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100 Jahre Deutscher Fußball-Bund

Rede von Bundespräsident Johannes Rau zum 100jährigen Bestehen des Deutschen Fußballbundes

I.

Wer in Deutschland öffentlich über Fußball spricht, begibt sich in Gefahr. Bei keinem anderen Thema können so viele Menschen mitreden, kaum eines weckt so viele Emotionen. Wer über Fußball das falsche Wort sagt -
über bestimmte Ergebnisse,
über einzelne Spiele und Vereine,
über Mannschaftsaufstellungen, Auswechslungen und Schiedsrichterentscheidungen -
der stellt sich selber schnell ins Abseits.

II.

Was ein Bundespräsident zu tun hat, das wissen viele Menschen nicht. Was ein Bundestrainer macht, das wissen fast alle - aber vor allem wissen sie, was ein Bundestrainer machen sollte.

Deutschland ist ein Land von Fußballfreunden und Fußballexperten. Wenn Sport als wichtigste Nebensache der Welt gilt, dann kann man vom Fußball mit Recht sagen: er ist für viele, viele Menschen - und längst nicht nur für Männer - die wichtigste Haupt-Nebensache.

Er kann uns begeistern oder zutiefst deprimieren. Er erschafft innerhalb von Minuten Helden oder Versager.
Fußball ist eines der bedeutendsten Massen-Phänomene des zwanzigsten Jahrhunderts geworden. Darum will ich nicht an Zufall glauben, dass der deutsche Fußballbund genau am Anfang des letzten Jahrhunderts gegründet worden ist - hier in Leipzig.

III.

Der Deutsche Fußballbund ist doppelt so alt wie die Bundesrepublik Deutschland. Er hat alle deutschen Staatsformen des Jahrhunderts überlebt, freilich nicht immer unbeschädigt.

Ich bin froh darüber, dass die dicke Festschrift, die der DFB zu seinem Jubiläum herausgebracht hat, seine Verstrickungen in der Zeit des Nationalsozialismus nicht unterschlägt. Vielleicht muss die Auseinandersetzung aber noch gründlicher geführt werden, gerade um Gefahren in der Zukunft zu bannen.

Das gilt im Sport nicht weniger als in allen anderen gesellschaftlichen Bereichen. Wir wissen ja auch, wie der Sport in der DDR instrumentalisiert worden ist.

Verstrickungen gab es ja vor allem deswegen, weil der Sport und vor allem der Fußball längst mehr ist als eben nur Sport. Er ist ein gesellschaftliche Tatsache ersten Ranges.

IV.

Viele haben sich den Kopf darüber zerbrochen, woher die eigenartige Faszination gerade dieser Sportart rührt.
Zum großen Teil liegt das sicher daran, dass kein großer Aufwand nötig ist:

  • Man braucht nur ein einigermaßen ebenes Spielfeld, ein Rasen ist schon fast Luxus.
  • Man braucht einen Ball oder einen ballähnlichen Gegenstand,
  • zwei markierte Tore und zwei Mannschaften.
  • Im Notfall kann man auch aufeinTor spielen
  • oder mit fliegendem Torwart
  • oder für drei Ecken einen Elfmeter geben.

Vor allem die Kinder erfinden schnell angepasste Regeln für jede Gelegenheit.

Aber auch die offiziellen Regeln sind, trotz aller Änderungen, im Lauf der Jahre noch immer einfach. Das sollte so bleiben.
Obwohl die Regeln einfach sind, ist jedes Fußballspiel immer wieder eine Überraschung.

"Warum gehen die Menschen ins Stadion? - Weil sie nicht wissen, wie's ausgeht". So einfach sagte das Sepp Herberger, dessen andere Weisheiten rund um den Fußball inzwischen zum deutschen Sprichwortschatz gehören.

V.

Das Fußballspiel ist immer wieder als eine Metapher für das menschliche Zusammenleben verwendet worden. Es wäre schön, wenn die Regeln für dieses Zusammenleben auch so einfach wären.

Fußball ist ein Mannschaftssport und die ganze Mannschaft ist immer nur so gut wie der Schwächste. Trotzdem ist der Satz "Der Star ist die Mannschaft" nur die halbe Wahrheit.

Gerade der Fußball lebt von den Typen, von den unverwechselbaren Charakteren:

  • Er lebt von den Kämpferherzenundden sogenannten Diven,
  • er lebt von den Dribblernundden Spielgestaltern,
  • von den Kaisernundvon den Terriern.

Der Fußball lebt auch von der individuellen Ballkunst, die einfach nur schön ist. Er lebt auch von denen, die, wie es Willi "Ente" Lippens gesagt und vorgemacht hat, "für die Galerie" spielen.
Wo der Fußball sich nur noch am Erfolg orientiert, da geht, zum Schaden der Zuschauer, die Schönheit verloren und wir vermissen die individuellen Typen, die wir im Stadion oder im Fernsehen sehen wollen.

