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Eröffnung der internationalen Konferenz der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur

Rede von Bundespräsident Johannes Rau zur Eröffnung

Sehr geehrte Damen und Herren,

als Markus Meckel und Rainer Eppelmann mich hierher einluden, da wünschten sie sich von mir Grundsätzliches zum Thema ? ich zitiere ? "die Lehren des 20. Jahrhunderts für das 21. Jahrhundert".

Die beiden sind evangelische Theologen und demokratische Politiker und haben viele Jahre gegen eine sogenannte "Diktatur des Proletariats" und deren pseudowissenschaftliche Heilslehre gekämpft. Das sind gleich drei zwingende Gründe, warum sie gewiss niemanden suchen, der hier als Herold des Weltgeistes über angebliche "Gesetzmäßigkeiten der Geschichte" doziert.

Aber Christ sein, Demokrat und Zeuge des 20. Jahrhunderts ? das sind auch drei gute Gründe für die Überzeugung, dass wir Lehren aus der Vergangenheit ziehen müssen, um die Zukunft zu meistern.

Doch griffe der Versuch einer Jahrhundertbilanz nicht weit über das Thema Ihrer Konferenz hinaus, die doch den Revolutionen von 1989 und dem seither zurückgelegten Weg gewidmet ist?

Nun: Auch den Umbruch von 1989 versteht nur, wer weit hinter dieses Jahr zurückblickt, auf seine Vorgeschichte und auf die Erinnerung der Völker daran. Die Revolution in Prag ? um ein Beispiel zu nennen - begann, als die Polizei Menschen niederknüppelte, die sich zum Gedenken an Jan Opletal versammelt hatten. Wer war Jan Opletal? Ihn hatten 1939 die deutschen Besatzer ermordet. In der öffentlichen Erinnerung daran lag auch eine Anklage dagegen, dass den Tschechen und Slowaken 50 Jahre später noch immer Unrecht angetan wurde. Und die Verbindung von Erinnerung und Protest enthielt eine Botschaft der Stärke: "Seht her, wir vergessen die Opfer nicht, und wir können auch heute zwischen Recht und Unrecht unterscheiden." Das haben die kommunistischen Machthaber genau verstanden ? darum ließen sie auf die Menschen einschlagen. Dennoch blieb die Oppositionsbewegung friedlich. Warum? Weil sie Lehren gezogen hatte aus den Erfahrungen von 1953, von 1956, von 1968, und weil sie dem Beispiel folgte, das im Herbst 1989 die Polen, die Ungarn und die Deutschen in der DDR gegeben hatten.

Aber wie ist es insgesamt um das Lernen der Völker aus der Geschichte bestellt? Allem Anschein nach schlecht: Beim Brückenbau über die Beresina 1942 fanden Wehrmachtssoldaten einen napoleonischen Adler. Das geschlagene französische Heer hatte ihn dort verloren. Was hatte die Wehrmacht dort verloren? Bei Hegel heißt es, die Geschichte lehre vor allem, "dass Völker und Regierungen niemals etwas aus der Geschichte gelernt (...) haben". Sind dafür nicht gerade die ungeheuren Katastrophen und Verbrechen des 20. Jahrhunderts ein Beweis, der uns traurig und ratlos machen muss?

Die Opfer und das Scheitern so vieler Hoffnungen gebieten Trauer. Auch für uns ist die Zukunft verhüllt ? das verbietet uns jede Überheblichkeit gegenüber denen, die ohne schlechte Motive handelten und verhängnisvoll gescheitert sind. Aber wir dürfen nicht aufhören, die Geschichte danach zu befragen, wie wir solchem Scheitern entgehen. Das schulden wir den Toten, wir schulden es unseren Kindern, und wir schulden es uns selbst als Wesen mit Vernunft und Verantwortung.

Die Aufarbeitung der Vergangenheit verlangt freilich Mut, Mut zur Aufrichtigkeit. Denn wie im Leben jedes einzelnen gibt es auch in der Geschichte ganzer Völker Taten, derer sie sich schämen und an die sie am liebsten nicht erinnert werden. Aber Geschichte ist nicht allein das Verzeichnis dessen, worauf wir stolz sein können. Wir sollten unseren Stolz eher darein setzen, der Wahrheit ins Auge zu blicken und dafür zu sorgen, dass sich ihre dunklen Kapitel nicht wiederholen. Das setzt Aufarbeitung voraus, auch wenn sie manchem unbequem ist und Widerstände überwinden muss.

