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Begrüßungsansprache von Bundespräsident Johannes Rau anlässlich des Empfangs für die Teilnehmer des 8. Jahreskolloquiums der Alfred Herrhausen Gesellschaft für internationalen Dialog zum Thema „Generationen im Konflikt“ im Schloss Bellevue

An den Anfang möchte ich einen Beitrag zum Thema „Konflikt der Generationen“ stellen,
der 1897 von Theodor Fontane verfasst wurde: „Unverständlich sind uns die Jungen“, wird von den Alten beständig gesungen; meinerseits möcht' ich's damit halten: „Unverständlich sind mir die Alten“.

Die Lebensformen und die Ansichten junger Menschen waren den Älteren schon immer etwas fremd oder gar suspekt. Gleiches gilt umgekehrt – siehe Fontane. Gleichwohl stellt sich die Frage des Verhältnisses zwischen den Generationen heute unter ganz neuen Bedingungen. Hatte die Frage früher vor allem mit moralischer Qualität zu, so geht es heute vor allem um die Bedeutung schierer Quantität.

Die demografischen Veränderungen in unserem Land – aber auch in fast allen westlichen Ländern – sind eine historische Neuheit. Obwohl sie tief in die Lebensplanung des Einzelnen eingreifen werden, dringen sie erst langsam in unser öffentliches Bewusstsein ein. Ihre Folgen für fast alle Bereiche unserer Gesellschaft werden wohl erst nach einigen Jahrzehnten ganz zu ermessen sein.

Die gemeinsame Aufgabe von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft ist es, ohne panische Hast, aber offenen Auges und konstruktiv auf die gravierenden Herausforderungen zu reagieren. Wir brauchen tragfähige und verlässliche Rahmenbedingungen für Jung und Alt. Diese Aufgabe kann nur durch ein Miteinander und Füreinander der Generationen gelöst werden. Mich stört es deswegen, dass Sie den Titel Ihres Kolloquiums nicht mindestens mit einem Fragezeichen versehen haben. Solidarität zwischen Alt und Jung ist mehr als ein Grundpfeiler unserer Gesellschaft. Sie ist die Basis für den inneren Zusammenhalt unseres Gemeinwesens.

Beim viel zitierten Generationenvertrag geht es ja keineswegs nur um die Beitragszahlungen in die Rentenversicherung. Zu ihm gehören auch Erziehung, Fürsorge, familiärer Zusammenhalt, häusliche Pflege kranker Angehöriger sowie die Weitergabe oder die kritische Diskussion von Erfahrungen und Werten.

Wenn ich mich frage, ob das Verhältnis der Generationen eher durch Konflikt oder durch ein Miteinander geprägt sein wird, bietet sich mir kein einheitliches Bild: Die einen prophezeien die Entsolidarisierung der Gesellschaft, einen „Generationenkampf“ oder gar den „Krieg der Generationen“. Andere sprechen wieder von neuen Formen sozialen Engagements und einer neuen Solidargemeinschaft der Generationen.

Nach einer im Mai vergangenen Jahres veröffentlichten Studie glaubt mehr als die Hälfte der Befragten an zunehmende Spannungen zwischen den Generationen. Auch die Ergebnisse der letzten beiden Shell-Jugendstudien geben uns Anlass zur Sorge: Thesen wie „Die Erwachsenengeneration verbaut durch ihre Politik heute unsere Zukunft“ oder „Die Erwachsenen denken nur an ihre eigenen Interessen, die Zukunft der Jugend ist ihnen egal“ werden von den befragten Jugendlichen überwiegend als zutreffend bezeichnet. Viele Jugendliche haben demnach das Gefühl, dass die ältere Generation und besonders die Politiker die Bedürfnisse der jungen Menschen übergehen. Sie glauben, dass sie die Fehler und Versäumnisse früherer Generationen und der heutigen Erwachsenengeneration ausbaden müssen. Demgegenüber besagen andere Studien, dass das Verhältnis zwischen den Generationen besser sei als vielfach behauptet werde. Konflikte seien jedenfalls nicht das entscheidende Merkmal für die Beziehungen zwischen den Generationen.

Ich selber kenne viele Beispiele dafür, dass sich Alt und Jung bei uns auf vielfältige Weise helfen. Die vielen praktischen Hilfeleistungen und die emotionale Unterstützung der Jüngeren und im Gegenzug die Zuwendungen der Älteren – nicht nur die materiellen - an Kinder und Enkel zeigen nach wie vor ein solidarisches Verhältnis der Generationen. Manche behaupten sogar, das Verhältnis gerade zwischen Eltern und Kindern sei noch nie so vertrauensvoll gewesen.

Solche partnerschaftlichen Erfahrungen zwischen den Generationen werden vor allem im Kreis der Familie, der Verwandtschaft oder der Nachbarschaft gemacht. Deswegen müssen wir diese kleinen Wärmekreise der Solidarität schützen. Wir müssen ihnen, wo es geht, politische und auch wirtschaftliche Unterstützung geben. Eine vernünftige, familienfreundliche Politik ist gewissermaßen die „flexible response“ gegen einen Ausbruch des Generationenkrieges.

Zu viele Jüngere meinen, auf den Rat der Älteren verzichten zu können. Diese verstünden ja die neuen Entwicklungen nicht mehr, ihre Erfahrungen scheinen unbrauchbar zu werden, ihr Können scheint von gestern zu sein. Umgekehrt treffe ich auf zu viele Ältere, die kein Interesse mehr an der Frage haben, wie die Jüngeren die Welt gestalten wollen. Sie wollen sich nicht mehr mit den Schwierigkeiten und Herausforderungen der neuen Zeit beschäftigen. Vieles ist ihnen fremd – zu vieles ändert sich immer schneller.

Wir brauchen die Entschlossenheit der Jungen, wenn wir vorwärtskommen wollen, und wir brauchen die Erfahrung der Alten, wenn wir die Fehler von gestern nicht wiederholen wollen. Unser Land braucht das Gespräch zwischen den Generationen. Deswegen freue ich mich darüber, dass die Alfred Herrhausen Gesellschaft mit ihrer Veranstaltung das Gespräch zwischen den Generationen fördern will. Ein solches Zukunftsproblem anzugehen, liegt ganz im Geist dessen, nach dem Sie Ihre Gesellschaft benannt haben.

Ich weiß: Angesichts der harten Fakten, angesichts der Zahlen und der kommenden gesellschaftlichen Verschiebungen, helfen Gespräche und Dialog allein nicht. Sie sind aber der Anfang politischen Handelns, das allen, so gut es geht, gerecht werden soll.

Ich möchte mir zum Schluss noch einen kleinen, aber ernsten Hinweis erlauben: Wenn wir vom Umkehren der Alterspyramide reden, vom demografischen Problem und seinen Konsequenzen für das Verhältnis der Generationen, dann sollte uns klar sein, dass diese Perspektive nur für einen kleinen Ausschnitt der Welt gilt. Insgesamt leidet die Welt unter der genau gegenteiligen Tendenz, der rasanten Zunahme der Weltbevölkerung.

Auch wenn man, so wie ich, das Problem, das Ihr Kolloquium thematisiert, sehr ernst nimmt: Wir sollten uns vor Augen halten, dass wir es – im globalen Maßstab – mit Luxusproblemen zu tun haben. Auch bei diesem Thema sieht man, dass die Schere in der Welt immer weiter auseinandergeht. Wo die Einen immer älter und immer weniger werden, werden die Anderen immer jünger und immer mehr. Aber vergessen wir nicht, dass die Einen eine Zukunft nicht ohne die Anderen werden haben können.