an den Kulturkampf –, diese Zeiten sind zum Glück lange vorbei.

Bei keinem bisherigen Reformationsjubiläum gab es so viele Menschen in unserem Land, die einer anderen als der christlichen Religion angehören – oder gar keiner. Sie alle machen inzwischen einen selbstverständlichen Teil unseres Landes aus. Sie genießen die Freiheit des Glaubens und des Gewissens – und damit unveräußerliche Grundrechte, die es ohne die Initialzündung der Reformation schwerlich gäbe.

Das Christentum ist durch die drei Feuer der Reformation, der Aufklärung und der Religionskritik gegangen. Mit der Säkularisation und dem Ende der selbstverständlichen Volkskirche hat es dafür einen hohen Preis bezahlt. So ist es aber in der Moderne angekommen, jedenfalls zu seinen wesentlichen Teilen. Die Alternative zu kritisch reflektiertem Glauben kann leicht zu Fundamentalismus führen – und wieviel Hass und Gewalt durch ihn in die Welt kommt, das haben wir nicht nur in vergangenen Jahrhunderten gesehen, nein, wir erfahren das auch heute fast täglich.

Deswegen geht die Reformation alle an, sie hat bis heute die Geschichte und das Geschick vieler Länder Europas und weiter Teile der außereuropäischen Welt wesentlich mitbestimmt, ganz besonders aber unser Deutschland und unsere skandinavischen Nachbarn.

Es ist kein Zufall, dass die Reformation das erste geschichtliche Datum war, dessen man hier breitenwirksam und unter staatlicher Regie mit einem Jubiläum gedacht hat. Damit kam, als man 1617 die Hundertjahrfeier beging, jene Gedenkkultur in die Welt, die uns heute so selbstverständlich vorkommt. Und schon dieses erste Jubiläum zeigt, wie auch die folgenden übrigens, dass eine Erinnerungsfeier, ob willentlich oder nicht, immer auch Identitätspolitik ist.

So wie man 1617 einen protestantisch-triumphalistischen, antikatholischen Akzent setzte, so vereinnahmten 1717 Pietisten, Frühaufklärer und Orthodoxe das Erbe der Reformation jeweils für ihre Ausprägung des Glaubens. Nach den Kriegen gegen Napoleon wurde Luther 1817 zum Vorkämpfer nationaler Selbstbehauptung und 1917, mitten im Krieg, war die preußisch-nationalistische Emphase geradezu übermächtig. Alle Lutherbilder, so einseitig sie jeweils waren, konnten sich auf tatsächliche, wenn auch nicht immer zentrale Teile seines Wirkens berufen.

So konnten auch Antisemiten, zum Beispiel, die antijüdischen Polemiken Luthers für sich in Anspruch nehmen. Dieser Aspekt seines Wirkens, der gerade in den vergangenen Jahren ausführlich untersucht wurde, sollte weder überbewertet noch sollte er verschwiegen werden. Das bleibt – wiewohl zeittypisch – eine dunkle Seite seines Wirkens.

In der DDR-Geschichtspolitik schließlich konnte man den atemberaubenden Wechsel beobachten vom Negativbild Luthers als Fürstenknecht und Verräter der Bauern bis zum Versuch, die Reformation im Lutherjahr 1983 gleichsam als Beginn einer frühbürgerlichen Revolution und als Keimzelle des Sozialismus auf deutschem Boden für sich zu reklamieren.

Dieser nüchterne Blick zurück auf einen Teil der Wirkungsgeschichte lehrt uns also selbstkritische Vorsicht: Denn auch wir sind ja Kinder unserer Zeit – und unsere Nachkommen werden eines Tages unsere Bedingtheiten, unsere blinden Flecke wahrnehmen. Aber trotzdem müssen auch wir, wie die Generationen vor uns, danach fragen, was die Reformation für uns heute bedeutet.

Ihre tiefgreifende Wirkungsgeschichte betrifft praktisch alle Lebensbereiche bis in die persönlichste Lebensführung von Millionen von Menschen. Die Art, wie sie denken und fühlen, wie sie sprechen, was und wie sie glauben und wie sie ihrem Glauben Ausdruck verleihen: All das ist mitbestimmt durch das komplexe und facettenreiche Geschehen, das wir mit dem einen Wort "Reformation" beschreiben.

