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Jubiläum 100 Jahre Insel Verlag

Grußwort von Bundespräsident Johannes Rau aus Anlass des Festaktes "100 Jahre Insel Verlag" in der Deutschen Bücherei

Verehrte Frau Dr. Niggemann, lieber Siegfried Unseld, meine Damen und Herren,

ich bin aus vielen Gründen der Komplizenschaft gern hier. Denn wer selber zwei Jahrzehnte seines Lebens als Verleger gearbeitet hat, wer weiß, wie sich das Papier anfühlt, wie die Druckerschwärze riecht, wie man den Einband spürt, der kann nicht wegbleiben, wenn ein so bedeutender Verlag sein hundertjähriges Jubiläum feiert, vor allem dann nicht, wenn in diesen hundert Jahren zwei Verlegerpersönlichkeiten diesem Verlag ein so unverwechselbares Gesicht gegeben haben.

Sie haben schon ein wenig von Anton Kippenberg erzählt. Wer den Briefwechsel des Verlegers mit vielen nachgelesen hat, dem erschließt sich ein geistvoller Kopf, ein exzellenter Verleger, ein Mann der Sprache wie wenige andere.

Wer seine Schüttelreime kennt, erschienen bei Insel in zwei Bänden unter dem Titel "Benno Papentrigk", der weiß auch: Anton Kippenberg ist der einzige Mensch, der einen ganzen Choral als Schüttelreim geschrieben hat. "Der Abend neigt zum Morgen sich, bewahr oh' Herr vor Sorgen mich", so fängt er an, der Choral von Anton Kippenberg. - Von dem Manne ließe sich erzählen von seinem Spürsinn für Autoren; es ließe sich erzählen von der Sperrigkeit mancher Beziehung.

Ich, als ein älterer, habe noch ganz gut Rudolf Alexander Schröder gekannt, der mit zwei anderen das erste Heft der Insel herausgegeben hat. Ich vergesse nicht nur seine gehäkelte Mütze nicht, sondern ihn selber auch nicht.

Wer den Weg von Rudolf Alexander Schröder zu Anton Kippenberg sieht und Jahrzehnte später den Streit der beiden mitbekommt, die schmerzhafte Trennung in einer Zeit, in der eine Trennung von Verleger und Autor für beide existenzbedrohend sein konnte, dem wird schon etwas von der Bedeutung dieses Inselverlages deutlich: Das ist ein Jahrhundert Literaturgeschichte.

Das ist mehr als einhundert Jahre Literaturgeschichte! Denn mit der Aufnahme der Klassiker, mit der Aufnahme derer, die Vorklassiker gewesen sind, kommt wie durch ein Prisma Literatur aus allen Zeiten und aus aller Herren Länder. Wenige Verlage nur haben so ein einheitliches und gleichzeitig ein die Menschen so ansprechendes, ein so schönes literarisches Gewand.

Sie haben ein paar Verleger genannt: Perthes und Göschen, man könnte Cotta hinzufügen. Man müsste die Männer der Buchkunst nennen, von Peter Jessen bis Rudolf Koch und wie sie alle geheißen haben. Keiner von ihnen ohne Berührung zum Insel Verlag, keiner, der nicht dem Insel Verlag zusätzlichen Gewinn an ästhetischer Qualität verschafft hätte!

Gestern war ich in Leipzig. Da hat mich ein Mitglied der Regierung des Freistaates Sachsen am Flughafen abgeholt. Wir haben miteinander darüber gesprochen, welche drei Inselbändchen er denn auf dem Nachttisch liegen hat und welche ich, und schon waren es sechs Titel. Aber Sie haben recht, lieber Siegfried Unseld – natürlich ist der "Cornet" im Grunde immer dabei, Hölderlin ist immer dabei. Und die "Briefe an einen jungen Dichter" und die "Briefe an eine junge Frau" haben ja Jahre geprägt, in denen man für sich selber Orientierung suchte und einen Kompass fand.

Ich könnte viel berichten, sollte es nicht nur ein Grußwort sein. Ich will daher einfach herzlich gratulieren. Ich gehöre zu denen, die mit ungläubigem Staunen feststellen, was es jetzt technisch alles gibt, die jede Woche wieder von etwas Neuem erfahren, was es vorige Woche noch nicht gab. Dennoch glaube ich: Das Buch wird bleiben. Dem Buch droht keine Gefahr - nicht durch Internet und nicht durch E-Mail und nicht durch das, was es, wie meine Kinder behaupten, sonst noch gebe.

Der Spannungsbogen des Buches ist sehr weit. Wer die Sprüche Salomos liest, weiß – das wird man in der Deutschen Bücherei nie vergessen –: des Büchermachens ist kein Ende, und viel Studieren macht den Leib müde. Aber im letzten Buch der Bibel steht immer noch: "Nimm und lies!". Immer noch sind Menschen gekommen und haben genommen und gelesen.

So glaube ich, dass der Insel Verlag eine gute Zukunft hat - nach vierundvierzig Jahren Kippenberg, nach sechsunddreißig Jahren Siegfried Unseld, dem ich nicht nur wünsche, dass er noch acht zulegt, damit er auf Kippenberg kommt. Als Konrad Adenauer neunzig wurde, hat jemand gesagt: "Herr Bundeskanzler, ich wünsche Ihnen, dass Sie 100 Jahre alt werden". Da hat Adenauer grimmig geguckt und hat gesagt: "Warum wollen Sie der Barmherzigkeit Gottes so enge Grenzen setzen?"

Ich glaube es ist Ingeborg Bachmann gewesen, die gesagt hat: "Es sind noch immer die Schiffbrüchigen, die auf Inseln Zuflucht suchen". Ich wünsche, dass die Insel einen großen, einen schönen, einen sicheren Hafen hat und dass sie vielen Menschen dient.
Alles Gute und, lieber Siegfried Unseld, auch Dank für die freundschaftliche Begleitung, die Sie mir in Jahren und Jahrzehnten zugewandt haben.