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Rede von Bundespräsident Johannes Rau anlässlich der Johannisfeier der Johanniter Unfallhilfe und des Malteser Hilfsdienstes

I.

Seit vielen Jahren feiern Ihre beiden Organisationen gemeinsam den Namenstag Johannes des Täufers. Sie praktizieren die Ökumene, die vielen Christen in beiden großen Kirchen immer wichtiger wird.

Ihre beiden Hilfswerke gründen in der jahrhundertealten Ordenstradition des Dienstes am Nächsten. Mit Ihrer Feier bekennen Sie sich zu dieser Tradition und bezeugen die christliche Grundlage Ihres Handelns.

Für Sie ist das Gleichnis vom barmherzigen Samariter unverändert Motivation und Leitbild Ihres Engagements. Ich finde es gut und wichtig, dass Sie diesen Auftrag trotz aller Konkurrenz, in der auch Ihre Arbeit steht, immer wieder deutlich machen. Sie zeigen damit, dass der christliche Glaube Folgen haben muss für das alltägliche Handeln und mehr ist als eine nostalgische Erinnerung.

Vielen Menschen fällt es schwer, sich in einer Welt zurecht zu finden, deren Tempo immer schneller wird. Mehr denn je fühlen sie sich Entscheidungen ausgesetzt, auf die sie keinen Einfluss nehmen können, Entscheidungen, die weit entfernt getroffen werden, in räumlicher und in sozialer Entfernung. Umso wichtiger ist es, dass es Orientierungsangebote und Vorbilder gibt, wie Sie das mit Ihrer Arbeit sind.

II.

Das Selbstverständnis unserer Gesellschaft nimmt in der Arbeit der freien Wohlfahrtsverbände praktische Gestalt an. Der Sozialstaat stünde auf tönernen Füssen, wenn er nicht auf das solide Fundament vertrauen könnte, das Ihre Organisationen und die anderen Verbände bilden. Sie sind aus dem Alltag von Betreuung, von Begleitung und Pflege, aus der Hilfe am Nächsten nicht wegzudenken.

Längst reicht Ihre Arbeit über den nationalen Rahmen hinaus: Im vergangenen Jahr waren Johanniter, Malteser und Helferinnen und Helfer anderer deutscher Organisationen in Mazedonien und Montenegro, im Kosovo und bei der Erdbebenhilfe in der Türkei im Einsatz. Im türkischen Bolu habe ich im April diesen Jahres ein Dorf mit Unterkünften einweihen können, die mit deutscher Hilfe errichtet worden sind.

In den Gesprächen mit den vom Erdbeben heimgesuchten Menschen ist mir einmal mehr deutlich geworden, wie viel Gutes solche Hilfsbereitschaft im Verhältnis zwischen den Völkern bewirkt. Die große Spendenbereitschaft so vieler unserer Mitbürgerinnen und Mitbürger und die Arbeit deutscher Helfer vor Ort haben tiefen Eindruck gemacht.

Spontane und großherzige Hilfe bewirkt oft mehr als manche noch so gut gemeinte politische Erklärung oder Strategie. Ja, sie kann im wörtlichen Sinne entwaffnend wirken: Denken Sie nur an die geradezu historisch zu nennende Verbesserung des Verhältnisses zwischen Griechenland und der Türkei, die durch die gegenseitige Hilfe anlässlich der Erdbeben in Gang gesetzt geworden ist.

III.

Die Hilfe und die soziale Arbeit, die Ihre Organisationen und die anderen Wohlfahrtsverbände leisten, setzen hohe Professionalität und wirtschaftliches Handeln voraus, das auf der Höhe der Zeit ist. Auch der barmherzige Samariter kam bekanntlich nicht ohne Geld aus. Aber Ihre Arbeit wäre undenkbar ohne den selbstlosen und unermüdlichen Einsatz der vielen Bürgerinnen und Bürgern, die bereit sind, die vielen kleinen Räder im großen Getriebe des Hilfsgeschehens in Schwung zu bringen und in Schwung zu halten.

Ich möchte einige Zahlen nennen, die mir eindrucksvoll erscheinen und die der gelegentlich zu hörenden Behauptung widersprechen, unsere Gesellschaft werde insgesamt kälter, egoistischer und rücksichtsloser. Jeder dritte Bundesbürger ist in der einen oder anderen Form ehrenamtlich tätig: rund 22 Millionen Menschen. Wenn man genau hinschaut, dann sieht man, dass es überwiegend Frauen sind, die sich in Bereichen mit relativ hohen Anforderungen und Belastungen engagieren: 67 Prozent im sozialen Bereich, 66 Prozent im Gesundheitsbereich.

