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Besuch in Offenbach zum Thema Integration: "Zusammenleben von Einheimischen und Zugewanderten"

Bundespräsident Joachim Gauck hält eine Rede zum Thema 'Zusammenleben von Einheimischen und Zugewanderten' in der Aula der Theodor-Heuss-Schule anlässlich seines Besuchs in Offenbach am Main zum Thema Integration Offenbach am Main , 29. November 2016 Besuch in Offenbach am Main zum Thema Integration – Rede zum Thema "Zusammenleben von Einheimischen und Zugewanderten" in der Aula der Theodor-Heuss-Schule © Marvin Ibo Güngör

Die Bundespräsidenten generell und dieser in besonderer Weise sind ins Gelingen verliebt. Wir mögen Dinge, die funktionieren. Und in dieser Gesellschaft glauben wir daran, dass wir gestalten können. Wir glauben daran, dass wir nicht zum Verlieren geboren sind, sondern dass wir Probleme lösen können, und dass wir das nicht alleine, sondern im Miteinander schaffen. So ist ein Besuch wie der heutige eine schöne Ermutigung für einen Menschen, der – wie ich – eine herausgehobene Aufgabe im Staat wahrzunehmen hat.

Als ich eben diese großen Leistungen der jungen Künstlerinnen und Künstler erlebt habe, da ist mir beim letzten Song noch etwas eingefallen, bei diesem Lied aus der Zaza-Kultur des kurdischen Teils der Türkei: Was für ein gutes Gefühl das für mich ist zu wissen, wie viele Menschen, die Schwierigkeiten haben, ihre Kultur, ihre Vorstellungen von politischer Partizipation, ihre Religion zu Hause zu leben, all das hier in Deutschland tun können. Sei es, dass es Muslime sind, sei es, dass es Aleviten sind oder orientalische Christen oder ganz andere Menschen, etwa Freidenker, die zu Hause Schwierigkeiten haben mit ihrer Existenz. Hier können sie ihre Überzeugungen leben. Und das können sie, weil sich unser Land in einem Lernprozess befindet. Und um diesen Lernprozess zu würdigen und mit Ihnen zu besprechen, darum bin ich hierhergekommen.

Ja, ich habe diese Stadt wahrgenommen. Ich habe sie wahrgenommen, weil sie etwas zeigt, was für uns alle wichtig ist: Offenbach ermutigt uns, die Dinge, die wir noch nicht zu Ende geregelt haben, weiter couragiert anzugehen.

Es gibt wohl kaum eine Stadt, in der es passender wäre, über das Zusammenleben von Einheimischen und Zugewanderten zu sprechen. Hier sind mehr als sechzig Prozent der Menschen Ausländer oder Deutsche aus einer Zuwandererfamilie.

Hier in Offenbach und hier in der Theodor-Heuss-Schule, wo so viele Schüler familiäre Wurzeln in so vielen Ländern haben, gerade hier kann man jene Entwicklung beobachten und auch verstehen, die wir mit dem Begriff Integration bezeichnend – einem Begriff, in dem so viele unterschiedliche Erwartungen, Vorstellungen, aber auch Emotionen stecken. Wir fragen uns: Wie verändern sich Menschen durch Einwanderung nach Deutschland? Wir fragen uns: Wie verändert sich Deutschland durch die Einwanderung? Und wie schaffen es Menschen trotz unterschiedlicher Traditionen, Religionen und Sitten, sich zum Wohl ihrer Stadt und zum Wohl unseres Landes zusammenzufinden?

Wenn ich heute also über Integration sprechen will, so möchte ich Revue passieren lassen, was im Zusammenleben von Einheimischen und Migranten in Deutschland gelungen ist und an welchen Stellen wir von beiden Seiten noch nachjustieren müssen. Ich möchte sowohl über jene Menschen sprechen, deren Familien teilweise schon vor langem eingewandert sind, als auch über jene, die vielleicht erst vor kurzem hierher gekommen sind und die die Chance haben, bleiben zu können. Denn Migration und Integration, das machen die Flüchtlinge deutlich, die in jüngster Zeit in großer Zahl nach Deutschland gekommen sind, werden doch wohl große, herausfordernde Themen für uns alle bleiben.

Offenbach ist nach langjähriger Integrationsarbeit zu Recht stolz auf seine Erfolge. Während der Architektur-Biennale in Venedig wurde Ihre Stadt wegen der aktiven Wohnungsbaupolitik als Modell einer "Arrival City", einer Stadt der Ankommenden, gefeiert. Offenbach kennt aber auch die Probleme von Zuwanderung.

