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Zum Tag der Vereinten Nationen

Ansprache von Bundespräsident Johannes Rau

Heute, am 24. Oktober, feiern wir den Geburtstag der Vereinten Nationen: Heute vor vierundfünfzig Jahren trat die Charta der Vereinten Nationen in Kraft. Am Vorabend des 21. Jahrhunderts sehen wir uns mit einer Fülle von Problemen konfrontiert, für die wir neue und unerprobte Lösungen suchen müssen.

Der Kosovo-Konflikt war ein Test für unsere Entschlossenheit zu verhindern, dass das 21. Jahrhundert mit den Schatten der Katastrophen des ausgehenden Jahrhunderts beginnt. Für uns in Deutschland bedeutete er eine radikale Kehrtwende: Zum ersten Mal seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs waren auch deutsche Soldaten in einem Kampfeinsatz. Deutschland ist einen langen Weg gegangen, bis es nach seiner friedlichen Vereinigung und im Verbund mit seinen Partnern diese Entscheidung getroffen hat.

Die Frage nach der Sicherstellung von Frieden weltweit ist nach dem Ende des Kalten Krieges und dem Wegfall des bipolaren Systems zur zentralen Frage für die Völkergemeinschaft geworden. Wie kann sie sich zu einer wirklichen Verantwortungsgemeinschaft entwickeln? Welche Rolle sollen die Vereinten Nationen dabei spielen? Können wir die VN-Charta als Weltverfassung betrachten? Soll die Universalität der Menschenrechte Vorrang vor nationalstaatlicher Souveränität haben? Wie gehen wir mit Menschenrechtsverletzern um, die sich auf nationale Souveränität berufen? Hat die Staatengemeinschaft eine Interventionspflicht, wenn Menschenrechte verletzt werden?

Aber nicht nur Fragen der Menschenrechte stellen die Völkergemeinschaft vor neue Aufgaben. Auch die Bekämpfung des grenzüberschreitenden Verbrechens, des weltweiten Drogenhandels und die Erhaltung der Umwelt - um nur einige Beispiele zu nennen - wird uns alle beschäftigen. Frieden hängt nicht zuletzt ab von der Erhaltung der Lebensgrundlagen. Wie können wir verhindern, dass die wachsende Weltbevölkerung ihre eigenen Lebensgrundlagen vernichtet? Wie können wir mit unserer natürlichen Umwelt so wirtschaften, daß sie auch für kommende Generationen erhalten bleiben?

Schließlich müssen wir uns mit der Frage nach gerechter Verteilung von Chancen beschäftigen. Sie entsteht nicht nur innerhalb der "reifen Industrienationen", etwa durch demografische Entwicklungen, technologische Umbrüche oder Standortkonkurrenz, sondern auch im Verhältnis zwischen "Nord" und "Süd". Welche Verpflichtungen haben die Reichen den Armen gegenüber, und wie lassen sie sich am wirkungsvollsten umsetzen? Darüber wird in einer Phase fortschreitender Globalisierung noch nicht genug nachgedacht.

Um diesen neuen Fragen gewachsen zu sein, brauchen wir eine bisher beispiellose Zusammenarbeit zwischen Völkern, die sich unterschiedlichen Kulturen, Religionen und Werten verpflichtet fühlen, die sich aber einig sind in dem, was sie für diese eine Welt wollen. Den Vereinten Nationen fällt die Verantwortung zu, diese Zusammenarbeit zu ermöglichen.

Zu Recht feiert die Stadt Bonn also die Einigung der Völker auf eine gemeinsame Wertegrundlage, die vor fünfzig Jahren besiegelt wurde. Bonn selbst steht in der Nachkriegsgeschichte für ein behutsames, friedliches Hineinwachsen Deutschlands in die Gemeinschaft der Nationen Europas und der Welt. Bonn wird in Zukunft als Sitz von VN-Organisationen der Bedeutung der Vereinten Nationen für die Völkergemeinschaft und für die internationale Politik sichtbar Rechnung tragen. Dazu wünsche ich der Stadt Bonn und den Bonnern Glück und Erfolg.