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Besuch der Waseda-Universität

Bundespräsident Joachim Gauck hält eine Rede an der Waseda Universität anlässlich des offiziellen Besuchs in Japan Tokyo/Japan, 16. November 2016 Offizieller Besuch in Japan – Rede an der Waseda Universität © Steffen Kugler

Ganz herzlichen Dank für die Einladung, heute an Ihrer Universität zu sprechen. Sie ist ja nicht nur eine der renommiertesten Hochschulen Japans. Sie ist, und das freut mich besonders, international stark vernetzt: 21 Partnerschaften allein mit deutschen Universitäten – das ist außergewöhnlich. Ich hoffe, dass Sie die Kooperation mit Ihren Partnern weiter pflegen und zukünftig vielleicht sogar noch vertiefen können.

Dies ist eine besondere Reise für mich. Es ist meine letzte Reise als Bundespräsident nach Asien. Und ich freue mich, dass sie mich gerade hierher, nach Japan, führt. In jenes Land, das unter uns Deutschen als Freund und Partner gilt, als "ferner Gefährte". So sehen Ihr Land jedenfalls sehr viele Menschen bei uns, seit dieses Begriffspaar – "ferner Gefährte" – zum Titel einer großen Ausstellung über die japanisch-deutschen Beziehungen wurde. Fern, weil uns Meere und Zeitzonen trennen. Gefährten, weil uns zugleich Werte und Prioritäten verbinden. Dieser Geist, der Geist der Partnerschaft und des Austausches, soll meinen Besuch in Japan prägen. Ich möchte Sie also einladen, mir für einige Minuten zu folgen auf eine kleine gedankliche Reise zu den Quellen dieser Verbundenheit und zu den Gemeinsamkeiten, die sich aus ähnlichen Herausforderungen für die Zukunft ergeben werden.

Zunächst aber will ich Ihnen sagen, wie sehr Tokio mich beeindruckt hat, als Zentrum Ihres modernen und erfolgreichen Landes. Eine Weltstadt und Megacity, von der viele wachsende Städte in der Welt lernen wollen, weil sie so gut organisiert und so sicher ist, dass der deutsche Japanologe Florian Coulmas beim Blick auf Tokio vom "Glück des urbanen Lebens" spricht. Ich hoffe, dass jeder Bewohner Tokios das teilt. Gestern habe ich gemeinsam mit Gouverneurin Koike von der Aussichtsplattform des Rathauses aus einen Eindruck von den Dimensionen dieser Stadt erhalten. Seien Sie versichert, Tokios Geschwindigkeit und Dynamik faszinieren jeden Besucher aus Mitteleuropa – auch jenen aus dem ebenfalls dynamischen und nicht ganz kleinen Berlin. Wenn man hierher kommt, erscheint einem Berlin allerdings wie ein Dorf – ein schönes freilich.

Natürlich nimmt Tokio eine besondere Rolle in unseren Beziehungen ein. Neben den deutschen Stiftungen und den Wirtschafts- und Wissenschaftsrepräsentanzen, den Kirchengemeinden deutscher Sprache, der Botschaft und den Vertretungen einzelner Bundesländer beheimatet Tokio eine Institution, über die in vergleichbarer Form kein anderes Land verfügt: das Deutsche Institut für Japanstudien. Es sammelt und erweitert nicht nur Deutschlands Wissen über Japan, sondern es ist im Land auch ein renommierter Partner der Wissenschaft – mit sehr guten Beziehungen auch zur Waseda-Universität. Das Institut steht symbolisch für den Versuch, voneinander und miteinander lernen zu wollen.

Das haben wir im Lauf der Geschichte auf ganz unterschiedliche Weisen getan. Die verbindende Kraft der Kultur ist aus dem Verhältnis zwischen Japan und Deutschland nicht wegzudenken. Seit die Pariser Weltausstellung von 1855 die japanische Kunst im Westen vorstellte, hat sie dort enormen Einfluss ausgeübt und den Japonismus in der westlichen Kunst hervorgebracht.

