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Grußwort zum 100-jährigen Bestehen des Ostasiatischen Vereins

Grußwort von Bundespräsident Johannes Rau beim Liebesmahl des Ostasiatischen Vereins anlässlich seines 100jährigen Bestehens

Ich verspreche Ihnen, dass ich vom Manuskript nur teilweise Gebrauch machen werde, denn wenn ich diesen Abend hier sehe und erlebe, dann habe ich nicht den Eindruck, dass Sie hierher gekommen sind, um Grundsatzreden zu hören, sondern Sie möchten Ihr Jubiläum feiern. Sie möchten denen danken, die, wie Herr Nordmann, jetzt achteinhalb Jahre das Amt des Vorsitzenden innegehabt haben, und Sie möchten ganz gewiss auch dem Nachfolger alle guten Wünsche sagen. Wenn Sie dabei den Bundespräsidenten hören mit einigen seiner Überlegungen, dann will ich Sie und Ihr Stehvermögen nicht überfordern.

Ich will davon sprechen, dass es wahrscheinlich kein Zufall war, dass der Ostasiatische Verein vor hundert Jahren gegründet wurde. Damals war wie in dieser Zeit eine Stimmung der Zeitenwende, der Veränderung. Was wird geschehen, wie werden wir das alte Jahrhundert abschließen, wie werden wir das neue beginnen?

Es gibt sicher Parallelen zwischen der Grundstimmung der Jahrhundertwende vor hundert Jahren und der Jahrtausendwende, die wir jetzt erleben. Ob dabei soviel Wirbel stattfand, wie wir das vor Wochen erlebt haben, das weiß ich nicht, aber dass Menschen das Überschreiten einer Grenze, und wenn es die Grenze des von Menschen gemachten Kalenders ist, mit Hoffnungen und mit Erwartungen, aber auch mit Ängsten verbinden, das haben wir in diesen Wochen erlebt.

Vor hundert Jahren haben gewiss die Hoffnungen und die Erwartungen die Ängste überwogen. Die Gründerzeit lag hinter uns. Es war eine Zeit des Aufbruchs zu neuen wirtschaftlichen Ufern. Wenn ich es richtig sehe, war es die erste Welle der Verflechtung der Weltwirtschaft. In Deutschland gab es Kolonialbegeisterung und zu den glühendsten Repräsentanten gehörten Wilhelm II. und sein Bruder Prinz Heinrich, der der Ehrengast beim ersten Liebesmahl gewesen ist. Dieses Liebesmahl ist ja so untrennbar mit dem Ostasiatischen Verein verbunden wie der Michel mit dieser Stadt.

Damals war der Jahrhundertwechsel nur der letzte Anstoß für die Gründung. Dass das in Hamburg geschah, war nur folgerichtig. Schon die Hanse hatte das Denken weit über die eigenen Grenzen hinaus bestimmt, ein Wesensmerkmal, das den Bürgerinnen und Bürgern dieser Stadt bis heute eigen ist.

Wenn man sich die Photos ansieht, dann waren die Gründer keine ungestümen jungen Leute, sondern da waren gestandene Männer am Werk. Im Rückblick muss man sagen: Diese Gründungsväter haben etwas in Gang gesetzt, das ist weit über den damaligen Zeitgeist hinaus gewachsen und weist weiter in die Zukunft.

Der Asien-Pazifik-Raum ist eines der Wirtschaftszentren unserer inzwischen tripolar gewordenen Welt. Deutschland ist auch heute noch einer der wichtigsten, wenn nicht sogar der wichtigste Handelspartner außerhalb Asiens für die Länder der dortigen Region. Dazu hat die intensive Pflege der wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland und dieser Region ganz gewiss beigetragen. In dieser Hinsicht verdankt ganz Deutschland dem Ostasiatischen Verein sehr viel, und ich möchte das heute hier aussprechen.

Globalisierung war für den Ostasiatischen Verein kein Fremdwort, auch wenn man es damals nicht so nannte. Der expandierende Handel mit Ostasien wurde als große Chance begriffen. Ich wünschte mir, wir würden auch heute die Globalisierung stärker als Chance denn als Gefahr verstehen. Das gelingt uns nur, wenn wir Ängste nicht wegwischen. Politik muss Rahmenbedingungen dafür schaffen, dass Fehlentwicklungen, die aus der Globalisierung entstehen können, gegengesteuert wird im eigenen Land, auf europäischer Ebene und im Weltmaßstab.

Sie allen kennen die Stichworte: Es vergeht kaum ein Tag, an dem es nicht neue Meldungen über Fusionen und Fusionspläne gibt. Wenn ich sie lese, bin ich manchmal nicht ganz sicher, ob ich auf der Kampfsportseite oder bei der Kriegsberichterstattung gelandet bin. Ich will das nicht näher untersuchen, aber ich will doch darauf hinweisen, dass im Jahre 1995 tausend Milliarden Dollar für Unternehmensübernahmen ausgegeben wurden und dass es im letzten Jahr viertausend Milliarden Dollar gewesen sind. Das ist eine rasante Entwicklung, auch in Deutschland, in dem seit fünf Jahren die Steigerungsrate von Unternehmenszusammenschlüssen um jeweils 15 Prozent gestiegen ist, inzwischen sind es zweieinhalbtausend.

Ich will heute Abend nicht auf die einzelnen Fragen, die damit zusammenhängen, eingehen. Wo der Markt funktioniert, kann sich der Staat auf die Garantenstellung beschränken. Ich glaube, dazu brauchen wir einen starken Staat, nicht, um in den Markt einzugreifen, sondern um mitzuhelfen, dass die Rahmenbedingungen stimmen: damit die Wirtschaft ihren Charakter nicht verliert, damit sie nicht im wahrsten Sinne des Wortes charakterlos wird.

Dass sie das nicht ist, haben wir der starken mittelständischen Struktur der deutschen Wirtschaft zu verdanken. Die hat uns krisenunabhängiger gemacht als viele andere Länder es waren oder sind. Das geht in einer Zeit, die wir jetzt erleben, nur, wenn Grenzen fallen, wenn Grenzen ihren trennenden Charakter verlieren. Dazu dient europäische Wirtschafts- und Finanzpolitik. Man wünscht ihr Glück und hofft, dass sie gelingt, und dass sie begleitet wird von einer starken und wettbewerbsfähigen deutschen Wirtschaft hier in Hamburg, in meiner Heimat und in ganz Deutschland.

Unternehmensidentität ist wichtig, sie darf nicht verloren gehen. Traditionen dürfen nicht aufgegeben werden, und ich hoffe, dass Tradition und Fortschritt sich verbinden zu einer zuversichtlichen Entwicklung und Stimmung, wie wir sie vor hundert Jahren gehabt haben und wie wir sie für das nächste Jahrtausend brauchen können.

Ich gehöre zu denen, die solche Zuversicht immer wieder gewinnen aus der Leistung unserer Unternehmer und unserer Arbeitnehmer, aus der Suche nach sozialer Gerechtigkeit und wie man sie erreicht. Allein, dass wir darüber streiten und dass wir das Ziel nicht aus dem Auge verlieren, ist jede Anstrengung wert.

Ich bin gekommen, um Ihnen herzlich zum Geburtstag zu gratulieren, um Ihnen, Herr Nordmann, zu danken und Ihrem Nachfolger viel Glück zu wünschen.

Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend. Alles Gute für Sie und herzlichen Dank für die Aufmerksamkeit, die Sie mir geschenkt haben.