Viele von Ihnen, die Sie seit langem mit dem Thema Migration vertraut sind, wissen: Selbst die beste Integrationspolitik kann Reibungen nicht gänzlich beseitigen. Denn es ist nun einmal so: Der Mensch fremdelt mit dem Fremden. "Jede Migration", so stellte es Hans Magnus Enzensberger in seinem hellsichtigen Essay "Die Große Wanderung" 1992 knapp und lebenserfahren fest, "jede Migration führt zu Konflikten. [...] Gruppenegoismus und Fremdenhass sind anthropologische Konstanten."

Das mag uns gefallen oder nicht, aber es deckt sich mit vielen Lebenserfahrungen, die wir selber gesammelt haben. Fremd ist bereits der Städter, der in eine Dorfgemeinschaft zieht. Wie viele Menschen von uns haben das erlebt. Oder fremd ist der Bayer, der eine Stelle in Hamburg findet. Fremd ist erst recht der Jugendliche, der als einziger Schwarzer an einer Werkbank in Dresden steht. Fremd ist immer derjenige, der nicht dazugehört, weil er die Geschichte der Mehrheit nicht teilt, nicht ihre historischen und kulturellen Prägungen, nicht ihre emotionale Vertrautheit, nicht ihre Normen, ihre Werte, Gesetze, ihre Vorlieben, ihre Interessen, häufig auch nicht ihre Sprache. Fremd ist immer der Außenseiter, der sich Etablierten gegenübersieht.

Es ist daher häufig so, dass wir über das Zusammentreffen von Zuzüglern und Einheimischen emotional und kontrovers debattieren, weil Einheimische mit der Fremdheit fremdeln und die Kinder und Enkel von Zuwanderern in Loyalitätskonflikte mit ihren Eltern und Großeltern geraten. Unweigerlich sind beide Seiten berührt in ihrem Selbstverständnis, in ihrer Identität.

Ich teile weder die Auffassung der Gegner von Einwanderung, die vor allem auf Misslungenes verweisen, noch teile ich die Auffassung jener bedingungslosen Befürworter von Einwanderung, die Risiken und Gefahren ignorieren und sich die Integration schlicht schönreden. Ja, Einwanderung erweitert unseren Blick. Sie bringt aber auch Probleme mit sich. Einwanderung ist immer beides: Bereicherung und auch Belastung, Gewinn und auch Verlust. Vor allem aber ist sie ein langer Prozess, der sich über viele Jahre und bei genauer Betrachtung sogar über Generationen hinzieht. Vielleicht haben Politik und Medien aus guter Absicht vielfach übersehen, wie vielschichtig die Fakten sind. Aber nur wer der Realität umfassend Rechnung trägt, findet auch bei den skeptischen Menschen Gehör.

Wir sind spät dran mit unseren Diskussionen. Spätestens nach dem Anwerbestopp 1973, als die sogenannten Gastarbeiter ihre Familien nachholten, ist die Bundesrepublik Deutschland de facto doch ein Einwanderungsland geworden. Seitdem ist es keinesfalls mehr selbstverständlich, dass Nachbarn dieselben Erfahrungen und Erinnerungen, dieselben Traditionen und Sitten teilen. Heute sprechen einige Deutsche auch Sprachen, die andere Deutsche nicht verstehen, und sie feiern ihre Feste, während andere Deutsche zur Arbeit gehen.

Das sollten wir uns bewusst machen, bevor wir jemandem mit fremd klingendem Namen bescheinigen: "Sie sprechen aber sehr gut Deutsch!" – als sei das noch immer verwunderlich, noch immer ein Ausnahmefall, als sei Staatsbürgerschaft bei uns noch immer ethnisch und nicht republikanisch definiert. Was vielleicht als Lob gemeint war, kann dann wie Ignoranz und Ausgrenzung klingen.

Glücklicherweise hat Deutschland inzwischen genügend Menschen aus Einwandererfamilien, die selbstbewusst einfordern, als gleichberechtigte Bürger wahrgenommen zu werden. Und es gibt auch viele, die das nicht nur einfordern, sondern die das seit Jahr und Tag leben: Zugehörigkeit. Viele davon sind hier im Raum. Sie bekennen sich zu diesem Land, sind deutsche Staatsbürger und verstehen sich ganz selbstverständlich als Deutsche: als Bürger, die hier ihr Zuhause gefunden haben, aber die Wurzeln ihrer Familien in der Türkei, in Russland, in Polen, im Iran, dem Irak oder dem Libanon keineswegs verleugnen wollen. Wenn wir uns Integration wünschen, so müssen wir keineswegs Assimilation verlangen.