In Deutschland vielgelesen sind die Bücher von Haruki Murakami – er ist ja Absolvent dieser Universität, wie ich mir habe sagen lassen. Wir lesen auch die Bücher des Literaturnobelpreisträgers Kenzaburō Ōe oder der in Berlin lebenden und in japanischer wie in deutscher Sprache schreibenden Yōko Tawada, die in wenigen Tagen übrigens den renommierten Kleist-Preis erhalten wird. Wie eh und je ist in Japan Hermann Hesse populär, aber natürlich auch zeitgenössische Künstler wie die Filmemacherin Doris Dörrie oder der Fotograf Andreas Gursky. Und wer das Silvesterkonzert in der Berliner Philharmonie besucht, der staunt über die große Zahl japanischer Musikliebhaber, die er dann immer im Saal trifft. Vermutlich treten nicht wenige die weite Reise nur aus diesem Anlass an.

Wie nie zuvor strahlt auch die moderne japanische Kultur in die Welt hinaus. Die jüngere Generation begeistert sich vor allem für die Comic- und Zeichentrickstile Manga und Anime. Zu "Cosplay"-Veranstaltungen treffen sich auch in Deutschland regelmäßig tausende junger Menschen.

Heute reise ich nach Kyoto, in eine Stadt, die für die japanisch-deutschen Kultur- und Wissenschaftsbeziehungen ebenfalls bedeutsam ist. Ich werde dort den Siebold-Preis verleihen – eine deutsche Auszeichnung für japanische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler –, und zwar an Professor Takeshi Kawasaki, der in Tokio über die deutsche Demokratie forscht. Und wenn ich zum Abschluss meiner Reise Nagasaki besuche, dann steht für mich selbstverständlich das Gedenken an den Atombombenabwurf vom 9. August 1945 und an seine zahlreichen Opfer im Mittelpunkt meines Besuches. Aber zugleich ist Nagasaki auch als Begegnungsort zwischen Japan und dem Westen und erste Wirkungsstätte der Deutschen in Japan für mich wichtig. Es ist der Ort, in dessen Hafen der junge Arzt Philipp Franz von Siebold 1823 an Land ging. Und dort praktizierte er nicht nur. Seine Rolle war nämlich eminent politisch: Beim Shogunat warb er für die Öffnung Japans gegenüber der Außenwelt und in Europa für eine Haltung der Offenheit und der Neugier gegenüber dem damals noch unbekannten Land. Genau dieser Geist ist es, auf den wir uns heute berufen können, der uns trägt und der uns Ansporn ist.

Gelegentlich hört man auf bilateralen Tagungen den Satz, die japanisch-deutschen Beziehungen seien doch eigentlich "langweilig, weil zu gut". Wenn ich heute aber zurückblicke auf die gemeinsame Geschichte, die vor nunmehr 155 Jahren mit dem ungleichen "Vertrag über Freundschaft, Handel und Schifffahrt" zwischen Preußen und Japan begann, dann kann von "Langweile" keine Rede sein: Das junge Kaiserreich und das aufstrebende Japan der Meiji-Zeit, die anfänglich so vieles verband und die einander beeinflussten, wurden zu Gegnern im Ersten Weltkrieg. Es folgte das fatale Bündnis unserer Länder im Zweiten Weltkrieg. Schließlich kam es zur Rückkehr in die Völkerfamilie. Die Entwicklung Japans und der Bundesrepublik als Wirtschaftsmächte und vor allem als Demokratien prägte die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg.

Es sind jedoch gerade auch Zerrbilder gewesen, die die Wahrnehmung Japans bei uns im Westen bestimmt haben – und teilweise wohl auch noch heute beeinflussen. Seit den 1990er Jahren verbreitet sich in Deutschland ein oft überzeichnetes Narrativ der Stagnation in Japan. Dabei wird manchmal übersehen, dass Japan heute das wohlhabendste Flächenland in ganz Asien ist und noch dazu eine ganz außergewöhnlich demokratische und friedliche Gesellschaft. Was für ein staunenswerter Weg bis in die Gegenwart, in der unsere beiden Länder weithin geschätzt und geachtet sind.