Der Beginn könnte unscheinbarer kaum sein: Ein noch junger Professor der Theologie formuliert einige pointierte Thesen. Mit diesen Thesen zum Ablasswesen stellte Martin Luther allerdings eine entscheidende Praxis seiner Kirche ganz grundsätzlich in Frage – eine Praxis, die von hoher religiöser, kultureller aber auch von ökonomischer und machtpolitischer Relevanz war und die für die Menschen in ihrem ganz persönlichen Glaubensleben eine wichtige Rolle spielte.

Er hatte so die Tür in eine neue Welt aufgestoßen. Allerdings: Weder Luther, noch Calvin, noch Zwingli noch ein anderer der Reformatoren in deutschen und europäischen Ländern konnte ahnen, welche grundstürzenden gesellschaftlichen und politischen Folgen ihr Kampf für eine Reform des Glaubens und der Kirche haben sollte. Denn es ging ihnen doch vor allem anderen um das Heil der Seele, um das richtige Verhältnis zu Gott, um Himmel oder Hölle.

Viele von uns heute verstehen gar nicht mehr, wie man sich darüber überhaupt Gedanken machen kann – und noch fremder sind den meisten wohl die Seelenqualen und die Gewissensängste, die die Menschen am Ausgang des Mittelalters so unaufhörlich beschäftigten – und einen von ihnen eben ganz besonders: Martin Luther.

"Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?""Wofür wird Gott mich bestrafen?""Was geschieht mit mir nach meinem Tode?" Diese sehr persönlichen religiösen Fragen angefochtener Seelen – und die neuen Antworten darauf – waren es, die politische, ja weltgeschichtliche Erschütterungen ausgelöst haben.

Dass die Gedanken der Reformatoren eine so unerhörte Sprengkraft entwickeln konnten, lag gewiss auch an günstigen Umständen wie etwa dem Buchdruck, der die neuen Ideen so schnell in alle Winkel verbreitete.

Andererseits aber lässt sich diese Sprengkraft nur erklären durch die leidenschaftliche Suche nach dem richtigen Glauben, nach dem Willen, auf rechte Art fromm zu sein, der die meisten Menschen in jener Zeit bewegte. Wenn sich nun an diesem innersten Beweggrund ihres Lebens entscheidendes änderte – dann konnten davon auch die übrigen Verhältnisse nicht unberührt bleiben.

Nehmen wir zum Beispiel den zentralen Begriff der Freiheit. Wenn Luther und mit ihm die anderen Reformatoren so sehr herausstellen, dass der Mensch nicht durch die sklavische Befolgung des ihm von außen auferlegten Gesetzes die Gnade Gottes gewinnt, sondern durch seine freiwillige Bindung an das Evangelium, dann kommt ein frischer Wind der Freiheit in diese Welt – hier kann man wirklich von einem wind of change sprechen. Man hört die Menschen förmlich aufatmen: Nicht eine kirchliche Obrigkeit oder deren Willkür bestimmt über meinen Glauben, sondern meine freiwillige Selbstbindung an das Wort Gottes.

Luther selber steht exemplarisch für den aus dieser Freiheit gewonnenen Freimut. Dieser Freimut verlässt ihn nun nicht mehr, auch nicht vor den höchsten Instanzen, dem Reichstag und dem Kaiser. Er verkörpert in Person die Freiheit eines Christenmenschen. Die ist freilich nie absolut und sie ist auch nicht anarchisch, wie sie manchmal in der politischen und kulturellen Moderne verstanden wurde. Für Luther gewinnt der Einzelne gerade in der Bindung an Gott, gerade im Vertrauen allein auf die Gnade, Mut und Freiheit, sein Leben zu gestalten – und so mitzuwirken an der Gestalt der Welt.

Daraus entsteht dann auch der Ruf nach politischer Freiheit. Schon bald haben sich die aufständischen Bauern in Südwestdeutschland auf die neuen Ideen bezogen: Da dem Menschen Freiheit und Würde vom Schöpfer selbst gegeben seien, dürften sie ihm von niemandem genommen werden. Also verlangten sie konsequenterweise die Abschaffung der Leibeigenschaft.

