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Weltwirtschaftsforum in Davos

Ansprache von Bundespräsident Johannes Rau anlässlich des Weltwirtschaftsforums

Exzellenzen,

meine Damen und Herren,

In den zurückliegenden Wochen hat mich eines der unzähligen Bilder, die uns täglich erreichen, besonders berührt: Kofi Annan hält in Sarajevo ein gerade geborenes Baby in den Armen - symbolische Begrüßung des sechsmilliardsten Erdenbürgers.

Ein solches Bild weckt viele Assoziationen:

  • Auch dieser Mensch hat, wie jeder andere, ein Recht auf Leben und Bildung, auf Ent-faltung und die Suche nach persönlichem Glück.
  • In Orten schrecklicher Zerstörung und des Hasses kann es schließlich doch gelingen, wieder Frieden zu schaffen - zunächst den äußeren, und vielleicht, in der Aussöhnung der Menschen, eines Tages auch den inneren.

Das kann uns vor dem Fehlschluss bewahren, wir seien gewissermaßen Gefangene einer Geschichte der Kriege.

Manche sprechen ja vom 20. Jahrhundert als einem Jahrhundert der Kriege, und natürlich haben sie recht: in der ersten Hälfte des Jahrhunderts zwei Weltkriege und der schlimmste Völkermord der Geschichte, in der zweiten Hälfte der Kalte Krieg und ganz zum Schluss neue Völkermorde.

Manche, die sich für Realisten halten, meinen sogar, die Geschichte der Menschheit bleibe auf Dauer vom Gesetz des Dschungels beherrscht:
Ein "Zusammenstoß der Zivilisationen", ein Krieg der Kulturen wird uns als nächster großer Weltkonflikt nach dem Ende des Kalten Krieges vorhergesagt.

Stimmt das wirklich?
Ist das wirklich unsere Hauptsorge?
Müssen wir uns nicht mit anderen Fragen beschäftigen?

  • Der Fehlschlag bei den Verhandlungen über neue Regeln für den internationalen Handel in Seattle hat gezeigt: Die Frage einer gerechten Weltordnung bleibt auch zwanzig Jahre nach Veröffentlichung des Brandt-Reports auf der Tagesordnung.
  • Die Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen bleibt das größte aller Risiken.
  • Der Verbrauch nicht erneuerbarer Rohstoffe ist schon auf mittlere Sicht nicht mehr vertretbar. Erst recht nicht, wenn sich die ganze Welt so verhielte, wie es die reichen Länder tun. Hier neue Wege zu gehen, ist deshalb zuerst eine Frage an die Industrieländer.
  • Wir haben noch immer keine Antworten auf die demographischeImplosion in den
    alternden Industriegesellschaften und dieExplosion in den Entwicklungsländern.
  • Die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen ist ein Risiko, das noch immer nicht gebannt ist, obwohl sie selbst die bedrohen, die sie herstellen und verbreiten.

Da kann man fragen: Ist die Beschäftigung mit dem interkulturellen Dialog nicht eher Luxus, ein Thema für ruhigere Zeiten, vielleicht sogar Ablenkung?

Wenn wir uns aber ansehen, was in den vergangenen Jahren bis heute in Bosnien, im Kosovo, in Sri Lanka oder auf den Molukken geschehen ist, dann müssen wir auch fragen:

  • Holt uns hier die längst überwunden geglaubte Geschichte der Religionskriege wieder ein?
  • Nicht nur zwischen Nationen, Regionen oder Kulturkreisen, sondern innerhalb unserer eigenen Gesellschaften?
  • Auch in den Vorstädten von Berlin, London und Paris, ja in Dörfern und Kleinstädten gibt es Gewalt mit kulturellem, mit ethnischem Hintergrund.

Für mich wurde das an Pfingsten 1994 in Brand gesetzte Haus einer türkischen Familie in Solingen, in der Nachbarschaft meiner Heimatstadt, zu einem Ereignis, das mich nicht mehr losgelassen hat und das auch mein Denken und Handeln als Bundespräsident mitbestimmt.

Man könnte versucht sein, alle diese Konflikte mit dem Begriff "Fundamentalismus" zu erklären.

Wer im Westen den Begriff "Fundamentalismus" verwendet oder hört, meint oder assoziiert damit allzu oft "islamischen Fundamentalismus". Das ist ein Beispiel für Hochmut und Begriffsverwirrung.

Fundamentalismus gibt es in allen Religionen, im Islam genauso wie im Christentum und im Judentum.