An der hohen Bereitschaft der Menschen, sich ehrenamtlich zu engagieren, ändert sich also nichts. Was sich jedoch wandelt, sind die Beweggründe und die Erwartungen.

Altruistische Motive stehen zweifellos nach wie vor im Vordergrund sozialen Engagements. Eine wichtige Rolle spielt auch der verständliche Wunsch, Freude und Spaß am eigenen Engagement zu haben und mit sympathischen Menschen zusammenzukommen.

Viele Menschen suchen heutzutage eine ehrenamtliche Betätigung, bei der sie sich nicht gleich an eine Organisation oder Vereinigung binden müssen. Punktuelles, auf die Erledigung einer bestimmten Aufgabe begrenztes Engagement gewinnt an Bedeutung.

In einer Zeit, in der pure Selbstverwirklichung und Selbstbestimmung als besonders erstrebenswert gelten - oder zumindest als erstrebenswert dargestellt werden -, will der Einzelne auch mehr Einfluss auf die Art und Weise nehmen, in der er freiwillig tätig ist. Das ist nichts Verwerfliches; es ist völlig legitim, Ehrenamt und Selbstverwirklichung miteinander zu verbinden.

Ehrenamtliches Engagement ist nicht mit der Erwartung verbunden, Gegenleistungen zu erhalten. Aber heute wird stärker als früher auf qualifizierte Unterstützung geachtet: Personell, fachlich und materiell.

Um es bildlich auszudrücken: Es ist schwerer geworden, einen Kassierer zu finden, wenn man ihm nur Bleistift und Kassenbuch zur Verfügung stellt. Wenn im Vereinsheim ein Computer mit modernem Buchhaltungsprogramm steht, wird sich leichter jemand gewinnen lassen.

Darauf müssen sich viele Organisationen und auch die großen Wohlfahrtsverbände einstellen. Aber auch der Staat kann mit seinen Möglichkeiten mithelfen, Bürgerinnen und Bürger zur Übernahme gesellschaftlichen Engagements zu bewegen.

Gerade auf kommunaler Ebene gibt es dafür viele nachahmenswerte Beispiele. Partnerschaften zwischen Schulen und Wohlfahrtsverbänden könnten jungen Menschen die wichtige Arbeit der Verbände nahe bringen und vertraut machen.

Freiwillig und spontan praktizierte Solidarität - das ist das Gewebe, das unsere Gesellschaft zusammenhält. Sie muss täglich gelebt und sie muss vorgelebt werden. Nächstenliebe und Schutz der Schwachen, die Ziele, denen auch Ihre Organisationen sich verpflichtet haben, können nicht staatlich verordnet werden - und wir bedürfen ihrer so dringend!

Immer wieder wird uns vor Augen geführt, wie gerade jene unseres Schutzes bedürfen, die anders sind als wir - und sei es, weil sie eine andere Hautfarbe haben. Sie zu schützen verlangt auch Mut. Verbrechen wie der schreckliche Überfall an Pfingsten auf unseren Mitbürger Alberto Adriano in Dessau müssen unser Bewusstsein dafür schärfen, dass wir Hass und Feindschaft in unserem alltäglichen Verhalten begegnen müssen.

Solidarität und Zivilcourage beweisen sich nicht nur in der großen Tat: Nicht weghören, wenn ein ausländerfeindlicher Witz erzählt wird, nicht wegsehen, wenn Fremde oder Schwächere angepöbelt werden, nicht gleichgültig bleiben, wenn sich stilles Einvernehmen zu Lasten anderer bildet - darum geht es. Und es geht darum, welche Einstellungen wir den jungen Menschen vorleben und vermitteln.

IV.

Die großen Leistungen der freien Wohlfahrtsverbände für den sozialen Zusammenhalt unserer Gesellschaft wären seit vielen Jahren undenkbar ohne die Arbeit der Zivildienstleistenden. Viele erbringen einen großartigen Einsatz, selbstverständlich und oft unter schwierigen und manchmal auch belastenden Umständen. Das sind Leistungen, auf die die jungen Männer stolz sein können.

Fast 100.000 junge Männer - gut zwei Drittel aller Zivildienstleistenden - arbeiten in den Diensten der Wohlfahrtsverbände. Allein 7.500 tun jedes Jahr ihre Arbeit bei Johannitern und Maltesern im Rettungsdienst und der Altenbetreuung, in der häuslichen Pflege, im Krankentransport, in den Fahrdiensten und bei "Essen auf Rädern".

