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Mittagessen anlässlich des Antrittsbesuchs der Präsidentin der Republik Estland

Bundespräsident Joachim Gauck hält eine Rede beim Mittagessen zu Ehren der Präsidentin der Republik Estland, Kersti Kaljulaid, anlässlich ihres Antrittsbesuchs Schloss Bellevue, 11. November 2016 Begrüßung der Präsidentin der Republik Estland anlässlich ihres Antrittsbesuchs – Rede beim Mittagessen im Schinkelsaal © Steffen Kugler

Herzlich willkommen noch einmal in Schloss Bellevue. Ich freue mich, dass Sie so bald nach Ihrem Amtsantritt hier in Deutschland zu Besuch sind. Gerade in unruhigen Zeiten sind ja enge, freundschaftliche Beziehungen, wie sie zwischen unseren beiden Ländern existieren, unverzichtbar. Und zwar sind sie in doppelter Weise unverzichtbar: Als Garant für Stabilität und als Motor für den Wandel. Und beides – Stabilität und Wandel – gehört zusammen. Frau Präsidentin, wir – Esten und Deutsche – und alle anderen Länder in Europa, wir brauchen beides, um die vielfältigen Herausforderungen zu meistern, und wir brauchen auch beides für die Ausgestaltung der transatlantischen Partnerschaft.

Estland beeindruckt uns besonders wegen der Symbiose von Beständigkeit und Wandlungsfähigkeit. Ich will bei dieser Gelegenheit darstellen, dass unsere ganzen Beziehungen davon geprägt sind, die Geschichte der Hanse, zum Beispiel, sie bleibt sichtbar und spürbar, ebenso wie die Pflege der deutschen Sprache in Estland. Das jahrhundertealte Band baltisch-deutscher Traditionen, welches uns über die Ostsee hinweg verbindet – es hat die Verheerungen der nationalsozialistischen Herrschaft überdauert und auch das Sowjetregime. Die historischen Bande sind ein wichtiger Anknüpfungspunkt für unsere gegenwärtige Partnerschaft, die modern und zukunftszugewandt ist. Heute durchzieht ein vielfältiges und lebendiges estnisch-deutsches Beziehungsgeflecht Politik und Wirtschaft ebenso wie Wissenschaft und Kultur.

Vor wenigen Monaten haben die Esten den 25. Jahrestag ihrer wiedererlangten Unabhängigkeit gefeiert. Ihr Freiheitsstreben und ihre Sehnsucht nach politischer, wirtschaftlicher und kultureller Entfaltung sind bewundernswert. Die Esten haben allen Grund, stolz zu sein auf das Erreichte, auf das, was sie sich in schmerzhaften Anpassungsprozessen erkämpft haben. Ihr Gestaltungswille kann für Europa Ansporn sein. In Deutschland und in der Europäischen Union sind wir noch dabei, die Weichen für die Digitalisierung zu stellen. Estland ist dabei ein Pionier und Modernisierungspartner, von dem viele andere lernen können.

Wenn wir über Zukunft nachdenken, dann ist es natürlich nicht nur die Digitalisierung, die uns bewegt. Viel stärker gilt es, die Verteidigung gemeinsamer Werte in den Fokus zu nehmen und unsere Sicherheitsprobleme und Sicherheitsfragen nicht zu vernachlässigen. Gegen Kriege und Konflikte, auch gegen das russische Machtstreben, sollten wir uns gemeinsam im Verbund mit allen unseren Partnern wenden. Denn nur in dieser Gemeinsamkeit werden wir erfolgreich sein. Auch wenn es gilt, die Sicherheit des Baltikums zu gewährleisten, steht Deutschland fest an Estlands Seite. Glaubwürdiges Handeln, das ist einer der Pfeiler unserer Partnerschaft mit Estland.

Bereitschaft zur Solidarität ist zugleich etwas, das Estlands Verständnis von Partnerschaft auszeichnet. Unsere beiden Länder teilen die Überzeugung, dass europäische Solidarität und europäischer Zusammenhalt Errungenschaften sind, die es zu schützen und zu pflegen gilt. Es gibt keinen besseren Weg, Frieden, Freiheit und Wohlstand in Europa zu sichern.

Verehrte Frau Präsidentin, liebe Kollegin,

Sie kennen die Europäische Union und ihre Institutionen – in einer haben Sie gearbeitet. Mit Ihrer Erfahrung verbinden Sie die Erkenntnis, dass es, gerade in diesen Zeiten, Distanzen gibt zwischen den politisch Verantwortlichen einerseits und den Bürgerinnen und Bürgern andererseits. Und ich begrüße es, dass Sie sich in Ihrer neuen Rolle dafür einsetzen wollen, diese Differenzen zu überwinden. Stets aufs Neue gilt es für uns, das Vertrauen in die Kräfte der freien Gesellschaft zu fördern. Zuversicht zu schaffen, das zählt zu den wichtigsten Gemeinschaftsaufgaben in Europa und deshalb auch für Estland und für Deutschland. Ich bin überzeugt: Das kann uns und das wird uns gelingen.

In dieser Überzeugung, meine Damen und Herren, bitte ich Sie das Glas zu erheben, auf Ihre Exzellenz, Präsidentin Kaljulaid, auf das weitere Werden und Wachsen der estnisch-deutschen Freundschaft. Zum Wohl!