Die besondere Gefahr, die von allen Formen von Fundamentalismus ausgeht, ist die Instrumentalisierung der Religion zu machtpolitischen Zwecken. Diesen Tendenzen müssen wir widerstehen, wo immer sie auftreten.

Fundamentalismus wächst auf dem Boden sozialer Ungerechtigkeit und wirtschaftlicher Ungleichgewichte. Aus der Ohnmacht des sozialen Elends erwächst nur allzu leicht die Verführbarkeit für Parolen des Hasses und der Gewalt.

Falsche Propheten hängen sich für ihre politischen und wirtschaftlichen Interessen das Mäntelchen der Religion um und predigen neue "Kreuzzüge" oder "Heilige Kriege".

Wer ihnen erfolgreich entgegentreten will, wer verhindern will, dass Fundamentalismus auf fruchtbaren Boden fällt, der muss für soziale und wirtschaftliche Bedingungen sorgen, unter denen die Menschen überall auf der Welt menschenwürdig leben können, unter denen sie ihre Traditionen pflegen und ihre kulturellen Eigenheiten bewahren können.

Wo es diese Hoffnung auf eine gerechte Entwicklung und auf eine gute Zukunft für Kinder und Enkel gibt, da haben Fanatiker schlechte Karten.

Diese Hoffnung durch praktische Veränderung zu schaffen, ist Aufgabe der Entwicklungspolitik und einer internationalen Wirtschaftspolitik, die im Weltmaßstab die Dynamik des Marktes in den Dienst des Gemeinwohls stellt.

Es wäre aber gewiss zu einfach, wenn wir darauf hofften, kulturelle und religiös beeinflusste Konflikte lösten sich von alleine, wenn die wirtschaftliche und soziale Entwicklung in die richtige Richtung weist.

Wenn wir den unterschiedlichen Formen des Fundamentalismus keinen Raum geben wollen, dann müssen wir auch den Dialog zwischen den Kulturen führen und pflegen.
Das ist dringend nötig, weil wir einfach zu wenig von einander wissen.

Auch im säkularisierten Westen, der trotz allem immer noch stark von christlich-abendländi-schen Traditionen geprägt ist, stellen wir uns immer häufiger die Frage nach den Werten, die unser Handeln leiten sollen.

Wir stellen fest, dass wirtschaftliche Leistungs-fähigkeit und soziale Sicherheit nicht genügen, weil es im menschlichen Leben eine Dimension gibt jenseits von Angebot und Nachfrage.

Darum sehe ich viele Anzeichen dafür – und ich wünsche mir das auch –, dass ethische Fragen in Zukunft wieder eine größere Rolle spielen, - innerhalb unserer Gesellschaften und im Verhältnis zwischen Gesellschaften mit unterschiedlicher kultureller Prägung.

Auf der Suche nach Maßstäben für unser Handeln und auch in der Auseinandersetzung mit dem Fundamentalismus kann uns die Erkenntnis helfen, dass es zur Grundbotschaft aller großen Religionen der Welt gehört, dem Frieden zu dienen und danach zu fragen, wie am besten Gerechtigkeit verwirklicht werden kann.

Wenn wir nach dem Kern der Gemeinsamkeit suchen, dann stoßen wir auf die "Goldene Regel" die in einer volkstümlichen deutschen Fassung so lautet:
"Was Du nicht willst, das man Dir tu, das füg auch keinem andern zu."

Dieser Grundsatz findet sich in der Bibel, in buddhistischen und hinduistischen Quellen, in islamischen und konfuzianischen Quellen gleichermaßen.

Alle diese Religionen, die die Kultur vieler Gesellschaften über Jahrhunderte geprägt haben und heute noch – unterschiedlich intensiv – prägen, beruhen auf dem Gedanken der Toleranz, der allerdings nicht mit Gleichgültigkeit verwechselt werden darf.

Daraus erwachsen die Möglichkeit und die Chancen des Dialogs zwischen den Kulturen.
Darum kann man mit Recht sagen, dass kultureller Pluralismus und universale Zivilisation durchaus miteinander vereinbar sind.

Nach meiner Überzeugung können und sollten die Religionen beim Werben für weltweite Solidarität und Toleranz eine wichtige Rolle spielen. Wir sollten sie nicht gleichsetzen mit ihren fundamentalistischen Verirrungen. Wir sollten sie ernst, also beim Wort nehmen.

Aus diesem Grund habe ich die Initiative meines Vorgängers aufgegriffen, mit dem Projekt "Dialog Westen – Islam" neue Wege in den kulturellen Beziehungen und Begegnungen zu suchen.