VI.

Auch im Fußball fängt alles im Jugendbereich an. Ich danke den vielen tausend ehrenamtlichen Trainern und den Verantwortlichen in den Vereinen.

Ich danke den Müttern und Vätern, die ihre Söhne - immer häufiger auch ihre Töchter - zum Training und zum Spiel fahren, die ihre Trikots waschen und die sich mit ihnen freuen und mit ihnen leiden.
Das ehrenamtliche Engagement ist und bleibt die Seele des DFB, die Seele des Fußballs in Deutschland.

Allen, die Verantwortung tragen im Kinder- und Jugendfußball, gebe ich zu bedenken: Pflegen Sie nicht nur Leistungswillen und Erfolg. Denken Sie auch an die Freude am Spiel, an die Entwicklung einer eigenen Persönlichkeit.

Nicht nur im Sport brauchen wir MannschaftsgeistundEigensinn, TeamverantwortungundSelbstbewusstsein.

Sport mit Kindern und Jugendlichen ist Bestandteil von Bildung und Erziehung. Hier erfüllen die vielen Vereine des Deutschen Fußballbundes eine große Aufgabe.
Die Entwicklung und die Gesundheit der Kinder und Jugendlichen - die körperliche und die geistig-seelische - müssen an erster Stelle stehen.

Oft sind es gerade die Eltern, die ihre Kinder einem enormen Leistungsdruck aussetzen. Es ist schwer für Trainer und Verantwortliche, wirklichen Sportsgeist zu vermitteln, wenn schon die Kinder erleben müssen, wie ihre Väter sie unter Druck setzen oder gar während der Spiele Gegner und Schiedsrichter angreifen oder anpöbeln. Das sind schlechte Beispiele und schlechte Vorbilder.

VII.

ZumspielerischenWettkampf gehört es auch, mit Anstand verlieren zu können. Wenn das schon im Kinder- und Jugendbereich nicht mehr selbstverständlich ist, wird es bei den Senioren und erst recht bei den Profis nicht mehr selbstverständlich sein.

Wenn wir an die Nationalmannschaft denken - dann fallen jedem von uns Spiele ein, an die man sich gerne oder sogar mit Stolz erinnert, obwohl sie verloren gegangen sind.
Denken Sie an die deutsche Mannschaft um Uwe Seeler im Wembley-Stadion 1966 nach dem verlorenen Finale wegen des dritten Tores, das keines war.

Genauso wird niemand, der es gesehen hat, das Halbfinale Deutschland-Italien 1970 vergessen, vielleicht das dramatischste Weltmeisterschaftsspiel, das es je gegeben hat.

Auch hier ging die deutsche Mannschaft als Verlierer vom Platz. Aber auch hier war es eine Niederlage nach einem großartigen Spiel, bei dem eben nur einer gewinnen kann.

VIII.

Niederlagen akzeptieren zu lernen ist ein Zeichen menschlicher Reife.
Hier zählt natürlich das Vorbild der Profis unendlich viel:

  • Kinder und Jugendliche schauen besonders genau hin.
  • Sie schauen Haltungen und Gesten bei ihren Stars ab.
  • Sie ahmen ihre Tricks nach und ihren Siegesjubel,
  • aber leider auch ihre offenen oder versteckten Fouls,
  • ihre Ausreden für unsportliches Verhalten - das ganze Benehmen auf dem Platz und außerhalb des Platzes.

Ich weiß nicht, ob das den jungen Millionären immer genug klar ist, aber sie tragen auch Mitverantwortung für hunderttausende junger Menschen.

Meisterschaft oder Abstieg entscheiden heute auch über sehr viel Geld.
Vereine werden zu kommerziellen Unternehmen, die von einer Saison auf die andere finanziell ruiniert werden können.

Das große Geld, das damit verdient wird, hat den Fußball schon entscheidend verändert. Ich hoffe, es wird ihn nicht so verändern, dass wir ihn bald gar nicht mehr wiedererkennen können.

Es darf in den Spielklassen, vor allem in der Bundesliga, keine Kluft geben zwischen einer Handvoll Vereinen, die bloß deshalb, weil sie so reich sind, die Meisterschaft unter sich ausmachen und den anderen, die sozusagen aus reiner Gnade auch noch mitspielen dürfen.

Wenn die Bundesliga ihre sportliche Spannung verliert, dann verliert sie auch ihre Anziehungskraft. Dann wird sie langweilig.

Die Spekulation mit Spielern als Kapital, aber auch die Wechselbereitschaft der Spieler zum nächsten und besser zahlenden Verein führen ja dazu, dass die Identifikation mit Mannschaften immer schwieriger wird.
Mit den Städten oder Regionen, die den Namen des Vereins bezeichnen, haben die Ersten Mannschaften nicht mehr viel zu tun - und das ist längst nicht nur in den Profi-Ligen so.