Auch die Bauern begründeten ihre Anliegen mit der Heiligen Schrift. Und sie ließen sich, wie Luther, nur mit Argumenten aus der Bibel widerlegen. So direkt politisch aber hatte Luther seine Botschaft nicht verstehen wollen – er befürchtete einfach Anarchie. Und so bekämpfte er dann die Aufständischen mit – auch buchstäblich – vernichtender Polemik. Dennoch gehört gerade die reformatorische Entdeckung der biblisch begründeten Freiheit des Einzelnen zur langen und oft blutigen europäischen Freiheitsgeschichte. Sie blieb ein dynamischer Antrieb, endlich auch ein Gemeinwesen zu schaffen, in dem die politische Freiheit staatlich garantiert und in dem jedermann als eigenes Rechtssubjekt anerkannt ist.

Auch für die Geschichte der Emanzipation war es auf lange Sicht außerordentlich wirksam, dass der Mensch nun direkt, ohne Vermittlung, vor Gott stand. Priester und Kirche sollten nicht mehr zwischen dem Einzelnen und seinem Gott stehen, gleichsam als Vormund. Diese Ermächtigung betraf Frauen und Männer gleichermaßen und machte aus betreuten Laien mündige und selbständige Gläubige. Auch das wirkte sich auf das bürgerschaftliche und das staatliche Leben aus. Das Verlangen nach demokratischer Teilhabe hat eine seiner Wurzeln im reformatorischen Mündigwerden. Es ist ein kostbares Erbe.

Wer im Glauben mündig wird, der wird sich dessen bewusst, dass er in seinen Lebensentscheidungen unvertretbar allein und für sich selber verantwortlich ist. "Hier stehe ich, ich kann nicht anders" – diese überlieferten Worte haben wir alle im Gedächtnis. Sie bedeuten: Auch vor den höchsten Instanzen gilt die individuelle Selbstverantwortung. Das bedeutet nun keinen schrankenlosen Individualismus, der seinen Willen und seine Wünsche auf Kosten aller anderen durchsetzt, sondern gewissenhafte Selbstbindung.

Denn wie die Freiheit an das Wort der Schrift gebunden ist, so ist es das Individuum an sein Gewissen. Ob die Stimme des Gewissens die Stimme Gottes ist, das ist eine Frage der persönlichen Glaubensüberzeugung. Aber auch ohne diese Überzeugung gehört es zu den großen menschlichen Schätzen, die von der Reformation nicht erfunden, aber neu zum Leuchten gebracht worden sind, dass nämlich der Einzelne im Letzten nur seinem Gewissen verantwortlich ist. Diese Bindung ans Gewissen macht frei – frei zu einem selbständigen, verantwortlichen, gewissenhaften Leben.

Wenn die Freiheit an das Evangelium gebunden ist, liegt eine Konsequenz auf der Hand: Die Bibel soll allen Christen, möglichst jedem einzelnen, zugänglich sein. Überall in Europa entstehen damals Bibelübersetzungen in die Volkssprachen. Manche europäischen Nationalsprachen sehen ihr Urdokument in einer Bibelübersetzung aus der Reformationszeit. Martin Luthers Übersetzung bestimmt unser Deutsch bis heute. Und bis heute ist dieses Deutsch bis in die Umgangssprache hinein geprägt von Wörtern, Redewendungen und Metaphern, die er erfunden hat – ein genialer, schöpferischer Künstler, der es trotz all seiner Gelehrsamkeit vermocht hat, und zwar lebenslang, "dem Volk aufs Maul zu schauen".

Aber über die Heilige Schrift hinaus ist das Wort auch das Wort der Predigt und der Lehre, das Wort der Wissenschaft und der Publizistik. Seit der Reformationszeit beginnen die Menschen in Europa ja auch, in einer Medienlandschaft zu leben, in einer bis dato unerhörten Fülle an Druckschriften. Nicht nur im Gottesdienst – auch im alltäglichen Leben bekommen Wort und Schrift überragende Bedeutung.

