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Ordensverleihungen zum Tag der Deutschen Einheit

Ansprache von Bundespräsident Johannes Rau im Schloß Bellevue

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich begrüße Sie hier im Schloß Bellevue, einem Ort, an dem meine Amtsvorgänger einmal im Jahr deutsche Bürgerinnen und Bürger, aber auch Gäste aus anderen Ländern empfangen haben, um ihnen das Bundesverdienstkreuz zu überreichen. Das Bundesverdienstkreuz wird sonst ausgehändigt von Oberbürgermeistern, von Ministerpräsidenten, von Universitätsrektoren.

Gustav Heinemann, der von 1969 bis 1974 Bundespräsident war, hat es übernommen, einmal im Jahr selber diesen Orden auszuhändigen. Er hat das immer am 23. Mai getan - dem Tag, an dem unser Grundgesetz in Kraft getreten ist. Der Tag, an dem es jetzt geschieht, ist der Tag, der nahe am 3. Oktober ist ? an dem Tag, der uns Deutschen vor neun Jahren die nationale Einheit zurückgegeben hat, ein Tag, den wir in diesem Jahr in Wiesbaden, aber den auch viele Menschen hier in Berlin gefeiert haben. Dieser 3. Oktober ist ein staatlicher Feiertag. Es gibt Menschen, die sehen den 3. Oktober nur im Licht des 9. November, des Tages, auf dem eine große Last der Geschichte liegt. Denn dieser 9. November war der Tag, an dem die Weimarer Republik ausgerufen wurde, 1918. Es war der Tag, an dem Hitler putschte, 1923 - Feldherrnhalle. Es war der Tag, an dem 1938 die Geschäfte jüdischer Kaufleute zerschlagen, zerstört und Synagogen verbrannt wurden und es war der Tag des deutschen Wunders, 1989.

Ich kann mich an diesen Tag gut erinnern. Ich war bei einer Kunstausstellung des Landes Nordrhein-Westfalen in Leipzig und ich hielt eine Rede - eine gute Rede; denn sie war aufgeschrieben, vorbereitet. Und während der Rede bekam ich einen Zettel. Ich sprach gerade über die Musikwelt in Detmold, Düsseldorf und Köln. Nun wissen geübte Redner - und hier sind viele - wie das ist, wenn man einen Zettel während der Rede bekommt.

Da steht drauf: Bürgermeister noch begrüßen, lauter sprechen, kürzer fassen. Manchmal steht drauf: Bitte stark betonen, da Argument schwach. Der Zettel, den ich bekam, auf dem stand: "Die Mauer ist auf." Da stand ich mit meinem Manuskript über nordrhein-westfälische Kulturpolitik und hatte einen Zettel: "Die Mauer ist auf". Und ich wußte überhaupt nicht, was das hieß. Und ich wußte überhaupt nicht, wie ich meine Rede zu Ende bringen sollte. Denn in mir war so viel Neugierde, dass mich die eigenen Worte nicht mehr interessierten.

Ich spreche davon, weil der 9. November und der 3. Oktober zusammengehören. Ohne die Kerzen, ohne die Gebete, ohne die Montagsdemonstrationen nicht nur in Leipzig - erst in Plauen, dann in Dresden, dann in Leipzig und in Rostock und an vielen Stellen - hätte es den Fall der Mauer nicht gegeben, hätte es den 9. November nicht gegeben und damit auch den 3. Oktober nicht. Und wenn wir ein Stückchen weiterdenken, dann denken wir daran, ohne die Botschaft in Prag und ohne den Außenminister Horn hätte es den Fall der Mauer nicht gegeben. Ohne Budapest, ohne Polen, ohne Warschau, ohne "Solidarnosc" hätte es den Weg der Deutschen zueinander nicht gegeben.

Das ist der Hintergrund, auf dem wir uns heute hier treffen - weil Menschen da sind, die in dieser Welt für die Deutschen und in Deutschland etwas bewegt und etwas vorangebracht haben, sehr Unterschiedliches. Sie werden das gleich bei den Laudationes hören, was das für unterschiedliche Menschen sind, die heute hier sitzen.

