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Festakt zum 40jährigen Bestehen der Kindernothilfe

Rede von Bundespräsident Johannes Rau

Meine Damen und Herren,

wer Sinn für Zahlensymbolik hat, der weiß: Die 40 ist eine ganz besondere Zahl ? vor allen Dingen natürlich in der Bibel. Vierzig Jahre Wüste, vierzig Tage Versuchungsgeschichte. Man könnte der Zahl 40 überall nachgehen und würde feststellen, bis in unsere Tage hinein hat sie eine besondere Symbolik. Die Schwaben werden angeblich mit vierzig gescheit.

Ich bin jetzt drei Monate in dem Amt, das ich innehabe, und ich habe inzwischen gelernt: Ohne Geländer, ohne Regeln geht das nicht. Man würde ersticken in Einladungen, in Postbergen, in Reisen, wenn man immer ja sagte; das Neinsagen will gelernt sein. Und darum gibt es ein paar Regeln:

  • Zu Stadtjubiläen geht der Bundespräsident nicht, wenn die Städte nicht 750 oder 1000 Jahre alt werden.
  • Zu Geburtstagen geht er und schreibt er nicht, es sei denn, die Leute werden hundert und folgende.
  • 50jährige Jubiläen besucht der Bundespräsident nicht, denn im Jahr der Gründung der Bundesrepublik werden alle Organisationen fünfzig. Also muß man absagen.

Aber man muß Ausnahmen machen, und die Kindernothilfe ist eine solche Ausnahme. Warum ist sie das? Nicht nur, weil meine Frau im Stiftungsrat mitarbeitet, nicht nur, weil ich über zwanzig Jahre lang Pate bin, sondern weil die Zahl 40 auch eine schreckliche Faszination hat.

Als ich vor vierzig Jahren Abgeordneter wurde, habe ich gelernt, daß in Deutschland so viele Kinder im Straßenverkehr verunglücken, daß das vierzig Schulklassen ausmacht. Und damals war die Klassenstärke vierzig. Wer heute die Statistiken liest, der kann feststellen, daß vierzig Millionen Kinder jedes Jahr verhungern. Sie verhungern nicht, weil es auf der Welt nicht genug zu essen gibt, sondern sie verhungern, weil unsere Transportsysteme nicht danach gehen, wer was braucht, sondern wer was bezahlen kann. Sie verhungern nicht, weil Essen und Trinken fehlt, sondern weil wir in einer Weltwirtschaftsordnung leben, die nicht vom Recht auf Leben ausgeht, sondern die etwas zu tun hat mit dem Recht der Stärkeren. Eine solche Welt ist heillos, wenn es nicht Menschen gibt, die sich gegen diese Gesetze stemmen, und zwar mit ihrem Denken, mit ihrem Reden und mit ihrem Tun.

Es gibt in der Geschichte der Kindernothilfe eine Situation ? ich kann die Jahreszahl nicht mehr nennen ?, da gab es eine große Diskussion über den Sinn der Kindernothilfe. Rundfunkkommentare: "Das alles ist doch nur ein Tropfen auf den heißen Stein." "Ihr müßt die Strukturen der Welt ändern statt zu sammeln!" Nein, wer sammelt, ändert die Strukturen der Welt. Wer zahlt, hilft mit, damit nicht vierzig Millionen Kinder in jedem Jahr an Hunger sterben.Und darum denke ich, auch für die Paten der Kindernothilfe gilt, was unser Gemarker Jugendpfarrer uns vor fünfzig Jahren erzählt hat: "Wenn jeder das Doppelte von dem gibt, was er geben wollte", so sagte er bei der Kollekte, "dann hat er genau die Hälfte dessen gegeben, was Gott von ihm erwartet!"

Es gibt viele Spruchweisheiten über Kinder, es gibt viele Staatsmänner, die gesagt haben: "Wie eine Gesellschaft mit ihren Kindern umgeht, daran erkannt man den Wert dieser Gesellschaft." Dostojewski sagt: "Die Geburt eines jeden Kindes ist ein Zeichen dafür, daß Gott diese Welt noch nicht aufgegeben hat." Nur wenn das stimmt, müssen wir den nächsten Satz sprechen: Wir dürfen Kinder nicht aufgeben. Kinder haben ein Recht auf Leben, und sie haben ein Recht darauf, daß wir ihnen zum Leben und im Leben helfen.