Man kann über die "Lehren des 20. Jahrhunderts" nicht sprechen, ohne die Geschichte des Jahrhunderts zu erzählen. "Der Beweis des Puddings", sagen die Engländer, "ist im Essen". Die Lehren des Jahrhunderts folgen aus dem, was geschah und wie es zu erklären ist. Was also geschah? Wenden wir den Blick zurück...
Der Erste Weltkrieg war so etwas wie die Urkatastrophe (George F. Kennan) des Jahrhunderts. Das alte Europa zerstörte sich selbst. Zum Verhängnis wurden ihm Machtpolitik und aggressiver Nationalismus. In jener Zeit galt Krieg als ein legitimes Mittel der Politik: Er eroberte neue Provinzen und Kolonien, er diente dem höheren Ruhm der Nation und er lehrte die andern den gebührenden Respekt. Überhaupt schuldeten diesen Respekt vor allem die andern: Fast jede Nation in Europa sah auf alle übrigen herab ? ganz zu schweigen von der Haltung den sogenannten Kolonialvölkern gegenüber!

Jedes politische System, in dem Gewalt als probates Mittel gilt, wird von Furcht beherrscht. Sie kann die Menschen zur Vernunft und an einen Tisch bringen; aber sie kann auch spalten. Die Mächte des alten Europa trafen die falsche Entscheidung. Ihre Diplomaten sicherten nicht den Frieden, sondern Allianzen für den Krieg. Ohne es zu wollen, schufen sie eine Höllenmaschine. Als sie ausgelöst wurde, entfesselte das alle Zerstörungskraft, die die industrielle Revolution bereitgestellt hatte.

Am Ende war Europa weißgeblutet. Seine Kaiserreiche gingen unter, denn bei den Besiegten war die monarchische Legitimität erloschen. Bis 1914 hatte sie sogar Vielvölkerstaaten noch zusammengehalten. Nun traten an ihre Stelle endgültig die Forderung nach Selbstbestimmung und der Ruf nach staatlicher Selbständigkeit.

Das bedeutete neue Unruhe, denn es begehrte nicht nur jede Nation einen eigenen Staat, sondern jede wollte darin auch möglichst vollständig versammelt sein und möglichst allein herrschen. Entsprechend groß war die Versuchung, ethnische und religiöse Minderheiten zu drangsalieren oder gar zu vertreiben und Grenzkonflikte vom Zaun zu brechen.

Wohin nationale, ethnische und religiöse Reinheitsphantasien führen konnten, das hatten bereits die furchtbaren Konflikte beim Zerfall des Osmanischen Reiches gezeigt. Hatte Europa daraus gelernt? Die Pariser Verträge sahen zwar Regeln über den Minderheitenschutz vor; aber gelöst hat das die Probleme und die ständig daraus erwachsenden Spannungen nicht. In der Rückschau wünschte man sich, Europa hätte schon damals viel stärker die Frage auf die Tagesordnung gesetzt, wo die vielberufene nationale Souveränität endet und ab wann innere Missstände eines Staates zur Sache aller anderen werden. Statt dessen fanden nicht wenige Europäer selbst 1938 noch Hitlers verlogene Erklärungen plausibel, er wolle doch lediglich alle Deutschen "heim ins Reich" holen und umgekehrt dessen Minderheiten "bloß" dazu bewegen, das Land zu verlassen.

Wie stand es sonst um die Lehren des Weltkriegs? Der Völkerbund wurde gegründet, und 1928 schloss man einen weltweiten Pakt zur Ächtung des Krieges. Aber der Bund und sein System kollektiver Sicherheit erwiesen sich in den dreißiger Jahren als viel zu schwach, um den Aggressionen der Diktatoren Italiens und Deutschlands wirksam entgegen zu treten. Statt dessen wich man vor Hitler zurück.

