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Staatsakt zum Tod von Bundespräsident a. D. Roman Herzog

Bundespräsident Joachim Gauck hält eine Ansprache im Berliner Dom anlässlich des Trauerstaatsakts für Bundespräsident a. D. Roman Herzog in Berlin Berlin, 24. Januar 2017 Trauerstaatsakt für Bundespräsident a. D. Roman Herzog – Ansprache im Berliner Dom © Steffen Kugler

Wir trauern um Bundespräsident Roman Herzog und nehmen hier im Berliner Dom gemeinsam von ihm Abschied. Auch wenn er sich in allen öffentlichen Ämtern, die er innehatte, um unser Land verdient gemacht hat, ist er wohl den meisten von uns durch sein Wirken als Bundespräsident im Gedächtnis geblieben. In diesem Amt hat er nicht nur Anerkennung und Respekt gewonnen. Die Bürgerinnen und Bürger unseres Landes haben ihm, je länger er es ausübte, auch große Sympathie, ja Zuneigung entgegengebracht.

Es hat uns Deutschen gutgetan, dass mit ihm jemand Bundespräsident war, dem jeder Pomp, jeder Überschwang, auch jede devote Staats- und Autoritätsgläubigkeit so erkennbar fremd war. Es nimmt dem Amt, so konnte man es bei Roman Herzog sehen, nichts von seiner Würde und Ausstrahlung, wenn man es mit Gelassenheit, mit Distanz und auch mit gelegentlicher Selbstironie ausfüllt.

Ja, Roman Herzog konnte einen auf eine schwer zu beschreibende Art fast vergessen lassen, dass er sich an klaren Werten orientierte und politisch und ethisch einen sicheren Kompass hatte. Landsmannschaftlich war er ja eindeutig zuzuordnen. Seine bayerische Herkunft hat er uns auch nicht verborgen, vielmehr trug ihm seine deutliche Sprachfärbung, so meinte er selber, schon vor jeder eigenen Leistung herzliche Sympathie ein: "Wenn ich nur den Mund aufmache, denken die Leute schon, sie sind im Urlaub."

Vielleicht steckt ja in jedem Bayern, in diesem aber ganz bestimmt, eine gute Portion Karl Valentin. Dafür spricht, dass Roman Herzogs unbändige Spottlust, die er selber unumwunden eingestand, nie Schwächere oder Abhängige traf. Er konnte aber einfach nicht anders, als aus allem allzu Aufgeblasenen die Luft herauszulassen. Eine solche Haltung hat wohl nur jemand, der genau und scharf unterscheiden kann zwischen dem, was wirklich wertvoll und wichtig ist und was nicht. Auch deswegen hat uns diese Präsidentschaft so gutgetan.

Mit Roman Herzog habe ich nun, nach Richard von Weizsäcker und Walter Scheel, zum dritten Mal in meiner Amtszeit die traurige Pflicht, einen Vorgänger im Amt aus unserer Mitte zu verabschieden. Es scheint, als seien diese Abschiede auch so etwas wie endgültige Abschiede von der alten Bundesrepublik.

Roman Herzog war in besonderer Weise ein Präsident des Übergangs: Er wurde zwar schon gewählt im vereinigten Deutschland, aber erst in seine Amtszeit fiel dann der Hauptstadtumzug nach Berlin. Den größten Teil seiner Amtsgeschäfte erledigte er noch in der Villa Hammerschmidt in Bonn.

Aber schon bevor der Bundespräsident mit dem Bundespräsidialamt den Umzug endgültig vollzog, wollte Bundespräsident Herzog Berlin als Hauptstadt und das Schloss Bellevue den Bürgerinnen und Bürgern ins Bewusstsein bringen. Viele Veranstaltungen, die auch im Fernsehen übertragen wurden, wie zum Beispiel "Bei Roman Herzog im Bellevue", bei denen er mit Gästen diskutierte, sollten zeigen, dass sich die deutsche Einheit nun auch sichtbar in Berlin am neuen ersten Amtssitz des Bundespräsidenten verwirklichte.

Das Schloss Bellevue war auch der Ort, an dem die First Lady, Christiane Herzog, ihre Sendungen "Zu Gast bei Christiane Herzog" produzierte. Auch so kam das Schloss Bellevue ins Bewusstsein der Öffentlichkeit – und die Bürgerinnen und Bürger lernten eine Präsidentengattin kennen, die ihre prominenten Gäste mit großer Bestimmtheit kochen lehrte. Mit der gleichen Entschiedenheit setzte sie sich in ihren verschiedensten Ehrenämtern ein, ganz besonders leidenschaftlich für die Menschen, die unter Mukoviszidose leiden, einer immer noch unheilbaren Krankheit, von der die meisten von uns vor Christiane Herzogs Engagement noch nie etwas gehört hatten. Die von ihr gegründete Stiftung tut immer noch viel Gutes für die jungen Betroffenen. Christiane Herzog hat ihren Mann unterstützt und ergänzt – ohne sie wäre seine so bürgernahe Amtszeit nicht denkbar gewesen. Als sie im Jahre 2000 starb, waren die Menschen in unserem Land traurig, aber auch dankbar für ihr Wirken. Ich weiß, Frau von Berlichingen, dass Sie mit diesem Ehepaar Herzog vor Ihrer Zeit in tiefer Freundschaft verbunden waren und dass Ihre Trauer damals auch sehr groß war.

