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Verleihung des Silbernen Lorbeerblattes an die Medaillengewinnerinnen und -gewinner der Olympischen und Paralympischen Sommerspiele 2016 in Rio de Janeiro

Bundespräsident Joachim Gauck bei einem Gruppenbild mit Leichtathletinnen und Leichtathleten bei der Verleihung des Silbernen Lorbeerblattes an die Medaillengewinner der Olympischen und Paralympischen Spiele in Radialsystem in Berlin Berlin, 1. November 2016 Verleihung des Silbernen Lorbeerblattes an die Medaillengewinner der Olympischen und Paralympischen Spiele – Gruppenbild mit den Leichtathletinnen und Leichtathleten © Gero Breloer

Zunächst sollte ich wohl erklären, warum ich Sie heute hierher eingeladen habe an einen für mich zwar bekannten aber doch für diese Auszeichnung ungewöhnlichen Ort. Ganz einfach: Ihr Erfolg ist zu groß für das Schloss!

99 Medaillen, errungen von 214 deutschen Teilnehmern – das sind zu viele Gäste, selbst für den größten Saal im Amtssitz des Bundespräsidenten. Den heutigen Ortswechsel kann ich deshalb gut verschmerzen. Ich hoffe, Sie auch.

Ich habe mich gefreut, über Ihre Erfolge, wie so viele andere Menschen in unserem Land. Ich war diesmal nur am Fernseher dabei, und ich habe mich fast genauso begeistern können wie damals, als ich persönlich dabei war, in London. Wir sind beglückt als Zuschauerinnen und Zuschauer über diese Momente der Anspannung, wenn Hoffnungen sich erfüllen und alles in einen Jubel aufgeht, der jede und jeden ansteckt. Das ist eine Freude, die eben unendlich viele Menschen auch teilen. Sie alle, die Sie sich heute hier versammelt haben, haben für diesen Moment der Freude und des Glücks sehr viel gegeben. Und indem Sie das getan haben, haben Sie sich auch auf eine sehr spezielle emotionale Weise mit Ihrem Land verbunden.

Ich stelle mir vor, dass wohl jeder, auch diejenigen unter uns, die nie eine olympische Medaille gewonnen haben oder gewinnen werden, vielleicht doch einen ähnlichen Moment des Glücks erlebt haben, so einen Augenblick überschwänglicher Freude, der daher rührt, dass etwas gelungen ist, womit man kaum gerechnet hat oder wofür man unendlich viel getan hat, sich angestrengt, gekämpft oder gelitten hat. Diesen Moment der Freude gibt es natürlich auch außerhalb des Sportes. Manchmal sogar noch tiefergehend. Deshalb sind die Gefühle des Glücks und des Schmerzes, der Traurigkeit, die uns beim Sport begegnen, auch verwandt mit anderen Gefühlen, die uns in unserem Menschenleben vertraut sind.

Der Erfolg ist nicht nur etwas für den Augenblick, er verschafft uns Glücks- und Hochgefühle, die unser Ich stärken, die uns vorbereiten auf andere anstrengende Situationen, auf Kampf- und Entscheidungssituationen im Leben. Die uns als Persönlichkeit stärker machen. Etwas geleistet zu haben, das ist ein wunderbares Gefühl und es ist ein Ansporn, sich weiter anzustrengen, auch über den Moment des Sieges hinaus.

Große und unvergessliche Momente sind es, in denen Sie als Spitzensportler zu Vorbildern werden – natürlich besonders diejenigen, die Rekorde brechen und Medaillen gewinnen, aber es gibt auch Situationen, wo die Menschen im Land sich ganz tief verbunden fühlen mit denen, die unglaubliches Pech haben oder die eine unglückliche Niederlage erleiden. Die Niederlagen gehören zum Leben dazu, das wissen Sie alle. Manchmal turnt auch jemand unter Schmerzen weiter, um seiner Mannschaft die Finalteilnahme zu ermöglichen. Das sind dann Augenblicke, wo Menschen zum Vorbild werden, auch wenn sie gerade nicht nach Gold streben können.

Oder wenn jemand sich nach einem schweren Unfall nicht entmutigen lässt, sondern weitermacht, sich ein Trainingsprogramm zumutet, das unglaublich ist, Wettkämpfe trotz schwierigster Bedingungen fortsetzt – so jemand kann dann auch mal ohne Sattel zum Sieg fahren.

Wie man über sich hinauswächst, das können wir, die Nichtsportler, an den Sportlerinnen und Sportlern studieren. Wenn ich zum Beispiel an die junge Frau denke, die durch einen Unfall beide Beine verloren hat, mir vorstelle, wie man mit einem solchen Schicksal fertig wird, und dann sehen wir sie mit einem eigenen Weltrekord im Weitsprung in Rio de Janeiro und das gleich zweimal hintereinander.

Heute, am Tag Ihrer Ehrung, sage ich Ihnen allen mit Nachdruck und mit großer Freude: Auf solche Erfolge, auf Sportlerinnen und Sportler wie Sie, sind wir alle stolz. Und deshalb sagt Ihnen nicht nur Joachim Gauck, sondern Deutschland Dank – mit dem Silbernen Lorbeerblatt.

Zum Spitzensport gehören Erfolge und Misserfolge. Es gibt kaum einen Triumph, dem nicht irgendwann eine Niederlage vorausgegangen wäre. Zu unserem Spitzensport gehören alle Gefühlslagen, die ganze Bandbreite von Emotionen.