Menschen, die in zwei Kulturen zuhause sind, sind wichtig. Sie sind wichtig als Brückenbauer, die die Mehrheitsgesellschaft für Minderheiten sensibilisieren und umgekehrt jene Zugewanderten, die noch abseits stehen, an die Mehrheitsgesellschaft heranführen.

Enttäuschen wir also jene nicht, die sich dazugehörig fühlen und sich als Deutsche verstehen. Zusammen mit der Mehrheitsgesellschaft bilden sie das neue "Wir", die Gemeinschaft der Verschiedenen, die sich durch gemeinsame Werte verbunden weiß. Denn das ist die Voraussetzung, ohne die ein Zusammenleben nicht funktionieren kann: Unser Grundgesetz schützt alle Bürger in gleicher Weise, aber – es ist auch für alle Bürger in gleicher Weise verpflichtend.

Werben wir also für dieses demokratische System, das vielen der Hinzugekommenen zwar nicht vertraut war – und ist –, das den meisten aber größere Freiheiten und mehr Möglichkeiten zur Selbstverwirklichung bietet, als sie es in ihren Heimatländern jemals erwarten konnten. Statten wir also Sozialarbeiter, Lehrerinnen, Kindergärtnerinnen, Ausbilder mit Argumentationshilfen und Regeln aus, um Kinder und Jugendliche zu Demokraten zu erziehen. Dulden wir nicht – auch nicht, um tolerant zu erscheinen –, dass sich Leitbilder halten, die unseren Grundsätzen zuwider laufen. Vertreten und verteidigen wir das Recht auf freie Entfaltung des Individuums, die Meinungsfreiheit, die Gleichberechtigung von Frau und Mann, die sexuelle Selbstbestimmung und den säkularen Staat. Und lernen wir zu unterscheiden, was sofortigen Widerspruch und Grenzziehung erfordert und was vielleicht fremd sein mag, aber in einer offenen Gesellschaft dennoch toleriert werden sollte.

Pluralität von Lebens- und Glaubensformen will auf verschiedene Weise verteidigt werden. Wir haben dafür Sorge zu tragen, dass Migranten nicht missachtet, nicht verhöhnt oder gar fremdenfeindlich attackiert werden. Wir haben aber auch dafür Sorge zu tragen, dass sie nicht alleingelassen werden, wenn sie aus den Normen ihrer Herkunftsgemeinschaften auszubrechen versuchen und riskieren, aus dem Familienverband ausgestoßen zu werden, etwa wenn sie vor einer Zwangsverheiratung fliehen wollen. Und vor allem: Wir dürfen durch unser Desinteresse und unsere Zurückhaltung Islamisten und Terroristen nicht das Feld überlassen. Leisten wir stattdessen wirksame Prävention, indem wir Jugendlichen Sinn und Perspektive in diesem unserem Land aufweisen, damit Radikale erst gar keine Chance erhalten, Verunsicherte zu ködern!

Integration ist nicht nur eine große Herausforderung für die aufnehmende Gesellschaft, sie ist auch eine Herausforderung für die Hinzukommenden. Wohl kann der Staat viel tun, und das muss er auch, denn er muss ja Nachteile ausgleichen. Er kann Sprach- und Integrationskurse anbieten, die interkulturelle Kompetenz von Lehrern, Polizisten oder Verwaltungsmitarbeitern erhöhen, die Aufnahme von Migranten in den Arbeitsmarkt fördern, er kann den Besonderheiten von Religionsgemeinschaften Rechnung tragen, von Juden und Muslimen, Aleviten und Jesiden, von Buddhisten, Sikhs und Bahai. Aber letztlich hängt es vom Willen eines jeden Einwanderers ab, ob er Deutschland als sein neues Zuhause betrachtet, seine Rechte und Pflichten wahrnehmen und Teil dieser Gesellschaft werden will.

