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Zu Ehren von Dr. Marion Gräfin Dönhoff

Ansprache von Bundespräsident Johannes Rau beim Abendessen zu Ehren von Dr. Marion Gräfin Dönhoff im Schloss Bellevue

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

herzlich willkommen im Schloss Bellevue zu Ehren und hoffentlich zur Freude von Marion Gräfin Dönhoff.

Wenn ich mir diesen Kreis ansehe, dann sind hier viele, die erzählen könnten von Begegnungen mit Gräfin Dönhoff, von Leseerlebnissen, von Diskussionen, von der Weite ihres Blickes und der Klarheit ihres Wortes. Ein Abendessen ist nicht dazu da, das eine ausführliche Laudatio gehalten wird, vielmehr möchten wir Gräfin Dönhoff herzlich danken. Wir haben das bereits am 2. Dezember getan, morgens beim Frühstück. Sie kam aus Polen, wo sie am Vorabend in den Geburtstag hinein mit Freunden gefeiert hatte und das ist symbolhaft. Denn Marion Dönhoff wurzelt tief in der Geschichte Mitteleuropas, unseres Landes, seiner Landschaften, ihrer Familie. Die familiäre Herkunft war für sie nie ererbte Bedeutung, sondern die Aufforderung, da Pflicht zu erfüllen, wo man hingestellt ist.

Helmut Schmidt, über dessen und Loki Schmidts Hier sein wir uns herzlich freuen, hat einmal gesagt: "Ihr Adel hat sich nicht aus ihrer Herkunft ergeben, sondern aus ihrem Willen und ihrer Haltung." Und so hat sich Marion Dönhoff für das Gemeinwohl engagiert. Wie das geschehen ist, das ist für den leicht zu erkennen, der ihre klaren Vorstellungen von Anstand, von sozialer Mitverantwortung, von Redlichkeit und Aufrichtigkeit kennt. "Der menschliche Anstand", hat sie einmal gesagt, "ist wichtiger als die Reinheit irgendeiner Lehre". Bei ihr paart sich Pflichterfüllung mit persönlicher Bescheidenheit. Darum war es schön, dass zum 90. Geburtstag ein Symposium stattfand unter dem bezeichnenden Titel "Namen, die man wieder nennt". Wer das Buch vorher gelesen hatte, vor Jahrzehnten, über die Namen, die keiner mehr kennt, der ist froh darüber, dass Marion Dönhoff auf so unverwechselbare Weise Zeitgeschichte mitgeschrieben hat. Sie hat die Aussöhnung zwischen Deutschland und Polen, die Aussöhnung in Europa und über Europa hinaus - den Brückenschlag, nicht nur den räumlichen Brückenschlag zu ihrem Thema gemacht. Wer solche Brücken schlägt, der muss historische Erfahrung und Erinnerung vermitteln. "Polen und Deutsche" - so hat sie gesagt - "haben einander vieles angetan, aber nur wer die Geschichte des Ostens nicht kennt, meint jene Jahrhunderte seien eine einzige Kette von Kriegen, Raubzügen und Feindschaft gewesen". Darum bin ich froh darüber, dass wir heute als Deutsche nicht unter uns sind, sondern dass viele polnische Gäste und Freunde diesen Abend mit uns begehen.

Man kann die Preise nicht alle nennen, die nationalen, die internationalen, die Ehrendoktorwürden, die Ehrenbürgerschaft, die nach ihr benannten Schulen. Das alles wird ihr nicht so viel bedeutet haben wie manch anderem Geehrten. Wichtiger waren und sind Gräfin Dönhoff menschliche Begegnungen und Freundschaften. Darum freue ich mich darüber, dass heute Abend so viele der Gäste und Freunde hier dabei sein können. Alle können nicht da sein, manche haben sich entschuldigen müssen, manche haben Grüße geschrieben.

Ihnen, liebe Gräfin Dönhoff, will ich heute Abend nur herzlich danken für ein Leben, ein reiches Leben, ein schweres, oft belastetes Leben, das andere reicher gemacht hat. Sie sprechen von den Gefährdungen der Freiheit durch das Niederreißen ihrer Grenzen, von neuer Maßlosigkeit und Übertreibungen, Sie werden nicht müde darauf hinzuweisen, dass Europäisierung und Globalisierung nur gelingen können, wenn der Einzelne seine Bindungen und Verankerungen nicht verliert. "Der Mensch braucht eine metaphysische Beziehung", haben Sie einmal gesagt, um zu wissen, was man tut und was man nicht tut. Hat er sie nicht, verfällt er seinem Dunkel und meint er sei allmächtig. Darum ist Ihre Mahnung für uns alle gültig: "Die schönste Demokratie ist nichts wert, wenn die Bürger nichts aus ihr machen". Jeder Einzelne ist für den Zustand des Ganzen mitverantwortlich. Solche Haltung, so haben Sie gesagt, stellt sich nicht von allein ein und lässt sich nicht von oben verordnen. Sie sagen nicht: Man müsste, man sollte, Sie sagen klar, worauf es ankommt. Sie sprechen vom Erziehungsprozess im Elternhaus, in der Schule und in der Gemeinschaft.

Wir danken Ihnen für Ihren journalistischen, ihren schriftstellerischen, ihren literarischen und ihren politischen Beitrag zur Geschichte und Gegenwart unseres Landes und wir freuen uns auf Ihr Wort, das geschriebene, das gesprochene, das in Brief und Artikel und Buch geäußerte, weil wir wissen, es ist ein Wort von Gewicht, weil es seine Deckung hat in einem Leben der Glaubwürdigkeit, vor dem wir dankbar und respektvoll stehen.

Glück auf und herzlichen Dank, verehrte Gräfin Dönhoff!