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Festakt zur Eröffnung der Elbphilharmonie

Bundespräsident Joachim Gauck hält eine Ansprache im Großen Saal der Elbphilharmonie anlässlich des Festakts zur der Eröffnung in Hamburg Hamburg, 11. Januar 2017 Festakt zur Eröffnung der Elbphilharmonie – Ansprache im Großen Saal © Jesco Denzel

Wie schön, heute hier bei Ihnen zu sein, hier in Hamburg. Die Bürger dieser Stadt, aber auch viele Menschen in ganz Deutschland, sie haben lange auf diesen Moment gewartet. Und jetzt, wo er endlich da ist, da sind wir erst einmal überwältigt. So ging es mir jedenfalls, als ich hier hereingekommen bin. Was für ein Raum, der die Musik so eindrucksvoll in die Mitte rückt. Was für ein wunderbarer Klang, hier in diesem Amphitheater der Tonkunst. Ich freue mich wirklich, dieses Haus, die Elbphilharmonie, gemeinsam mit Ihnen eröffnen zu können.

Felix Mendelssohn Bartholdy, der große Sohn dieser Stadt, dessen Ouvertüre zu Ruy Blas wir gleich noch hören werden, war zwölf Jahre alt, als er das erste Mal zu Goethe nach Weimar reiste. Tief beeindruckt von der Begegnung, schrieb er einen Brief nach Hause, um seiner Familie Bericht zu erstatten. Er begann mit den Worten:

"Jetzt hört alle, alle zu."

Es ist dieser Satz, den heute Abend auch die Elbphilharmonie den Hamburgerinnen und Hamburgern zuzurufen scheint – stolz und feierlich, aufgekratzt und charmant, gebieterisch und verlockend zugleich. So als wollte sie nach all den Jahren des Bauens endlich zeigen, was in ihr steckt:

"Jetzt hört alle, alle zu."

Denn wir eröffnen heute Abend ja ein Haus, das schon eine lange Geschichte hat. Die Elbphilharmonie, sie galt als Traum und als Alptraum, als Weltstar und als Witz, als Blamage und als Wunder. Was ist über dieses Haus schon alles gesagt und geschrieben worden. Was wurde schon alles hineingedeutet in den roten Backsteinsockel und den darüber schwebenden Glaskristall. Dieses Haus hat starke, auch ambivalente Gefühle ausgelöst, bevor überhaupt der erste Ton erklingen konnte.

Und trotzdem: Die Elbphilharmonie hat sich ihre Anziehungskraft bewahrt, und sie vergrößert sie mit jedem Tag. Sie lebt auch vom Zauber der Gegensätze, von der ästhetischen Spannung, aus der immer wieder Neues hervorgehen kann. Hafen und Stadt, Berg und Meer, Tradition und Moderne, Kunst und Kommerz – all diese Kontraste leben in ihr und mit ihr. Es ist ein einzigartiges Haus, dieses Haus im Fluss, das nun entdeckt und mit Leben gefüllt werden will.

Der Bürgermeister hat gerade ausgeführt, was die Elbphilharmonie für seine Stadt bedeutet, und der Architekt wird uns gleich in die Geheimnisse seines Bauwerks einweihen. Mir geht es darum, Ihnen kurz zu schildern, was ich mit diesem Haus verbinde, als Bürger dieses Landes und als Bundespräsident.

Die Elbphilharmonie, sie steht für mich zunächst einmal für bürgerschaftliches Engagement. Denn dass es dieses Haus gibt, das haben wir einer privaten Idee und einer privaten Initiative zu verdanken. Wir haben es auch hunderten von Bürgerinnen und Bürgern zu verdanken, die den Bau und den Spielbetrieb mit ihren Spenden unterstützt haben. Einige von ihnen kenne ich, ich sehe sie vor mir. Viele von ihnen kenne ich nicht, und ich fühle mich ihnen in gleicher Weise verbunden. Ich freue mich so sehr über dieses Engagement, denn es bringt doch eine Haltung zum Ausdruck, die in der Freien und Hansestadt Hamburg eine lange Tradition hat und im Humanismus der Aufklärung wurzelt. Es ist dieser Bürgersinn, den wir heute so dringend brauchen wie je, wenn wir Zukunft gemeinsam gestalten wollen, in dieser Stadt, in unserem Land und im vereinten Europa.

Es ist wichtig, dass dieser Bürgersinn auch so etwas wie Feiertage hat. Und der heutige Tag ist so ein Feiertag. Er erinnert uns nicht nur daran, dass aus der Mitte der Bürgerschaft ein so gewaltiges und schönes Werk zur Freude der Menschen erwachsen ist. Er erinnert uns auch daran, dass in diesem Land überall Menschen aktiv sind, die mit Zeit, Geld und Engagement ein Netzwerk der Guten und Verlässlichen schaffen. Diese Menschen machen unser Land schön, und deshalb feiern wir Sie, meine Damen und Herren, die Sie diese Ideen gehabt haben, die gespendet, mitgebaut und das Ganze mitgetragen haben. Danke!