Die "Zivis" sind längst zu einer festen Größe in unserem Sozialsystem geworden. Darüber ist manchmal wohl in Vergessenheit geraten, dass die Existenz des Zivildienstes lediglich abgeleitet ist: Nur wer den Wehrdienst verweigert, muss Zivildienst leisten. 125.000 junge Männer haben sich in diesem Jahr dafür entschieden, 135.000 wurden zum Wehrdienst eingezogen.

Aus vielen Gründen ist eine Reform der Struktur unserer Streitkräfte notwendig geworden. Sie wird weitreichende Auswirkungen auch auf den Zivildienst haben. Die wichtigsten Eckdaten der Bundeswehrreform sind inzwischen von der Bundesregierung verabschiedet worden. Sie sollen die Grundlage für eine breite Diskussion über die Zukunft unserer Sicherheitspolitik und unserer Streitkräfte und die Fragen bilden, die damit unmittelbar und mittelbar verbunden sind.

Die Zukunft des Zivildienstes muss in dieser Diskussion den angemessenen Stellenwert haben und darf nicht zu einer Restgröße werden, die sich letzten Endes automatisch ergibt. Es geht ja um viel mehr als nur um eine Ersatzleistung für den Wehrdienst. Es geht um ganz konkrete Angebote und wertvolle Dienste, die wir erhalten möchten.

Gewiss: Mit Zivildienstleistenden dürfen keine regulären Arbeitsplätze besetzt oder ersetzt werden. Insofern kann man annehmen, dass die Grundversorgung in der Pflege auch künftig nicht gefährdet sein wird. Aber ich fände es, ehrlich gesagt, beschämend, wenn das unser einziger Maßstab wäre.

Natürlich gefährdet es die Grundversorgung nicht, wenn mit einem alten Menschen weniger gesprochen, wenn einem Kranken weniger vorgelesen, mit einem Behinderten weniger Spazieren gegangen wird. Das sind die stillen Einsparungen: Hilfe entfällt, ohne dass die Öffentlichkeit das wirklich merkt. Betroffen sind Menschen, die sich nicht wehren können oder sich nicht beklagen wollen - wer bittet schon gerne um ganz einfache menschliche Gesten, auch wenn sie existentiell wichtig sind?

Welche Lösungen bieten sich an? Ließen die negativen Folgen einer Reduzierung oder – längerfristig – eines Auslaufens des Zivildienstes sich etwa dadurch mildern, dass man neue hauptamtliche Stellen schüfe? Sicher liegt hier ein Teil der Lösung und auch eine arbeitsmarktpolitische Chance.

Aber solche Arbeitsplätze kosten Geld. Einmal mehr wären wir dann bei der Frage, was Pflege kosten soll und darf. Der Ruf nach staatlicher Finanzierung liegt nahe. Schließlich werden auch für den Zivildienst bislang mehr als zwei Milliarden Mark jährlich ausgegeben. Doch sind das bekanntlich Mittel, die bislang bereitgestellt werden, um Wehrgerechtigkeit herzustellen, und etwa die Hälfte davon geht an die Sozialversicherung.

Wir sollten noch etwas nicht übersehen: Viele Aufgaben werden heute von Zivildienstleistenden übernommen, weil sich keine hauptamtlichen Kräfte finden. Schon jetzt sind hauptamtliche Stellen in der Altenpflege, in der Schwerstbehindertenbetreuung und einigen anderen Bereichen schwer zu besetzen. Überdies schätzen viele Einrichtungen durchaus den Wechsel, den der Einsatz von Zivildienstleistenden mit sich bringt.

V.

Aus all diesen Gründen sollten wir den freiwilligen Einsatz im sozialen Bereich noch stärker und entschlossener fördern und stärken.

Das ist leichter gesagt als getan. Auch Freiwillige müssen ausgebildet, angeleitet, betreut und organisiert werden. Das kostet Geld und verlangt organisatorischen Aufwand. Und gelegentlich ist auch das Argument vorgebracht worden, der Zivildienst habe letztlich nur wegen des Zwanges wirklich funktioniert: Weil ein Freiwilliger zu Recht erwarten könne, dass seine Vorstellungen über seine soziale Tätigkeit berücksichtigt würden, werde es künftig Aufgaben geben, die niemand sonst erledigen wolle.

