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Wandelkonzert anlässlich des 70. Gründungsjubiläums des Deutschen Symphonie-Orchesters

Bundespräsident Joachim Gauck hält eine Rede anlässlich des Wandelkonzerts des Deutschen Symphonie-Orchesters im Großen Saal von Schloss Bellevue Schloss Bellevue, 7. November 2016 Wandelkonzert des Deutschen Symphonie-Orchesters – Rede im Großen Saal © Jesco Denzel

Gegen seelische Verstimmungen und trübe Gedanken sollen Musik und Bewegung am meisten helfen. Das haben wir uns heute Abend auf die Fahnen geschrieben, denn an so einem dunklen und aufs Gemüt schlagenden Herbstabend, da kann man gar nichts Besseres tun, als an einem Wandelkonzert teilzunehmen. Denn auf unangestrengte Art verbindet es beides: Bewegung und Musik.

Ein Wandelkonzert, bei dem wir uns von Raum zu Raum jeweils zu einem neuen Musikereignis bewegen, spiegelt ja auch, wenn man ein bisschen nachdenklich sein will, eine tiefe menschliche Erfahrung, die da lautet: Nirgendwo ist das Glück auf Dauer gestellt. Alles ist vergänglich. Wir müssen uns ändern, wir müssen uns weiterbewegen, um zu sehen, welche Überraschung hinter der nächsten Wegbiegung oder zwei Täler weiter möglicherweise auf uns wartet.

Ich freue mich sehr, dass dieses herbstliche Wandelkonzert heute vom DSO, dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin, gestaltet wird, und zwar unter der Leitung von Maestro Kent Nagano, seinem langjährigen Chefdirigenten und Künstlerischen Leiter, der seit 2006 Ehrendirigent des Orchesters ist.

Das DSO wird in diesen Tagen siebzig Jahre alt. Das war für mich der Anlass, seine Musikerinnen und Musiker einzuladen, hier einmal in den Räumen von Schloss Bellevue mit ihrem Klang präsent zu sein.

Nun ist es ja nicht ganz richtig, wenn man sagt, das DSO sei siebzig geworden. Gegründet wurde es ja eigentlich 1946 als RIAS-Symphonie-Orchester. Es ist, wenn man so sagen darf, ein schönes Geschenk des Kalten Krieges – und übrigens ein nachhaltiges. Der RIAS – für die Jüngeren unter uns muss ich das, glaube ich, übersetzen: der "Rundfunk im amerikanischen Sektor" – war eine Gründung der amerikanischen Militärverwaltung. Er sollte, wie es damals hieß, "eine freie Stimme der freien Welt" sein. Ich glaube, im Osten Deutschlands war er noch beliebter als hier in Westberlin, weshalb man den Sender nachhaltig störte. In meiner Heimat konnte ich ihn nicht empfangen.

Der RIAS war tatsächlich so etwas wie "eine freie Stimme der freien Welt" und hat für die Westberliner sehr schnell mediale Heimat gebracht, mit dem Geschmack von Freiheit, Demokratie und auch mit dem Gefühl der Freundschaft zu den Amerikanern. Für die Menschen im Osten war er eine verbotene Stimme der Freiheit, sehr nah und irgendwie doch unerreichbar.

Und dieses Rundfunkhaus besaß nun sage und schreibe fünf eigene Klangkörper: den RIAS Kammerchor, das RIAS Kammerorchester, das RIAS Tanzorchester, die RIAS Big Band und eben das RIAS-Symphonie-Orchester. Die Gründung und Ausstattung des RIAS zeigt beispielhaft die Weitsicht und Klugheit einer wertebewussten, freiheitsstiftenden amerikanischen Kulturpolitik in der Zeit nach dem Krieg.

Das RIAS-Symphonie-Orchester wurde dann bald zum "Radio-Symphonie-Orchester" und nach der Vereinigung schließlich zum "Deutschen Symphonie-Orchester Berlin". Große Dirigenten waren schon von Anfang an dabei, Ferenc Fricsay und Lorin Maazel legten das Fundament für den großartigen Klang und schließlich auch für den weltweiten Ruhm eines der ganz großen deutschen Orchester.

In der Welt steht kaum etwas so für Deutschland, für die deutsche Kultur wie die klassische Musik und ihre Pflege. So kommt es, dass Musikerinnen und Musiker aus allen Teilen der Welt zu uns kommen und in unseren Orchestern spielen – oder sie dirigieren. Und sie haben oft einen ganz besonderen Zugang zu unserer Musik, auch zu dem, was möglicherweise besonders "deutsch" ist an dieser Musik – wenn man so etwas auf einen Begriff bringen kann.

Es war Ihr Wunsch, Maestro Nagano, dass heute das Siegfried-Idyll von Richard Wagner aufgeführt wird. Die besondere deutsche Geschichte bringt es mit sich, dass wohl kein reflektierter Musikfreund ein gänzlich ungebrochenes Verhältnis zu Wagner haben kann. Es ist aber gerade in diesem Stück eine Musik hörbar, die Herzen zu öffnen vermag, und zwar über alle Grenzen hinweg. Wer Ohren hat zu hören, und ein Herz, um zu verstehen, der hört eine universale humane Utopie von bezaubernder Leichtigkeit. Sie klingt aber gerade deswegen so überzeugend, weil sie auch von mancher Schwermut des Lebens weiß, die übrigens noch etwas anderes ist als der berühmt berüchtigte deutsche Tiefsinn.

Auch die anderen Stücke, bunt gemischt aus Frankreich, aus Österreich, aus den Vereinigten Staaten, von Mozarts Eleganz bis zur Eindringlichkeit der neueren Spirituals, auch diese Stücke also werden uns den Herbst ein bisschen erleuchten, wie ja auch die Sonne im Herbst aus den verfärbten Blättern eine unvergleichliche Schönheit strahlen lassen kann.

In diesem Sinne wünsche ich uns allen einen bewegten und bewegenden Abend.