Die Elbphilharmonie ist für mich auch ein Bau, der unserer offenen Gesellschaft entspricht. Ihre Architektur führt Unterschiedliches zusammen, ohne es gleichmachen zu wollen. Dafür steht die Plaza als Ort der Begegnung, der für alle zugänglich ist. Dafür steht aber auch dieser Saal, in dem niemand zurückgesetzt wird und dessen "Weiße Haut" aus lauter Unikaten zusammengefügt ist. Hier rücken wir näher zusammen, fühlen uns geborgen in der Gemeinschaft, ohne uns in der Masse zu verlieren. Hier erleben wir ein Miteinander, ohne unsere Individualität aufgeben zu müssen. So erfahren wir, alle zusammen und jeder für sich allein, die verbindende Kraft der Musik.

Die Elbphilharmonie als ein Haus für alle – das ist ein großes Versprechen, an das sich auch viele Erwartungen knüpfen. Es ist nun an Ihnen hier in Hamburg, diese Herausforderung anzunehmen und die guten Ideen in die Tat umzusetzen.

Wir wissen: Das Publikum in den deutschen Konzertsälen ist meist gebildet, gut situiert und oft schon ein wenig älter. Es repräsentiert nur einen kleinen Teil unserer deutschen Gesellschaft. Um mehr Vielfalt in die Säle zu holen, muss es deshalb gelingen, auch Menschen zu erreichen, die bislang nicht in Konzerte gehen. Und es muss gelingen, junge Menschen für klassische Musik zu begeistern. Das ist ein Gebot der Gerechtigkeit, weil neue Konzertsäle ja nicht nur dadurch entstanden sind, dass es Sponsoren und großherzige Mäzene gibt, sondern da gibt es auch noch die öffentliche Hand mit dem Steuerzahler, und da ist auch einiges verbaut worden, wie hier in Hamburg jeder weiß. Darüber hinaus könnte man es als ein Gebot der Zukunft ansehen, den Wert der klassischen Musik auch dadurch zu bewahren, dass wir neue Menschengruppen, neue Teile der Bevölkerung einladen, hier heimisch zu werden. Wollen wir mal sehen, ob das klappt, liebe Hamburger.

Die Elbphilharmonie kann dazu nun einen Beitrag leisten. Ihre Popularität und ihre Anziehungskraft sind eine große Chance, mehr Menschen für klassische Musik zu gewinnen. Sie in Hamburg haben das natürlich längst erkannt, das weiß ich, und Sie haben auch schon viel auf den Weg gebracht – ich denke nur an das beeindruckende Konzertprogramm und an die vielen Angebote zur Vermittlung von Musik. Es ist Ihnen schon jetzt gelungen, die Musikszene der Stadt zu beleben und zu bereichern. Ich möchte Sie ermuntern: Behalten Sie bitte Ihren Schwung! Nutzen Sie die Möglichkeiten, die dieses Haus Ihnen bietet. Dann kann aus der Elbphilharmonie werden, was viele Hamburger sich wünschen: das Wahrzeichen einer weltoffenen, vielfältigen Metropole und ein Juwel der Kulturnation Deutschland.

Was wir aus der Baugeschichte der Elbphilharmonie lernen können, ist dies: Manchmal muss man sehr wohl ein Wagnis eingehen und auch Widerstände überwinden, um einer guten Idee zur Wirklichkeit zu verhelfen. Baukunst entsteht mitunter anders als geplant. Visionäre Projekte bergen auch etwas Unberechenbares. Das heißt allerdings nicht, dass man über ein großartiges Ergebnis die Fehler und Versäumnisse bei der Planung und während des Baus gänzlich vergessen darf, das wollen wir jedenfalls nicht tun. Wir wollen wenigstens, dass unsere Beamten sich das merken. Gerade wer den Mut hat, Neues, Unerprobtes zu schaffen, muss sich, wenn Steuergeld im Spiel ist, rechtzeitig Gedanken machen, wie Risiken einzuhegen sind. Und, meine Damen und Herren, Sie kennen mich, ich bin niemand, der das Risiko scheut, aber manche Risiken kann man eben auch kalkulieren.

Jetzt geht’s aber weiter mit Freude: Sie haben sich hier in Hamburg etwas zugemutet. Sie haben etwas Großartiges geleistet. Und Sie haben etwas fertiggebracht. Auf das Ergebnis können Sie gemeinsam stolz sein. Ich wünsche Ihnen, dass die Elbphilharmonie ein Ort wird, an dem sich die Vielen begegnen, an dem Gegensätze zusammenfinden und Neues entsteht. Ein Ort, an dem die verbindende, inspirierende und beglückende Kraft der Musik für alle spürbar wird, über Grenzen hinweg. Und wir wissen es, manchmal vollbringt sie Wunder. Dieses unglaublich schöne Haus, es ist auch eine Verpflichtung. Machen Sie nun gemeinsam das Beste daraus.