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Rede zu Protestantismus und Kultur in Wuppertal

I.

Was ist los mit den Protestanten und der Kultur? Sind die Protestanten kulturvergessen, wie oft gesagt wird? Sind sie kulturversessen, wie man auch hören kann? Oder sind sie kulturverdrossen, wie manche meinen?

Es gibt Beispiele für alle drei Sätze. Karl Barth hat in seinem Brief an Mozart den schönen Satz geprägt, er sei nicht schlechthin sicher, ob die Engel, wenn sie im Lobe Gottes begriffen seien, Bach spielten, aber er sei sich sicher, dass sie Mozart spielten, wenn sie unter sich seien, und dass der liebe Gott ihnen dann doch besonders gern zuhöre. Wenn man diese schöne Geschichte heute erzählt, dann fragt man sich, ob der Unterschied zwischen der Musik Bachs und der Mozarts im Protestantismus überhaupt noch bekannt ist... Kulturvergessenheit des Protestantismus?

Und dann gibt es die Kulturversessenheit, die einem bisweilen da begegnet, wo am Anfang einer Predigt nicht der Bibeltext steht, sondern wo der Pfarrer etwa mit den Worten beginnt: "Hermann Hesse hat einmal gesagt ..."

Kulturverdrossenheit - darf ich es sagen? - die zeigte sich bei vielen Vertretern des Protestantismus in den 80ziger Jahren in ihrem Äußeren: in Birkenstock, Norweger und Vollbart.

Kulturvergessenheit - Kulturversessenheit - Kulturverdrossenheit. Was ist los mit den Protestanten und der Kultur? Wenn wir uns das fragen, müssen wir die Frage auch umkehren: Gibt es eigentlich noch ein Interesse der Kultur am Protestantismus? Oder findet alle Kultur nicht längst ohne den Protestantismus statt? Ist da die Sache nicht entschieden: Kirchenvergessenheit der Kultur? Protestantismus und Kultur - das ist ein weites Feld und ich will so konzentriert wie möglich etwas dazu sagen.

II.

Weder der Protestantismus noch das, was wir als Kultur bezeichnen, sind geschlossene oder gar abgeschlossene Begriffe. Sie haben eine eigene, bisweilen auch eine wechselseitig geprägte Geschichte. Sie verhalten sich beide zur Gegenwart. Und sie sind zukunftswirksam.

Das ist ihnen gemeinsam. Das gilt im übrigen auch für andere Konfessionen ebenso wie für andere Religionen.

Dabei realisieren sowohl der "Protestantismus" als auch die "Kultur" immer nur bestimmte Möglichkeiten und unterdrücken notwendigerweise andere: Die Bergische Erweckungsbewegung des 19. Jahrhunderts hat eine andere Kultur geprägt als der Pietismus Zinzendorfs und erst recht als der Kulturprotestantismus Schleiermachers. Lloyd Webbers Musical Joseph erzählt die Josephsgeschichte ganz anders, als Thomas Mann das getan hat.

III.

Wenn ich es richtig sehe, lautet eine Kernfrage für den Protestantismus: Wie soll sich oder wie kann sich der Protestantismus zur Kultur verhalten? Manche raten den Christen zur kompromisslosen Kulturabgewandtheit. Das lässt einen ebenso ratlos zurück wie Theorien, die heute wieder eine Verschmelzung von Christentum und Kultur fordern.

Wer die Kulturgeschichte des Abendlandes beobachtet, stellt Unterschiedliches fest: Es gibt Beispiele dafür, dass das Christentum prägend wurde, indem es gerade mit der Kultur seiner Zeit ging, ihre Möglichkeiten – auch die technischen - nutzte, sie förderte, indem es sie forderte. Martin Luther ist wohl das prominenteste Beispiel für die kulturprägende Kraft, die vom Protestantismus ausging. Er gilt als der Vater der deutschen Sprache.

Am Anfang der Buchkultur in Deutschland steht die Bibelübersetzung Luthers. Sie wurde weltbedeutend. Wir Heutige blicken dankbar auf sie zurück. Aber damals war sie zukunftsweisend. Sie kann nicht getrennt betrachtet werden von der Erfindung des Buchdruckes durch Gutenberg. Sie geschah aus einer Einheit von moderner Technik, Sprache und Theologie.

