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Ordensverleihung zum Weltfrauentag

Bundespräsident Joachim Gauck zeichnet Sibel Kekilli mit dem Verdienstkreuz am Bande anlässlich der Verleihung des Verdienstordens zum Internationalen Frauentag im Großen Saal von Schloss Bellevue Bonn, 8. März 2017 Verleihung des Verdienstordens zum Internationalen Frauentag – Auszeichnung von Sibel Kekilli mit dem Verdienstkreuz am Bande © Guido Bergmann

Wie schön, Sie alle hier zu sehen und diesen, Ihren Tag, mit Ihnen feiern zu können. Ich weiß, dass viele, aufgrund eigener Erinnerungen, den Weltfrauentag für eine etwas verzopfte Angelegenheit halten, für einen Brauch, der mitsamt Alpenveilchen, Pralinenschachteln und Frauenruheräumen dem Vergessen anheim fallen sollte.

Nun könnte ich Ihnen erläutern, warum ich selbst anderer Meinung bin und sowohl den Frauentag als auch die gesonderte Ehrung von Frauen an diesem Tag richtig und gut finde. Doch ich glaube, in diesem Jahr kann ich mir die Erklärung sparen. Mir scheint, wir sind an diesem 8. März lediglich etwas spät dran, denn am 21. Januar sind ja bereits Millionen Frauen in Washington und anderen Städten der Welt zusammengekommen, um gesehen und vor allem gehört zu werden.

Es war eine machtvolle, eine imposante Demonstration für die Rechte von Frauen, und es war ein eindrucksvoller Beweis dafür, dass die freie Welt sich auf den Wert der Gleichberechtigung von Frauen und Männern nicht bloß in der Theorie verständigt hat. Die Zivilgesellschaft, das hat dieser Tag gezeigt, ist bereit, für diesen Wert einzustehen.

Doch es ging den Frauen, wie den Männern, die sich ihnen angeschlossen hatten, um mehr. Sie sind für etwas aufgestanden, das wir Würde nennen, für Menschlichkeit, für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit, kurz, für all das, was die Voraussetzung der Gleichberechtigung ist. Ohne gegenseitigen Respekt, ohne die Anerkennung und die Einhaltung des Rechts, ist die Gleichstellung der Geschlechter nicht denkbar.

Der Women’s March on Washington war ermutigend und ermahnend zugleich. Ermahnend deshalb, weil er darauf aufmerksam gemacht hat, dass Werte wie Menschlichkeit, Anstand und gegenseitiger Respekt leider vielerorts keine Selbstverständlichkeiten sind. Wir haben uns nicht ohne Grund auf diese Werte verständigt. Menschlich, anständig und respektvoll miteinander umzugehen, sind unabdingbare Voraussetzungen unserer freiheitlichen Lebensweise. Wir sind aufgerufen, diese Werte zu verteidigen, wo es nötig ist.

Deshalb ist es wichtig und gut, mit dem Frauentag an eine Tradition anzuknüpfen und an den Auftrag zu erinnern, der sich mit ihm verbindet. Unser Eintreten für die Rechte von Frauen ist allerdings nur dann glaubwürdig, wenn es über den Frauentag hinausweist und nicht an ein Datum geknüpft ist, wenn wir auch im eigenen Land an der Umsetzung dieser Rechte arbeiten, an einer besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf, am Ausgleich von Lohnunterschieden und an der Förderung einer stärkeren Präsenz von Frauen in Führungspositionen.

Sie sind heute hier, weil Sie eben dies tun. Sie treten ein für die Rechte von Frauen, aber nicht allein dafür. Ihr Engagement reicht darüber hinaus. Sie sind hier, weil Sie in Ihren Berufen überzeugen, als Wissenschaftlerinnen, als Journalistinnen, als Künstlerinnen ebenso wie als Schneiderin, Bauingenieurin oder Gastronomin. Sie sind hier, weil Ihr Beispiel Aufmerksamkeit verdient und weil Sie wissen sollen, dass Ihr Engagement im Beruf oder im Ehrenamt wahrgenommen wird, dass es wichtig und willkommen ist. Es soll Schule machen und auch anderen Menschen Anregung geben.

