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23. Benefiz-Operngala der Deutschen AIDS-Stiftung

Bundespräsident Joachim Gauck hält eine Ansprache anlässlich der 23. Benefiz-Operngala der Deutschen AIDS-Stiftung in der Deutschen Oper in Berlin Berlin, 5. November 2016 23. Benefiz-Operngala der Deutschen AIDS-Stiftung – Ansprache in der Deutschen Oper © Clemens Bilan

Wir sind in der Oper, und in der Oper, das war schon zu Mozarts Zeiten so, geht es natürlich zuerst um Musik, um Poesie, aber immer auch ein wenig ums Sehen und Gesehenwerden. Und genau das, öffentliche Aufmerksamkeit, das brauchen wir heute, das brauchen wir beim Thema Aids – und zwar gerade auch in einer Zeit, in der dieses Thema, dieses Problem nicht mehr so im Fokus steht.

Erst 35 Jahre ist es her, dass Aids als eigenständige Krankheit erkannt wurde. Seitdem hat sich die öffentliche Wahrnehmung der Pandemie, aber auch der Umgang mit infizierten und kranken Menschen stark verändert. Die erste Phase fiel noch in die Zeit, als Deutschland geteilt war. Ich war damals in der DDR, und ich habe dort ein Klima des Schweigens erlebt bei diesem Thema. Damals, zu Beginn der 1980er Jahre, konnten in vielen Ländern Angst, Vorurteile und auch Ausgrenzung gedeihen. Was dann aber folgte, das war eine beispiellose Welle von Kampagnen, die weltweit über HIV und Aids aufklärten. Die rote Schleife wurde zum Symbol der Solidarität, zu einem deutlichen Statement. Dass das Engagement gegen Aids zu einem gesellschaftlichen Anliegen wurde, dazu haben Veranstaltungen wie diese Operngala hier in Berlin einen ganz wichtigen Beitrag geleistet. Ich freue mich also von Herzen, heute Abend bei Ihnen zu sein.

Wir haben es schon gehört, und Sie wissen es alle: Heutzutage hat Aids ja vielerorts an Schrecken verloren. Das hat natürlich mit dem medizinischen Fortschritt zu tun, über den wir uns von Herzen freuen. Eine Infektion muss heute kein Todesurteil mehr sein, wenn die nötigen Medikamente zur Verfügung stehen. Aber diese gute Nachricht über Erfolge im Kampf gegen HIV und Aids darf uns nun auch nicht dazu verleiten, die Krankheit zu verharmlosen oder gar sorglos mit ihr umzugehen. Es gibt, genauer betrachtet, keinen Grund zur Entwarnung. Aids bleibt eine gefährliche Pandemie, die wir längst noch nicht völlig besiegt haben. Wir müssen deshalb dafür werben, dass das Thema ihrer effektiven Bekämpfung unter global sehr unterschiedlichen Bedingungen weiterhin eine Hauptrolle spielt, in der gesellschaftlichen wie in der politischen Debatte.

In Deutschland hat die medizinische Behandlung von Aidskranken und HIV-positiven Personen gute und für viele ja ganz erstaunliche Fortschritte gemacht. Bei der Frage des gesellschaftlichen Umgangs mit der Infektion stehen wir aber noch mitten in einer Entwicklung. Es kostet Betroffene auch heute noch Überwindung, anderen von der Diagnose zu erzählen, und es ist bitter, in der Familie, bei Freunden oder Kollegen unter Umständen auf Unverständnis oder gar Ablehnung zu stoßen. Manche aidskranke Menschen sind zudem nicht in der Lage, ihren Alltag aus eigener Kraft zu bewältigen. Sie leben daher oft in Armut und ziehen sich dann zurück, oft auch aus Angst vor Diskriminierung. Noch immer also ist es in unserem Land keine Selbstverständlichkeit, dass Menschen mit Aids ein selbstbestimmtes Leben in der Mitte der Gesellschaft führen können.

In anderen Teilen der Welt führt die Infektion weiterhin unweigerlich in lebensbedrohliche Katastrophen. Mehr als eine Million Männer, Frauen und Kinder sind im vergangenen Jahr an Aids gestorben, die meisten davon in Afrika südlich der Sahara. Die große Mehrheit der weltweit fast 37 Millionen HIV-Infizierten wird eben nicht mit den nötigen Medikamenten versorgt. Und nach wie vor kommt es zu neuen Ansteckungen, weil Menschen aus Unwissenheit oder aus religiösen Gründen, vielleicht auch aus Bequemlichkeit oder aus Armut auf Kondome verzichten. Bei allen Erfolgen im Kampf gegen die Krankheit: Immer wieder drohen auch Rückschläge.

Wenn das Ziel der Vereinten Nationen erreicht und die Aids-Pandemie bis zum Jahr 2030 weltweit beendet werden soll, dann müssen Regierungen, aber auch die Bevölkerungen ihre Anstrengungen verstärken. Es geht auf der einen Seite um Aufklärung, auf der anderen um Versorgung mit den richtigen Medikamenten. Und es geht darum, die Stigmatisierung von Infizierten und Erkrankten zu bekämpfen. Es ist nicht hinzunehmen, dass viele Menschen aus Angst vor Diskriminierung davor zurückschrecken, sich schon auf HIV testen zu lassen.

So tragen wir alle Verantwortung, wenn es darum geht, HIV und Aids einzudämmen und das Leben der Betroffenen weiter zu verbessern. Was wir dafür brauchen, ist ein Zusammenspiel von Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft, auf allen Ebenen und vor allen Dingen über Grenzen hinweg. Deshalb bin ich hierhergekommen, um heute all denen Dank zu sagen, den unheimlich vielen Menschen Dank zu sagen, die sich hier auf ganz unterschiedliche Weise engagieren. Ich denke an die Hilfsorganisationen und Stiftungen, ich denke aber auch an die aktiven Politiker und Unternehmer, an die prominenten Unterstützer aus dem kulturellen Bereich, an die Medien, an ehrenamtliche Helfer, auch an private Spender. Sie alle tragen dazu bei, an unserem großen Ziel mitzuwirken, Aids, aber auch Diskriminierung zu beenden.

Die Deutsche AIDS-Stiftung geht mit gutem Beispiel voran und das nun schon seit fast 30 Jahren. Sie hilft Menschen mit HIV oder Aids, die in materielle Not geraten sind. Sie schafft Orte der Begegnung und fördert das gesellschaftliche Miteinander. Und sie unterstützt Betroffene dabei, ihr Leben so lange wie möglich selbst zu gestalten. Nicht zuletzt ist es ihr Verdienst, den Blick schon früh auf andere Teile der Welt gelenkt zu haben, vor allem auf die dramatische Lage in Mosambik und Südafrika. Aidswaisen, schwangere Frauen und Familien bedürfen dort ganz dringend unserer Hilfe. Ein ganz herzliches Dankeschön, an dieser Stelle, der Stiftung.

Wir dürfen das Engagement gegen HIV und Aids nicht auf halber Strecke beenden. Sonst riskieren wir, dass sich die Infektion wieder stärker ausbreitet. Deshalb wollen wir heute Abend zu Gehör bringen, dass der Kampf noch lange nicht gewonnen ist. Lassen Sie uns den Betroffenen eine Stimme geben. Und lassen Sie uns die Leidenschaft der Oper aufnehmen und der Pandemie ebenso mutig entgegentreten wie jeglicher Diskriminierung und Stigmatisierung. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen allen nun eine mitreißende Aufführung.