Dass die japanisch-deutschen Beziehungen als selbstverständlich und problemfrei gelten, darf man dankbar anerkennen. Uns allen, Zivilgesellschaft wie Politikern, obliegt es, dieses Verhältnis gerade auch in guten Zeiten zu pflegen. Wie wichtig unsere Bande sind, das zeigt sich vor allem in der Not. Ich denke dabei an das Jahr 2011, an die Dreifachkatastrophe von Erdbeben, Tsunami und Kernschmelze in einem Atomkraftwerk und auch in diesem Jahr, nach dem Erdbeben in Kumamoto, haben viele Deutsche geholfen – Bürgerinnen und Bürger, die Kirchen, das Deutsche Rote Kreuz, gerade auch die Deutsch-Japanischen Gesellschaften. Auf der anderen Seite traf während des Hochwassers in Sachsen vor drei Jahren auch japanische Hilfe ein. Dafür sind wir Deutsche sehr dankbar. Ich will ein kleines Beispiel erzählen: Mir wurde berichtet, dass ein Mitarbeiter der japanischen Botschaft in Berlin damals sogar Urlaub nahm, um freiwillig in Dresden zu helfen. Das ist doch nun wirklich ein schönes Symbol für den Zustand unserer bilateralen Beziehungen.

Japan und Deutschland, die Nummern drei und vier der Weltwirtschaft, sind im Jahr 2016 wohlhabender denn je. Ihre Bildungs- und Wissenschaftssysteme sind hochentwickelt. Japaner und Deutsche genießen einen hohen Lebensstandard. Und doch stehen wir vor Fragen, die sich gleichsam aus dem eigenen Erfolg ergeben haben. Wir empfinden Modernisierungsschmerzen. Viele von uns fragen sich: Wie geht es weiter mit der Globalisierung? Werden wir das Erreichte bewahren können? Was bedeutet der kommende Klimawandel für unser Leben? Oder: Welche Auswirkungen wird die Digitalisierung auf unsere Gesellschaft, auf unsere Unternehmen und unsere Arbeitsstellen haben? Welche Folgen wird der demografische Wandel haben?

Lassen Sie mich auf einige dieser Fragen eingehen. Die alternde Gesellschaft – ob in Japan oder in Deutschland – empfinden wir zunächst natürlich als eine Problemanzeige. Dabei ist ihre Wurzel ja ein Teil unseres Erfolges: In keinem anderen Land der Welt können so viele Menschen auf ein so langes Leben hoffen wie hier in Japan. Und auch die Deutschen sind immer gesünder, sie werden älter. Ermöglicht haben das zivilisatorische Errungenschaften: eine positive wirtschaftliche Entwicklung, technische Innovationen, bessere Ernährung, bessere Wohnbedingungen, persönliche Vorsorge, ein leistungsfähiges Gesundheitssystem, mehr Bildung und weniger schwere, körperlich belastende Arbeit.

Doch nun zu den Herausforderungen: Unsere Großstädte wachsen aufgrund des Zustroms junger, oft gut ausgebildeter Menschen, doch kleinere Städte und der ländliche Raum stehen schon jetzt vor der Frage, wie die nötige Infrastruktur, einschließlich der ärztlichen Versorgung, erhalten werden soll. Auch geraten die sozialen Sicherungssysteme unter Druck. Auch für den Arbeitsmarkt und die industrielle Produktion entstehen neue Fragen. Junge, gut ausgebildete und spezialisierte Arbeitskräfte werden sich voraussichtlich immer schwerer finden lassen. Und wenn die Bevölkerung altert, dürfte sich das darauf auswirken, wie und von wem investiert wird. Ich lese eine erstaunliche Zahl, dass nämlich in Japan 30 Prozent aller "Start-up"-Unternehmen von Menschen im Alter von mehr als 60 Jahren gegründet werden. Wir sollten nicht unterschätzen, dass auch viele ältere Menschen danach streben, ihrem Leben durch fortgesetztes Engagement einen Sinn zu geben.