Verschiedentlich ist deshalb in jüngster Zeit wieder die Idee diskutiert worden, den Zivildienst durch einen allgemeinen sozialen Dienst für alle jungen Männer oder für alle jungen Männer und Frauen zu ersetzen. Für jede Form sozialer Dienstleistung durch junge Menschen spricht sicherlich, dass sie unbestreitbar einen Gewinn an Lebenserfahrung bedeutet. Das hat auch dem Zivildienst seine besondere Bedeutung jenseits eines Wehrersatzdienstes gegeben. Junge Menschen begegnen Lebenssituationen und gesellschaftlichen Wirklichkeiten, mit denen sie sonst wohl nie oder erst sehr viel später in ihrem Leben in Berührung kämen.

Alter, Krankheit, Armut, soziale Notlagen, Behinderung gehörten früher viel selbstverständlicher zum alltäglichen Leben eines jeden. Die Arbeitsteilung der modernen Gesellschaft hat das geändert. Wir können dafür bezahlen, dass uns diese Beschwernisse abgenommen werden – und damit auch ihre Wahrnehmung.

Wer aber nie die Not seelisch und körperlich leidender Menschen kennengelernt hat, dem fehlt eine Erfahrung, die sehr zur Bildung der eigenen Persönlichkeit beitragen kann.

Wer das Leiden anderer ermessen kann oder wirkliches Mitleid empfinden und mitempfinden kann, der gewinnt eine ganz andere Sicht der eigenen Probleme und Schwierigkeiten. Er oder sie wird empfindlicher und aufgeschlossener für die Nöte anderer sein und eher bereit sein zu helfen. Die Solidarität unserer Gesellschaft speist sich auch aus Dankbarkeit und Bescheidenheit, die aus praktischen Erfahrungen entstehen.

VI.

Aber müssen wir deshalb einen neuen gesellschaftlichen Pflichtdienst einführen? Ich bin davon nicht überzeugt. Erzieherische Gründe allein können ihn nicht rechtfertigen. Ich sehe auch keine Aufgaben des Gemeinwohls, die es zwingend erforderlich machten, junge Menschen in so großer Zahl zu Dienstleistungen heranzuziehen.

Noch viel dringender als beim Wehrdienst würde sich die Frage der Dienstgerechtigkeit stellen: Es wäre schwer zu rechtfertigen, nur junge Männer zu einem solchen Dienst heranzuziehen. Würde man auch junge Frauen verpflichten, bliebe unberücksichtigt, dass nach wie vor Frauen den allergrößten Teil der Arbeit außerhalb des Berufs in unserer Gesellschaft erledigen: Die über 1,6 Millionen pflegebedürftigen Kranken und Alten der Familien werden zu über 80 Prozent von Frauen betreut.

Die schon bestehende Ungleichheit zwischen Frauen und Männern in unserer Gesellschaft würde durch eine allgemeine Dienstpflicht wohl nur verstärkt.

Bleibt also die Förderung wirklich freiwilliger sozialer Dienste. Dafür müssen attraktive Rahmenbedingungen geschaffen werden. Hier ist der Gesetzgeber gefordert - damit bürgerschaftliches Engagement die Verantwortung des Sozialstaates ergänzen kann. Das muss nicht immer Geld kosten.

Möglichst viele junge Menschen sollten in den Schulen dafür gewonnen werden, ein freiwilliges soziales Jahr zu leisten. Die Dienstzeit sollte soweit wie möglich auch für Ausbildungszwecke genutzt werden können und müsste angemessen honoriert werden. Das freiwillige soziale Jahr sollte auch bei der beruflichen Orientierung helfen. Gutschriften bei der Bewerbung für Ausbildungsplätze oder Studienplätze oder die Vorbereitung von qualifizierenden Abschlüssen könnten zusätzliche Anreize sein.

Ich bin zuversichtlich, dass junge Menschen auch künftig bereit sind, sich in den Dienst der Allgemeinheit zu stellen. Ihre Aufgeschlossenheit und Begeisterungsfähigkeit ist heute nicht geringer als früher.

Wenn wir sie dafür gewinnen können, freiwillig zu helfen, geben wir ihnen auch eine Chance, Erfahrungen zu machen, die ihre Persönlichkeit bilden, weit über die praktische Hilfe hinaus.

Wir wecken und erhalten ihre Bereitschaft, sich auch im späteren Leben nicht nur für sich und ihre nächste Umgebung zu interessieren, sondern sich immer wieder auch freiwillig und selbstlos der Allgemeinheit zu dienen.