Sie war so zukunftsorientiert, daß sie sich auch auf die Philosophie auswirkte, auf die Bildung und auf die Literatur der folgenden Jahrhunderte.

Aber es gibt eben auch Beispiele dafür, dass Protestanten Kultur gestiftet haben, ohne das zu wollen. Gerhard Tersteegen lebte in unserem Sinne wohl eher kulturabgewandt, aber seine Lieder und Verse bleiben leuchtende Zeugnisse höchster Sprachkultur. Literaturwissenschaftler aus ganz Europa analysieren und interpretieren bis heute die vollkommene Lyrik dieses Bandwirkers, der in Moers geboren ist und in Mülheim an der Ruhr gewirkt hat.

IV.

Das alles sind Rückblicke, in denen ich den Blick auf das gelenkt habe, was geblieben ist und bleiben wird. Ich habe aber noch nicht gesprochen von den Auseinandersetzungen, von der Reibung und den Konflikten, die häufig damit einhergingen. Luther war gefangen auf der Wartburg, als er die Bibel übersetzte. Es gab die Kirchenspaltung und die Konfessionskriege. Das darf man nicht vergessen. Da wird man daran erinnert, daß Kultur immer auch eine politische Dimension hat. Das ist auch heute so. Daraus erwächst – auch für den Protestantismus – eine Verantwortung, die nicht einfach ist. Denn niemand von uns weiß ja, wie morgen, in einigen Generationen aus dem Rückblick und mit dem Abstand der Zeit das beurteilt werden wird, was wir heute Kultur des Fernsehens nennen, um nur ein Beispiel zu geben.

Aber wir müssen uns dazu verhalten. Wir müssen etwas sagen zu dem, was uns und unseren Kindern dort angeboten wird. Auch das Internet stellt uns neben allen Chancen und Möglichkeiten nicht nur vor große juristische, sondern auch vor ethische Probleme. Aber wir können und wollen nicht einfach zum Fernsehverzicht aufrufen oder zur Ächtung des Internets. Das wäre nicht nur zwecklos, sondern ich hielte das auch für falsch.

Hier kommt der Theologie, der protestantischen Ethik eine Aufgabe zu. Der Mensch prägt die Kultur und umgekehrt wird er von ihr geprägt. Die Kultur gehört wesentlich zum Menschen.

Deshalb war es zu keiner Zeit eine wirkliche Möglichkeit, sich der Kultur grundsätzlich zu verweigern. Das ist ja auch im Protestantismus längst unbestritten. Die Zeit, in der die Kirche Kultur definiert, ist spätestens seit der Aufklärung vorüber. Kultur wird ja längst nicht mehr nach profaner oder sakraler Kultur unterschieden, sondern nach ihrem Wert. So ist J.S. Bachs Musik weit über den Raum der Kirche hinaus ein Kulturgut und die Bücher Nietzsches werden auch von Protestanten mit Gewinn gelesen.

V.

Für den Protestantismus wird es nicht so sehr darauf ankommen, sich kulturversessen oder kulturverdrossen zu geben, als sich vielmehr an der Vielfalt zu erfreuen, die die Kultur immer wieder so faszinierend in den verschiedensten Bereichen hervorbringt, um das Leben heller zu machen.

Im ersten Buch der Bibel ist der Auftrag genannt: Der Mensch soll die Erde bebauen und bewahren. Das ist ein kultureller Auftrag im elementaren Sinn. Die Kultur dient der Verwirklichung dieses Auftrages, dessen Ziel dann im letzten Buch der Bibel beschrieben wird. Wüste und Leere sind jetzt überwunden. Es gibt eine Stadt, mit allem, was dazugehört an Vielfalt und Kultur und Leben. Als himmlische Stadt weist sie aber schließlich über alle Kultur hinaus und wohl auch über den Protestantismus.
Schließlich.
Bis dahin aber gilt auch Luthers angeblicher Satz vom Apfelbäumchen als Auftrag zur Kultur im Protestantismus.