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Ansprache aus Anlass des Staatsbesuchs von Präsident Vaclav Havel

Ansprache von Bundespräsident Johannes Rau beim Abendessen aus Anlass des Staatsbesuchs von Präsident Vaclav Havel

Herr Präsident, lieber Vaclav Havel,
sehr verehrte Frau Havlova,
meine Damen und Herren,

meine Frau und ich freuen uns außerordentlich darüber, Sie, lieber Vaclav Havel, zusammen mit Ihrer Frau als Staatsgast in Berlin zu begrüßen. Ich weiß, wie häufig Sie in Deutschland waren, wie vielfältig Ihre Kontakte nach Deutschland sind und welche Wertschätzung Sie in unserem Land genießen. Heute Morgen durfte ich Ihnen die höchste staatliche Auszeichnung der Bundesrepublik Deutschland verleihen. Sie war aber nur ein unvollkommener symbolischer Ausdruck dessen, was Deutschland, was die tschechisch-deutschen Beziehungen und was Europa Ihnen verdanken. Sie sind bereits Träger des Karlspreises und des Westfälischen Friedenspreises. Gestern haben Sie den Deutschen Staatsbürgerpreis entgegengenommen. Auch dazu gratuliere ich Ihnen ganz herzlich. Eine ganz besondere Freude für uns alle ist es jedoch, dass ich Sie heute zu Ihrem ersten Staatsbesuch in Deutschland willkommen heißen kann.

Mit Präsident Vaclav Havel haben wir eine der großen Persönlichkeiten der europäischen Zeitgeschichte zu Gast:
Er hat die friedliche Revolution von 1989 in der damaligen Tschechoslowakei zum Erfolg geführt.
Er war gedanklicher Wegbereiter der Überwindung der Teilung Europas und damit auch Deutschlands.
Er verkörpert in seiner Person die zwei entscheidenden Aspekte der tschechisch-deutschen Beziehungen: die Aussöhnung zwischen unseren Ländern und Völkern und eine auf Zukunft gerichtete gutnachbarschaftliche Zusammenarbeit.
Und schließlich ist Vaclav Havel ein überzeugter Europäer, jemand, der nicht müde wird, für die geistige und kulturelle Einheit dieses Kontinents zu werben und der den europäischen Nachbarn immer wieder als Ideenspender für die Gestaltung ihrer gemeinsamen Zukunft zur Verfügung steht. Zuletzt hat er das am 16. Februar eindrucksvoll in einer Rede vor dem Europäischen Parlament in Strassburg getan. Er hat darin für eine europäische Verfassung geworben und mir als einem überzeugten und altgedienten Föderalisten aus dem Herzen gesprochen.

Ich habe schon heute Morgen bei der Ordensverleihung gesagt, was ich jetzt noch einmal in Erinnerung rufe:
Wie wenige andere sind Sie, lieber Vaclav Havel, ein Fackelträger des Widerstands in der Diktatur, ein Vorkämpfer von Freiheit, Wahrheit und Demokratie und ein wortgewandter Verfechter des humanistischen gesamteuropäischen Erbes geworden. Darin liegt Ihr unvergesslicher Beitrag zur Geschichte dieser Zeitenwende. Wir Deutschen werden Ihnen das nicht vergessen.

Unvergessen ist uns auch, dass Sie zu den großen Europäern und dass die Tschechen und Slowaken zu den Völkern in Europa gehörten, die von Anfang an den deutschen Einigungsprozess ohne Einschränkung unterstützt haben.

Der Zeitpunkt Ihres Staatsbesuchs steht am Ende eines Versöhnungsprozesses, den Sie selbst seit 1989 entscheidend vorangebracht haben. Die nach außen sichtbaren Stationen dieses Prozesses sind der Nachbarschaftsvertrag von 1992, die deutsch-tschechische Erklärung vom Januar 1997 und in ihrer Umsetzung der Deutsch-Tschechische Zukunftsfonds und das Deutsch-Tschechische Gesprächsforum. In diesem Aussöhnungsprozess der letzten zehn Jahre haben Sie immer wieder Hilfestellung geleistet dabei, dass wir die gedanklichen und emotionalen Hürden überwinden, die sich unseren Regierungen auf ihrem Weg zu einem Verhältnis guter Nachbarn entgegengestellt haben.