Bereits ein Jahrzehnt zuvor war in Russland eine Diktatur errichtet worden. Die Kommunisten gewannen den unbeschreiblich grausamen Bürgerkrieg. Dann führten sie Krieg gegen die Völker Russlands. "Man muss für immer Schluss machen mit dem Popen- und Quäkergeschwätz über den heiligen Wert des menschlichen Lebens.", hatte Trotzki einst gesagt. Ganz nach dieser Parole versuchten die Sowjets, ihre geschichtsphilosophische Utopie zu verwirklichen. Wer ein Feind dieser Utopie war oder als ein solcher definiert wurde, der wurde gnadenlos vernichtet.
Selbst eigene Gefolgsleute wurden verbraucht wie Material. Und all das geschah im Namen einer Ideologie, die sich als weltweites Vorbild verstand. Ließ sich eine schlimmere Verletzung der Menschenrechte, ließ sich eine größere Bedrohung der freiheitlichen Demokratien auch nur vorstellen?

Sie stand bereits nahe bevor. Der Pakt zwischen Hitler und Stalin und ihr gemeinsamer Angriff auf Polen gaben den Auftakt für die deutschen Raub- und Vernichtungskriege, in denen dann gerade die Völker der Sowjetunion die meisten Opfer zu beklagen hatten. Und neben die Schrecken dieser verbrecherischen Kriege trat ein absoluter, unfassbarer Zivilisationsbruch ? die Schandtat des Holocaust.

Der alte Begriff des "hostis humani generis", des Feindes des Menschengeschlechts ? im Nazi-Regime nahm er geschichtliche Gestalt an. Dagegen verbündete sich fast die ganze Welt. Sie nahm in Kauf, den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben. Am Ende hatte Hitler Stalin an die Elbe geholt. Halb Europa geriet unter sowjetische Herrschaft, und die Welt erstarrte im Kalten Krieg. Wäre das damals noch zu verhindern gewesen? Ich befürchte: nein.

Auch das deutsche Volk hat unter den Folgen der Nazi-Verbrechen schwer gelitten, denn der von Deutschland begonnene Krieg schlug dorthin zurück. Dan Diner hat festgestellt, dass die Deutschen über ihre Opfer ? die Vertriebenen, die Luftkriegstoten, die Gefallenen ? in der Öffentlichkeit weitgehend geschwiegen haben. Er nennt dafür als einen Grund von besonderer Bedeutung die "kollektive Intuition (...), den von Deutschen im Namen Deutschlands verübten Verbrechen komme ein erdrückendes, Schweigen gebietendes Gewicht zu".

Umso höher muss man veranschlagen, dass binnen kurzem die anderen Nationen den Deutschen die Hand zum Neubeginn reichten ? im Osten wie im Westen. Gewiss, Deutschland war geteilt, und die beiden Teile wurden auch deshalb so rasch eingebunden, weil man sie als Verbündete brauchte. Aber einen Vertrauensvorschuss ? auch im Vergleich zu dem karthagischen Frieden nach dem Ersten Weltkrieg ? gab man den Deutschen trotzdem.

Die Gründung der Vereinten Nationen, die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte und die Nürnberger und Tokioter Prozesse waren die wichtigsten unmittelbaren Konsequenzen, die die internationale Gemeinschaft völkerrechtlich aus dem 2. Weltkrieg und aus dem Holocaust gezogen hat. Aber das in der UN-Charta vorgesehene System kollektiver Sicherheit wurde von Anfang an vom Veto-Recht der Supermächte blockiert. Das Verbot, in den zwischenstaatlichen Beziehungen Gewalt anzuwenden, wurde fortlaufend missachtet.

Der Kalte Krieg hatte besonders für Afrika und Asien verheerende Wirkungen: Beide Kontinente litten ohnehin unter grausamen ethnischen Konflikten und konkurrierenden Staatsbildungen. Im Kalten Krieg wurden solche Konflikte zusätzlich auch noch als Stellvertreterkriege entfacht oder angeheizt, und überdies wurde der - längst überfällige! - Prozess der Entkolonisierung weiter erschwert und brutalisiert. Überhaupt ließe sich die Geschichte des 20. Jahrhunderts leider auch als eine Geschichte der immer wieder von Europa auf die Welt ausstrahlenden Katastrophen und Konflikte erzählen. Ist es da so verwunderlich, dass nicht wenige Völker der sogenannten Dritten Welt beim Blick auf diese Vergangenheit Bitterkeit empfinden und heute das Gefühl haben, sie seien erst als Hilfstruppen missbraucht und dann mit ihren Problemen alleingelassen worden?