Lassen Sie mich ein Beispiel nennen, es gibt unzählige, auch hier aus dieser Stadt und aus diesem Land Hessen, das ist mir klar. Ich nehme eines aus einer anderen Region, das Beispiel von Nuray Çeşme, 40 Jahre alt. Sie wuchs in der Gegend von Neumünster auf, in der viele Türken leben. "Ich habe mich nie fremd gefühlt", erzählt sie. Denn sie hatte das Gefühl, in einem türkischen Dorf zu leben. In der Schule hielt sie sich an die türkischen Kinder und folgte den Traditionen aus dem Heimatland. Sie sprach, aß, dachte türkisch. Als ihre Familie beschloss, in Deutschland zu bleiben, sagte ihr Vater: "Misch Dich unter die Deutschen", und schickte sie, damals ungewöhnlich, auf eine Schule mit vielen deutschen Schülern. Und was geschah? Nuray Çeşme erlebte die Begegnung mit Deutschen wie Deutsche die Begegnung mit Türken: als Bereicherung und gleichzeitig als Belastung, als Gewinn und zugleich als Verlust – in der Bilanz jedoch als einen Schritt, der ihre Möglichkeiten unglaublich erweiterte, beruflich wie privat. Heute ist Nuray Çeşme Abteilungsleiterin in einem großen Hamburger Konzern und ermutigt andere, indem sie sagt: "Wer sich integrieren möchte, schafft es auch."

Viele haben es geschafft. Sie arbeiten als Verkäuferinnen, Polizisten, Geschäftsinhaber, Ärztinnen, Lehrer, Journalistinnen. Ihre Kinder besuchen zum Beispiel die Theodor-Heuss-Schule und wollen es ihnen gleichtun. Sie nehmen teil am gesellschaftlichen Leben, besitzen häufig die deutsche Staatsbürgerschaft und sind mit Menschen aus ganz unterschiedlichen Kulturkreisen befreundet – eine wunderbare Entwicklung.

Und deshalb ist es gut, dass ich heute hier bin. Weil ich hier bei Ihnen spüre, dass ich nicht nur theoretische Forderungen erhebe oder einen Problemhorizont errichte, vor dem wir erstarren müssen. Weil ich hier sprechen kann von dem, was Sie hier miteinander gestaltet haben – Sie, mit Ihren begrenzten Mitteln, nicht mit Mitteln anderer Kommunen, die im Geld schwimmen, sondern Sie mit Ihren Möglichkeiten und mit Ihren wunderbaren Lehrerinnen und Lehrern, mit Ihren sensiblen Verwaltungsbeamten, mit Ihrer sensiblen Presse. Ich weiß, dass ich zu "sensibel" immer noch etwas hinzusetzen könnte. Ich spreche hier heute über das Gelingen und über das Gelungene. Und deshalb bin ich ganz zuversichtlich, dass Sie hier in Offenbach die Dinge, die Ihnen noch als Last erscheinen, ebenfalls schaffen werden. Mein Besuch bei Ihnen soll Ihnen zeigen: An der Spitze des Staates wie in unseren großen gesellschaftlichen Gruppierungen, den Kirchen, den Gewerkschaften, den Parteien, gibt es überall Menschen, die solch aktives positives Gestalten der Gesellschaft zu honorieren wissen. Sie haben Verbündete.

Wir haben vorhin gehört, dass es immer auch einen Problemhorizont gibt. Auch ich habe es kurz angedeutet. Und wenn wir dabei einen bestimmten Sektor ansprechen, dann sollten wir das offen tun. Ich meine den Bildungssektor. Denn es gelingt ja nicht überall und immer so, wie wir das heute mit wunderbaren Schülern am Vormittag erlebt haben. Wir brauchen noch mehr Aufmerksamkeit für diejenigen, die abgehängt sind. Nicht nur, aber häufig sind in Zuwanderermilieus Kinder nicht dort, wo sie hingehören, nämlich auf einer guten Bahn, die nach oben führt, am besten in ein START-Stipendium, in dem es dann richtig intensiv mit einer Unterstützung losgeht, um ein berufliches Leben mit höchster Qualifikation zu erreichen. Ich habe mich gefreut, hier heute zwei Stipendiatinnen von START am Vormittag zu erleben. Aber Tatsache ist eben auch: Noch immer engagieren sich zu wenige unserer Zugewanderten in Parteien, Sportvereinen. Es ist schon ein wenig besser, aber im Elternbeirat und in den Gemeinde- und Stadträten, da kann noch mehr passieren. Dafür wollen wir alle miteinander werben. Und Sie, die Jugendlichen, haben dann auch die Aufgabe, bei Ihren Eltern mal anzuklopfen: Hör mal, ich bin hier Schulsprecherin oder Klassensprecherin, und was bist Du? Hast Du Dich aufstellen lassen für die Gemeindevertretung oder den Elternbeirat? Wir dürfen nicht dulden, dass das Leben vieler, noch zu vieler Eingewanderter abseits des Lebens der Mehrheitsgesellschaft und ohne Einfluss auf das politische Leben stattfindet.

