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Verleihung des Leo-Baeck-Preises 1999

Laudatio von Bundespräsident Johannes Rau aus Anlass der Verleihung des Leo-Baeck-Preises 1999 an Frau Dr. Else Beitz und Herrn Prof. Dr. h.c. mult. Berthold Beitz

Verehrtes Ehepaar Beitz,

Herr Regierender Bürgermeister,

Herr Ministerpräsident,

meine Damen und Herren!

Ich muss sechzehn Jahre alt gewesen sein, als mich jemand aufforderte: "Komm, fahr mit nach Düsseldorf, da spricht ein Rabbiner." Ich wusste nicht, was das war. Damals, 1947, war es nicht leicht, von Wuppertal nach Düsseldorf zu kommen. Die Autos hatten noch Holz als Brennstoff, Straßenbahnen fuhren noch nicht. Aber wir zwei machten uns auf den Weg nach Düsseldorf, weil wir einen Rabbiner sehen und hören wollten. Ich vergesse nicht, dass er gesagt hat, die deutsch-jüdische Symbiose ist wohl vorbei und kommt nicht mehr wieder.

Wie gut, dass LeoBaecksich bei diesem Satz geirrt hat. Er war der Rabbiner, den ich als Sechzehnjähriger in Düsseldorf hörte. Ich sehe ihn vor mir, obwohl es lange her ist. Ich höre seine Stimme, so wie ich die Stimme Martin Bubers höre, der in Jerusalem von seinem Leben in Deutschland erzählte und von seiner Beheimatung in Israel.

LeoBaeckzu preisen und einen Preis zu haben, der nach ihm benannt ist, das ist gut.

Es gibt kaum einen Preis, den Berthold und Else Beitz nicht hätten. Sie könnten sich um-ringen mit Ehrungen, die höchsten polnischen, die höchsten deutschen Auszeichnungen, aber einer der Preise war besonders bewegend. Es war ein lokales, ein regionales Ereignis, die Verleihung der Josef-Neuberger-Medaille in Düsseldorf. Damals hat Paul Spiegel gesprochen und der Laudator war Ignatz Bubis. Ignatz Bubis hat erzählt, dass es Menschen in seinem
Leben gibt, die ohne Berthold Beitz nicht mehr lebten. Dazu gehören sein Schwager und
seine Schwägerin.

Wer nach Israel kommt und nach Yad Vashem geht, die Bäume sieht, die für die Gerechten unter den Völkern gepflanzt sind, der sieht die Erinnerung an Berthold Beitz wie die Erinnerung an Heinrich Grüber, den Probst aus Berlin. Wenn Ignatz Bubis sich gewünscht hat, dass Berthold und Else Beitz den Leo-Baeck-Preis bekommen, dann könnte ich mir denken, dass der Grund dafür – wie bei mir – etwas mit dem Staunen zu tun hat.

Ich stelle mir das Jahr 1941 vor. Da ist ein junger Mann aus Pommern, der für einen achtundzwanzigjährigen eine ganz erstaunliche Karriere hinter sich hat und nicht ahnt, welche er vor sich hat in diesem Alter. Sie ist 21, die Tochter ein paar Monate alt – man kann sich die Fotos vom jungen Glück vorstellen.

Diesem jungen Manager mit guten Aussichten und seiner noch viel jüngeren Frau begegnen Juden; sie werden wach, sie werden hellwach. Sie haben nicht die Weisheit des Sechzig-jährigen, die sich Vorsicht nennt, sondern sie sagen: Wir dürfen nicht wegschauen. Mit
jugendlicher Unbekümmertheit setzen sie ihr Leben aufs Spiel. Jede Rettung war damals eine Gefährdung der eigenen Existenz.

Inzwischen hat die Mehrheit der Menschen den Krieg nicht mehr erlebt und das Grauen nicht erfahren. Sie kann das bestenfalls nachlesen. Aber dass einem das Herz stehen bleibt, wenn man an diese Wochen und Monate in den Jahren 1941 und 1942 denkt, und die spärlichen Berichte darüber liest, was Berthold und Else Beitz machten, wenn es um Kinder ging, für die es ja den Rettungsanker der zur Arbeit Zwangsverpflichteten nicht gab. Manchmal fuhr der Zug schon an und man holte schnell noch mit einem gefälschten Papier zwei, drei oder fünf Leute aus dem Zug.