In Westeuropa sorgten der Wiederaufbau und die Systemkonkurrenz mit dem sogenannten Ostblock für einen durchaus heilsamen Zwang zur Zusammenarbeit. Was als Notgemeinschaft begann, entwickelte sich rasch zu einer fast einmaligen Erfolgsgeschichte. Die Europäischen Gemeinschaften wurden auf Freiheit, Demokratie und Recht gegründet, auf Respekt und auf Vertrauen zwischen den Mitgliedstaaten. Die Integration war wirtschaftlich ausgesprochen erfolgreich und erreichte auf politischem Gebiet einen immer engeren Zusammenschluss der Mitgliedstaaten. Ihre Gemeinschaft wuchs, und sie wurde später mit der Aufnahme Griechenlands, Spaniens und Portugals auch ihrer Mitverantwortung dafür gerecht, dass der demokratische Stabilisierungsprozess in diesen Länder vollauf gelang. Wenn man in der Geschichte des 20. Jahrhunderts Erfolgsrezepte finden kann, dann jedenfalls hier, in den Grundsätzen und im Handeln der Europäischen Union!

Wie wirkte das alles auf die Menschen im sogenannten Ostblock? Zwiespältig: Einerseits schienen die westeuropäischen Staaten und ihre starken Verbündeten in Übersee ungemein attraktiv in ihrer Verbindung von Freiheit, Recht und Wohlstand. Andererseits war nicht zu übersehen, dass diese Freiheit und dieser Wohlstand auch die Neigung schufen, dem Osten den Rücken zu kehren, sich selber genug zu sein. Und außenpolitisch gewendet: Einerseits ließ die NATO-Allianz keinen Zweifel an ihrer Entschlossenheit, die eigenen Werte notfalls auch militärisch zu verteidigen. Andererseits ließ sie aber auch keinen Zweifel daran, dass es ihr allein um Selbstverteidigung ging und gehen durfte ? also konnte kein Aufstand in Mittel- und Osteuropa auf westliche Hilfe rechnen. Damit schien dort die sowjetische Vorherrschaft für immer festgeschrieben.

Heute wissen wir: Gerade das Bekenntnis zum friedlichen Nebeneinander der Blöcke hat den friedlichen Wandel möglich gemacht. Das Gleichgewicht des Schreckens wurde anerkannt, aber es wurde im Laufe der Zeit gewissermaßen eingeklammert, es bildete nur noch den Hintergrund. In den Vordergrund rückte das Bemühen, Erleichterungen für die Menschen durchzusetzen und mehr Sicherheit und Zusammenarbeit zwischen den Staaten zu schaffen.

Die beiden wichtigsten Schritte auf diesem Wege waren die von Willy Brandt eingeleitete Ostpolitik und die Schlussakte von Helsinki. In ihr gelobten auch die kommunistischen Staaten, die Bürgerrechte zu respektieren und die UN-Menschenrechtspakte zu beachten.?Brandts Ostpolitik?, schrieb Jirí Dienstbier 1985 - in einem Buch, dessen Manuskript er vor der Geheimpolizei versteckt halten musste - Brandts Ostpolitik hat ?zweierlei Tendenzen befördert: die zur Einigung Deutschlands und zum Aufbau Europas. Die Teilung bleibt, doch nicht mehr als Schicksal, sondern als Herausforderung."

Dienstbier war damals Sprecher der Bürgerrechtsgruppe "Charta 77". Ihre Entstehung und ihr Wirken zeigten beispielhaft, wie die KSZE-Schlussakte politisch mit Bedeutung und mit Leben erfüllt werden konnte. "Charta 77" nahm die Machthaber konsequent beim Wort und forderte unbeirrbar die in Helsinki versprochene Achtung der vollen Menschen- und Bürgerrechte ein.
Genauso handelten in Polen das Komitee zur Verteidigung der Arbeiter (KOR) und die Gewerkschaft "Solidarität", genauso handelten die Bürgerrechtler in Ungarn und in der DDR.

