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Ansprache von Bundespräsident Johannes Rau bei der Jubiläumsfeier 75 Jahre KölnMesse

Herr Oberbürgermeister, Herr Ministerpräsident, meine Damen und Herren, was ist nun noch zu sagen? Mit dem Domprobst weise ich darauf hin:

75 ist kein biblischer Geburtstag. Das ist ein normales, aber ein schönes Fest. Und darum lade ich Sie zuerst ein, mit mir nachzudenken über die Situation, die damals bestand, als Konrad Adenauer Friedrich Ebert, Wilhelm Marx und Carl Severing begrüßte. 1924, ein Jahr der Wirtschaftskrise, ein Jahr der ersten Welle der großen Inflation, ein Jahr der Mutlosigkeit. Die goldenen zwanziger Jahre waren eine Berlin- und Kulturerscheinung, aber sie waren nicht die Wirklichkeit in unseren Städten.

Damals, 1924, haben mutige Menschen diese Messe gegründet, und ich denke, wir sollten ihnen danken. Sie haben das in Köln getan in einer besonders schwierigen Situation. Wie schwierig sie war, wird am ehesten daran deutlich, wenn wir ein Jahr weiterblicken, auf das Jahr 1925. Da fand hier in Köln die Jahrtausend?Ausstellung statt. Köln wollte daran erinnern, dass es zu Deutschland gehört; denn das war 1924, 1925 weltweit und national nicht selbstverständlich ? unter französischer Besatzung. Damals gab es eine intensive Identitätsdiskussion in den deutschen Landschaften, und auch in Köln.

Dass damals eine Messe gegründet wurde, eine mit dieser Erfolgsgeschichte, wie wir ja heute Nachmittag schon gehört haben, und der ich gratuliere, das scheint mir ein besonders bemerkenswertes Ereignis zu sein. Diejenigen, die damals handelten, haben auch politisch eine der wichtigsten Aufgaben für das Rheinland und für ganz Deutschland wahrgenommen, weil sie daran festhalten wollten, dass wir in die Weltwirtschaft eingebunden bleiben.

Messen sind wie kaum eine andere Institution imstande, diesen Prozess zu fördern: Darum dieser Doppelschritt von Messegründung und Jahrtausend ? Ausstellung, darum der Hinweis heute auch darauf, dass Köln und das Rheinland im Herzen Europas liegen, geographisch, geschichtlich und kulturell. Daran ändert übrigens auch der Umzug von Bonn nach Berlin nichts. Dieser Umzug bringt keine neue Republik. Und wir brauchen auch keinen neuen Namen für unsere Republik, weder die Bonner noch die Berliner. Wir wollen nämlich nicht zurück zum klassischen Nationalstaat. Ich finde, der Föderalismus der Bundesrepublik Deutschland ist ein Erfolgsmodell. Unsere Zukunft liegt in einem einigen und hand-lungsfähigen Europa.

Natürlich gibt es auch für den Föderalismus Reformbedarf, nicht zuletzt wegen des europäischen Integrationsprozesses, von dem der Ministerpräsident soeben gesprochen hat. Wir haben zu pochen auf Subsidiarität, darauf, dass Entscheidungen auf der Ebene getroffen werden, auf der der größte Sachverstand und die größte Sachnähe ist. Wir müssen allen Versuchen, Kompetenzen immer stärker auf die nächsthöheren Ebenen zu verschieben, nach meiner Überzeugung widersprechen.

Wir haben von Herrn Witt, von Herrn Oberbürgermeister Burger und vom Ministerpräsidenten schon Zahlen gehört, die stolz machen können. Wir haben gehört, dass die nordrhein-westfälischen Messen innerhalb Deutschlands eine ganz besonders herausgehobene und hervorgehobene Rolle spielen. Das darf ich als Ministerpräsident ja nun nicht mehr sagen, weil ich es nicht mehr bin. Aber als Bundespräsident darf ich sagen: Von den zehn größten Messen der Welt sind vier in Deutschland. Sie dürfen jetzt die nordrhein-westfälischen unter diesen suchen, und da sind Sie schon bei den Stolzen.

Messen sind ja Marktplätze, ganz besondere Marktplätze. Da werden Produkte und Dienstleistungen angeboten und nachgefragt, neue Ideen, innovative Produkte machen auf sich aufmerksam. Ich glaube, wir brauchen das wie in den zwanziger Jahren heute dringender denn je. Wir brauchen Offenheit und Weltläufigkeit. Das sind Eigenschaften, von denen wir auch heute nicht genug haben können.

Dass wir als Deutsche im Bereich der Messen führend sind, darauf dürfen wir mit Stolz und selbsbewusst hinweisen. Es gibt Kriterien, die das deutlich machen: die Fläche, die jährliche Zahl der Besucher, die Zahl der Aussteller. Da sind der Phantasie keine Grenzen gesetzt.

