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3. Tourismusgipfel der Deutschen Tourismuswirtschaft e. V.

Ansprache von Bundespräsident Johannes Rau

Herr Vorsitzender,

meine Damen und Herren,

die Ferienzeit liegt noch nicht weit zurück, da werden die meisten von uns beim Thema Tourismus an ihren letzten Urlaub denken. Das sind ganz unterschiedliche Erinnerungen. Die einen haben sich irgendwo an einem Strand erholt und Meer und Sonne genossen, andere waren sportlich aktiv, wieder andere beschäftigten sich intensiv mit Kultur und Geschichte eines Landes; das schließt sportliche Ertüchtigungen nicht aus – denken Sie an den Aufstieg zur Akropolis; wieder andere trieb die reine Neugier in exotische Länder auf der anderen Hälfte der Weltkugel.

Sie sehen: Es gibt ganz unterschiedliche Motive und ganz verschiedene Formen Urlaub zu machen. Eines ist allen Formen des Urlaubs gemeinsam: Er kann beitragen zur Völkerverständigung. Der Ökonom würde sagen, Völkerverständigung ist ein Nebenprodukt des Tourismus. Dieser Aspekt ist früher noch ausgeprägter gewesen. Bis in die Mitte des letzten Jahrhunderts waren Reisen ein Privileg. Der Kontakt zwischen Menschen verschiedener Länder beschränkte sich fast ausschließlich auf Pilger, auf Handels- und auf Bildungsreisende. Einige von denen haben Reiseberichte und Reiseerzählungen geschrieben. Diese Berichte und Erzählungen haben die Einstellung und die Auffassung der Leser über fremde Länder und Kulturkreise geformt. Eines der berühmtesten Beispiele dafür ist wohl Madame de Stael, die mit ihrem Buch “De l'Allemagne” für lange Zeit das Deutschlandbild der Franzosen geprägt hat.

In der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts trat das Bildungsmotiv etwas in den Hintergrund. Erholung, die Erfüllung individueller Bedürfnisse wurden wichtiger. Typisches Beispiel dafür ist der englische Tourist: Es ging ihm um die Abenteuerreise, das Erkunden wenig erschlossener, aber umso schönerer Regionen. Es ging darum, den gewohnten Lebensstil in bis dahin wenig oder gar nicht bekannte Regionen weiterzupflegen. So entstanden in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die aus dem Englischen stammenden Begriffe "Tourist" und "Tourismus". Ein deutscher Ausdruck wäre eigentlich eher zu erwarten gewesen, denn die Deutschen gelten schon seit alters her als Weit- und Vielgereiste. Schon vor 200 Jahren berichtete der Göttinger Professor Schlöser, dass – ich zitiere – "wir Deutsche häufiger als vielleicht irgendein anderes Volk dieses Erdbodens reisen" würden. Aber offenbar fand an dem Wort "Fremdenverkehr" niemand so recht Gefallen. Wenn man sich dies Wort auf der Zunge zergehen läßt, kann man dies auch gut verstehen.

Die Deutschen reisen immer noch gern. Manche bezeichnen uns als "Weltmeister im Reisen". Das kommt auf den Maßstab an. Diesen Titel haben wir wahrscheinlich Mitte der sechziger Jahre erhalten, als zum ersten Mal mehr Deutsche im Ausland als im Inland Urlaub machten. In anderen Ländern gibt es freilich bezogen auf die Bevölkerungszahl noch mehr Auslandsreisende. Manche behaupten, daß diese Mobilität bei uns Deutschen aus Vorzeiten archaischer Nichtsesshaftigkeit herrührt. Andere Europäer wie die Italiener seien deshalb weniger in fremden Ländern unterwegs, weil Sie erstens geselliger seien und zweitens bei sich zu Hause ohnehin besseres Wetter hätten und drittens die Fähigkeit, Lebensgenuss und Urlaubsstimmung in den Alltag hereinzuholen. Ob tatsächlich die widrigen Witterungsverhältnisse unsere Vorfahren und uns heute immer wieder in die Ferne locken, wage ich zu bezweifeln. Wäre es hier so widrig in Mitteleuropa, dann hätte sich dieser Landstrich ja im Laufe der Jahrhunderte eigentlich entvölkern müssen.