Wer den Sport so erlebt, der wird den Betrug ächten, weil er bitter ist, für die Sportler und für sportbegeisterte Zuschauer. Sie, liebe Olympioniken, werden um Ihre Erfolge betrogen und wir alle um den Stolz darauf und die Freude daran. Doping zerstört nicht nur die Gesundheit der Sportler, es zerstört den Sport selbst. Wo systematisch gedopt wird, sehen wir die Spuren dieser Zerstörung. Wir sehen sie deutlich. Wir wollen das nicht akzeptieren.

Wir wollen, dass Sie Ihren Kräften vertrauen können und dürfen. Wir wünschen uns eine Leistung, die hart erarbeitet wurde, und keine, die mit sogenannten leistungssteigernden Mitteln erkauft wird. Wir wünschen uns einen Spitzensport, der Misserfolge und Niederlagen zulässt, die es in jeder Sportlerkarriere gibt. Nur so wächst das Vertrauen eines Menschen in sich selbst. Wer dopt, der weiß um seinen Betrug und ahnt zumindest: Ein gestohlener Sieg kann niemals diese tiefe Zufriedenheit auslösen wie ein redlich errungener Sieg, ein redlich errungener Triumph.

Nur der ehrliche Spitzensport wird die olympische Idee der Zukunft sichern. Sie ist nicht endgültig gesichert, das müssen wir uns ganz deutlich klar machen. Für diesen Spitzensport lohnt es, sich zu engagieren – als Sportler, als Funktionär, und natürlich, lieber Herr Minister, liebe Abgeordnete: als Politiker.

Wie der Spitzensport zukünftig in Deutschland aussehen und wie er gefördert werden soll, das wird derzeit intensiv diskutiert. Erwarten Sie bitte von mir nicht, dass ich da eingreife. Ich weiß aber um die Heftigkeit der Debatten. Es ist auch nicht einfach, hier mit begrenzten Mitteln eine gute Lösung zu finden. Grundsätzliche Fragen sind zu klären: Wie lassen sich mehr Spitzenleistungen erreichen? Und welchen Stellenwert sollen Sportarten mit vermeintlich schlechter Medaillenperspektive haben? Sind Medaillen der einzige Maßstab? Gerade Sie, liebe Medaillengewinner, sollten sich an dieser Debatte beteiligen, denn Sie sind Betroffene, und Sie sind Experten. Helfen Sie uns, diese Fragen zu beantworten, mischen Sie sich ein.

Vertrauen in sich selbst, Ehrgeiz aber auch Ehrlichkeit und Fairness – das sind nur einige Eigenschaften und Verhaltensweisen, die der Sport uns lehren kann. Ich wünsche mir, dass wir in Deutschland wieder mehr Wert darauf legen, die Voraussetzungen für diese Schule des Sports zu schaffen. Fällt der Sportunterricht in der Schule zum Beispiel zu häufig aus, ist das eben keine Lappalie. Wer Erfolge haben will im Spitzensport, wird den Schul- und den Breitensport gerade nicht vernachlässigen dürfen. Er wird ausreichend moderne Sportstätten unterhalten müssen, damit die Sportvereine überall im Land weiterhin den Grundstein legen können für Erfolge, wie wir sie heute feiern.

Und wie nebenbei übernehmen ja die Sportvereine auch noch zusätzliche, gesellschaftliche wichtige Aufgaben. Es treffen sich dort Kinder und Jugendliche aus allen Schichten, mit und ohne Migrationshintergrund. Sie haben Spaß miteinander und sie freuen sich, wenn sie sich aneinander messen können. Eine bessere Form der Integration kann man sich kaum vorstellen. Daran denken wir insbesondere in den letzten Monaten, in denen so viele Menschen zu uns gekommen sind, die in Deutschland eine Zukunft suchen, einige werden sie auch finden und auch da spielen unsere Vereine eine wichtige Rolle.

Und wenn ich noch einen weiteren Wunsch offen hätte, so wäre es der, die Olympischen Spiele wieder einmal nach Deutschland zu holen. Natürlich akzeptiere ich, als Präsident, die ablehnenden Bürgerentscheidungen in Hamburg und München. Ich sehe auch ein Unbehagen, das ich teilweise teile, gegenüber bestimmten Verbänden und Sportorganisationen. Aber es muss doch gelingen, verloren gegangenes Vertrauen wiederzuerlangen. Und wenn das gelingt, dann sehe ich auch gute Chancen, dass wir uns später einmal wieder bewerben und Olympia in unserem eigenen Land erleben – das wäre doch wirklich etwas besonders Schönes. Die Älteren wissen es ja noch, dass das etwas Schönes ist, wenn man mit den Olympischen Spielen sein Land präsentieren kann.

Nun aber zurück zu Ihnen und Ihren Erfolgen, die wir heute feiern. Die großen Momente im Leben haben die schöne Eigenart, einen festen Platz in unserem Gedächtnis einzunehmen. Wir können sie hervorholen, uns und andere daran erinnern, es quasi noch einmal in Zeitlupe genießen. Wir wollen das heute tun. Wir werden uns die wunderbaren Momente Ihrer Erfolge ins Gedächtnis rufen, wollen sie in Gedanken ein zweites Mal erleben, die größten Sprünge, die schnellsten Läufe, die weitesten Würfe, und Sie noch einmal auszeichnen und mit Ihnen feiern.

Ich will noch einmal Dank sagen: Ihnen, den Sportlerinnen und Sportlern, danke ich mit dem Bundesverdienstkreuz für Sportler. Das ist das Silberne Lorbeerblatt, seit es der erste deutsche Bundespräsident, Theodor Heuss, das erste Mal verliehen hat. Mein Dank aber geht auch an die Menschen, die, sei es in der Politik, sei es in Verbänden, sei es bei der Deutschen Sporthilfe, seien es die Trainer, die Betreuer, die Menschen im Hintergrund und die Familien, mitgeholfen haben, diese Erfolge zu erringen. Danke Ihnen allen.