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Verdienstordensverleihung zum Tag des Ehrenamtes

Bundespräsident Joachim Gauck hält eine Ansprache im Großen Saal bei der Verleihung des Verdienstordens zum Tag des Ehrenamtes in Schloss Bellevue Schloss Bellevue , 5. Dezember 2016 Verleihung des Verdienstordens zum Tag des Ehrenamtes – Ansprache im Großen Saal © Henning Schacht

Wie schön, Sie hier und heute im Schloss Bellevue zu sehen. Heute ist einer dieser leuchtenden Tage, der Tag des Ehrenamts, an dem wir Sie auszeichnen. An diesen Tagen scheint es mir, als sei dieses Land durchzogen von einem Netzwerk derer, die es schöner machen.

Weil wir immer fort so viel Mühe damit haben, all das zu benennen und zu beklagen, was nicht funktioniert – auch das muss ja sein –, nehmen wir diese positiven Netzwerke zu wenig wahr: das Strahlende, das Stabile, das Gute, das Demokratische, das Solidarische, das Künstlerische. Und darum dürfen Sie diese heutige Versammlung, die zu Ihren Ehren, liebe Ordensträgerinnen und Ordensträger, ausgerichtet wird, auch als etwas nehmen, das wie ein Ausrufungszeichen mitten hinein in unsere politische Kultur gesetzt werden soll. Sie alle machen das Land schöner, weil sie es beschenken. Und Sie haben auch mir, als Repräsentant dieses schönen Landes, ein Geschenk gemacht.

Sie leben und zeigen, wie viel Vertrauen wir in diese Gesellschaft setzen können. Sie leben und zeigen, was die Kraft und die Entschlossenheit bewirken können, Dinge zum Besseren zu wenden. Und Sie sind es, die uns immer wieder bewusst machen, dass Zusammenleben dann gelingt, wenn wir einander zugewandt sind. Vielleicht ist ja in diesem Gestus der ganze Kern eines guten menschlichen Zusammenlebens benannt und gefunden. Und die Veranstaltung heute will Ihnen eben dafür danke sagen.

Wer in der Broschüre, die es zu dieser Feierstunde gibt, nachliest, warum Sie – 13 Frauen und elf Männer – den Verdienstorden erhalten, der ahnt, was Sie leisten. Und ich sage bewusst "ahnt", denn die vielen, vielen Stunden, die Tage und Jahre Ihres Engagements, die Energie und die Kraft, die Sie dafür aufgewendet haben und aufwenden, das vermögen wir ja nur sehr verkürzt abzubilden.

Aber ich erlebe oft, wie Gemeinsinn Gutes bewirkt, denn ich treffe sehr, sehr viele Menschen, die unsere Gesellschaft besser und schöner machen, indem sie sich einfach zuständig fühlen – ohne dass ihnen das einer gesagt hätte. Zuständig für Hilfe und Anteilnahme, für Toleranz, für Verständigung, für Versöhnung, zuständig manchmal auch dafür, neue Wege zu weisen oder Talente zu fördern oder künftigen Generationen ein gutes Leben zu ermöglichen.

Auch Sie, meine Damen und Herren, übernehmen mit Ihrem vielfältigen ehrenamtlichen Engagement auf ganz unterschiedliche Weise Verantwortung. Manche von Ihnen engagieren sich in der Freiwilligen Feuerwehr oder für Schüler, die forschen wollen. Andere für das Handwerk oder das Unternehmertum, etwa durch Hilfen für junge Existenzgründerinnen. Oder Sie machen sich durch Ihre kommunalpolitische Arbeit um das Gemeinwohl verdient, auch durch den Einsatz für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Ebenso kann eine Begegnungsstätte zur Völkerverständigung zum Lebensprojekt werden. Und sehr häufig sind es die Bedürfnisse jüngerer, schutzbedürftiger, schwächerer oder behinderter Menschen, die bei Ihnen den Wunsch geweckt haben, ehrenamtlich aktiv zu werden. Dank Ihrer Entschlossenheit zu helfen, sind Verbände, Vereine, sind Stiftungen gewachsen. Wie bei einem Stein, den man ins Wasser wirft, hat Ihr Engagement Kreise gezogen. Manches, was Sie in jungen Jahren vor der Haustür begonnen haben, das ist inzwischen überregional, national oder sogar grenzüberschreitend weiter vorangetrieben worden. So sind Netze verantwortungsvollen Miteinanders entstanden. Und viele von Ihnen sind gleich in mehreren Bereichen aktiv: Sie verbinden zum Beispiel Umwelt- und Naturschutz oder Musik und Kunst mit Jugendarbeit, mit der Hilfe für Flüchtlinge und dem Werben für ein tolerantes Miteinander.