Zwölf Staatsoberhäupter aus Ländern mit christlicher Tradition und aus Ländern mit islamischer Tradition haben sich bereitgefunden, die Schirmherrschaft für diese Bemühungen zu übernehmen.

Fünf von ihnen, König Harald V, Präsident Ahtisaari, Präsident Ciampi, Präsident Wahid und ich selbst haben gestern ein hohes Maß an Übereinstimmung festgestellt und das gemeinsame Engagement bekräftigt. Bundesrätin Dreifuss und Shimon Peres haben uns mit eigenen Beiträgen darin bestärkt. Kardinal Arinze und Professor Aboulmagd haben uns außerordentlich ermutigt.

In enger Abstimmung und Zusammenarbeit haben angesehene Forschungsinstitute aus den zwölf Ländern die Aufgabe übernommen, Wege aufzuzeigen, wie die Gefahren gebannt werden können, die aus Dialogunfähigkeit und Dialogverweigerung entstehen.

Es soll nicht bei akademischen Übungen bleiben. Die beteiligten Wissenschaftler haben sich vor zwei Wochen in Helsinki über ein konkretes Arbeitsprogramm verständigt.

Mit meinen Kollegen erhoffe ich mir von ihnen konkrete Antworten auf ganz praktische Fragen. Ich nenne einige Beispiele:

  • Wie können wir es erreichen, dass Feindbilder aus den Schulbüchern und aus den Köpfen der Kinder verbannt werden?
  • Was können und sollen die Medien zum Abbau von Vorurteilen und Stereotypen bei der Darstellung fremder Kulturen tun?
  • Welchen ethischen Maximen sollten Wirtschaftsunternehmen im eigenen Betrieb und im Wettbewerb mit anderen folgen?
  • Gibt es interkulturelle Allianzen für Entwicklung und Umwelt?

Ich möchte Sie, meine Damen und Herren, ganz herzlich bitten, diese Initiative mit Rat und Tat zu unterstützen. Jeder von Ihnen hat die Möglichkeit, in seinem Land Institute und Projekte zu fördern, die sich im Interesse unserer einen Welt dem Dialog der Kulturen verpflichtet fühlen.

Der Dialog zwischen christlich-abendländisch geprägten Kulturen und islamisch-morgenlän-disch geprägten Kulturen geht uns alle an – in nicht wenigen europäischen Ländern ist er auch eine innenpolitische Aufgabe.

Ich appelliere an alle, die in Politik, in Wirtschaft, in den Medien und in der Wissenschaft Verantwortung tragen:
Helfen Sie mit, den Dialog zu fördern und allen Formen des Fundamentalismus eine Absage zu erteilen.

Für mich wird immer deutlicher, dass wir eine globale Ethik brauchen.
Man mag einwenden, das sei zu philosophisch und ich weiß auch, dass sie nicht vom Himmel fällt.

Lassen Sie mich vier Grundsätze oder Verhaltensregeln nennen, die jeder verstehen kann: Offenheit, Solidarität, Verantwortung und Nachbarschaft. Sie bedürfen nur weniger Worte der Erläuterung:

  • Erstens dasPrinzip Offenheit: Wir müssen neugierig aufeinander sein und bereit, voneinander zu lernen. Wir müssen uns gegenseitig respektieren. Wir müssen lernen, im Streit Mäßigung zu üben und kompromissbereit zu sein.
  • Zweitens dasPrinzip Solidarität: Die Starken müssen solidarisch mit den Schwachen sein, die Reichen mit den Armen – immer als Hilfe zur Selbsthilfe. Das gilt innerhalb der Staaten wie zwischen den Staaten. Dass der Mensch dem Mensch kein Wolf sein soll, liegt in jedes eigenen Interesse.
  • Drittens dasPrinzip Verantwortung: Wir müssen so handeln, dass die Folgen unseres eigenen Handels mit den Gestaltungsmöglichkeiten künftiger Generationen und mit der Menschenwürde anderer vereinbar bleiben. Ich denke dabei besonders an die Gefahren, die von Massenvernichtungswaffen ausgehen und von den Klimaveränderungen.
  • Viertens dasPrinzip Nachbarschaft: 1972 hat Willy Brandt in Deutschland gesagt: "Wir wollen ein Volk guter Nachbarn sein". Im Zeitalter der Globalisierung gewinnt dieser Satz eine völlig neue Dimension.

Wenn wir uns mitverantwortlich fühlen für eine friedliche und gedeihliche Entwicklung überall auf der Welt, dann müssen wir uns in Zukunft auch geographisch weit entfernten Ländern und Kulturen gegenüber immer stärker so verhalten, wie das früher bestenfalls unter Nachbarn üblich war.