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Preisverleihung zum Schülerwettbewerb Deutsche Geschichte

Begrüßungsworte von Bundespräsident Johannes Rau anlässlich der Preisverleihung zum Schülerwettbewerb Deutsche Geschichte um den Preis des Bundespräsidenten im Schloß Bellevue

Meine Damen und Herren, liebe Preisträgerinnen und Preisträger,

es gibt diesen Schülerwettbewerb seit über 25 Jahren, und seit über 25 Jahren ist der Bundespräsident der Schirmherr des Wettbewerbs für Deutsche Geschichte. Ich nehme diese von Gustav Heinemann begründete Tradition gerne auf, zumal ich mit ihm ganz besonders verbunden gewesen bin, mein ganzes Leben lang. Mit ihm glaube ich, daß wir den Blick in die Geschichte brauchen, damit wir soziale und politische Entwicklungen erklären können, und damit wir unsere Verfassung und die gesellschaftlichen Institutionen besser verstehen.

Es gab einmal einen großen Historiker ? Johann Gustav Droysen. Er hat gesagt: "Das, was war, interessiert uns nicht darum, weil es war, sondern weil es in einem gewissen Sinne noch ist." Und Hans von Keler ? er war Bischof in Württemberg ? hat einmal gesagt: "Geschichte ist nicht nur Geschehenes, sondern Geschichtetes." Das Bild hat mir immer besonders gut gefallen.

Gustav Heinemann und Kurt Körber ging es nicht nur darum, die Heimatgeschichte mit neuen Forschungsergebnissen zu bereichern oder künftige Geschichtsprofessoren zu entdecken. Ihnen war der gesellschaftliche Auftrag wichtig. Sie wollten junge Menschen anregen, sich mit unserer Geschichte und ihren demokratischen Traditionen auseinander zu setzen, um, wie es Gustav Heinemann formuliert hat, Çdie Quellen unseres freiheitlichen und demokratischen Staatswesens freizulegen und uns zu ihnen zu bekennen.

Ich habe, unabhängig davon, wer Preisträger wird, vor allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern großen Respekt und freue mich darüber, daß es viele engagierte Lehrerinnen und Lehrer gibt, die Geschichte auf diese Art und Weise zu mehr machen als zu einem bloßen Unterrichtsstoff. Das Thema hieß diesmal: ÇAufbegehren, Handeln, Verändern ? Protest in der Geschichteê. Und da haben fast 5.000 Jugendliche den Weg zur historischen Spurensuche gefunden und 1.151 Beiträge eingereicht.

Das Thema knüpft an die erste Ausschreibung an. Damals ging es um die deutsche Revolution 1848/49. Ich weiß von Gustav Heinemann, wie er sich bemüht hat, diese Freiheitsbewegungen von 48/49 lebendig zu machen, bewusst zu machen. Denn die waren lange im Hintergrund. Der letzte Brief, den Gustav Heinemann im Juli 1974 diktiert hat, am Morgen seines Todes, war ein Brief an Georg Leber, den damaligen Verteidigungsminister, in dem er ihn bat, doch dem beengten Museum der Freiheitsgeschichte in Rastatt zwei Räume des benachbarten militärgeschichtlichen Museums abzutreten.

Gustav Heinemann hat diesen Brief morgens diktiert, und er hat ihn nicht mehr unterschreiben können. Für mich ist dieser Brief immer eine Art Vermächtnis gewesen. Die Freiheitsbewegungen haben es nämlich schwer gehabt, positiv wahrgenommen zu werden. Protestieren galt lange nicht als typisch deutsche Eigenschaft. Nun ist Protest ja auch nicht automatisch eine gute Sache, das wissen wir. Manchmal gibt es egoistische Einzel- oder Gruppeninteressen, die zum Protest führen. Und manchmal sind die Mittel, die man wählt, um zu protestieren, nicht angemessen und darum nicht zulässig. Aber ohne Proteste würde auch mancher Missstand nicht öffentlich und könnte deshalb auch nicht beseitigt werden. Ohne Proteste ist eine lebendige Zivilgesellschaft nicht mehr denkbar, und ohne Proteste, daran muss man sich gerade in diesem Jahr erinnern, gäbe es keine deutsche Einheit. Übrigens Proteste nicht nur in Berlin, in Leipzig, in Plauen, in Dresden, in Rostock, sondern auch Proteste in Warschau, in Prag, in Budapest.

Diejenigen, die am diesjährigen Wettbewerb teilgenommen haben, haben sich mit der Frage nach der Berechtigung der jeweiligen Proteste befasst. Ich habe mir sagen lassen, daß es bei ihnen eine sehr wahrnehmbare Skepsis gegeben habe gegenüber rein ideologisch motivierten Protesten, gegenüber dem, was man Partikularinteressen, Einzelinteressen nennt. Aber viele haben eine Menge Sympathie für den Einsatz und die Zivilcourage einzelner Menschen gezeigt, wenn es um brennende Probleme vor Ort geht, etwa um die Schließung einer sozialen Einrichtung. Ihr Verhältnis zum Protest ist nüchtern und ist pragmatisch, aber es ist damit nicht unpolitisch. Für sie ist Protest eine Form der politischen Auseinandersetzung neben anderen.

Das zeigt mir, daß junge Menschen heute nicht automatisch politikmüde oder konfliktscheu sind, sondern daß sie einfach andere Erwartungen haben als frühere Generationen: Sie möchten weniger Auseinandersetzungen um Grundsatzfragen, die oft fruchtlos sind, sie lehnen das Beharren auf absolute Wahrheiten ab, sie wünschen sich mehr Einsatz für konkrete Probleme vor Ort und eine stärkere Anerkennung des Engagements couragierter Bürger. Vielleicht lässt sich als Resümee sagen: Protest hat seinen Stellenwert, aber es darf nicht bei einer bloßen Antihaltung bleiben.

Ich hoffe sehr, daß Sie durch Ihre intensive Beschäftigung mit einem geschichtlichen Thema manches differenzierter und gleichzeitig bestimmter sehen. Differenzierter, weil sich fast nichts so einfach erklären lässt, wie es auf dem ersten Blick scheint. Albert Einstein hat einmal gesagt, man soll alle Dinge möglichst einfach sagen, aber nicht einfacher. Und bestimmter, weil Sie sich durch Ihre Arbeit ein Stück Kompetenz erworben haben. Ich rate Ihnen, diese Kompetenz zu nutzen im Sinne eines Satzes von Gustav Heinemann: ÇDas Grundgesetz gibt der Mitverantwortung und der Mitarbeit des Bürgers großen Spielraum. Dies Angebot sollte genutzt und ausgeschöpft werden.