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Abendessen, gegeben von Staatspräsident Stephanopoulos

Rede von Bundespräsident Johannes Rau anlässlich des Abendessens, gegeben von Staatspräsident StephanopoulosHerr Präsident,verehrte Frau Stephanopoulos,meine Damen und Herren,

für den großartigen Empfang, den Sie meiner Frau und mir und meiner Delegation bereitet haben, danke ich Ihnen sehr. Mit Ihren warmherzigen Worten und der großzügigen Gastfreundschaft, die uns hier auf Schritt und Tritt begleitet, bereiten Sie uns ein bewegendes Willkommen. Sie geben uns das Gefühl, bei guten Freunden zu sein, so wie es der Tradition der griechisch-deutschen Beziehungen entspricht.

Unsere Freundschaft zu Griechenland hat in der Tat eine lange Tradition. Wir Deutsche fühlen uns dem modernen Griechenland von heute ebenso sehr verbunden wie dem klassischen Hellas - der Wiege Europas, der Wiege der europäischen Philosophie und der Demokratie.

"Unter allen Völkerschaften haben die Griechen den Traum des Lebens am schönsten geträumt". Mit diesen Worten drückte Goethe die Bewunderung und auch die Sehnsucht des deutschen Bildungsbürgertums nach einer als ideal angesehenen Vergangenheit aus, in der Staatskunst, philosophische Erkenntnis und Sinn für Schönheit eine einzigartige Symbiose eingegangen sind.

Die Anziehungskraft der griechischen Antike war stark genug, um Mitteleuropäer jahrhundertelang über Bücher und Museen in den Bann zu schlagen. Hier begegnet sie uns nun auf Schritt und Tritt, umgeben vom mediterranen Klima, dem sprichwörtlichen Charme und der Gastfreundschaft der Griechen und einer atemberaubenden Landschaft. Kein Wunder, dass jährlich über 2 Millionen meiner Landsleute in Ihr Land kommen.

Der rege Austausch zwischen unseren beiden Ländern ist glücklicherweise keine Einbahnstrasse. Mehr als 1 Millionen Griechen haben längere Zeit in Deutschland gelebt und ca. 300.000 leben zur Zeit dort. Sie sind die menschliche Brücke zwischen unseren beiden Völkern. Sie sind ein schönes Beispiel für Integration ohne Verleugnung der kulturellen Wurzeln.

Morgen habe ich das Privileg, gemeinsam mit Ihnen, Herr Präsident, die Ausstellung "Athen-München: kulturelle Beziehungen zwischen Bayern und Griechenland im 19. Jahrhundert" zu eröffnen. Die Ausstellung, die schon mit viel Erfolg in München gezeigt wurde, macht anschaulich, dass auch unsere neuzeitigen Beziehungen schon Tradition haben.

200.000 Griechen, die seit 1950 in Deutschland studiert haben und von denen die meisten in ihr Land zurückgekehrt sind, sind Zeugen dafür. Sie, Herr Ministerpräsident, sind heute der prominenteste von ihnen.

Kulturelle Beziehungen zwischen Griechenland und Deutschland: Das ist nicht nur Geschichte und Vergangenheit. Ich freue mich deshalb besonders darüber, dass Ihr Land im kommenden Jahr Sondergast auf der Frankfurter Buchmesse sein wird. Das wird den Verlagen Ihres Landes Gelegenheit geben, dem deutschen und internationalen Publikum die moderne und zeitgenössische griechische Literatur vorzustellen.

Griechenlands Anziehungskraft beruht aber nicht nur auf Philosophie und Künsten. Die geographische Lage Ihres Landes im südöstlichen Mittelmeer hat es bereits in der Antike als Seefahrer- und Handelsnation berühmt gemacht. So ist es nicht erstaunlich, dass der Wirtschaftsaustausch zwischen unseren beiden Ländern unseren Beziehungen auch eine solide materielle Grundlage verleiht.

Die deutsche Wirtschaft liegt nicht nur mit an der Spitze der griechischen Außenhandelspartner, sie ist auch der größte ausländische Investor in Griechenland. Deutsche Unternehmen sind an wichtigen Infrastrukturprojekten wie dem neuen Flughafen Spata und der gerade eröffneten METRO beteiligt. Die deutsche Wirtschaft ist bereit, auch bei den Infrastrukturprojekten für die Olympiade 2004 ihren Beitrag zu leisten.