In Deutschland finden wir manchmal andere Antworten auf den demografischen Wandel als in Japan. Auch in der Zuwanderung sehen wir durchaus Chancen. Dazu hat sich die Einstellung vieler Deutscher im Laufe der Zeit in erstaunlicher Weise gewandelt. Noch 1983 hieß es zum Beispiel in einem Koalitionsvertrag, der Zielvereinbarung der damaligen Bundesregierung, wörtlich: "Deutschland ist kein Einwanderungsland". Viele Wähler sahen das damals ähnlich. Heute finden es zwei Drittel der Deutschen gut, dass Deutschland durch Zuwanderung vielfältiger wird. Es deutet sich an, dass durch die Einwanderung auch die Folgen des demografischen Wandels zumindest abgemildert werden können.

Wie Sie wissen, hat Deutschland im vergangenen Jahr viele Menschen aufgenommen, die auf der Flucht vor gewaltsamen Konflikten waren. Das war ein Schritt, der die Gesellschaft in Deutschland in einem hohen Maß politisiert und auch polarisiert hat. Es handelte sich bei den Neuankömmlingen auch nicht direkt um Einwanderer. Viele, vielleicht die meisten, werden nur eine Zeitlang bleiben. Aber wir haben Grund zu Optimismus, denn mit einer gesamtgesellschaftlichen Anstrengung und einer vorausschauenden Integrationspolitik hoffen wir, auch diesen Neuankömmlingen Chancen zu bieten. Ich möchte nicht verschweigen, dass Teile unserer Bevölkerung – nicht nur in Deutschland, auch in anderen Ländern Europas – der starken Zuwanderung skeptisch, ja ablehnend gegenüberstehen. Aber insgesamt, etwa im Vergleich zu den Einstellungen der Menschen vor 25 Jahren, ist die Aufnahmebereitschaft und Offenheit der Bevölkerung doch erkennbar gewachsen.

Mit großem Interesse verfolgen wir die technologischen Innovationen, auf die Japan setzt, um den demografischen Wandel zu gestalten. Wohl kein Land hat dabei so gute Chancen wie Japan – wegen seiner führenden Rolle in der Robotik. Schon heute können Roboter bei der Pflege alter und kranker Menschen helfen. Hier ist Japan ein Pionier, von dessen Erfahrungen – und ganz allgemein von dessen Innovationsfreude – wir in Deutschland nur lernen können.

Ich freue mich daher, dass Japan 2017 bei der Computermesse CeBIT unser Partnerland sein wird – eine große Chance für die japanisch-deutsche Zusammenarbeit in Technik und Wissenschaft. Denn das Megathema Digitalisierung, verstanden als vierte Stufe der Industrialisierung, beschäftigt uns alle. Das starke Interesse an digitalen Technologien, an Vernetzung und an Interaktion von Mensch und Maschine gründet auch in der historischen Erfahrung, dass bislang auf jeder neuen Stufe der Automatisierung – und zwar immer wieder trotz anfänglicher Skepsis – mehr Menschen in Lohn und Brot waren als zuvor, oft in anspruchsvolleren Tätigkeiten. Doch wir werden uns auch komplizierten ethischen und moralischen Fragen zu stellen haben – ich denke an die autonom gesteuerten Autos, an die Themen Künstliche Intelligenz und Datensicherheit.

Auch manche Haltung gilt es in einer komplexer werdenden Arbeitswelt zu überdenken, selbst wenn diese so viele Chancen für die berufliche Selbstverwirklichung bietet wie nie zuvor. Denn es werden beispielsweise zunehmend höhere Anforderungen an Arbeitnehmer gestellt – etwa, dass sie ständig erreichbar sein sollen. Eine der Folgen, jedenfalls bei uns in Deutschland: Psychische Erkrankungen sind nicht selten und zählen inzwischen zu den häufigsten Gründen von Frühverrentung. Die Politik muss auch hier einen Beitrag leisten – zum Beispiel, indem sie gute Arbeitsbedingungen fördert.

