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Grußwort im Rahmen von "Historama Ruhr 2000" in Essen

"Kohle war nicht alles" – so hat ein Bergmann aus dem Ruhrgebiet seine Lebensgeschichte auf den Punkt gebracht. Ich glaube, er hat recht: Kohle war viel, aber sie war nicht alles, war nie alles im Leben von Bergarbeitern und ihren Familien.

Dazu gehörte viel mehr: die Gewerkschaft und die Kirche, dazu gehörten der Taubenzüchter- und der Fußballverein, dazu gehörten das Singen und die Bergarbeiterkapelle, und es gab auch erstaunlich viele Bergarbeiter-Dichter.

Kohle und Kultur - das ist in dieser Region nie als ein Gegensatz im Leben von Bergarbeitern und ihren Familien begriffen worden, auch wenn sie selber in diesem Zusammenhang das Wort "Kultur" wohl nicht gebraucht hätten. Kohle und Kultur, das war immer nur ein Gegensatz in den Augen derer, die diese Art der Kultur so misstrauisch sahen - aus politischen, aber auch aus moralischen Gründen.

"Kohle war nicht alles:" Das gilt auch für die Geschichte des Ruhrgebiets. Ganz gewiss: Bergbau und Schwerindustrie haben in den vergangenen eineinhalb Jahrhunderten das Ruhrgebiet entscheidend geprägt.

Wenn man vom Ruhrgebiet spricht, dann denken viele immer noch zuerst an Fördertürme und Hochöfen, an Schornsteine und Abraumhalden. Der Bergbau und die Stahlindustrie haben die Landschaft des Ruhrgebiets, auch die Natur- und Stadtlandschaft, nicht einfach geprägt, sie haben sie auch mit geschaffen.

Die schwere Arbeit und die Umweltverschmutzung sind auch an den dort lebenden Menschen nicht spurlos vorüber gegangen. Viele Bergarbeiter, viele Stahlarbeiter waren krank, wenn sie in Rente gingen und haben den verdienten Ruhestand nicht genießen können.

All das hat zu einem Bild vom Ruhrgebiet beigetragen, das eher düster ist. Es ist aber nicht das ganze Bild. Denn dies Bild wird zunehmend zu einem historischen, das nicht mehr das Ruhrgebiet, sondern eine bestimmte Phase seiner Vergangenheit ablichtet. Der oft zitierte Strukturwandel des Ruhrgebiets hat ja selber schon eine lange Geschichte.

Die ersten Absatzkrisen in Bergbau und Stahlindustrie gab es im zwanzigsten Jahrhundert zu Beginn der fünfziger Jahre, und die Entwicklung des Ruhrgebiets zu einem Medien- und Dienstleistungszentrum ist schon mit vielen Universitätsgründungen der sechziger Jahre entscheidend vorangetrieben worden.

Ich kann mich an die Zeit erinnern, in der man in Nordrhein-Westfalen Abitur machte und in anderen Regionen studierte. Nordrhein-Westfalen war bis zu den sechziger Jahren immer ein Studenten-Exportland. Danach wurde es ein Studenten-Importland, und das ist es bis heute.

Darum ist es gut, dass dann, wenn man vom Ruhrgebiet spricht, viele Menschen heute auch an seine Universitäten denken, an die Musicals, die viele Besucher anlocken, an den Gasometer in Oberhausen, an den Hochofen in Meiderich und natürlich an die Zeche Zollverein.

Andere denken an die reichhaltigste Museumslandschaft, an die dichteste Theaterlandschaft in Europa, an die zahlreichen Musik- und Filmfestspiele, an die ungezählten lokalen und regionalen Kulturveranstaltungen.

Das Ruhrgebiet sei zum "Kulturgebiet" geworden, heißt es daher in einer Werbeaktion. Ich finde diesen Satz verblüffend. Er klingt für mich so, als habe es im Ruhrgebiet vor diesem Strukturwandel keine Kultur gegeben. Aber damit bestätigt er in meinen Augen ein Vorurteil über das Ruhrgebiet, dem man mit diesem Satz eigentlich begegnen möchte.

Vielleicht wäre es besser, wenn wir vom Struktur-undKulturwandel des Ruhrgebiets sprächen. Denn hier gibt es doch nicht erst Kultur, seit Bergbau und Schwerindustrie kaum noch Arbeiter beschäftigen, sondern Historiker, Autoren, Ausstellungs- und Filmemacher hier sind.

Es gibt doch nicht erst Kultur im Ruhrgebiet, seit Fabrikhallen und Bergwerke zu Museen oder zu Theater- und Konzerthallen geworden sind und seit Intellektuelle den "Charme" von Bergarbeitersiedlungen entdeckt haben, den es übrigens in der historischen Realität so nie gegeben hat.

Kultur hat es im Ruhrgebiet schon vorher gegeben. Das zeigen viele der Veranstaltungen im Rahmen von "Historama Ruhr 2000". Die Welt der Schwerindustrie ist von Anfang an und nicht erst nach ihrem Ende künstlerisch bearbeitet und verarbeitet worden: fotografisch und filmisch, literarisch, architektonisch und auch städteplanerisch.

Das war nicht nur eine Bearbeitung "von außen". Es war auch nicht nur eine "von oben": Die Menschen im Ruhrgebiet haben sich selber daran beteiligt, sie haben ihre Lebenswelt beschrieben, besungen, fotografiert und gemalt. Sie haben eine Organisations- und eine Vereinskultur entwickelt, die wichtige Bindekräfte geschaffen hat.