Sie standen dabei einem System gegenüber, das noch immer totalitäre Züge trug, weil es alle Lebensbereiche durchdrang, bespitzelte und mit Gewalt gleichzuschalten versuchte. Dem setzten die Bürgerbewegungen drei Stärken entgegen: den Mut zur beharrlichen Forderung nach Respektierung der Menschen- und Bürgerrechte, das Ethos der Gewaltlosigkeit und den festen Willen zur Solidarität. Langsam, aber stetig bauten sie eine demokratische Gegenöffentlichkeit auf, eine "parallele Polis" (Dienstbier), die das politische Klima von Grund auf veränderte und so die Gesellschaften Mittel- und Osteuropas innerlich bereit machte für die friedliche Revolution.

Diesen Prozess hätte der Westen vor 1989 wohl noch stärker unterstützen können und müssen. Statt dessen gab es eine gegenläufige Tendenz: Je friedlicher die Koexistenz der Blöcke, desto größer die westliche Neigung, sich mit sich selber zu beschäftigen, die Integration der einen Hälfte Europas voranzutreiben und den eigenen Wohlstand zu steigern. Da mochte dann die Oppositionsbewegung im Osten gelegentlich sogar als störend empfunden werden...

Aber immerhin: Als Michail Gorbatschow das Tor zum Wandel öffnete und die Völker Mittel- und Osteuropas diese Chance beherzt ergriffen, da haben auch die westlichen Demokratien keinen Moment gezögert und entscheidend zum Gelingen des Umbruchs beigetragen.

Damals haben die Menschen in der DDR ein wichtiges Kapitel deutscher Freiheitsgeschichte geschrieben. Ihr Mut und ihre Friedfertigkeit, ihre Demonstrationen und Gebete besiegten ein waffenstarrendes Regime. Den Ostdeutschen ist die Freiheit nicht geschenkt worden ? sie haben sie sich erkämpft. Erst dadurch ist die Demokratie in Deutschland wirklich vollendet worden.
Es war wohl unvermeidlich, dass danach vor allem in Westdeutschland darüber gestritten wurde, wer denn nun vor 1989 die Einheit am innigsten gewünscht und wer sie im Gegenteil gefährdet habe. Die einen, lautete der Vorwurf, hätten das Recht auf Einheit beinahe für ein Linsengericht an innerdeutschen Verbesserungen aufgegeben, die anderen aber die Möglichkeit der Einheit beinahe dem Projekt einer rein westeuropäisch definierten Europäischen Union geopfert.

Glauben Sie einem ehemaligen Mitglied der Gesamtdeutschen Volkspartei: Streit über den Weg ist noch lange nicht Streit über das Ziel. Alle demokratischen Parteien und Politiker wollten die Einheit und wahrten die dafür wichtigen Rechtspositionen - etwa in der Frage der deutschen Staatsbürgerschaft -, im übrigen aber herrschte Gedankenfreiheit. Auch die Bürgerrechtler der ehemaligen DDR sind ja nach der Wende nicht sämtlich in dieselbe Partei eingetreten, sondern haben sehr verschiedene Wege gewählt ? aber eben Wege zum selben Ziel, Wege in der Demokratie.

Auf diesen Wegen erleben wir nun gemeinsam die Mühen der Ebene. Mittel- und Osteuropa blicken auf zehn Jahre Demokratie und Marktwirtschaft zurück. Es hat sich gezeigt: Das Ende der Verstaatlichung bedeutet längst nicht eine privatisierte Wirtschaft. Das Ende der alten Machthaber bedeutet keineswegs, dass es nur noch aufrechte Demokraten gibt. Und das Ende der Unterdrückung bringt manchmal auch früheren Verrat, Fälle von Kollaboration und sehr viel passive Duldung von Unrecht schmerzlich an den Tag.

