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Ansprache von Bundespräsident Johannes Rau zum 100. Geburtstag von Gustav Heinemann

Heute vor hundert Jahren ist Gustav Heinemann geboren. Er war einer der großen deutschen Politiker dieses Jahrhunderts, vielen Menschen ein Vorbild - in vielem auch für mich, der ich ihn gern meinen politischen Lehrmeister nenne.

Bundespräsident wurde Heinemann in einer bewegten Zeit. Es war die Zeit, in der nahezu alle Autoritäten in Frage gestellt wurden, in der die Kritik an Staat und Institutionen zu einer alltäglichen Übung wurde. In dieser Zeit wurde ausgerechnet er, der in vieler Hinsicht altmodisch wirkte, der sich dem Zeitgeist nie auslieferte, zu einer Autorität. Gustav Heinemann war glaubwürdig und prinzipientreu, er verbarg weder seinen christlichen Glauben noch seine politischen Überzeugungen. Er wurde zu einer moralischen und politischen Autorität, weil er höchste Ansprüche zuerst an sich selber stellte.

Die Wahl Gustav Heinemanns am 5. März 1969 war ein symbolischer Einschnitt in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Zum erstenmal wurde ein Sozialdemokrat in das höchste Staatsamt gewählt.

Obwohl Gustav Heinemann auch selber seine Wahl als "ein Stück Machtwechsel" bezeichnete, führte er das Amt von Anfang an so überparteilich und überkonfessionell, wie das seinem Amtsverständnis und seinem Pflichtgefühl entsprach. Das Zusammenführen gesellschaftlicher Gruppen, die Integration der am Ende der sechziger Jahre auseinanderdriftenden Generationen war ein Kennzeichen seiner Präsidentschaft.

Für Gustav Heinemann war der Friede und seine Erhaltung die erste Aufgabe, ja der eigentliche "Ernstfall" der Politik. Der entschiedene Gegner der Wiederbewaffnung, der nie Pazifist gewesen war, war häufiger bei der Bundeswehr zu Gast als alle anderen Bundespräsidenten vor ihm. Er achtete den Dienst in der Bundeswehr genauso als Gewissensentscheidung wie den Zivildienst.

An die "unruhige" Jugend, wie er sie nannte, richtet er den Appell, diejenigen zu unterstützen, die "den langen Marsch" der Reformen bereits vor ihr angetreten hatten und fortsetzen wollten. Gerade die oppositionellen Gruppen sollten die "elementaren Formen der Freiheiten unserer Ordnung" beachten, denn gerade sie genössen ja auch den Schutz dieser Freiheiten.

Immer wieder setzte Gustav Heinemann Zeichen der Verständigung und Versöhnung. Schon bei seinem ersten Besuch in Berlin lud er durch Vermittlung seines Freundes Helmut Gollwitzer Vertreter der "Außerparlamentarischen Opposition" ins Schloß Bellevue ein.

Bei aller Überparteilichkeit scheute Heinemann die Konflikte nicht. Vor allem seine starke Betonung der deutschen Freiheitsgeschichte, der Bauernkriege, der badischen Revolution, der verschiedenen Aufstände und demokratischen Bewegungen trugen ihm nicht nur Zustimmung und Unterstützung ein. Ihm war wichtig, daß sich nicht nur Kriegsdaten wie "70/71", "14/18", "39/45" im geschichtlichen Bewußtsein festsetzen, sondern mehr noch die Freiheitsdaten der demokratischen Geschichte in Deutschland wie 1517, 1848 oder 1949. Leicht kann man sich ausmalen, welche Freude er erst über das Jahr 1989 empfunden hätte.

Zeichen der Versöhnung setzten auch seine Besuche bei den im Krieg von Deutschen besetzten Nachbarländern. Die Niederlande besuchte er als erster Bundespräsident.

Die betonte Schlichtheit seiner Amtsführung, die von protestantischer Pflichtethos und preußischem Sinn für das Angemessene geprägt war, die Abschaffung protokollarischer Schnörkel und seine klare und unmißverständliche Sprache trugen ihm die Bezeichnung "Bürgerpräsident" ein.

Gustav Heinemann wollte den Menschen und ihren konkreten Sorgen nahe sein. Oft lud er kleine Gesprächsrunden in die Villa Hammerschmidt ein. Vertreter von Berufsgruppen, Verbänden und Initiativen, Künstler, Wissenschaftler und Abgeordnete konnten ungezwungen über das reden, was ihnen wichtig war. Er nannte das seinen "dauernden Fortbildungskurs" - und blieb so dem konkreten Leben der Bürger nahe.

Ganz besonders kümmerte er sich immer wieder um alle, die im Schatten einer Wohlstandsgesellschaft lebten, deren Reichtum auch damals zu ungleich verteilt war. "Es sind die, die den einseitig auf Leistung bedachten Forderungen der Wirtschaftsgesellschaft am wenigsten entsprechen: die alten Menschen, die Kinder, die Behinderten und die Nichtanpassungsfähigen und Nichtanpassungsgeeigneten".

Gustav Heinemann ließ sich 1974 aus gesundheitlichen Gründen nicht zu einer Wiederwahl bewegen. Als er sein Amt verließ, genoß er großes Ansehen und Respekt bei der großen Mehrheit der Deutschen, und er hatte unserem Land neue Freunde bei unseren Nachbarn und Partnern in der Welt gewonnen.

Als Gustav Heinemann am 7. Juli 1976 im Alter von fast siebenundsiebzig Jahren starb, verlor unser Land eine große Gestalt seiner demokratischen Geschichte. Wenn wir uns heute an ihn erinnern, steht vor uns das Bild eines Mannes, der Politik als Dienst an den Menschen verstanden hat mit dem Ziel, soviel Freiheit und soviel Gerechtigkeit wie irgend möglich zu verwirklichen.