Dann traten Sie, nicht nur als Freundin der Familie, sondern als Partnerin in sein Leben. Sie haben geheiratet und ihm damit eine erneute wunderbare Geborgenheit und Heimat geschenkt. Alle Menschen, die sich ihm nahe fühlten, haben sich über diese Ehe gefreut. Wir danken Ihnen, liebe Frau von Berlichingen, in dieser Stunde für die vielen Jahre, die Sie mit Roman Herzog geteilt haben. Es waren Jahre, in denen er ja noch viele öffentliche Pflichten wahrgenommen hat, vor allem in der Europäischen Union. Sie waren ihm, in all dieser Zeit, eine verlässliche Stütze, und so dürfen Sie davon ausgehen, dass heute nicht nur die Menschen in diesem Raum, sondern im ganzen Land Ihnen zur Seite stehen wollen, in Ihrer Trauer und in Ihrem Schmerz.

Bundespräsident Roman Herzog lag besonders daran, uns allen Mut zu machen, neue Wege zu gehen. Er warb unermüdlich für Innovationen und Reformen, wo er sie für notwendig hielt. Er stieß in seinen Reden immer wieder Türen für neues Denken auf. Er konnte dabei sehr deutlich werden und ungewöhnlich klare Worte finden.

"Wahrheit und Klarheit" hatte er ja von Anfang an als Überschrift über seine Amtszeit gesetzt – und man kann sagen, dass er diesem Motto in den fünf Jahren treu geblieben ist. Am allermeisten ist uns allen natürlich im Gedächtnis, wie er in seiner berühmten "Berliner Rede" praktisch alle politischen und gesellschaftlichen Gruppen aufforderte, die allzu gewohnten Wege gründlich zu überdenken und, wo immer sinnvoll und möglich, sich auf neues und ungewohntes Terrain zu begeben. Der "Ruck" durch unser Land, den er von allen forderte, er ist ja sprichwörtlich geworden.

Roman Herzog hat aber nicht nur geredet und appelliert. Er hat auch einiges ins Leben gerufen, das weit über seine Amtszeit bis heute Bestand hat. Zum Beispiel – ganz auf der Linie seines Reformdiskurses – die Idee von der Einrichtung eines Deutschen Zukunftspreises des Bundespräsidenten. Jahr für Jahr werden durch ihn zukunftsträchtige Erfindungen und Techniken ins öffentliche Bewusstsein gebracht und gefördert. Er wusste, wie wichtig Gelingen für ein Land ist und wollte unsere Augen darauf lenken, dass wir ein Land des Gelingens sein können. Und auch noch etwas anderes, die Öffnung seines Amtssitzes für Gespräche und Diskussionsforen aller Art nämlich, so dass aus Schloss Bellevue eine geistige Werkstatt für die Zukunft des Landes entstand, das ist von seinen Nachfolgern dann auch auf je eigene Weise weitergeführt worden.

Aber Roman Herzog war natürlich sehr bewusst, dass man die Zukunft nur gewinnen und menschlich gestalten kann, wenn man weiß, woher man kommt und welche Geschichte unhintergehbare Voraussetzung unserer Gegenwart ist.

Auch die Auseinandersetzung mit der Geschichte hat er unter dem Motto "Wahrheit und Klarheit" geführt. Er wich keinem Thema aus und brachte deutlich und daher für alle verständlich zum Ausdruck, was seiner Meinung nach zu sagen war.

Das wurde schon bei seiner ersten Auslandsreise nach Warschau klar, wo er in unzweideutigen Formulierungen die deutsche Schuld gegenüber Polen beim Namen nannte und um Vergebung bat. Die meisten Beobachter waren sich einig, dass dieser Auftritt die wichtigste politische Tat seit Willy Brandts Kniefall für ein gutes und tragfähiges Verhältnis Deutschlands zu Polen war.