Die Auszeichnung engagierter Bürgerinnen und Bürger gehört zu den erfreulichsten Aufgaben eines Bundespräsidenten, weil sie ihm Gelegenheit gibt, sich für das tausendfache Engagement zu bedanken, das es in unserem Land gibt. So zum Beispiel dafür, dass Sie sich für Kinder und Jugendliche einsetzen, indem Sie deren Leseverständnis fördern, in ihnen die Lust am Schreiben wecken oder ihr Interesse an darstellender Kunst und Musik. Dafür, dass Sie sich für den Erhalt einer Synagoge engagieren und so nicht nur dafür sorgen, dass ein Baudenkmal erhalten wird, sondern auch dafür, dass die Erinnerung an das Unrecht nicht verblasst, das zu seiner Zerstörung geführt hatte. Oder dafür, dass Sie sich für die Zukunftsperspektiven von Frauen in Afghanistan und Pakistan einsetzen, indem Sie Schulen und Ausbildungsstätten bauen und unterstützen. Auch für eine Hilfe zur Selbsthilfe als Patientenbeauftragte oder in der Flüchtlingshilfe habe ich zu danken.

Ebenso dankbar bin ich für die prominenten Beispiele bürgerschaftlichen Engagements, im kulturellen ebenso wie im sozialen Bereich, für Frauen, die sich als bekannte Fernsehmoderatorin oder Theater-Intendantin mit ihrem Namen und ihrer Person für zahlreiche gemeinnützige Organisationen oder in Künstler-Initiativen und Vereinen engagieren.

Prominent zu sein, bedeutet nicht zwingend, es in allen Lebenslagen besser und leichter als andere zu haben. Wer sich mit einem Anliegen an die Öffentlichkeit wendet, setzt sich mitunter auch Kritik, ja womöglich Anfeindungen aus. Etwa, wenn eine junge Frau gegen Rollenmuster und Traditionen aufbegehrt, in ihrer Arbeit als Schauspielerin und als Privatperson; wenn sie für die Rechte von Frauen und Mädchen und gegen ihre Unterdrückung eintritt und mit diesem Engagement zwischen Welten gerät. Ein Einsatz der ganzen Person verlangt großen Mut, auch Opfer, und manchmal bedeutet er den Verlust von Familie und Freunden. Doch Haltung lohnt sich am Ende nicht nur für andere, sie wird auch belohnt, und in besonders glücklichen Momenten kann sie zwischen den Welten vermitteln und versöhnen. Ich glaube, für einige unter uns ist heute so ein glücklicher Moment.

Wir wollen heute auch Frauen auszeichnen, die Lebensretterinnen wurden, weil sie aus der Suche nach einem Stammzellenspender für eine Transplantation eine Initiative gemacht haben, die nun vielen zugute kommt, weil Sie sich für die Integration von behinderten Kindern einsetzen, in der Altenhilfe aktiv sind, Menschen mit Multipler Sklerose betreuen oder sich Verdienste um die psychiatrische und psychotherapeutische Versorgung in ihrem Bundesland erworben haben.

Es gibt unzählige weitere Beispiele für das Engagement von Frauen in medizinischen Berufen, im kirchlichen oder kommunalpolitischen Bereich. Wenn wir heute einige herausheben und auszeichnen, dann meinen wir doch alle.

Diese Auszeichnung soll Ihnen und anderen Mut machen, sich nicht zu verstecken. Gehen Sie offensiv mit Ihrem Engagement um, suchen Sie den Kontakt zu den Multiplikatoren in Ihrer Region. Stellen Sie Ihr Licht nicht unter den Scheffel. Denn noch wird der Verdienstorden deutlich häufiger an Männer als an Frauen vergeben. Ich bin nicht der erste und sicher auch nicht der letzte Bundespräsident, der das ändern will. Engagieren Sie sich auch weiterhin und sorgen Sie dafür, dass Ihre Stimmen gehört werden. Wir wollen Sie hören.

Zum Abschluss sage ich Ihnen allen noch einmal Dank. Danke, dass Sie unser Land mit Ihrem Tun seine menschenfreundliche Prägung geben.