Tatsache ist allerdings: Die Deutschen machen nach wie vor am liebsten Urlaub im Ausland. Liebstes Reiseland der Deutschen ist seit Jahren Spanien vor Österreich und Italien. Aber gleichzeitig wird Deutschland als Reiseziel immer begehrter. Deutschland hat inzwischen mit Tourismuseinnahmen von 16 Milliarden US-Dollar ein typisches Urlaubsland wie Österreich überholt. Davon haben überdurchschnittlich die neuen Länder profitiert. Und ich wünsche mir, daß dieser Trend anhält.

Als Westdeutscher könnte man sich auch überlegen: Es muss nicht immer Mallorca sein. Warum nicht einmal ein Urlaub auf Rügen oder überhaupt ein Urlaub in den neuen Ländern. Das kann interessant, spannend und schön sein, und es wäre ein kleiner Beitrag dazu, dass zusammenwächst, was zusammengehört.

Bemerkenswert ist auch die weiterhin zunehmende Attraktivität an Städtereisen. Das gilt nicht nur für Weltmetropolen – für New York, für Paris oder für Berlin –, man denke an eine Stadt wie Weimar, gegenwärtig die Kulturhauptstadt Europas, oder – und das weiß ich aus eigener Anschauung – an die Städte des Ruhrgebiets. Durch die internationale Bauausstellung sind viele neugierig geworden, diese Kulturlandschaft zu besuchen.

Meine Damen und Herren, dass Reisen bildet, ist ein oft bestätigtes Vorurteil. Dass Reisen auch politisch bilden kann, zeigen die vergangenen Jahre. Die Bereitschaft der Deutschen, den Euro zu akzeptieren, ist ohne ihre Reiselust kaum denkbar. Eines der Hauptargumente für den Euro war ja gerade bei uns, daß man bei einer Reise quer durch Europa viel Geld allein beim Umtausch verlieren kann. Wer alle Länder der Europäischen Union besuchen wollte und bei jedem Grenzübertritt sein Reisebudget umtauschte, der hätte allein dadurch zu Hause angekommen, fast die Hälfte seines Budgets für nichts ausgegeben. Dabei habe ich bei dieser Rechnung nur vergleichsweise geringe Wechselkursgebühren von drei Prozent unterstellt.

Die Tourismuswirtschaft gehört zu den wichtigsten Wirtschaftsbranchen, und ihre Bedeutung wächst noch. Es gibt Schätzungen, nach denen die Tourismusbranche weltweit rund zehn Prozent des Weltinlandsproduktes herstellt. Damit wäre sie der bedeutendste Wirtschaftsfaktor überhaupt. Der Futurologe Hermann Kahn hatte in den sechziger Jahren vorausgesagt, daß die Tourismusindustrie im Jahre 2000 der größte Wirtschaftszweig der Welt sein könne. Es sieht so aus, als ob Kahn in diesem Punkt recht haben sollte, viele andere Voraussagen dieses Großmeisters der Futurologie sind ja nicht so ganz eingetreten.

Auch in Deutschland spielt die Tourismusbranche eine große Rolle. Ihr geschätzter Umsatz liegt bei 275 Milliarden Mark, rund 2,8 Millionen Menschen arbeiten in diesem Bereichen. Natürlich gibt es "die" Tourismusbranche nicht. Sie ist außerordentlich vielfältig. Zu ihr zählen Reiseveranstalter, Reisevermittler, Transportunternehmen, Hotels und Gaststätten, Campingplatzbetreiber, Sport- und Freizeitparks, Teile des Einzelhandels, und Sie alle wissen, dass sich diese Liste beliebig verlängern ließe. Andere Wirtschaftszweige profitieren indirekt – denken Sie an die Automobil- und die Bekleidungsindustrie.

Die Vielfalt zeigt sich auch darin, dass das Reisebüro um die Ecke genauso dazugehört, wie der große Reiseveranstalter mit Angeboten aus allen Kontinenten. Neben der weltumspannenden Fluglinie bietet der regionale Busunternehmer in einem Fremdenverkehrsgebiet seine Leistungen an. Übernachtungsmöglichkeiten werden von großen global agierenden Hotelketten angeboten und vom kleinen Gastwirt in einem kleinen beschaulichen Flecken in der Mark Brandenburg.

Eine andere Besonderheit ist die Tatsache, dass sich ein eigener Bundestagsausschuss mit der Tourismuswirtschaft befasst. Das hat gewiss damit zu tun, dass das Thema sehr viele Aspekte und Facetten hat. Die wirtschaftlichen Interessen der Branchenunternehmen gehören dazu, aber auch regionalpolitische und entwicklungspolitische, arbeitsmarkt- und umweltpolitische, umwelt- und energiepolitische - all diese Facetten, all diese Aspekte gehören dazu. In manchen Ländern gibt es sogar ein eigenes Ministerium, das sich mehr oder weniger ausschliesslich mit dem Thema Tourismus beschäftigt.