Meine Damen und Herren,
Präsident Havel hat uns alle immer wieder dazu aufgefordert, "in der Wahrheit zu leben". In der Wahrheit leben, das kann nicht heißen, die Fehler der eigenen Seite gegen die der anderen aufzurechnen. Wir müssen diesen Teufelskreis der wechselseitigen Aufrechnung ein für alle Mal hinter uns lassen. Das wird am besten dann gelingen, wenn jeder von uns zunächst, wie man das volkstümlich sagt, vor seiner eigenen Tür kehrt. Wir alle kennen das Bibelwort (Matthäus 7, Vers 5), in dem es heißt: "Du Heuchler, zieh zuerst den Balken aus deinem Auge; danach sieh zu, wie du den Splitter aus deines Bruders Auge ziehst." Wir sollten diese Forderung zur Maxime auch im Umgang mit unserer Geschichte der letzten Jahrzehnte machen.

Unsere gemeinsame Geschichte ist über 1000 Jahre alt. Die guten, ja die erhebenden Kapitel überwiegen bei weitem. 700 Jahre lang hat sich die böhmisch-mährische Symbiose zwischen Tschechen und Deutschen, Juden und Christen bewährt. Sie hat unsere Völker gemeinsam zu hoher wirtschaftlicher und kultureller Blüte geführt. Sie hat weit über die Grenzen der von ihnen bewohnten Länder hinausgewirkt. Aber dann kam im 20. Jahrhundert das schrecklichste Jahrzehnt der Geschichte, das auch diese Symbiose zerstört hat.

Gewiss können wir sie nicht mehr so erneuern, wie sie jahrhundertelang existiert hat. Aber wir wollen versuchen, an das friedliche, segensreiche und gegenseitig befruchtende Zusammenleben von Tschechen und Deutschen in einer modernen, zeitgemäßen Form anzuknüpfen. Das tun wir am besten, indem wir unsere Länder zu Katalysatoren auf dem Weg zur Einheit Europas machen. Wenn uns das gelingt, liegt darin zugleich ein großer Friedensbeitrag unserer Völker für alle unsere Nachbarn in Europa.

Wir sind auf gutem Wege: Heute ist das tschechisch-deutsche Verhältnis so gut wie nie zuvor im letzten Jahrhundert. Die Tschechische Republik und die Bundesrepublik Deutschland teilen heute gemeinsame demokratische Werte. Unsere beiden Länder achten die Menschenrechte, sie sind den Grundsätzen der Rechtsstaatlichkeit und einer Politik des Friedens verpflichtet.
Zukunftsfonds und Gesprächsforum entfalten schon eine höchst segensreiche, in die Zukunft gerichtete Wirkung: viele Kultur- und Wissenschaftsprojekte und viele Jugendbegegnungen wären ohne die Förderung durch den Zukunftsfonds nicht möglich.

Heute führen wir den Dialog, der in der Zeit des Kalten Krieges unmöglich war. Wir führen ihn offen, freimütig und ohne Tabus, die den Weg in die europäische Zukunft versperren würden.
An diesem Dialog beteiligen sich zunehmend auch die Sudetendeutschen. Ihre Verbundenheit zur alten Heimat bereitet heute noch vielen Tschechen Sorge. Ich bin überzeugt davon, dass die Mehrzahl gerade dieser Deutschen ihren Beitrag zur Entwicklung einer guten und engen Nachbarschaft zwischen Tschechien und Deutschland leisten kann und leisten will. Vertrauen wir in die gemeinsame Zukunft unserer Völker und lassen Sie uns die Bindungen und den guten Willen der Sudetendeutschen als Brückenbauer nutzen! Unvergessen bleibt die Definition, die Sie, Herr Präsident Havel, dem Begriff "Heimat" in Ihrer großen Rede vor dem Deutschen Bundestag im April 1997 gegeben haben. Sie warnen darin vor der Auffassung von Heimat als einer abgeschlossenen Struktur, weil sie eher ein Instrument der Isolierung des Menschen von den anderen ist als ein Tor, das ihm den Weg zu den anderen öffnet.

Die Europäische Union muss mehr sein als die Summe ihrer Mitgliedstaaten. Dazu brauchen wir auch den aktiven Beitrag der Tschechischen Republik und seiner Menschen. Gerade die jungen Menschen auf beiden Seiten müssen diese Aufgabe annehmen und die Zukunft gemeinsam gestalten.

Darum appelliere ich an uns alle: Lassen Sie uns den Blick in die Zukunft richten! Lassen Sie uns, im Wissen um die Geschichte, an die guten und fruchtbaren Traditionen tschechisch-deutscher Zusammenarbeit über Jahrhunderte hinweg anknüpfen! So, und nur so, werden wir die Zukunft gewinnen.

Ich erhebe mein Glas auf Ihr persönliches Wohl, Herr Präsident, und auf das von Frau Havlova, auf die tschechisch-deutsche Freundschaft und auf unsere gemeinsame Zukunft in einem friedlichen, demokratischen und prosperierenden Europa.