Darum hat die Kindernothilfe neue Akzente gesetzt. Darum baut sie eine Stiftung auf, aus deren Erträgen zuverlässiger gezahlt werden kann als im Auf und Ab des Spendenwesens, das abhängig ist von Katastrophen und von Schlagzeilen und manchmal von Schlagzeilen, die selber Katastrophen sind. Darum brauchen wir eine solche Stiftung, und darum gibt es diesen Aufruf, an den letzten 100 Tagen dieses Jahres zwanzig Pfennig zurückzulegen, damit am Ende des Jahres zwanzig Mark für die Kindernothilfe da sind. Ich bin gekommen, um dafür zu werben. Ich bin gekommen, um dafür zu werben, daß wir nicht Menschen bleiben oder werden, die sich um sich selber drehen; die mit sich selber so beschäftigt sind, daß der Blick auf den Nächsten nicht mehr gelingt; sondern daß wir Menschen werden oder bleiben, die eine Gesellschaft aufbauen, deren Symbol nicht die Faust ist, aber auch nicht der Ellenbogen, sondern die ausgestreckte Hand. So muß unsere Gesellschaft werden, nicht damit wir uns wohler fühlen, sondern damit sie existieren, damit sie weiterleben, damit sie überleben kann.

Wir rufen darum auf zur Hilfe für Kinder. Wenn wir helfen, werden wir entdecken, daß wir selber dabei reicher werden. Wir entdecken die Unbefangenheit dieser Kinder ? Unbefangenheit, wie sie vielen von uns Erwachsenen längst verlorengegangen ist. Wir entdecken Spielfreude ? eine Spielfreude, wie wir sie im Streß des Alltags, des Berufs, der Karriere längst verloren haben. Wir entdecken Begeisterungsfähigkeit, Kreativität, Mut. Wir entdecken die Kraft, auch unter den schlimmsten Bedingungen nicht aufzugeben.

Genau das haben wir von dem Mädchen aus Brasilien im Filmbeitrag gehört. Wer die Favelas in Brasilien, in Mexiko, in Argentinien und wo auch immer erlebt hat, wer die streunenden Kinder auf indischen Straßen kennt, der muß nicht denken, das sei ein Fremdenverkehrserlebnis. Auch bei uns gibt es Tausende von Kindern, Hunderttausende von Kindern, die kein Dach über dem Kopf haben. Über eine Million Kinder leben von Sozialhilfe in Deutschland. Das Diakonische Werk und die Caritas meinen sogar, nach ihren Berechnungen wären es fast zwei Millionen Kinder, die unter den Bedingungen der Sozialhilfe leben.

Weil das so ist und weil man das ändern kann und ändern muß, müssen Prioritäten neu gesetzt werden. Dieser Abend ist dazu eine Chance, und darum bin ich heute gekommen, obwohl keine tausend Jahre, keine hundert Jahre, keine fünfzig Jahre, sondern "nur" vierzig Jahre Kindernothilfe gefeiert werden. Aber diese vierzig Jahre waren nicht Wüste, diese vierzig Jahre waren voller Manna und zwischendurch gab es Wachteln. Also sage ich: Auf die nächsten vierzig Jahre! Damit es nicht mehr vierzig Millionen Kindersind, die an Hunger sterben, damit es nicht mehr vierzig Schulklassen sind, die im Straßenverkehr umkommen. Dostojewski, der diesen eben von mir zitierten Satz von den Kindern gesprochen hat, die ein Zeichen dafür sind, daß Gott die Welt nicht aufgibt, hat auch gesagt: "Es ist keiner gerettet, so lange nicht alle gerettet sind." Er wollte damit nicht die Rettung des einzelnen klein machen, sondern uns dazu ermutigen, den Blick nicht zu verlieren für die, die noch auf Rettung warten, damit wir die Kraft aufbringen, das zu tun ? nicht nur zu sagen, nicht nur zu denken ?, sondern zu tun, was ein Tropfen auf den heißen Stein ist, aber lebendiges Wasser.