Japan und Deutschland verfügen über beste Voraussetzungen, um mit den Herausforderungen der sich wandelnden Arbeitswelt umzugehen – nämlich die Fähigkeit zur technologischen Innovation wie zur gesellschaftlichen Anpassung. Denn schon immer erwuchsen aus der industriellen Modernisierung Adaptionsprobleme der Gesamtgesellschaft – Industrie 4.0 braucht auch eine Gesellschaft 4.0. In unseren Ländern wird nicht einfach angeordnet, was zu tun sei. Nein, wir führen eine gemeinsame Debatte darüber, wie unsere Länder aussehen sollen. Es existiert ein Rechtstaat, es herrscht Meinungsfreiheit, deshalb finden Sorgen und Ängste auch Gehör, nicht zuletzt im Prozess demokratischer Wahlen. So dürfen wir davon ausgehen, dass Japan und Deutschland für den Umgang mit den drängenden Fragen der Gegenwart, übrigens gerade auch für den Umgang mit den Risiken dieser Modernisierung, gewappnet sind, hoffentlich sogar besser als andere, weniger freie Gesellschaften.

Bei meinen Auslandsreisen habe ich in den vergangenen Jahren die verschiedensten Antworten auf die Fragen der Modernisierung gehört. Nehmen wir China, das ich im vergangenen März besuchte. Ich empfinde natürlich, wie viele Menschen in der Welt, großen Respekt vor den wirtschaftlichen Erfolgen Chinas, und das habe ich dort auch deutlich gemacht. Aber ich habe in China zugleich für das Modell einer demokratisch verfassten und offenen Gesellschaft geworben. Denn ich bin der festen Überzeugung, dass nur in pluralistisch organisierten Gesellschaften sich das Individuum frei entfalten und all seine Talente zum Wohl aller einbringen kann.

Es sind die inhärenten Stärken der offenen Gesellschaft – fairer Interessensausgleich und die Kraft einer lebendigen Zivilgesellschaft –, die uns optimistisch stimmen sollten. Wir diskutieren, bisweilen kontrovers, wir wägen ab, machen Kompromisse. Oft ist das anstrengend und auch langwierig. Aber diese Mühen sind es, die uns letztendlich stark machen.

Ich möchte mich jetzt dem Thema Sicherheit zuwenden. Ich komme aus einer Seemannsfamilie, und in meiner Heimatstadt Rostock an der Ostseeküste gab es im vergangenen Sommer eine maritime Premiere: Zum ersten Mal waren dort beim jährlichen Schifffahrtsfest, der "Hanse Sail", Schiffe der japanischen Marine zu Gast. Das ist für mich ein wichtiges Symbol gewesen. Japan und Deutschland sind als rohstoffarme, aber exportstarke Länder in besonderem Maße auf freie Seerouten und Handelswege angewiesen – und auf eine von Normen geleitete und auf verbindlichen Regeln basierende internationale Ordnung.

Diese Ordnung, wie wir sie kennen und schätzen und stützen, diese Ordnung ist jedoch unter Druck geraten: durch neue terroristische Bedrohungen einerseits, aber andererseits auch durch neue Nationalismen und den Irrglauben, im 21. Jahrhundert brächten ausgerechnet Protektionismus und Abschottung Wohlstand hervor. In Europa mussten wir sogar eine völkerrechtswidrige Grenzverschiebung, eine Annexion erleben, die die Friedensordnung unseres Kontinents in Frage stellt. Ich weiß aber, dass es auch in Asien Anlass zur Sorge gibt. Und im Nahen Osten tobt zudem ein Krieg, der entscheidend dazu beigetragen hat, dass so viele Menschen weltweit auf der Flucht sind wie seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges nicht mehr. Ein Krieg, der überdies deutlich macht, wie schwer es uns derzeit fällt, Krisen mit den vorhandenen internationalen Institutionen und Normen wirkungsvoll zu begegnen.

Jetzt haben wir eine eigentümliche Situation. Wenn wir in die Welt hineinschauen, dann sehen wir, dass die Zahl der Kritiker, ja, Gegner der Demokratie zunimmt, übrigens auch innerhalb mancher westlicher Staaten. Wir müssen erkennen, dass wir in einem Wettbewerb der Ideen stehen: Liberalismus steht gegen Illiberalismus, Demokratie gegen Autokratie.