Überhaupt bewundere ich, mit wie viel Phantasie und Tatkraft Sie verschiedensten Menschen signalisieren: Ihr gehört dazu! Wie es euch ergeht, was ihr euch erhofft, das ist uns, so Ihre Überzeugung, das ist uns, den Ehrenamtlichen, wichtig.

Sie machen also das Schicksal anderer zu Ihrem persönlichen Anliegen. Und diese Haltung ist es, die unser aller Achtung und Wertschätzung verdient. Wir freuen uns natürlich auch, wenn sich prominente Menschen ehrenamtlich engagieren und ihre Bekanntheit für gute Zwecke nutzen – etwa, wenn ein bekannter Name, eine beliebte Stimme um Aufmerksamkeit und Unterstützung für kranke oder für schwächere Menschen werben.

Sie alle, die Ehrenamtlichen hier im Saal wie draußen im Lande, schaffen gemeinsam etwas, das für den Zusammenhalt unserer freiheitlichen Gesellschaft ganz unverzichtbar ist. Sie knüpfen ein Band des Vertrauens. Sie geben der Solidargemeinschaft ein Gesicht, indem Sie anderen zur Seite stehen, sei es bei Unglücksfällen oder bei Krankheit, sei es auf dem Sportplatz, sei es bei der Betreuung von Flüchtlingen oder beim Anti-Mobbing-Training an Schulen. Und wer in Ihren Biographien nachliest, liebe Ehrenamtliche, der weiß, bei vielen von Ihnen gibt es enge Verbindungen zwischen dem, was Sie für andere tun, und dem, was Ihr persönliches Leben einmal geprägt hat. Auch das schafft ja Vertrauen.

Wo Menschen spüren, da ist jemand, der Anteil nimmt und sich kümmert, da gedeihen auch Zuversicht und das Bewusstsein für die eigenen Fähigkeiten und für die eigenen Talente. Indem Sie Menschen Mut machen und bestärken, geben Sie ihnen etwas, das ganz unerlässlich ist für ein vertrauensvolles Miteinander: Selbstvertrauen. Und wer sich selbst etwas zutraut, der kann wiederum anderen helfen, Kräfte zu mobilisieren.

Damit sich Bürgerinnen und Bürger ehrenamtlich engagieren, brauchen wir aber auch gute Rahmenbedingungen. Deshalb möchte ich mich heute auch herzlich bei jenen bedanken, die sich für die Ehrenamtlichen und für das Ehrenamt und damit für die ganze Gesellschaft stark machen.

Diesen Dank möchte ich mit einer Bitte verknüpfen, an Sie alle, die Sie hier im Saal versammelt sind: Helfen Sie uns, Menschen zu ehren, die sich seit Jahren, oft Jahrzehnten für das Gemeinwohl engagieren. Denn jeder kann Kandidatinnen und Kandidaten für den Verdienstorden vorschlagen. Wer wüsste besser, als die Menschen vor Ort, wer sich ehrenamtlich engagiert? Manchmal allerdings verstellt die Gewöhnung den Blick darauf, wie viele Jahre jemand schon für andere da ist. Aufmerksamkeit für dieses Engagement ist eine Form der Wertschätzung, die jeder geben kann.

Als Zeichen meiner Hochachtung und der Wertschätzung durch unser Land, aber auch als Zeichen des Dankes, liebe Ehrengäste, werde ich Ihnen jetzt den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland überreichen.