Unter den Reden zu Gedenktagen, in denen, jeweils fünfzig Jahre danach, deutsche Schuld und Last und deutsches Leid zu thematisieren waren, ragen die in Dresden und Bergen-Belsen heraus. In Dresden hat er vor allem zum Ausdruck gebracht, dass Schuld und Leid nicht miteinander verrechnet werden können. Und in Bergen-Belsen machte er deutlich, dass solches Gedenken nicht allein rückwärtsgewandt sein darf, sondern, dass aus der Geschichte Lehren für Gegenwart und Zukunft zu ziehen sind, dass man Anfängen wehren muss, wenn die Schrecken nicht mehr möglich werden sollen, derer man gedenkt.

Gerade in seiner nüchternen Art hat er die Köpfe und die Herzen erreicht. Man muss sich ja heute klarmachen, dass bei den Gedenktagen vor etwa zwanzig Jahren noch viele lebten, die einst selber Opfer, aber auch Täter waren, für die auf der einen Seite Schuld und auf der anderen Leid – oder beides unauflöslich miteinander vermischt – noch lebendige Erfahrung und eigene Erinnerung waren.

Wie sehr seine intellektuell unbestechliche und gleichzeitig moralisch gerechte Weise zu denken und zu sprechen, zu Besinnung und Verständigung beitrugen, zeigen seine beiden Reden, die er zum 27. Januar im Deutschen Bundestag gehalten hat. Die "Zukunft der Erinnerung" lag ihm dabei am meisten am Herzen, das heißt vor allem auch die Erinnerung, die ohne lebendige Zeitzeugen wird auskommen müssen. Auf Roman Herzogs Anregung geht zurück, dass wir diesen Tag der Befreiung von Auschwitz seit über zwanzig Jahren als Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus begehen.

Nicht nur an dieser Stelle zeigt sich, was Roman Herzog bei seiner kurzen Ansprache nach seiner Wahl zum Bundespräsidenten mit dem Wort "unverkrampft" gemeint hatte. Wenn wir uns erinnern, was war das damals für eine Aufregung! Von mancher Seite wurde sofort unterstellt, hier solle nun die deutsche Geschichte entsorgt werden. Aber Herzog hatte eben nicht "unbelastet" gesagt und er hatte es, wie sich sehr rasch in Warschau und dann bei vielen anderen Gelegenheiten zeigte, auch nicht gemeint.

Er meinte damit vielmehr jene innere Souveränität, die ihn selbst auszeichnete, jene fast angstlose Freiheit, sich seine eigenen Gedanken über die Welt und die Menschen zu machen, seine Formulierungen nicht Sprachregelungen zu unterwerfen und im Zweifelsfall auch mal ein Wortspiel zu benutzen, das vielleicht nicht völlig korrekt sein mag, aber eben den Kern der Sache trifft.

Der Mut, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen, wie Kant es gesagt hatte, ließ ihn auch politische Einsichten formulieren, die zu seiner Zeit noch neu waren und deren Wahrheit uns erst heute richtig bewusst wird.

So hat er, als noch kaum jemand das Wort kannte, von der dringenden Notwendigkeit des nationalen und internationalen interkulturellen Dialogs gesprochen. Als erster Bundespräsident hat er Vertreter muslimischer Organisationen ins Schloss Bellevue eingeladen.

So forderte er die Medien schon vor fast zwanzig Jahren auf, die eigene Berichterstattung mit selbstreflektierender Distanz zu begleiten; nur so könnten sie innere Unabhängigkeit und damit Glaubwürdigkeit gewährleisten. Wie weitsichtig.

Und schließlich warnte er vor einem Phänomen, das sich heute noch viel deutlicher zeigt als man es damals ahnen konnte: "Wir werden gelähmt durch festgefügte Meinungsmilieus, die sich gegeneinander abschotten". Und gegen eine "Kultur der felsenfesten Meinungen und der Besserwisserei", wie er sagte, forderte er den "Mut echte Fragen zu stellen und Geduld zu haben, wenn es nicht sofort eine Antwort gibt. Wo keine Fragen gestellt werden, wird nichts wirklich Neues entstehen, da erstarren die gesellschaftlichen Verhältnisse".

Vielleicht gewinnt man diese unverkrampfte innere Souveränität durch jenen nüchternen Christenglauben, der Roman Herzog prägte. Er machte daraus kein großes Gewese, und Frömmelei war ihm ganz fremd. Aber dass er hier ein festes Fundament besaß, das war ihm anzumerken und anzuhören – und auch der Mut, zu sich selber zu stehen und zu seinen Überzeugungen und Prägungen. So ist Roman Herzog zu einem Vorbild für unendlich viele Menschen geworden.

Wir verneigen uns vor einem Bundespräsidenten, dessen Vermächtnis in Wort und Tat ein Schatz für unser Land ist. Und er selber war ein Geschenk für dieses Land. Wir verneigen uns vor Roman Herzog in großer Dankbarkeit und tiefer Zuneigung.