Da sind Menschen, die haben die Wissenschaft im Lande vorangebracht, dass sie wieder internationalen Rang und Reputation gewonnen hat. Da sind Unternehmer, die haben das getan, was Unternehmer sollen, nämlich etwas unternommen und haben damit Menschen Arbeit und Brot gegeben. Da sind Künstler, die haben mit der Kraft ihrer Begabung nicht nur Abende im Theater gestaltet, sondern Leben verändert. Die unterschiedlichsten Menschen sind hier. Es sind welche da, die haben Brücken gebaut zwischen Deutschland und Polen, zwischen Deutschen und Franzosen, zwischen Israelis und Deutschen, zwischen Juden und Christen. Da sind Menschen, die haben ihr Leben riskiert als Nachrichtenredakteure. Da sind Männer und Frauen, die haben sich der internationalen Verständigung zugewandt. Und da sind Menschen, die haben Gewerkschaften, Verbände aufgebaut, gestaltet, beieinander gehalten. All diesen Menschen aus Kirchen und Verbänden, aus Krankenhäusern und Universitäten will die Bundesrepublik, vertreten durch den Bundespräsidenten, ein Zeichen des Dankes geben, ein Bundesverdienstkreuz.

Das hat keinen großen materiellen Wert, das Bundesverdienstkreuz. Die Firma, die sie herstellt, ist in Lüdenscheid. Ich kenne die Preise. Aber es ist ein Symbol, es ist ein Zeichen und darum bitte ich, es auch zu tragen, das Bundesverdienstkreuz. Mit dem wollen wir sagen: Hier ist ein Mensch, der hat mehr als seine Pflicht getan, mehr getan als Tarifverträge und Beamtenrecht vorschreiben, mehr als im Führungszeugnis steht. Menschen haben ein Stück weit die Welt, unsere Welt verändert, heller gemacht, wärmer gemacht. Und dafür sollen sie einen Orden bekommen und sie sollen ihn bitte auch tragen. Nicht nur aus Stolz, aber auch ein bißchen stolz. Sie sollen ihn tragen damit andere, die das sehen, sich fragen, ob sie selber nicht auch noch etwas zulegen können. Ob sie nicht auch etwas tun sollten, was die Welt verändert und nicht nur dem eigenen Profil gilt.

Darum erzähle ich Ihnen doch noch die Geschichte von Wilhelm II. und dem Kapitän des Fährschiffes von Bremerhaven: Wilhelm II., dessen Amtsnachfolger ich nicht bin, fuhr immer mit dem Fährschiff von Bremerhaven nach Norderney. Und als er das zehnmal getan hatte, verlieh er dem Kapitän den Kronenorden Dritter Klasse. Feierliche Zeremonie - Sie können sich das vorstellen - überall wo Marine ist, geht es feierlich zu. Und ein Jahr später kommt Wilhelm II. wieder. Der Kapitän steht am Schiff und macht Meldung. Dann sagte Wilhelm II. ein wenig grimmig: "Herr Kapitän, warum tragen Sie den Orden nicht, den ich Ihnen im vorigen Jahr verliehen habe." Da schlägt der Kapitän die Hacken zusammen und sagt: "Majestät, den trage ich nur bei besonderen Gelegenheiten."

Viele Genies begegnen mir und halten das nicht für eine besondere Gelegenheit.

Wir wollen mit diesem Orden Menschen danken, Menschen ehren, aber wir wollen auch anstiften. Anstiften dazu, dass die anderen sich fragen, wo kann ich Brücken bauen, wo kann ich ein Licht anzünden, wo kann ich Wärme vermitteln, wo kann ich etwas zum Leuchten bringen, das nicht ich bin, sondern das meine wissenschaftliche Arbeit ist, meine künstlerische Leistung, was immer. Wir merken dann, die Welt wird wärmer. Unser Leben wird menschlicher, wenn wir uns einander zuwenden. Wenn wir deutlich machen, wir wollen eine Gesellschaft in Deutschland, deren Symbol ist nicht der Ellenbogen und nicht die geballte Faust, sondern die ausgestreckte Hand. Und weil wir eine solche Gesellschaft wollen, darum bin ich froh darüber, dass ich heute für unser Land, für unser Volk, für unseren Staat eine kleine Auswahl von Bürgerinnen und Bürgern mit einer Stufe des Bundesverdienstkreuzes auszeichnen darf.

Seien Sie herzlich willkommen. Es soll eine fröhliche Feier sein und es soll auch eine Feier sein, bei der wir nicht uns selber ein Fest bereiten, sondern ein Licht anzünden für den Alltag.

Herzlichen Dank.