In der Branche gilt ganz besonders "Der Kunde ist König". Das ist manchmal noch mehr Wunsch als Wirklichkeit. Die Kunden erwarten viel Flexibilität, was Vorlieben für Urlaubsziele, was Angebote im Urlaub angeht, da gibt es ständig neue Erwartungen und Ansprüche. Darum ist die Tourismuswirtschaft auf die neuen Techniken der Information und der Kommunikation besonders angewiesen. Immer mehr Kunden informieren sich und buchen via Internet. Sekundenschnelle Reservierung und zuverlässige Buchungen müssen selbstverständlich sein. Die Konkurrenz nimmt selbst bei den Last-Minute-Angeboten zu. Diese Angebote werden qualitativ immer besser. Davon profitieren die Reisenden.

Eine große Herausforderung für die deutsche Tourismuswirtschaft wird die EXPO 2000 im kommenden Jahr sein. Das dürfte ein Rekordjahr für den Tourismus in Deutschland werden. Da sind nicht nur Hannover und das EXPO-Gelände gefordert, viele EXPO-Besucher werden mehr von Deutschland sehen wollen. Ich wünsche mir, dass wir uns als gute Gastgeber erweisen. Ob in Hotels und Gaststätten oder in anderen Dienstleistungsunternehmen – zeigen wir uns von unserer besten Seite – gut organisiert und fähig zur Improvisation, effizient und freundlich, heimatverbunden und weltoffen: Das wäre ein Beitrag dazu, das positive Bild Deutschlands in der Weltöffentlichkeit zu stärken.

Das Gewicht der Dienstleistungen nimmt zu: Für die Wirtschaftsleistung und für die Beschäftigung. Wir haben im Vergleich zu anderen Ländern als Deutsche bei den Dienstleistungen einen Nachholbedarf. Anders – positiv formuliert: Wir haben zusätzliche Chancen – die müssen wir auch nutzen. Die Tourismuswirtschaft ist ein Paradebeispiel für wachsende Nachfrage nach Dienstleistung. Im Urlaub, auf Reisen, wollen die meisten es sich besonders gut gehen lassen. Da wird stark auf Qualität des Angebots und des Service geachtet. Beides hängt entscheidend von den Menschen ab, die in Hotels und Restaurants, auf Reiterhöfen und in Internetcafés, auf Tennisplätzen und bei Bergwanderungen arbeiten. All diese Einrichtungen leben davon, dass der Kunde zufrieden ist. Unzufriedene Kunden wandern ab, schneller als in fast allen anderen Wirtschaftsbereichen.

Manchmal wird Deutschland kritisiert als "Dienstleistungswüste". Ich halte das für eine nicht zulässige Übertreibung. Aber es stimmt, dass wir bei den Dienstleistungen nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ zulegen müssen. Wir brauchen eine veränderte Einstellung zu Dienstleistungen, und zwar auf beiden Seiten: Bei denen, die eine Dienstleistung nachfragen, und bei denen, die Dienstleistungen anbieten. Wenn die Kellnerin oder der Kellner im Restaurant lautstark und manchmal schneidend mit "Bedienung" herbeizitiert wird, dann ist das ein genau so schlechtes Zeichen, wie Kellner, denen Gäste wie lästige Störenfriede vorkommen. Wir brauchen Veränderungen im Verhalten, das setzt Veränderungen in den Köpfen voraus.

Wir müssen uns verabschieden von der Vorstellung, die eigentlich wichtigen Arbeitsplätze gebe es in der Produktion und im Dienstleistungsbereich werde nicht richtig gearbeitet. Männer und Frauen, die gute Dienste leisten, müssen die gleiche berufliche und gesellschaftliche Anerkennung bekommen wie Facharbeiter oder Ingenieure in der industriellen Produktion.

Meine Damen und Herren, der Tourismus ist ein Vorbote und ein Motor der Globalisierung. Globalisierung bedeutet auch mehr Wettbewerb, auch in der Tourismusbranche. Im Wettbewerb wird nur bestehen, wer gut ausgebildete Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigt. Darum ist es gut, aber es ist auch nötig, dass in der Tourismuswirtschaft immer mehr Ausbildungsplätze entstehen. Hier nimmt das Angebot an Ausbildung zu, wie in keinem anderen Wirtschaftszweig. 1998 wurden rund 86 000 Ausbildungsverhältnisse abgeschlossen, das sind 11 000 mehr als 1995. Das ist ein Zuwachs von fast 15 Prozent. Man kann das gar nicht genug loben.

