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Podiumsdiskussion "Vereint und doch getrennt? Die Einheit Europas und das Erbe der Geschichte" im Rahmen der Veranstaltungsreihe "Vergangenheit erinnern – Demokratie gestalten"

Bundespräsident Joachim Gauck eröffnet die Podiumsdiskussion 'Vereint und doch getrennt? Die Einheit Europas und das Erbe der Geschichte' mit einer Rede im Großen Saal von Schloss Bellevue Schloss Bellevue, 7. Dezember 2016 Podiumsdiskussion "Vereint und doch getrennt? Die Einheit Europas und das Erbe der Geschichte" – Eröffnungsrede im Großen Saal © Guido Bergmann

Herzlich willkommen hier im Schloss Bellevue und wo immer Sie uns gerade zuhören!

Ich begrüße Sie zu einer weiteren Veranstaltung gemeinsam mit der Stiftung Aufarbeitung der SED-Diktatur. Es ist die sechste Gesprächsrunde unserer Reihe "Vergangenheit erinnern – Demokratie gestalten". Mit diesem Titel ist zugleich ein Anspruch formuliert: Erinnerung und Aufarbeitung der Geschichte, sie müssen verbunden sein mit dem Streiten für die Demokratie. Heute nun wollen wir darüber sprechen, wie beides im geeinten Europa zusammenhängt. Denn: Wie wir uns erinnern und was wir erinnern, das hat Einfluss auf hier und heute, auf unser Verständnis der Demokratie und auch darauf, wie wir die Demokratie gestalten wollen.

Bevor wir dieses Thema vertiefen, möchte ich vier Gäste begrüßen, die während der Friedlichen Revolution und bei der Demokratisierung der DDR einen wichtigen Beitrag geleistet haben, auch wenn dieser Beitrag mitunter ein wenig in Vergessenheit gerät. Als Minister ohne Geschäftsbereich traten diese Menschen im Januar 1990 in die DDR-Regierung ein. Wenn wir uns erinnern: die Regierung wurde damals noch von der SED geführt, bis dann schließlich im März freie Wahlen möglich wurden, und von dieser Zeit an beeinflussten nun erstmals acht Vertreter der neuen Oppositionsgruppen unmittelbar die Regierungsgeschäfte. Und von ihnen sind heute unter uns: Tatjana Böhm, Gerd Poppe, Klaus Schlüter und Rainer Eppelmann.

Liebe junge Gäste hier im Saal, wenn Sie schon immer mal mit echten Revolutionären sprechen wollten – heute haben Sie hier die Gelegenheit. Der Vorteil dieser Revolutionäre ist übrigens, dass sie nicht – wie andere – später Diktatoren wurden. Sowas gab es auch des Öfteren.

In der Veranstaltungsreihe, die wir heute beschließen, haben wir über Gerechtigkeit und Rechtsstaat gesprochen, über den Wandel von der Planwirtschaft zur Marktwirtschaft, über die unterschiedlichen Lebenserfahrungen in Ost und West. Und als wir uns vor vier Jahren erstmals hier im Schloss Bellevue trafen, stand der Blick von "außen" auf das wiedervereinigte Deutschland im Mittelpunkt. Damals fragten wir: "Was ist typisch deutsch?"

Heute wechseln wir die Perspektive und wollen auf Europa schauen. Ausgehend von den Freiheitsrevolutionen von 1989 wollen wir fragen: Welche Nachwirkungen auf die aktuelle europäische Politik haben die unterschiedlichen historischen Entwicklungen in Ost und West vor und nach 1989? Inwiefern prägt uns die ganz unterschiedlich erlebte und gedeutete Geschichte des 20. Jahrhunderts eigentlich noch immer? Und wie kann ein tieferes Verständnis dieser Prägungen dazu beitragen, die aktuellen Herausforderungen Europas besser zu verstehen und gemeinsam zu meistern?

Trotz all der Fragen, die wir uns gerade in diesen Tagen über die Zukunft unseres Kontinents stellen, sollten wir doch wissen: Europa gründet auf einer gemeinsamen Erfahrung und auch auf einer gemeinsamen Hoffnung – auf der Erfahrung zweier schrecklicher Weltkriege und auf der Hoffnung, dass mit dem Friedensprojekt der Europäischen Union Krieg und Gewalt der Vergangenheit angehören mögen. Diese Hoffnung, sie erschien uns sogar wie eine Gewissheit. Der Widerstand gegen Totalitarismus und Gewaltherrschaft und das Bekenntnis zu Freiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit, das sind unsere gemeinsamen Fundamente. Und dies gilt heute von Lissabon bis Tallinn und strahlt auch noch darüber hinaus.

Damit dies möglich wurde, mussten die Menschen in Mittel- und Osteuropa ihre Freiheit jedoch erst erringen. Während der Westen Europas in weiten Teilen bereits seit der Nachkriegszeit am gemeinsamen und freien Europa bauen konnte, wirkte der Zweite Weltkrieg in Mittel- und Osteuropa lange nach: Kommunismus, Überwachung und Unterdrückung, auch die spürbaren Folgen der Mangelwirtschaft – das war Alltag und das konnte erst ab 1989 endgültig überwunden werden.