Europäische Kultur wird eine Kultur des Buches, des Wortes, der Schrift. Jedermann soll daran teilhaben können. Sprachliche Bildung wird fast als religiöse Pflicht verstanden. Damit wird eine wichtige Grundlage gelegt für Vernunft und rationale Durchdringung der Welt. Sprachbefähigung heißt ja eben auch Befähigung zum Argument, zur friedlichen Auseinandersetzung, zum Nachvollziehen fremder oder neuer Gedanken, zur komplexen Darstellung einer komplexen Wirklichkeit.

Neben der Wahrheit des Evangeliums und neben der durch sie ermöglichten Freiheit war das wichtigste Wort der Reformation wohl "Gnade". Luthers alles andere überragende Erfahrung war, dass er allein durch die Gnade Gottes zu einem gerechten und guten Menschen werde. Das war das Befreiungserlebnis seines Lebens, die Erlösung seiner suchenden und oft verängstigten Seele.

Gnade: damals ein zentrales – heute vielleicht ein fremdes Wort. Und dabei, so scheint es mir, hätten wir gerade heute nichts so nötig wie Gnade. Gnade zuerst mit uns selbst, damit wir nicht vor immer neuer Selbsterfindung und Selbstoptimierung schließlich in verzweifelter Erschöpfung landen. Gnade auch mit unseren Mitmenschen, die eben fehlbare und unvollkommene Wesen sind wie wir selber und von denen wir doch häufig Perfektion und reibungsloses Funktionieren erwarten.

Es macht sich zudem in unserer Gesellschaft, von Internetforen bis hin zu politischen Debatten, ein Ungeist der Gnadenlosigkeit breit, des Niedermachens, der Selbstgerechtigkeit, der Verachtung, der für uns alle brandgefährlich ist.

Und dass wir weniger von Ängsten geplagt und von Furcht ergriffen sind als die Zeitgenossen der Reformation, das kann man nun sicher nicht behaupten, auch wenn diese Ängste uns nicht mehr als leibhaftige Dämonen und Teufel erscheinen.

Von denjenigen, für die die Reformation mehr ist als historische Erinnerung und für deren Leben der christliche Glaube eine wichtige Rolle spielt, von denjenigen wünsche ich mir, dass sie aus diesem Glauben heraus gnadenlosen Zuständen immer wieder Momente von tätiger Zuwendung, aber auch von Umkehr und Veränderung, entgegensetzen können. Wir brauchen auch heute Agenten der Entängstigung. Und wenn es sein muss auch mit dem gelassenen Trotz, wie ihn Luther formuliert: "Und wenn die Welt voll Teufel wär / Und wollt uns gar verschlingen / So fürchten wir uns nicht so sehr / Es soll uns doch gelingen…"

Für viele ist der Glaube an Gott oder an eine unverdiente himmlische Gnade keine persönlich erfahrene Wirklichkeit mehr. Ihnen wünsche ich, dass sie hier und da Gnade von ihren Mitmenschen erfahren und auch selber gnädig mit anderen umgehen. Wenn Menschen sich bewusst machen, dass sie hier und da in rational nicht fassbarer Weise beschenkt, getragen oder bewahrt waren, oder wenn sie voller Staunen erleben, dass ihnen Gutes widerfährt, was sie sich nicht selber erarbeitet haben – dann haben sie möglicherweise eine Erfahrung von Gnade gemacht. Auf Latein heißt Gnade "gratia". "Gratis" kommt daher: Großzügigkeit und selbstloses Schenken. Und auch die "Grazie" leitet sich daher, die Leichtigkeit unverkrampften Daseins. Wo solche Grazie erfahren wird, ist ziemlich sicher auch die Gnade nicht weit.

Deshalb freuen wir uns nun auf das Gedenken der Reformation. Nehmen wir sie als eine aktuelle Herausforderung für unser Denken und Handeln. Sie geht uns voraus in ihrer Leidenschaft für Wahrheit und Freiheit und sie geht uns gerade deswegen auch an: als einzelne Menschenkinder, die in Wahrhaftigkeit und Freiheit ihren Weg zu gehen suchen, als Christen, deren Kirche eine Reformation nie nur hinter sich, sondern immer auch vor sich hat und als Bürgerinnen und Bürger, die aus eben diesem Geist ihrem Gemeinwesen in beständiger Bereitschaft zur Erneuerung verbunden bleiben.