Die Anforderungen im Tourismusbereich ändern sich freilich ständig, und darum brauchen wir neue Ausbildungsgänge. Ich sage als Beispiel: Am 1. August des vergangenen Jahres trat die Ausbildungsordnung für den Fachmann und die Fachfrau für Systemgastronomie in kraft. Das ist, so gestehe ich, für einen älteren Mann ein etwas sperriges Wort, aber es ist ein Beispiel dafür, dass die Tourismuswirtschaft mit neuen Berufsbildern darauf reagiert, dass die Anforderungen sich verändern.

Urlaub und Reisen, das wissen wir alle, sind in den vergangenen Jahrzehnten ein Konsumgut für die Massen geworden. Wie immer, wenn etwas zu einem Massenphänomen wird, gehen damit auch negative Wirkungen einher. In manchen Städten überfordert der Ansturm der Besucher die Verkehrssysteme und stört das tägliche Leben. In ländlichen Regionen, wie in den Alpen werden Natur und Kulturlandschaften gefährdet. In den Entwicklungsländern greift der Massentourismus tief in das Sozialgefüge ein. Wo der Tourismus maßlos wird, da entsteht auch ein zerstörerisches Potential. Wenn in der Hochsaison täglich 100 000 neue Urlauber auf Mallorca ankommen, dann wird der Urlaub zu einer Kunst, mit Menschen auszukommen, die man nicht mag, ganz einfach, weil es zu viele sind.

Hier ist Umdenken nötig. Die Tourismusbranche sucht selber nach Lösungen, nicht nur als Reaktion auf Kritik von Umweltverbänden oder von Verbraucherverbänden. Das Schlagwort vom "sanften Tourismus" bringt diesen Wertewandel zum Ausdruck. Aber es gibt keine Patentrezepte. Der sanfte Tourismus kann schnell unsanft werden, wenn zu viele Urlauber ihn genießen wollen. Mir scheint es hier besser, dass wir bei den ganz unterschiedlichen Formen von Urlaub und Reisen nicht maßlos werden.

Fahrradtouren im Urlaub sind umweltfreundlich und energiebewusst, wenn aber Mountain-Biker massenweise durch noch relativ unberührte Bergnatur rasen, dann hört der Spaß auf. Skifahren ist erholsam und gesund. Aber es ist wirklich richtig, glattgewalzte autobahnähnliche Pisten einzurichten?

Meine Damen und Herren, wenn man über die Verträglichkeit von Tourismus und Umwelt nachdenkt, kann man zu überraschenden Einsichten kommen. Eine kompakte Clubanlage kann einerseits mit architektonischen schmucklosen Gebäuden verschandeln, andererseits hat sie unter Umweltgesichtspunkten durchaus ihre Vorteile: Die Infrastruktur für Energie-, Umwelt- und Entsorgungsprobleme ist sehr effizient. Das ist, meine Damen und Herren, kein Plädoyer für Cluburlaub, ich will hier nur deutlich machen, dass umweltgerechter Tourismus viele ganz unterschiedliche Aspekte hat.

Urlaubsorte, die völlig überlaufen sind mit Betonbettenburgen und viel zerstörter Natur verlieren an Attraktivität. Oft sind hohe Preisabschläge die Folge. Dann stimmt die Rendite nicht mehr und weitere umweltverschandelnde Investitionen unterbleiben. Da funktioniert der Mechanismus von Angebot und Nachfrage durchaus – aber zu spät. Oft zeigen sich solche Korrekturen am Markt erst dann, wenn die Schäden schon irreparabel sind. Darum brauchen wir nach meiner Überzeugung vernünftige Regeln, die für alle gelten. Das geht von der Bauleitplanung über die Energieversorgung und die Abfallwirtschaft bis zum Sportangebot.

Der wachsende Tourismus, über den wir uns freuen, darf nicht zur Zerstörung der Umwelt und zu sozialen Schäden führen. Das ist auch eines der Themen der WTO-Generalversammlung, die heute in Chile am Welttourismustag eröffnet wird. Ich grüße von dieser Stelle aus Eduardo Frei, den Präsidenten der Repubik Chile.

Ihnen, meinen Damen und Herren, wünsche ich einen ertragreichen Tourismusgipfel und viel Erfolg bei den Mühen der Ebenen, die jedem Gipfel folgen. Herzlichen Dank.