Sie haben beispielhafte Formen der Nachbarschaftshilfe und des Zusammenlebens mit Einwanderern – mit deutsch- und fremdsprachigen – entwickelt, und das immer wieder im Verlauf der Geschichte der Hochindustrialisierung im Ruhrgebiet.

Ich denke an deutsche Arbeiter aus den Ostgebieten des Kaiserreichs, ich denke an Arbeiter aus Polen vor dem Ersten Weltkrieg, an Arbeiter aus Italien, Jugoslawien und der Türkei, aber auch an deutsche Flüchtlinge und Vertriebene nach dem Zweiten Weltkrieg.

Das ging und das geht nicht immer konfliktfrei ab. Das ging und geht aber erstaunlich konfliktarm ab, wenn man sich die ungeheuren Migrationsströme vorstellt, die das Ruhrgebiet aufgenommen hat und wenn man bedenkt, in welchen krisenhaften Zeiten all das immer wieder bewältigt worden ist. Das ist eine zivilisatorische Leistung, die zur Kultur einer Region gehört.

Ich glaube, dass wir von dieser Leistung viel für die Aufgaben lernen können, die vor uns liegen. Denn nicht mehr nur das Ruhrgebiet ist inzwischen ein Einwanderungsland, sondern die Bundesrepublik insgesamt. Es gibt auch immer noch eine Barriere zwischen der ost- und westdeutschen Kultur, und wir stehen vor der Aufgabe, als Land in ein Europa der vielen Länder hineinzuwachsen, nicht nur innerhalb Deutschlands.

Die Kultur des Ruhrgebiets zeigt uns, dass Wandel schwierig ist, vor allem für die Betroffenen, dass er Zeit braucht. Sich das immer wieder zu vergegenwärtigen, finde ich wichtig, damit Menschen, die von der Fremdheit zur Angst gehen, nicht weiter gehen zu Hass und Gewalt, sondern damit wir sie abholen können auf dem Weg von der Fremdheit zur Neugier und zur Vielfalt. Die Kultur des Ruhrgebiets zeigt, dass Wandel möglich ist, wenn man ein Ziel vor Augen hat und wenn das Wort "Solidarität" kein Fremdwort ist.

Kultur hat es im Ruhrgebiet aber auch schon vor der Phase der Hochindustrialisierung gegeben. Das Ruhrgebiet war auch davor kein geschichtsloses Gebiet. Denken wir nur an den Hellweg, der für einen ganz anderen Teil der Wirtschafts- und Kulturgeschichte dieser Region steht.

Denken wir an die mittelalterliche Geschichte der Region, die wir über den modernen Phasen ihrer Geschichte nicht vergessen sollten. Hier in Essen gibt es ja nicht nur die Zeche Zollverein – so wichtig sie ist. Es gibt auch die Abtei Essen Werden und das Kloster Stoppenberg, es gibt die Schätze des Essener Doms, es gibt die "Goldene Madonna", die tausend Jahre alt ist.

Ich nenne diese Beispiele, weil mir auffällt, dass selbst Freunde und Liebhaber des Ruhrgebiets, auch unter Wissenschaftlern, immer wieder so tun, als sei das Ruhrgebiet, anders als alle anderen deutschen Regionen, keine "historisch gewachsene" Region.

Solchen Aussagen liegt offenbar die Vorstellung zugrunde, Wachstum wäre stets ein kontinuierlicher Prozess des langsamen Reifens. Wir sollten aber nicht vergessen: Wachstum kann auch in Sprüngen, kann auch mit großer Geschwindigkeit erfolgen – in der Natur und in der Geschichte. Das gilt ganz gewiss für die Entwicklung des Ruhrgebiets in den letzten 150 Jahren, aber das macht diese Region nicht geschichtslos, sondern eher besonders geschichtsträchtig.

Denn all die Menschen, die zum Teil von weither hierher ins Revier gekommen sind, haben doch ihre eigene Geschichte, sie haben ihre eigenen Geschichten nicht alle hinter sich gelassen, sondern sie haben sie in die Geschichte des Ruhrgebiets eingebracht. So hat das Ruhrgebiet historische Wurzeln, die weit über seine Grenzen hinausreichen.

Kohle war - wirklich - nicht alles. Diese Einsicht sollte uns davor bewahren, weil Kohle nicht alles war, nun alles zu "Kohle" zu machen. Mir fällt in letzter Zeit immer wieder auf, dass Kultur – die früher von vielen als teures Luxusgut betrachtet wurde, jetzt auf einmal zum wichtigsten "Standortfaktor" wird, zu einem weichen Standortfaktor.

Ich finde das nicht verwerflich. Ich warne nur vor dem Absolutsetzen solcher Gedanken. Kultur und Geld - Kultur und Kohle - schließen sich gegenseitig ebenso wenig aus wie Kohle und Kultur. Aber wer Kultur in erster Linie oder ausschließlich als Gewinnchance und als Einkommensquelle sieht, der übersieht das, was Kultur für Menschen so wichtig macht. Kultur ist die menschliche Form der Weltaneignung, und sie ist zugleich ihr Ergebnis.

In der Kultur und durch Kultur vergewissern wir uns unserer selbst und finden wir unsere Identität – nicht ein- für allemal, aber immer wieder und immer wieder neu. Wie diese Weltaneignung in einer Region, in dieser Region, in einem bestimmten Zeitraum geschehen ist, das zeigt uns "Historama Ruhr 2000". Darum eröffne ich gern das Geschichtsfest und das Filmfest, und ich wünsche Ihnen allen viel Freude - bei der Arbeit und danach.