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Verleihung des Philipp Franz von Siebold-Preises

Bundespräsident Joachim Gauck verleiht den Philipp Franz von Siebold-Preises an Takeshi Kawasaki anlässlich des offiziellen Besuchs in Japan Kyoto/Japan, 17. November 2016 Offizieller Besuch in Japan – Verleihung des Philipp Franz von Siebold-Preises an Takeshi Kawasaki © Steffen Kugler

1922 besuchte der wohl berühmteste Wissenschaftler, den Deutschland je hervorgebracht hat, Japan: Albert Einstein. Hier in Kyoto hielt er einen Vortrag, und noch während seiner Reise notierte er:

"Nie hätte ich es mir verzeihen können, wenn ich die Gelegenheit, Japan zu sehen, hätte unbenutzt vorbeigehen lassen."

So ist es nach Einstein noch unzähligen Deutschen gegangen. Und so geht es nun auch mir. Ich bin froh, heute bei Ihnen zu sein.

Einsteins Besuch ist ein besonderes Kapitel in der langen Geschichte der japanisch-deutschen Wissenschaftsbeziehungen. Am Anfang dieser Beziehungen stand einst die Medizin – und mit ihr der junge Philipp Franz von Siebold, der vom Arzt zum Japanforscher, zum Universalgelehrten und zu einem der wichtigsten Mittler zwischen unseren Ländern werden sollte. Zu Recht ist dieser Preis nach ihm benannt.

Mir ist es eine besondere Ehre, diese Würdigung heute gerade hier vorzunehmen – hier an der traditionsreichen Universität Kyoto, die selbst sechs Siebold-Preisträger hervorgebracht hat. Der Siebold-Preis ist eine der Konstanten in der japanisch-deutschen Zusammenarbeit und gleichzeitig Ausdruck der hohen Qualität unserer wissenschaftlichen Beziehungen. Zu seiner Strahlkraft haben gerade auch die Preisträger selbst beigetragen – sie entstammen zwar ganz unterschiedlichen Fachgebieten, doch gemeinsam sind ihnen die Eigenschaften des Namenspatrons: Neugier und Streben nach Wissen, Offenheit und Bereitschaft zur Zusammenarbeit über Grenzen hinweg.

Und das gilt natürlich auch für den Wissenschaftler, den wir heute ehren – Professor Takeshi Kawasaki von der Sophia-Universität Tokio. Er ist Germanist und Politikwissenschaftler und hat mehrfach an deutschen Hochschulen geforscht. Professor Kawasakis Arbeiten zeichnen sich nicht nur durch ihre wissenschaftliche Qualität aus, sondern auch durch ihre politische Relevanz. Seine Dissertation befasste sich mit der Frage, wie sich in Deutschlands Parteien die politischen Eliten rekrutieren. Die Liste seiner wissenschaftlichen Artikel liest sich wie eine Sammlung der aktuellsten Themen der deutschen Politik: "Das Parteiensystem im vereinigten Deutschland" oder auch "Europäische Integration und deutsche Innenpolitik".

Lieber Herr Kawasaki,

als hervorragender Kenner der deutschen Politik, aber auch als Mitglied der Geschäftsführung der Japanischen Gesellschaft für Deutschstudien, haben Sie das Verständnis deutscher Politik in Japan gefördert und zugleich uns in Deutschland einen sehr hilfreichen Blick von außen ermöglicht. Dafür gilt Ihnen mein Dank.

Sie widmen sich Fragen, die die Fundamente unserer politischen Systeme betreffen. Etwa diese: Wie gelingen demokratische Entscheidungsprozesse? Die Beschäftigung mit solchen komplexen Prozessen – gerade auch die akademische Beschäftigung– wird sogar noch wichtiger in einer Welt, in der autoritäres Denken und populistische Strömungen an Einfluss gewinnen. Deshalb liegt es mir besonders am Herzen, Ihnen zum diesjährigen Siebold-Preis zu gratulieren.

Denn die Antworten auf diese Fragen, die Sie und andere Wissenschaftler finden, verbinden auch uns als Demokraten. Japan und Deutschland teilen grundlegende Werte – Freiheit und Menschenrechte. Wir bekennen uns zur Rechtsstaatlichkeit und zu einer regelgeleiteten internationalen Ordnung. Wir stehen auch vor sehr ähnlichen Herausforderungen – der demographische Wandel wird unsere Länder auf lange Zeit prägen –, und die Folgen des Klimawandels bedeuten eine gemeinsame Zukunftsaufgabe für Japan und Deutschland wie für die ganze Weltgemeinschaft.

Deshalb ist es gut und wichtig, dass gerade unsere wissenschaftliche Zusammenarbeit so eng ist. Denn um Antworten auf drängende Fragen unserer Zeit zu finden, sind Innovation und Pioniergeist nötig.

Die Bedingungen für Wissenschaft und Forschung sind in Japan hervorragend. Wie leistungsfähig die Wissenschaftsnation Japan ist, das hat uns vor erst wenigen Wochen die Entscheidung des Nobelkomitees deutlich gemacht, indem es den Preis für Medizin – wie schon 2015 und 2012 – auch in diesem Jahr an einen japanischen Wissenschaftler verliehen hat. Und vor zwei Jahren erhielten drei japanische Materialforscher den Physik-Nobelpreis für eine Entdeckung, die sich heute beinahe in jedem Smartphone findet. Und das sind nicht einmal alle Nobelpreise, die in den vergangenen Jahren nach Japan gingen. Japanische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sind in vielen zukunftsträchtigen Bereichen führend – in der Nanotechnologie und in der Robotik, in den Lebenswissenschaften oder bei Umwelttechnologien, um nur einige zu nennen. Und bei den Patentanmeldungen liegt Japan – wie Deutschland auch – bereits seit vielen Jahren auf den vorderen Plätzen.

Lassen Sie uns die Kooperation in der Wissenschaft noch weiter ausbauen, lassen Sie uns einander Ansporn für neue Entdeckungen sein!

An Sie alle hier im Saal möchte ich noch zwei Bitten richten: Setzen Sie sich auch weiterhin für die japanisch-deutschen Wissenschaftsbeziehungen und für deren Zukunft ein und sorgen Sie dafür, dass dieses Interesse auch bei den jungen Studenten und Doktoranden lebendig bleibt.