Insgesamt ist die Transformation ein riesiges Programm zur Wiederherstellung von Verantwortung ? für das eigene Leben und für die eigene Geschichte jedes einzelnen, aber auch für unsere gemeinsame Vergangenheit und Zukunft. Auf diesem Weg gibt es die unvermeidlichen Rückschläge, gibt es hie und da eine Art Sehnsucht, die schwierige Freiheit wieder gegen bequeme Unmündigkeit einzutauschen, und es gibt die Erfahrung, die Bert Brecht beschrieben hat: "Wenn die Bekämpfer des Unrechts / Ihre verwundeten Gesichter zeigen / Ist die Ungeduld derer, die in Sicherheit waren / Groß."

Der Epochenwechsel verlangt den Menschen in den Reformstaaten immense Anstrengungen ab. Aber auch für alle anderen Länder ist die Geschichte seit 1989 nicht stehen geblieben. Eher scheint sich der Strom der Ereignisse zu beschleunigen und eher haben die globalen Herausforderungen noch zugenommen.

Die Welt ist nicht friedlicher geworden. Vielleicht steigt sogar mit Ende des Kalten Krieges die Gefahr lokaler Konflikte. Im früheren Jugoslawien hat sich gezeigt, dass die Eskalation von der Vertreibung bis zur Vernichtung möglich bleibt. Hochmoderne Waffen sind weltweit ebenso leicht verfügbar wie das Wissen, das man zur Herstellung von Massenvernichtungswaffen benutzen kann. Es fehlt auch nicht an Konfliktursachen: Die Furcht, zu den Verlierern der Modernisierung zu gehören oder gar die eigene Identität zu verlieren, führt leicht zur Radikalisierung. Viele nationalistische, ethnische, ideologische und religiöse Differenzen können als Gewaltpotential scharfgemacht werden. Schon hat man uns sogar einen weltweiten "Kampf der Kulturen" prophezeit.

Doch ist das alles nur die eine, die negative Seite der Bilanz. Darüber sollten wir nicht vergessen: Noch nie waren weltweit Freiheit, Demokratie und die Menschenrechte so anerkannt wie heute. Niemals zuvor gab es eine so enge und vertrauensvolle friedliche Zusammenarbeit. Erstmals seit den Kriegsverbrecherprozessen von Nürnberg und Tokio haben die internationale Staatengemeinschaft und die Weltöffentlichkeit überzeugende Schritte zur Ächtung und zur Bestrafung von Verbrechen gegen die Menschlichkeit unternommen.

All das sind auch Antworten auf Lektionen der Geschichte. Denn das Jahrhundert lehrt mit entsetzlicher Klarheit: Es ist sinnlos und verbrecherisch, im Namen von Ideologien und Heilsversprechen Gewalt anzuwenden. Kein Volk, keine ethnische oder religiöse Gruppe darf auf andere herabsehen und über sie zu bestimmen versuchen. Das tun nur noch Völker, denen es an demokratischer Selbstbestimmung gebricht. Die Wirklichkeit ist ethnisch, kulturell, religiös und national zu vielfältig, um sie nationalistisch, rassistisch oder ideologisch mit Gewalt zu "homogenisieren". Das zu versuchen ist sündhaft ? darin sind alle Weltreligionen eins ?, denn in der Vielfalt der Welt liegt ein Teil ihres gottgewollten Wertes. Jeder Versuch, der Vielfalt Gewalt anzutun, geht alle Nationen an und muss gemeinsam zurückgewiesen werden. "Kein Mensch ist eine Insel", schrieb vor 400 Jahren John Donne, "jeder ist Teil eines einzigen Kontinents (...), und jedes Menschen Tod vermindert mich, weil mich die ganze Menschheit angeht".

