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Mittagessen anlässlich des Besuchs des Staatspräsidenten der Republik Bulgarien

Bundespräsident Joachim Gauck hält eine Tischrede beim gemeinsamen Mittagessen anlässlich des Besuchs des Präsidenten der Republik Bulgarien, Rumen Radev, im Schinkelsaal von Schloss Bellevue Schloss Bellevue, 6. Februar 2017 Begrüßung des Präsidenten der Republik Bulgarien mit militärischen Ehren und anschließendem Mittagessen – Tischrede im Schinkelsaal © Sandra Steins

Deutschland als eines der ersten Länder, denen Ihr bilateraler Besuch gilt, freut sich über Ihren Besuch, und ich heiße Sie ganz herzlich willkommen. Mit Ihrem Vorgänger, Herrn Präsident Plewneliew, habe ich in den vergangenen Jahren sehr eng und vertrauensvoll zusammengearbeitet. Und es ist mir wichtig, dass wir den Austausch, der sich so positiv gestaltet hat, heute im Rahmen Ihres Antrittsbesuchs fortsetzen. Ich darf zwar nicht für die Bundesregierung sprechen, aber ich weiß, dass auch der Bundesregierung viel daran liegt, diese Freundschaft zu Bulgarien zu bekräftigen.

Meine Reisen nach Bulgarien, nach Sofia und Plovdiv im vergangenen Jahr, haben mir neben der Politik auch die Schönheit und die Kultur Ihres Landes nähergebracht. Daniela Schadt und ich sind sehr dankbar, dass wir diesen Reichtum der bulgarischen Kultur kennengelernt haben, ich erinnere nur an unseren Besuch im Kloster Rila. Was mich ebenso beeindruckt hat, das waren die Begegnungen mit den Menschen des Landes, auch besonders mit der jungen Generation von Bulgarinnen und Bulgaren. Bewegt hat mich auch zu sehen, dass vielen Ihrer Landsleute bewusst ist, dass Freiheit und die Grundrechte keine Selbstverständlichkeit sind, und dass deshalb viele die enge Bindung an Europa weiterhin mit Begeisterung befürworten.

Ich übergehe hier die Würdigung der vielfältigen historischen Beziehungen, denn das würde uns zu lange vom Essen abhalten. Aber ich möchte meiner Freude Ausdruck geben, dass so viele Bulgarinnen und Bulgaren Deutsch lernen. Das ist umgekehrt bei den Deutschen nicht so. Die Beziehung der Deutschen nach Bulgarien ist eher durch den Tourismus geprägt. Die Sprache ist auch ein wichtiger Aspekt, wenn wir an die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen unseren Ländern denken: Mehr als 5.000 deutsche Unternehmen sind tätig in Ihrem Land. Wir haben uns bei unserem Besuch einen Eindruck davon verschafft, wie wichtig diese Zusammenarbeit ist, und ich wünsche Ihnen viel Erfolg bei der Intensivierung dieser Beziehungen.

Lieber Herr Präsident, es gibt günstigere Zeiten, eine Präsidentschaft anzutreten, sowohl innenpolitisch als auch außenpolitisch. Ihnen stehen herausfordernde Zeiten bevor. In Ihrem bisherigen Berufsleben haben Sie sich an herausragender Stelle für die Verteidigung und Sicherheit Ihres Landes eingesetzt. Und ich vermute mal, sicherheitspolitische Fragen werden auch ein wichtiges Thema Ihrer Amtszeit sein. In einer Zeit, in der einerseits im Osten Europas völkerrechtliche Normen missachtet werden und andererseits in den Vereinigten Staaten ein Präsident gewählt wurde, dessen Agenda uns einigermaßen Sorgen bereitet, ist es wichtig, dass Europäer begreifen, dass wir mehr tun müssen für unsere gemeinsame Verteidigung und für die Stärkung der NATO, und da sehe ich auch Sie, Herr Präsident, als Partner.

Ich sehe auch, Herr Präsident, dass Sie in Ihrem Land immer wieder Reformen eingefordert haben, zum Beispiel in der Justiz. Und ich weiß, dass eine Verbesserung der Korruptionsbekämpfung für Sie wichtig ist. Und gerade weil Deutschland nicht nur ein Land des Wirtschaftswunders ist, sondern auch ein Land des Demokratiewunders und des Rechtsstaatswunders – das habe ich mir eben so einfallen lassen, diesen Begriff habe ich bisher noch nicht verwendet –, gerade deshalb sind wir nicht nur ein ökonomischer Partner, sondern auf den Ebenen der weiteren Demokratisierung und der Sicherung des Rechts ein wichtiger Partner für Sie.

Wenn ich mich frage, was in Ihrer Präsidentschaft weiter wichtig sein wird, dann fällt mir ein, dass in diesem Jahr der zehnte Jahrestag des Beitritts zur Europäischen Union liegt. Und im ersten Halbjahr 2018 wird dann Ihr Land die EU-Ratspräsidentschaft übernehmen. So werden Europa und die Zukunft der Europäischen Union während Ihrer Amtszeit einen breiten Raum einnehmen.

Und das ausgerechnet in einer Zeit, in der Europa in einem schwierigen Fahrwasser ist, in einer Zeit, in der wir sehr viel Energie brauchen und auch Glauben an die europäische Zukunft, daran, dass wir angesichts dieser Krisen in der Welt weiter beieinander bleiben. Sie haben vorhin darauf hingewiesen, Herr Präsident: Flucht und Migration, aber auch innere und äußere Sicherheit, Wirtschaft und Beschäftigung, vor allem Beschäftigung der Jugendlichen – all diese Felder können wir nur gemeinsam gestalten und bearbeiten, auf all diesen Feldern können wir nur gemeinsam Fortschritte erreichen. Und gerade wenn es so viele Europakritiker gibt, werden wir uns bewusst machen, dass wir nur gemeinsam in der Europäischen Union für diese regelbasierte globale Ordnung kämpfen können. Jeder Einzelne ist zu schwach dazu, aber wir wollen ja effektiv mitgestalten, wenn es darum geht, diese regelbasierte globale Ordnung zu sichern.

Es wird in den kommenden Jahren also für uns und für Europa um sehr viel gehen. Ich freue mich, dass Bulgarien mit Ihnen einen Präsidenten hat, der in der richtigen Verfassung ist, vor Problemen nicht wegzulaufen, sondern Probleme anzugehen.

Erheben Sie bitte mit mir das Glas: Auf Sie, Herr Präsident Radev, und auf Sie, Frau Radeva; auf das Blühen und Wachsen der bulgarisch-deutschen Freundschaft!