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Zum 20-jährigen Bestehen der Hochschule für Jüdische Studien

Grusswort von Bundespräsident Johannes Rau

Meine Herren Rektoren, Herr Ministerpräsident, meine Damen und Herren,

als ich etwa 15 Jahre alt war, erzählte ein Freund, in Düsseldorf spreche ein Rabbiner, ob ich nicht mitfahren wolle. Ich hatte noch nie einen Rabbiner gesehen und fuhr neugierig mit in die Landeshauptstadt. Was der Rabbiner gesagt hat, hab ich nicht mehr in Erinnerung. Aber den Namen dieses Rabbiners vergesse ich nicht, es war Leo Baeck.

Leo Baeck, der 1946 das bittere Wort gesagt hat: "Wir alle haben an die Symbiose geglaubt, jetzt ist der Dialog zu Ende, es wird ihn nie mehr geben." Wie gut, dass dieser grosse weise Leo Baeck sich geirrt hat.

Wie gut, dass es wieder jüdische Studien gibt, wie gut, dass wir Synagogen bauen, dass es Studiengänge gibt an vielen Orten in Deutschland, Museen, die uns nicht nur die Geschichte des Holocaust der Shoa erzählen, sondern die uns auch berichten, vom Leben der Juden in Deutschland und wie gut, dass es neben den Erinnerungen an das Leben der Juden in Deutschland nirgendwo so signifikant wie hier in Heidelberg einen Studiengang gibt, der uns jüdisches Denken nahe bringt.

Ich selber war Mitglied der Kultusministerkonferenz als wir in den 70er Jahren in langwierigen schwierigen Verhandlungen über die Gründung der Hochschule für Jüdische Studien verhandelt haben. Was war das für ein Problem der Finanzierung, des Standortes, des Curriculums, der verschiedenen Akzente dieses Studiums, und was ist daraus Gutes geworden.

Wer sich den Studienplan ansieht, der weiss, es geht von der Einführung in die rabbinische Hermeneutik bis zur jiddischen modernen Literatur, der entdeckt ein eigenartiges und einzigartiges Spektrum jüdischer Lehre, der merkt: Die Arbeit dieser Hochschule ist die lebendige und zukunftsorientierte Erfüllung dessen, was Arthur Eloesser gesagt hat, "wie eine glückhafte Erhebung, dass wir uns als Juden entdecken, unser Sein aus sehr vergrabenen Wurzeln wieder erneuern können."

Das wünsche ich der Hochschule. Nicht nur, dass der Studiengang mit dem Abschluss des Staatsexamens jüdischer Religionspädagogen bald anerkannt wird, der Antrag liegt vor. Sondern, dass sie sich entdecken aus den sehr vergrabenen Wurzeln. Juden und Christen begegnen sich wieder. Juden bauen Häuser und wer Häuser baut, der will bleiben.

Wir Deutschen, wohl wissend, was durch uns, nicht in unserem Namen, geschehen ist, wir Deutschen sehen es dankbar als ein Wunder an, dass wieder Juden unter uns leben. Wir wünschen uns das Gespräch. Das Gespräch, das bereichert im Dialog der Konfessionen und Religionen, wohl wissend, Toleranz ist nicht Beliebigkeit, Toleranz ist nicht Indifferenz. Gestaltlose Nebel, so hat Hermann Hesse gesagt, begegnen sich nie.
Sondern, wir müssen unser eigenes Profil zeigen, als Juden, als Christen, als Muslime, als Menschen, die der Gnostik oder dem agnostischen Denken verpflichtet sind. Wir sind aufeinander angewiesen. Das sagt uns die chassidische Literatur so wie es uns das gemeinsame Buch der Juden und der Christen, die Heilige Schrift, zeigt.

Ich wünsche der Hochschule für Jüdische Studien viele wissbegierige junge Menschen. Juden und Nichtjuden, Männer und Frauen, solche die ihren beruflichen Weg suchen, und solche, die mit einem weltlichen Beruf in dieser unserer Welt wirken wollen. Ich wünsche Ihnen, dass Sie die vergrabenen Wurzeln aufdecken und ich wünsche Ihnen, dass wir gemeinsam Bäume des Lebens pflanzen.