Die Menschen erkämpften sich Freiheit, Demokratie, Menschenrechte. Und sie gewannen die Möglichkeit, erstmals seit Generationen übrigens, sich frei von staatlicher Bevormundung und Propaganda mit ihrer Geschichte auseinanderzusetzen, auf neue Weise. Das war zunächst noch ein Akt des Widerstands, später ein Ausdruck der neu gewonnenen Freiheit. Denken wir einmal an ein ganz bestimmtes Datum für den Osten. Es war der 23. August 1989, ein frühes, eindrückliches Beispiel für Aufbegehren: Mehr als eine Millionen Menschen bildeten an diesem Tag eine Kette, 600 Kilometer lang, von Tallinn über Riga bis nach Vilnius. Sie demonstrierten ihren Freiheitswillen und erinnerten gleichzeitig an den 50. Jahrestag des Hitler-Stalin-Pakts, der ihnen Unfreiheit und Unterdrückung gebracht hatte. Ein Datum, das vielen Menschen im Westen Europas überhaupt nichts mehr sagt.

Ende 1989 und danach entstanden dann an ungezählten Orten zivilgesellschaftliche Initiativen, die nun endlich frei und eigenständig erinnern und gedenken wollten. Es entwickelte sich ein vielfältiges öffentliches Gedenken an Ereignisse, die für so lange Zeit aus dem kulturellen Gedächtnis herausgedrängt worden waren. Und es gab geradezu eine Euphorie des Dialogs, der Versöhnung, der Erinnerung.

Wir müssen aber auch festhalten, dass die neue, plurale Erinnerung zugleich Raum eröffnete für nationalistische Strömungen. Was zunächst überwunden schien, das ist heute wieder eine einflussreiche politische Kraft, im Osten wie im Westen Europas, und stellt damit eine Herausforderung für die europäische Einigung dar.

Das Epochenjahr 1989/90 wirkt also in vielfältiger Weise nach. Oftmals scheint es den Menschen in Westeuropa nicht bewusst zu sein, wie präsent die Folgen des Zweiten Weltkrieges und der Jahrzehnte der kommunistischen Herrschaft in vielen Ländern Mittel- und Osteuropas immer noch sind. Es ist keine Charaktermauer, die die Menschen im alten Osten und im Westen voneinander trennten, sondern es sind Jahrzehnte ganz unterschiedlicher Lebensmöglichkeiten. Es sind quasi unterschiedliche Trainingsfelder, auf denen sich Eigenheiten und Mentalitäten unterschiedlich ausgebildet haben. Und das ist nicht in einer Generation zu überwinden, sondern das können wir an vielen Stellen immer noch sehen. Und deshalb ist es so wichtig, dass wir uns unsere unterschiedlichen Erinnerungen bewusst machen, sie erzählen, sie dann aber auch verbinden mit dem Wissen der Historiker, unsere Erinnerungen abgleichen mit ihren Forschungen und so eine Vielfältigkeit erkennen, die wir dann auch rational erfassen können. Es gibt dafür konkrete Ansätze auch in unserem Tun wie etwa gemeinsame Schulbuchkommissionen oder grenzüberschreitende Gedenkinitiativen. Aber was können wir darüber hinaus tun, um gerade in der Vielfalt dennoch das Gemeinsame zu sehen? Was können engagierte Europäer unternehmen, um Zusammenhalt und europäisches Denken zu fördern? Und gerade in diesen Monaten werden wir darauf zu achten haben. Denn überall sehen wir Zweifel am europäischen Einigungsprozess und renationalisierende Tendenzen, die eigentlich kein schönes Zukunftsbild eröffnen, aber den Menschen suggerieren: Mit unserer Vorstellung von der Nation seid ihr besser bedient als mit euren europäischen Gedanken und Träumen und Entwicklungen.

Um uns diesen Fragen anzunähern, wollen wir nun heute gemeinsam mit unseren Gesprächsgästen die Vielfalt der Erinnerungen in Europa ergründen und ihre Konsequenzen für die europäische Einigung verstehen oder doch zumindest in einigen Facetten beschreiben. Ein hoher Anspruch, das gebe ich gerne zu. Aber wir haben so tolle Fachleute hier, dass wir tatsächlich heute Vormittag eine Ernte einfahren werden. Und die Menschen, über deren Anwesenheit und Mitwirkung ich mich sehr freue, das sind Adam Krzemiński, Neil MacGregor, Werner Schulz, Katja Petrowskaja und unsere Moderatorin Sabine Adler, die diese wunderbaren Gesprächspartner für uns ganz speziell aufschließen wird.

Das geeinte Europa ist keine Laune der Geschichte. Es ist vielmehr die Institution gewordene Lehre aus der Geschichte. Deshalb danke ich Ihnen, liebe Gäste, dass Sie sich mit Europa und seiner Vergangenheit auseinandersetzen und ich bin gespannt auf unseren Austausch im Anschluss an die Podiumsdiskussion. Ich danke nun zum Abschluss ganz herzlich der Stiftung Aufarbeitung für die gute Zusammenarbeit in den vergangenen Jahren und für ihren kontinuierlichen Einsatz für Erinnerung und Demokratie.

Und nun wünsche ich allen anregende Stunden.