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Festakt 25 Jahre Deutsche Krebshilfe

Grußwort von Bundespräsident Johannes Rau

Herr Präsident Geiger, verehrter, lieber Walter Scheel, meine Damen und Herren,

ich bin gern gekommen, um Sie alle zu ermutigen. Denn die Arbeit, die Sie tun, muß weiter geschehen. Ich gehöre zu denen, die Mildred Scheel noch gut gekannt haben. Eine ungewöhnliche Frau – eine Frau, die in keine Schablone paßte, die sich auch nicht anpaßte und die eine begnadete Bettlerin war. Wie oft hat sie bei mir gesessen – dem damaligen Wissenschaftsminister – um Lehrstühle zustande zu bringen, sie auszustatten – immer mit der Frage: "Was tun Sie dazu, wenn ich etwas gebe? Und so habe ich ein paar Jahre lang in meiner damaligen Funktion miterlebt, wie die Deutsche Krebshilfe nicht nur das öffentliche Bewußtsein veränderte, sondern auch die medizinische Wirklichkeit. Und wer in seinem Leben von der Kindheit bis jetzt immer wieder die Einschläge gemerkt, gespürt, erfahren hat, bei Freunden, bei Verwandten, bei Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, wer weiß, wie viele Menschen noch die Mitteilung der Diagnose für ein Todesurteil halten, und wer weiß, wie viele davon kommen, nicht nur mit dem Leben, sondern mit neuem Leben, der kann nur herzlich bitten, hören Sie nicht auf, sich einzusetzen, hören Sie nicht auf, diese Reihenfolge einzuhalten, die hier an der Wand steht: Helfen. Forschen. Informieren.

Herr Dr. Geiger hat die Zahlen genannt. Das eindrucksvolle Aufkommen aus Spenden und aus Vermächtnissen und Nachlässen – über 100 Millionen im Jahr. Aber wenn wir uns jetzt die Zahlen hinzu dächten, die man braucht, nicht nur das, was man hat, sondern das, was nötig wäre, dann ist kein Anlaß, sich da auszuruhen. Dann ist kein Anlaß, sich zurückzulehnen, sondern ist lauter Veranlassung, immer mehr Menschen zu fragen, ob sie sich und wie sie sich engagieren wollen. Das gilt für die Deutsche Krebshilfe, aber es gilt auch für unser gesellschaftliches Leben überhaupt.

Hätten wir eine Gesellschaft, in der nur das Beamtenrecht gilt und nur das Tarifrecht, würden wir funktionieren, aber wir erfrören. Unsere Welt lebt von dem, was Menschen dazu tun, hauptberuflich und ehrenamtlich. Ohne ehrenamtliches Engagement, ohne die Bereitschaft etwas zu tun, wozu man nicht verpflichtet ist, etwas, was eigentlich unzumutbar ist, erfriert unsere Gesellschaft. Sie lebt davon, daß Menschen mehr tun als ihre Pflicht.

Ich will Ihnen, meine Damen und Herren, jetzt die Zahlen nicht vortragen, die Entwicklungen nicht darstellen. Sie alle kennen das und werden heute morgen noch mehr davon hören. Mir liegt daran, Worte der Ermutigung zu sagen. Ich bitte Sie, es zu verstehen als ein Wort des Dankes und des Ansporns, nicht müde zu werden, nicht nachzulassen, auch nicht zu resignieren vor dem Sachverhalt, daß wir die Ursache der Krebserkrankung trotz weltweiter wissenschaftlicher Bemühungen immer noch nicht erkannt haben. Meine Bitte ist, daß die Wissenschaft nicht aufgibt, daß wir nicht aufgeben, die Wissenschaft zu fördern, damit sie Lösungen und Heilungen findet. Und meine Bitte ist, daß wir den Krebskranken beistehen und in deren Nähe sind und zwar vom Wartezimmer bis möglicherweise ins Hospiz. Daß wir uns freimachen von dem Gedanken, individuelle Krankheit sei persönliche Schuld, daß wir aber wissen, wir sind denen etwas schuldig, die in unserer Mitte leben und die von dieser Krankheit betroffen und geschlagen sind. Ich wünsche Ihnen dazu langen Atem, gute Nerven und die Bereitschaft, andere anzuerkennen und ihnen beizustehen. Glückauf und einen guten Tag!