Leider hat das Buch unserer gemeinsamen Geschichte nicht nur erfreuliche Seiten. Es enthält auch eines der dunkelsten Kapitel des vergangenen Jahrhunderts; eine Zeit, in der die Freiheitsliebe griechischer Patrioten auf eine harte Probe gestellt wurde und in der die Mehrzahl der jüdischen Mitbürger Griechenlands Opfer einer menschenverachtenden Ideologie wurden. Die deutsche Besatzung während des Zweiten Weltkriegs hat unermessliches Leid über die griechische Bevölkerung gebracht. Ortsnamen wie Kaessariani, Distomo oder Kommeno sind mit unfassbaren Verbrechen von Deutschen an Griechen verbunden. Die Zukunft wird nur der gewinnen können, der die Vergangenheit nicht vergisst. Ich bin sehr dankbar dafür, Herr Präsident, dass Sie mich morgen nach Kalavryta begleiten. Die Erinnerung an das, was damals geschehen ist, muss für uns und vor allem auch für die jungen Menschen Verpflichtung sein, mit aller Kraft für Frieden und Freiheit einzutreten. So kann die Erinnerung an die Vergangenheit zur Lehre für die Zukunft werden.

Deutschland hat die Mitgliedschaft Griechenlands in der Europäischen Union von Anfang an gefördert und sich immer für die besonderen griechischen Belange eingesetzt. Ihr Aufnahmeantrag für die europäische Wirtschafts- und Währungsunion liegt jetzt auf dem Tisch. Ihr Land, Herr Präsident, hat innerhalb weniger Jahre ein kleines Wunder vollbracht. Vier der fünf Konvergenzkriterien von Maastricht hat Griechenland bereits erfüllt. Beim letzten, der Inflation, kündigt sich eine Punktlandung an. Aus einem zunächst kühnen Traum ist heute nahezu Gewissheit geworden: vom 1. Januar 2001 wird Griechenland Mitglied der Währungsunion.

Griechenland hat aufgrund seiner geographischen Lage die Berufung und das Potential, als Stabilitätsanker in Südosteuropa und als Brücke nach Kleinasien und dem Nahen Osten zu wirken. Es strahlt Demokratie, politische Beständigkeit und eine beispielhafte wirtschaftliche Entwicklung in seine Nachbarländer aus. Die Vergabe des Sitzes der Wiederaufbauagentur der Europäischen Union für das Kosovo an Thessaloniki ist sichtbarer Ausdruck dieser Rolle.

Deutschland ist, wie Sie wissen, durch gute und freundschaftliche Beziehungen mit dem griechischenunddem türkischen Volk verbunden. Ich bin deswegen besonders froh, dass Griechenland in den letzten Monaten mutige Schritte der guten Nachbarschaft unternommen hat. Die Flut guten Willens, den Griechen und Türken in den leidvollen Tagen der Erdbeben in beiden Ländern einander entgegengebracht haben, hat die alten Mauern des Misstrauens zwischen ihnen zum Einsturz gebracht.

Der Europäische Rat von Helsinki hat die Türkei zu einem Beitrittskandidaten erklärt. Mein Land hat das mit besonderem Engagement gefördert. Griechenland hatte an dieser Entscheidung einen herausragenden Anteil. Ich wünsche mir, dass bald wieder ein ähnlich gutes Verhältnis dieser beiden Schlüsselländer im östlichen Mittelmeer zustande kommt, wie es zu Beginn der 30er Jahre von Venizelos und Atatürk begründet wurde. Wir Deutschen wissen aus eigener Erfahrung: nur eine Politik guter Nachbarschaft kann das Europäische Einigungswerk vollenden und Europas Erfolg in der Welt sichern. Dafür werde ich auch bei unseren türkischen Freunden werben, zu denen ich im Anschluss an meinen Besuch in Griechenland reisen werde.

Ich hoffe und wünsche, dass der Olympische Geist des Friedens und der Freundschaft alle Menschen in dieser Region zusammenführen wird. In diesem Sinne möchte ich mein Glas erheben auf Ihr persönliches Wohl, Herr Präsident, und auf das Ihrer Familie, und auf eine glückliche und friedliche Zukunft der Hellenischen Republik und auf eine weitere Vertiefung der Freundschaft zwischen unseren Völkern im zusammenwachsenden Europa.