IX.

Manchmal führt die Kommerzialisierung zu Folgen, die ich für grotesk halte.
Wenn in der so genannten Champions-League Mannschaften mitspielen, die gar keine Champions sind, dann ist das Etikettenschwindel.

Wenn dann noch der traditionsreiche UEFA-Cup auch als Trostrunde für ausgeschiedene Teilnehmer der Championsleague mitbenutzt wird, dann wird es unüberschaubar und dann fühlen die Fans sich doch irritiert. Sie sagen zu Recht: Macht den Fußball nicht kaputt.

Die finanzielle Abhängigkeit der Vereine von den Medien und von anderen Außenstehenden, die teilweise schon in den Vereinen selber das Sagen haben, finde ich problematisch.

Wenn die gleiche Unternehmensgruppe mehrere Vereine besitzt, ist der ganze sportliche Wettbewerb in Gefahr.

Der Anreiz, durch Verkauf von Senderechten Geld zu verdienen, hat inzwischen auch zu einer Überfütterung mit Fußball geführt.
Fußballspiele leben auch von der Vorfreude und von den anschließenden Diskussionen und gemeinsamen Erinnerungen.

Zum Ereignis wird nur, was nicht alltäglich ist. Wer große Höhepunkte künstlich schaffen will oder inflationiert, der schadet letztlich dem Fußball.

Wenn in jedem Jahr Weltmeisterschaften wären, dann hätte man in seinem Gedächtnis kaum mehr Platz für wirklich denkwürdige Spiele.

Der Fußball verlöre das, was ihn eben auch ausmacht: die Möglichkeit Geschichten zu erzählen, Legenden zu bilden, unvergessliche Momente zu bewahren.

X.

Der Deutsche Fußballbund hat - nehmt alles nur in allem - eine erfolgreiche Geschichte:

  • Er ist der größte Sportverband der Welt,
  • seine Vereine sind gut organisiert,
  • seine erste Mannschaft, die sogenannte Nationalmannschaft, ist dreimal Weltmeister, dreimal Vize-Weltmeister und Europameister und ist in aller Welt ein Aushängeschild für unser ganzes Land.

International erfolgreich ist übrigens auch die deutsche Frauen-Nationalmannschaft. Es hat ja lange gedauert, bis die Frauen überhaupt offiziell Fußball spielen durften.

Ich bin froh darüber, dass das nun selbstverständlich geworden ist - und es ist eine kluge Entscheidung, dass das Pokalfinale der Frauen am selben Tag stattfindet wie das der Männer. So bekommen viele Menschen am Fernseher mit, wie gut Frauenfußball in so wenigen Jahren schon geworden ist.

XI.

Im Jahre 2006 findet die übernächste Fußball-Weltmeisterschaft statt. Ich wünsche mir mit allen Fußballfreunden in unserem Land, dass diese Weltmeisterschaft in Deutschland stattfinden wird. Ich wünsche allen Glück und Erfolg, die rund um den Globus dafür werben und Überzeugungsarbeit leisten.
Wo ich zusätzlich helfen kann, will ich das auch in Zukunft gern tun.
Eines kann ich den Fußballfreunden in aller Welt versprechen: Wir werden gute Gastgeber sein.

Fußball ist wie kaum ein anderer Sport ein globales Ereignis. Selbst in Ländern, die selber - noch - keine Fußball-Nationen sind, wird er beachtet.

Die Spitzenmannschaften der bedeutenden Ligen der Welt sind international zusammengesetzt.

Durch die europäischen Wettbewerbe lernen die Fußballfreunde Städte und Länder kennen, von denen sie sonst nie gehört hätten.

Deutsche Trainer, die in Afrika trainieren, sind dort teilweise angesehener als die Botschafter.

Der DFB leistet viel Fußball-Entwicklungshilfe. Das wissen noch viel zu wenige. Und der DFB engagiert sich auch in sozialen Fragen, nicht nur in seiner Mexiko-Hilfe. Das sind keine Nebensachen, sondern das gehört zu der völker- und zu der menschenverbindenden Dimension des Sports und des Fußballs.

Ich glaube - trotz mancher bedenklicher Entwicklungen, die ich angesprochen habe, der Fußball kann eine große Zukunft haben.

Solange in so vielen Vereinen so viele junge Spielerinnen und Spieler dem Ball hinterher jagen und trainieren,
solange sie davon träumen, beim WM- oder Champions-League-Finale oder auch bei der Schulmeisterschaft das entscheidende Tor zu machen, solange wird auf der Welt Fußball gespielt - und zum Glück auch hier bei uns.