Wie mag das in dieser sicher ganz hübschen Villa des jungen Manager-Ehepaares ausgesehen haben? Wie war die Situation im Keller und auf dem Speicher, in der Küche und im Wohnraum? Das war nicht die Idylle eines jungen Ehepaares mit kleinem Kind, sondern das war ein Stück heimliches Auffanglager für Menschen, die so wieder Boden unter die Füße bekamen.

Ich denke, deshalb gibt es diesen Preis für Berthold und für Else Beitz.

Sie haben dann nicht ein Album angelegt, sie haben dann nicht gesagt: "So das war's, wir haben unser Soll an Menschlichkeit erfüllt", sondern sie haben ein Leben weiter geführt – zum Glück bis heute und hoffentlich noch viele Tage und Jahre –, das auch geprägt ist von diesen Ereignissen des Jahres 1941. Das ist die Wirklichkeit, in der Berthold und Else Beitz nicht durch Propaganda verführt wurden, nicht taub wurden durch die These davon, dass der Jude kein Mensch ist wie die anderen, sondern in der sie das menschliche Antlitz durch ihren mutigen Einsatz bewahrt und gerettet haben, dem viele ihr Leben verdanken.

Ich wüsste diese Geschichte nicht, wenn Berthold Beitz nicht vor fast 50 Jahren von Hamburg ins Ruhrgebiet gekommen wäre. Berthold Beitz war ein völlig unkonventioneller Mann. Ein Mann, der zwar ein bisschen schnell spricht, aber sehr deutlich. Ein Mann, dessen Respekt vor einem Lebenswerk gilt, aber nie vor Titeln und nie vor sogenanntem Einfluss. Dieser Mann hilft mit, das Ruhrgebiet umzubauen, aus ihm eine moderne Werkstatt zu machen. Er tut das, was andere auf ihre Weise tun, was die katholischen Bischöfe und was die Ostdenkschrift der evangelischen Kirchen tun. Er stößt die Tür nach Polen zu einer Zeit auf, als das noch als Landesverrat in bestimmten Publikationen galt. Er reist nach Israel. Wer heute nach Israel fährt – ob er zum Weizmann-Institut kommt oder zu einer hebräischen Universität nach Herzlia,nach Tel Aviv oder nach Bersheva – überall wird er die Berthold Beitz und die Krupp-Stiftung finden.

Die Stiftung hat viel gutes getan, nirgendwo soviel gutes wie in Israel und wie in Deutschland. Die Krupp-Stiftung ist hervorgegangen aus einem großen weltweit operierenden Unternehmen, das vor hundert Jahren einmal deutsche Waffenschmiede gewesen und heute Teil eines großen Konzerns ist. Sie verfolgt gemeinnützige Ziele und Zwecke, und arbeitet mit den Erträgen des Unternehmens.

Ich könnte ihnen viele Situationen erzählen und von vielen Begegnungen mit Staatsmännern des Ostens und des Westens berichten – in der Villa Hügel und im Hause Beitz – und über das, was Berthold Beitz und seine Frau an praktischer Versöhnung zwischen den Völkern, vor allem zwischen den jungen Menschen zustande bringen. Wer Berthold Beitz umfassend darstellen will – das will ich nicht einmal – der darf weder den Olympioniken Beitz vergessen noch den Mäzen.

Wer von Else Beitz spricht, der könnte, wenn er nicht durch ein Amt gebunden wäre, sich auch vornehmen, diese Biografie einmal zu schreiben: Von dem Abitur mit fünfundsechzig und der Promotion mit Anfang siebzig.

Faszinierende Geschichten! Nicht ablehnend, nicht nebenherlaufend, sondern zwei Menschen, die – wie damals 1941 – Mut zum eigenen Profil haben, Mut zum deutlichen Wort, Mut zur ausgestreckten Hand der Versöhnung statt zur geballten Faust. Ehrungen haben die beiden erfahren, auf die sie hoffentlich manchmal mit Stolz, aber nie mit Eitelkeit blicken.

Was zählt, ist unsere Dankbarkeit für den gerechten Weg, der barmherzig ist, für die Rettung von Leben, denn es gibt nichts Wertvolleres als Leben und nichts schöneres, als es zu retten. Darum ehrt sich die Jüdische Gemeinschaft in Deutschland selber, wenn sie Berthold und Else Beitz dankt und auszeichnet. Schalom!