Der Friede lebt von Verständnis und Respekt füreinander ? innerhalb der Staaten und Gesellschaften ganz genauso wie zwischen den Völkern und Kulturen. Verständnis und Respekt füreinander setzen Wissen voraus. Darum ist wichtig, dass die Völker und Kulturen voneinander noch viel mehr über ihre Geschichte, ihre Überzeugungen und ihre Zukunftspläne lernen. Das erfordert Bereitschaft zum Gespräch ebenso wie die Erkenntnis, dass manche Überzeugungen nicht zur Disposition gestellt werden können. Ein fairer Dialog aber bringt alle Teilnehmer voran: Sie werden mit den Erfahrungen und Leistungen der anderen vertraut und können in diesem Licht auch das Eigene besser erkennen. Im Französischen sagt man, mit jeder neu erlernten Sprache gewinne man ein Herz hinzu. Ein wenig ist es auch mit der Verständigung zwischen den Kulturen so. Sie brauchen wir anstelle des ominösen "Kampfes der Kulturen".

Es gibt aber noch genügend andere Problemfelder: Immer mehr Menschen müssen in Hunger, Armut und Hoffnungslosigkeit leben. Ökologischer Raubbau zerstört das Gleichgewicht der Natur ? mit allen bekannten Folgen vom Artensterben bis zur drohenden Klimakatastrophe. In der Wirtschaftspolitik bleibt die Frage nach einer gerechteren Weltwirtschaftsordnung weiterhin drängend ? das haben der Sozialgipfel von 1995 in Stockholm und jüngst die UN-Handelskonferenz in Seattle gezeigt. Selbst die führenden Industriestaaten sehen sich einer Reihe neuer Schwierigkeiten gegenüber: Viele Unternehmen operieren längst weltweit und entziehen sich den heutigen Formen staatlicher Kontrolle. Die internationalen Finanz- und Aktienmärkte können ganze Volkswirtschaften erschüttern.

Aber wiederum gibt es auch Anlass zur Hoffnung: So erleben wir beinahe unglaubliche Fortschritte der Wissenschaft und der Technik. Manches daran ? etwa die Frage, ob der Mensch die Gentechnologie zum Umbau seiner Gattung benutzen darf ? stellt uns vor grundlegende ethische Fragen. Aber insgesamt besteht doch kein Zweifel daran, dass wir wirksame Mittel gewinnen, um für immer mehr Menschen ein menschenwürdiges Dasein in Frieden und Freiheit zu sichern.

Zu den Mitteln dafür zählt auch die Kraft der Weltwirtschaft. Der Zusammenbruch der Kommandowirtschaften hat bewiesen, dass die menschliche Freiheit auch eine unverzichtbare Produktivkraft ist. Marktwirtschaftliche Ordnungen können für alle den Kuchen größer machen. Allerdings bleibt stets wichtig, wie er verteilt wird. Die Menschen haben nicht die politische Freiheit des Individuums verteidigt und erstritten, damit wir heute vor den Kräften der wirtschaftlichen Ungleichheit kapitulieren. Es ist unrealistisch, auf die Effizienz der Märkte zu vertrauen, wenn die ordnungspolitischen Voraussetzungen dafür fehlen. Der wirtschaftliche Erfolg der westlichen Demokratien beruhte immer auf einem soliden Fundament aus allgemein anerkannten Werten und sozialem Verantwortungsgefühl. Dieses Fundament darf man nun nicht etwa zerstören, sondern es muss weltweit gefestigt werden. Nur dann wird der Wohlstand der Nationen wachsen.

Ohne ordnende Vorgaben bleiben die Märkte auch dem ökologischen Raubbau und der Zerstörung der Natur gegenüber blind. Gerade in diesem Bereich müssen wir noch sehr viel konsequenter denken und handeln - global ebenso wie lokal. Die wichtigste Richtschnur dafür ist das Prinzip der Nachhaltigkeit.

Was schließlich die künftige Informationsgesellschaft und ihre Datenfluten anbetrifft, stimme ich Hubert Markl zu: "Gegen Information hilft nur Bildung" ? Bildung nicht im Sinne eines sozialen Rangabzeichens, sondern im Sinne von gesundem Urteilsvermögen. Und gesundes Urteilsvermögen ? auch das zeigt das Jahrhundert - ist auf solides Wissen über die Vergangenheit angewiesen.