Japan und Deutschland haben vor einiger Zeit erkannt, dass sie international mehr Verantwortung übernehmen sollten, auch im eigenen Interesse. Wie wichtig diese Erkenntnis ist, zeigt manche Bewährungsprobe, die wir in diesen Zeiten erleben. Natürlich haben beide Länder schon in der Vergangenheit große Beiträge geleistet: Unsere Kompetenzen etwa bei der Krisenprävention und der Bearbeitung von Konflikten haben wir vielfach bewiesen, unser Engagement in der Entwicklungszusammenarbeit ist groß, unser Bekenntnis zum Multilateralismus ist klar und deutlich. Es ist unser Anspruch, die Arbeit der Vereinten Nationen und der etablierten internationalen Institutionen stets konstruktiv zu begleiten. Und mit ihren aufeinander folgenden G7-Präsidentschaften haben Japan und Deutschland hervorragend kooperiert.

Unsere Bündnisse – für Japan die Sicherheitsallianz mit den Vereinigten Staaten, für Deutschland die NATO – diese Bündnisse bleiben entscheidend für unsere Sicherheit. Und da ist es gut, dass Japan ein Partner des Nordatlantischen Bündnisses ist. Ich nenne Japans Unterstützung des NATO-geführten Einsatzes in Afghanistan. Ich denke aber auch an das japanische Engagement im Südsudan und am Horn von Afrika im Kampf gegen die Piraterie.

Trotzdem gilt sicherheitspolitisch: Wir müssen mehr für unsere eigene Sicherheit tun, und wir haben damit bereits begonnen. Japan wie Deutschland befinden sich angesichts einer veränderten Lage in einem Prozess der politischen wie gesellschaftlichen Debatte über die eigene Rolle in der Welt.

Dass unser heutiger Sicherheitsbegriff wertebasiert ist, ist ja gerade eine Folge unserer blutigen Geschichte. Die Lehre Japans und Deutschlands aus der eigenen Vergangenheit lautet: Wir wollen den Frieden und das Völkerrecht fördern. Dabei hat immer die Prävention und immer die Diplomatie Vorrang. Dass es Extremfälle gibt, Notfälle, in denen die Völkergemeinschaft zu der Erkenntnis gelangt, dass die Diplomatie nicht mehr ausreicht – das ist eine Erkenntnis, die weder der japanischen noch der deutschen Gesellschaft leicht fällt. Unsere Geschichte darf aber keine Begründung für Untätigkeit sein, wenn Menschenrechtsverletzungen zu Völkermord und Verbrechen gegen die Menschlichkeit werden. Aus all diesen Gründen wünsche ich mir einen noch aktiveren sicherheitspolitischen Dialog zwischen Japan und Deutschland, der einerseits von einer veränderten Weltlage, andererseits von unseren zahlreichen Gemeinsamkeiten ausgeht.

Und gerade hier in Japan ist eine weitere Lehre hinzuzufügen: Der Schrecken nuklearer Kriegsführung darf sich niemals wiederholen. Deshalb setzen wir uns gemeinsam ein für verbindliche Regeln der Nichtverbreitung, der Abrüstung und für mehr Rüstungskontrolle. Hier sollten Japan und Deutschland auch weiterhin eine Vorreiterrolle spielen. Und: Gegenüber einem die gesamte Region bedrohenden Nordkorea muss die internationale Gemeinschaft unbedingte Geschlossenheit zeigen.

Ein entscheidendes Merkmal japanischer und deutscher Außenpolitik – zugleich auch eine wichtige Quelle der Glaubwürdigkeit – ist unser Bekenntnis zum Völkerrecht. Binnen vier Jahren nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurden nicht nur die japanische Verfassung und das deutsche Grundgesetz verabschiedet, auch die Charta der Vereinten Nationen trat in Kraft und die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte wurde formuliert.

Vor kurzem haben wir in Deutschland, in Hamburg, das 20-jährige Bestehen des Internationalen Seegerichtshofes gefeiert, der in einer Blütezeit des Völkerrechts entstand und auch schon unter einem japanischen Gerichtspräsidenten wirkte.