Aber Statistiken haben eine begrenzte Aussagekraft. Die KölnMesse ist unangefochten Spitzenreiter, was die Repräsentanz der ausländischen Aussteller angeht. Hier ist der Anteil der ausländischen Aussteller am höchsten. Das ist auch gut so; denn Deutschland ist das Land mit den meisten Nachbarn. Es gibt kein anderes Land, das neun unmittelbare Nachbarstaaten hat. Und darum glaube ich: Wir müssen auf diese Internationalität achten, mit sinnvoller Arbeitsteilung fachlich und geographisch; denn wir profitieren vom Außenhandel wie kaum ein anderes Land. Weltweit freier Güter-, Waren- und Dienstleistungsverkehr liegen in unserem ureigenen Interesse.

Das was man heute, meine Damen und Herren, Globalisierung nennt, ist ja nicht neu. Auch früher hat es Globalisierung gegeben. Das ist weder die Verheißung eines neuen Zeitalters, noch der Inbegriff für alles Übel der Welt. Aber diese Globalisierung bietet uns Deutschen und aller Welt gute Chancen, wenn wir sie recht verstehen und richtig gestalten.

Heute vermehrt sich unser Wissen rasend schnell. Durch die neuen Informations- und Kommunikationstechnologien wird dieses Wissen auch unglaublich schnell verbreitet. Die Produktzyklen werden immer kürzer, die ökonomische Lebensdauer der Produkte verkürzt sich deutlich, die Nachfolgeprodukte sind nicht nur neu, sondern sie haben auch eine andere Qualität. Für solche Innovationen für neue Produkte und neue Produktionsweisen braucht man Schaufenster. Messen sind die besten Schaufenster.

Ich hoffe, dass davon vor allem Existenzgründer profitieren, die ihre Produkte bekannt machen wollen. Junge Unternehmerinnen und Unternehmer, die Mut zur Selbständigkeit haben, sind ein entscheidender Motor unserer Wirtschaft. Dazu gehört die Bereitschaft zu Risiko, die Selbständigkeit als eine realistische Alternative zu einem Arbeitsplatz im öffentlichen Dienst oder in einem Großkonzern ansieht. Dazu gehört aber auch, dass diese Existenzgründer auf eine kaufkräftige Nachfrage stoßen können.

Meine Damen und Herren, erlauben Sie mir, nicht weil ich der Meinung wäre, der Bundespräsident sei der Spezialist fürs Nachdenkliche, aber auch weil ich der Meinung bin, er ist nicht nur der, der Mehrheitswillen äußern soll, zwei Bemerkungen zu einer aktuellen Diskussion, die heute noch aktueller geworden ist.

Ich finde es erstens nicht verboten, über Änderungen des Ladenschlussgesetzes nachzudenken und entsprechende Vorschläge zu machen. Aber solange kein neues Gesetz beschlossen ist, gilt das alte, und daran sollten sich alle halten.

Ich finde es mehr als bedenklich, wenn versucht wird, dadurch neue Fakten zu schaffen, dass geltendes Recht ausgehöhlt oder offen verletzt oder zu seiner Verletzung aufgerufen wird.

Und das Zweite: Ich kann mir andere Regelungen zum Ladenschluss vorstellen. Und ich weiß von meinem Amtsnachfolger, von Ministerpräsident Clement, und von seinem Nachfolger, Herrn Steinbrück, dass beide für Veränderungen beim Ladenschlussgesetz mit guten Gründen eingetreten sind. Auch ich kann mir andere Regelungen vorstellen. Aber ich sage: der Sonntag ist kein beliebiger Tag.

In allen Religionen, in allen Kulturen gibt es Tage, an denen nicht der Takt des Alltags gilt. Das ist in Ländern mit christlicher Tradition der Sonntag, und es entspricht dieser Tradition, dass der Sonntag nicht zur Verfügungsmasse für Konsum und Verkauf gemacht wird. Der Sonntag ist auch in einer säkularen Gesellschaft ein ganz besonderes Symbol dafür, dass unser Leben aus mehr und auch aus anderem besteht, als nur zu arbeiten, zu kaufen und zu konsumieren.

Darum halte ich es für alles andere als altmodisch, dass unser Grundgesetz die Sonntagsruhe besonders schützt.

Meine Damen und Herren, ich wünsche der KölnMesse weiter gute Jahre. Wie ich die Kölner kenne, werden sie in 25 Jahren zum 100-jährigen Jubiläum wieder den Bundespräsidenten einladen, vielleicht aber schon den europäischen Präsidenten oder die europäische Präsidentin.

Seit der Einweihung durch Friedrich Ebert haben die großen Jubiläen der KölnMesse immer in Anwesenheit des Staatsoberhauptes stattgefunden. Diese Tradition gibt es wirklich nur in Köln, dem Hoch im Westen. Und dass Sie, Herr Oberbürgermeister von der Heydt und Ebert genannt haben, dafür bin ich Ihnen dankbar. Beide waren große Männer, große Gestalter. Nur der erste von beiden kam aus Wuppertal, aber auch dem zweiten war ich eng verbunden, und ich vermisse Dieter Ebert oft heute noch.

Alles Gute für Sie, Herr Witt. Alles Gute für Köln. Glückauf und Gottes Segen für unser Land.