Die Vor- und Nachteile von Parallelgesellschaften, sie sind bekannt. Und deshalb müssen wir aufpassen, dass wir nicht in unseren Kommunen diese Parallelgesellschaften haben, es gibt sie an wenigen Stellen. Ich spreche jetzt nicht über Offenbach. Zunächst ist es mit der Parallelgesellschaft so: Sie dient als Anlaufstelle für Ankommende, das ist auch hilfreich, wenn man ganz fremd ist. Man sucht dann Halt und Vertrauen. Und so eine Gruppe kann dann auch den Weg in die neue Gesellschaft ebnen helfen. Parallelgesellschaften können aber auch etwas anderes sein, nämlich wie eine Einbahnstraße wirken oder sich sogar als Sackgasse erweisen, wenn Einwanderer in der vertrauten Umgebung verharren und die Begegnung mit der Mehrheitsgesellschaft meiden. Und manchmal werden Parallelgesellschaften dann auch zu Orten, in denen sich Zuwanderer demonstrativ gegen die Gesetze und Regeln der Mehrheitsgesellschaft positionieren. Auch das müssen wir doch sehen. Oder manchmal sind sie Interessenvertreter ihrer Herkunftsländer und bringen die dortigen Spannungen mit hierher in die Mehrheitsgesellschaft und auch mit in ihre Migrantengruppe hinein, so dass Konflikte von anderswo sich plötzlich hier auf unserem Boden wiederholen.

Allen Zugewanderten und ihren Nachfahren, die hier in Deutschland sind und doch noch nicht ganz angekommen sind, möchte ich zurufen: Es ist verständlich, dass Sie Ihre Kultur und Ihre Religion weiter pflegen wollen und Sie die Geschicke Ihrer Herkunftsländer weiter berühren – bitte, das soll auch so bleiben. Aber vergessen Sie nicht: Wenn Ihre Zukunft und die Zukunft Ihrer Kinder hier in Deutschland liegt, dann mischen Sie sich bitte hier ein und gestalten Sie dieses Land mit – zu unserem gemeinsamen Besten.

Gewiss: Migranten werden in unserer Gesellschaft oft noch diskriminiert. Aber: Wenn sich Eingewanderte vor allem als Opfer von Diskriminierung und Rassismus sehen, bringen sie sich selbst um die Entfaltung ihrer Potenziale.

Zurück zu den Problemen, ein Beispiel: Der Islam ist bei uns manchen pauschalen Verdächtigungen ausgesetzt. Das ist nicht hinnehmbar. Vernünftige Menschen akzeptieren das nicht. Aber wenn einige Migranten etwa schon eine historisch-kritische Auslegung des Korans als islam- oder ausländerfeindlich abwehren, dann wird der Prozess der Gewinnung eines gemeinsamen "Wir" definitiv auch nicht gefördert.

Ganz deutlich ist: Wir brauchen mehr Begegnungen in diesen Debattenbereichen, an diesen Reibungsflächen zwischen den alten und den neuen Deutschen. Wir müssen mehr miteinander reden, aber auch mehr miteinander tun, miteinander arbeiten, miteinander gestalten. Wir müssen auf allen Seiten die Anstrengungen erhöhen, damit dieses Land ein liebens- und lebenswerter Ort für uns alle bleibt.

Die entscheidende Trennlinie in unserem Land verläuft nämlich nicht zwischen alten und neuen Deutschen, zwischen Einheimischen und Zugewanderten, auch nicht zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen. Die entscheidende Trennlinie verläuft zwischen Demokraten und Nicht-Demokraten, zwischen jenen, die eine offene und demokratische Gesellschaft verteidigen wollen und werden, und jenen, die die Meinungsfreiheit nur ausnutzen, um Zwietracht, Hass und Gewalt zu säen.

Vergessen wir eines nicht: Nicht die Herkunft zählt, sondern die Haltung.

So stelle ich mir das Deutschland der Zukunft vor: Deutsche mit und ohne Zuwanderungsgeschichte – gemeinsam in der Bekämpfung von Extremismus, Nationalismus und Terrorismus, gemeinsam im Engagement für soziale Gerechtigkeit und Solidarität, gemeinsam in der Verteidigung von Demokratie und Menschenrechten, gegen innere wie äußere Feinde, gemeinsam als Bürger in unserem Land, gemeinsam für unser Land.