Damit meine ich nicht das bloß Abfragbare wie Jahreszahlen und Herrschernamen. Wichtiger ist die Fähigkeit, das eigene Handeln auch an geschichtlichen Erfahrungen zu orientieren. Dafür braucht man ein Bewusstsein davon, was sich früher bewährt hat und was zum Fehlschlag wurde, was richtig und was falsch war, was Recht und was Unrecht. Es geht um historische Kenntnisse, die sich mit neuen Problemlagen zusammendenken lassen; es geht um die Fähigkeit, aus dem vertrauten Alten Hinweise und Maßstäbe für das Neue zu gewinnen, um es so besser beurteilen zu können.

Einen Fundus an geschichtlichem Orientierungswissen besitzt jeder Mensch ? der eine mehr, der andere weniger. Auch Gemeinschaften, Völker und Nationen bilden sich ein solches Geschichtsbewusstsein. Es hängt davon ab, welche Erinnerungen und Erfahrungen von Generation zu Generation weitergegeben werden - alles andere fällt dem Vergessen anheim. Wer also will, dass die Lehren des 20. Jahrhunderts auf Dauer beherzigt werden, der muss dafür sorgen, dass sie auch wirklich ins kollektive Gedächtnis gelangen.

Dieser Prozess lässt sich in einer freiheitlichen Demokratie natürlich nur begrenzt steuern. Schließlich gilt in ihr grundsätzlich auch die Freiheit, sich nicht an der Bewahrung von Erfahrung und Erinnerung zu beteiligen. Aber es kann doch ein Klima geschaffen werden, das dem gemeinsamen Lernen aus der Vergangenheit günstig ist.

Dazu sind viele Beiträge möglich. Selbstverständlich muss jedes Land in seiner Rechtsordnung entsprechende Vorsorge treffen, beispielsweise indem es in der Verfassung die Pflicht zum Schutz der Menschenrechte und zur Wahrung des Völkerrechts verankert. Die Lehrpläne der Schulen und Universitäten müssen der politischen Bildung und der Schärfung des Geschichtsbewusstseins einen hohen Rang einräumen. Weil auch Institutionen ? vom Außenministerium bis zum Fußballbund - ein "Gedächtnis" haben, darf man verlangen, dass auch sie sich der eigenen Vergangenheit stellen und die Lehren daraus weitergeben. Ein wichtiger Beitrag zur kollektiven Erinnerung ist schließlich die Schaffung von Orten der Erinnerung - beispielsweise die Bewahrung von Schauplätzen der Geschichte ? und die Stiftung von Traditionen, wie öffentliche Gedenktage es sind. Mit ihnen erlegen sich menschliche Gemeinschaften Vergessensverbote auf und sichern besonders wirksam das gemeinsame Erinnern. Ein Beispiel dafür ist in Deutschland der 27. Januar als Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus. Dieser Tag wird landesweit von vielen Einzelinitiativen getragen und ausgerichtet. Das ist auch ein Schutz vor der Gefahr einer Ritualisierung des Gedenkens.

Auch populäre Medien wie Film und Fernsehen können und sollen den Menschen die Lehren der Vergangenheit nahe bringen. Ihr Beitrag zum kollektiven Lernen und Erinnern kann sogar besonders wertvoll sein - man denke nur an die überragende Bedeutung, die der Film "Schindlers Liste" für das Geschichtsbild von Millionen von Menschen gewonnen hat.

Vielleicht könnte ja auch die öffentliche Kunstförderung in diesem Bereich noch stärkere Akzente setzen. Der Roman "Nikolaikirche" von Erich Loest beispielsweise, der ebenso spannend wie präzise historisches Wissen und Bewusstsein vermittelt, ist großartig verfilmt worden. Sind nicht auch andere Bücher - etwa die von Jürgen Fuchs über seine Armeezeit und über seine Stasi-Haft - gute Vorlagen für Filme oder Fernsehspiele? Und könnten solche Adaptionen nicht gezielt von der öffentlichen Hand gefördert werden?

Ich breche hier ab. Im Grunde muss die gesamte Kultur eines Volkes, muss sein gesamtes geistiges Leben davon geprägt sein, wie es die Lehren der Geschichte im Gedächtnis behält. Dessen waren schon die alten Griechen gewiss, das ist bis heute überliefert: Alle Musen sind Töchter der Mnemosyne. Sie ist die Göttin der Erinnerung.