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800 Jahre Abbau und Verhüttung von Kupferschiefer im Mansfelder Land

Grußwort von Bundespräsident Johannes Rau beim Festakt "800 Jahre Abbau und Verhüttung von Kupferschiefer im Mansfelder Land"

Glück auf, meine Damen und Herren,

verehrte Freunde,

Herr Bürgermeister,

herzlichen Dank für Ihr freundliches Willkommen.

Die Geologen sagen uns, dass Kupferschiefer in Mittel- und Osteuropa nichts Besonderes wäre. Er findet sich auf einer Fläche von mehr als 600.000 Quadratkilometern; aber er ist fast überall wirtschaftlich nicht zu verwerten.

Es gibt jedoch eine Region in Deutschland ? sie ist nicht groß, sondern nur ungefähr so weitläufig, dass man ihre Grenzen mit einem Scheffel Gerste umsäen könnte - in der Region war Kupferschiefer ein solcher Schatz, dass dreißig Generationen daran gearbeitet haben, ihn zu heben.

Dadurch ist das Mansfelder Land einzigartig und unverwechselbar geworden. Das Mansfelder Revier hat einen eigenen Menschenschlag geprägt. Die Arbeit unter Tage war hier besonders schwer, besonders gefährlich und anspruchsvoll. Sie forderte eisernen Willen, unermüdlichen Einsatz und starken Gemeinschaftsgeist. Um diesen Anforderungen Stand zu halten, brauchte man ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl und gesundes Selbstbewusstsein. Die
Mansfeldischen wussten immer, was ihre Arbeit wert war!

Vor allem im Mittelalter und in der frühen Neuzeit waren Kupfer und Silber aus dem
Mansfelder Land in ganz Europa begehrt. Wir haben soeben an Beispielen und an Zahlen gehört, wie viel davon gefördert und gehandelt worden ist. Im Industriezeitalter machte
Mansfelder Bergbau- und Hüttentechnik weltweit Schule ? und wo immer auf der Welt Bergbau betrieben wird, hat der Name Mansfeld bis heute einen guten Klang.

Überall auf der Welt zeichnen sich die Bergleute durch ihre Solidarität untereinander und durch ihren Gerechtigkeitssinn aus: Wer unter Tage zusammenhält, lässt sich auch über Tage nicht im Stich; und wer dem Berg Wohlstand abtrotzt, der lässt sich nicht von ungerechter Obrigkeit kujonieren. Darum ist es kein Wunder, dass das Mansfeld auch politisch immer ein besonders wacher, aber auch unruhiger Landstrich gewesen ist ? von den Bergarbeiterunruhen der Luther-Zeit bis zum "roten Mansfeld" und dem starken Widerstand gegen die Nationalsozialisten.

Ob Thomas Müntzer und ob Martin Luther aus der besonderen Wesensart dieser Landschaft und ihrer Menschen erklärt werden können, das ist sicher eine offene Frage. Eine allzu materialistische Geschichtsauffassung in der DDR hat das Denken und Handeln der beiden ganz eng und ausschließlich an die wirtschaftliche, die technische und die gesellschaftliche Entwicklung ihrer Zeit zurückbinden wollen. Mir kommt das so vor, als wollte man den Tanz im wesentlichen aus dem Gesundheitszustand der Tänzer und aus der Beschaffenheit des Schuhwerks erklären, die Bedeutung der Musik und die Freude an ihr aber verkennen oder verleugnen.

Aber auch wenn Thomas Müntzer seine Allstedter Predigten nicht auf einer Kupferschiefertafel verfasst hat, und auch wenn Martin Luther seine 95 Thesen nicht an das Tor von des
Vaters Kupferhütte angeschlagen hat, sondern an die Schlosskirche zu Wittenberg ? immerhin hat der Schatz im Mansfelder Land auch Martin Luthers gute Ausbildung bezahlt, und immerhin haben die Jahre im Mansfeldischen den Bergmannssohn Luther in einer für sein Weltbild und für die Entwicklung seiner gewaltigen Sprachkraft entscheidenden Phase geprägt. Er blieb immer dem Mansfelder Land verbunden ? so hat er hier in seiner Geburtsstadt einen Teil
seiner Schriften verfasst, er hat hier gepredigt, er hat seine letzte Kraft darauf verwandt, im Mansfeldischen Frieden zu stiften. Mit der Erinnerung an Martin Luther bewahrt das
Mansfelder Land einen unvergänglichen Schatz.

Der Schatz im Berg aber war von Anfang an vergänglich, er war endlich, und das musste sich eines Tages erweisen. Zwischen 1967 und 1989 stiegen die Produktionskosten pro Tonne Kupfer um mehr als das Sechsfache. Deshalb war Anfang 1990 klar, dass der Abbau aus Kosten- und aus Sicherheitsgründen eingestellt werden musste.

Dadurch, wir haben das vom Bürgermeister gehört, ist das Mansfelder Land in eine tiefe Strukturkrise geraten. Die meisten Nachfolgeunternehmen des Kombinats haben sich zum Glück einen Platz auf den Märkten gesichert. Aber auch dabei gab es mehr als eine Krise, mehr als einen Rückschlag, und die Arbeitslosigkeit, wir haben die Zahlen soeben gehört, ist immer noch unerträglich hoch.

Das Land Sachsen-Anhalt und der Bund haben die Umstrukturierung im Mansfelder Land nach Kräften unterstützt. Sie werden und sie dürfen die Region auch künftig nicht allein lassen. Das darf uns nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Hauptlast hier getragen wird und dass der neue Anfang hier gelingen muss.

Ich weiß aus meiner Zeit im Bergbauland Nordrhein-Westfalen, dass das nur möglich ist, wenn alle Kräfte in der Region zusammenstehen: die Kommunen und die Kammern der Wirtschaft und des Handwerks, die Wirtschaftsverbände und die Gewerkschaften, die Kirchen, die Parteien und möglichst viele gesellschaftliche Gruppen. Je stärker der Zusammenhalt ist, um so besser sind die Chancen dafür, einer traditionsreichen Region neuen Schwung zu geben.

Und ich glaube, dass gerade das Mansfelder Land für ein solches Miteinander gute Voraus-
setzungen mitbringt. 800 Jahre haben die Mansfeldischen bewiesen, dass sie mit harter Arbeit etwas auf die Beine stellen, wenn sie die Chance dazu haben, dass sie technische Spitzen
leistungen zustande bringen und dass sie in guten und in schlechten Zeiten füreinander einstehen.

Wer auf eine solche Bilanz verweisen kann, der kann - bei allen Problemen ? mit Zuversicht in die Zukunft schauen. Und darum sage ich Ihnen allen ein herzliches "Glück auf!".