Es liegt im Interesse unserer beiden Staaten, die Errungenschaften des Völkerrechts zu festigen und weiter zu vertiefen. Deshalb besorgt es mich sehr, dass eine wachsende Zahl von Staaten nicht mehr mit dem Internationalen Strafgerichtshof zusammenarbeiten will und andere sich nie dazu bereit erklärt haben, dies zu tun. Völkermord, schwere Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu ahnden, das bleibt doch auch die Aufgabe der Weltgemeinschaft.

Gemeinsame Regeln und damit Berechenbarkeit zahlen sich für alle Staaten aus, auch für die mächtigsten. Wir setzen dabei auf einen beharrlichen Dialog und den unermüdlichen Willen, bilateral und multilateral und im Rahmen des Völkerrechts Lösungen zu erarbeiten.

Das muss auch im Ost- und Südchinesischen Meer das Ziel sein, wo maritime Territorialdispute die Stabilität – und vielleicht sogar irgendwann den Frieden – bedrohen. Sicherheit und Stabilität in Asien liegen auch im deutschen und europäischen Interesse. Grundsätzlich gilt: Die Unterstützung unserer demokratischen Partner in der Welt ist eine Leitlinie der deutschen Außenpolitik. Die berechtigten ökonomischen Interessen gilt es dabei in Einklang mit unseren Werten zu bringen.

Gerade für uns Deutsche ist der unbedingte Einsatz für friedliche und auf dem Völkerrecht basierende Lösungen von Konflikten eine historische Verpflichtung aus Krieg und Holocaust. Es dauerte lange, bis die ehrliche Auseinandersetzung mit dieser furchtbaren Geschichte in der Mitte der deutschen Gesellschaft angekommen war. Aber es hat sich gezeigt: Gerade die möglichst offene Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte, den eigenen Fehlern und Verbrechen war die entscheidende Voraussetzung für die Aussöhnung mit unseren Nachbarn. Dass nach allem, was geschehen war, aus Deutschland und Frankreich, aber auch aus Deutschland und Polen Partner, Alliierte und dann sogar Freunde werden konnten, das ist ein historischer Glücksfall. Gerade in Zeiten der Verunsicherung in der Europäischen Union bleibt das eine großartige Errungenschaft und ein Signal der Hoffnung – für uns Europäer selbst, aber eben auch für andere Weltregionen.

Auch in Ostasien gibt es – bei allen bekannten Schwierigkeiten – ermutigende politische Fortschritte und zivilgesellschaftliche Projekte, die das gegenseitige Verständnis fördern können. Jeder Schritt zu Versöhnung und Verständigung ist und bleibt wichtig.

Die Frage, ob Demokratie mit den sogenannten asiatischen Werten vereinbar ist, hat mich auf allen meinen Reisen in Asien begleitet. Ich erlebe in diesen Tagen ein Japan, das diese kulturrelativistische Theorie eindrucksvoll widerlegt: Ein Land, historisch anders geprägt als die europäischen Länder, geprägt vom Shintoismus, auch vom Buddhismus oder Konfuzianismus, das doch zugleich zu einer stabilen Demokratie geworden und mit einer engagierten Zivilgesellschaft gesegnet ist. Ein Land, das allerdings – wie mein eigenes – vor großen Aufgaben steht. Lassen Sie uns die japanisch-deutsche Wertepartnerschaft weiter ausbauen, zum Wohl der Freiheit und des Friedens.

Und ich möchte Sie alle ermutigen, besonders aber Sie, die jungen Menschen hier im Saal: Gehen Sie hinaus in die Welt, kommen Sie nach Europa, kommen Sie auch nach Deutschland und lernen Sie unseren Kontinent und mein Land kennen. Von solchem Austausch kann es nie genug geben. Immer ist er auch ein persönlicher Gewinn. Mit den Worten des Philosophen Hermann Graf Keyserling, dessen Reisen ihn auch durch Japan führten, möchte ich sagen:

"Der kürzeste Weg zu sich selbst führt um die Welt herum."

Vielen Dank.