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Grußwort von Bundespräsident Johannes Rau anlässlich der 50. Nobelpreisträgertagung auf der Insel Mainau

I.

Kann es einen schöneren Ort geben, um Wissen auszutauschen als die herrliche Landschaft des Bodensees? Landschaft, Klima, aber auch die Lage im Grenzgebiet verschiedener Kulturen haben schon vor Jahrhunderten die Mönche der Reichenau inspiriert – die Wissenschaftler jener Zeit.

Wissenschaft ist eingebunden in die Kulturen dieser Welt mit all ihren Traditionen und Besonderheiten, und ragt doch weit über die jeweiligen Grenzen hinaus.

Wissenschaft überschreitet Grenzen – das beste Beispiel dafür ist diese Tagung: Hier sind Wissenschaftler und junge Nachwuchswissenschaftler aus der ganzen Welt versammelt, jeweils die besten ihres Fachs, die sich leidenschaftlich in ihren jeweiligen Disziplinen engagieren.

Konrad Lorenz hat sein Erfolgsrezept einmal so beschrieben: „Die beste Morgengymnastik für einen Forscher ist es, jeden Tag vor dem Frühstück eine Lieblingshypothese über Bord zu werfen.“

Ein Verdienst dieser Tagung ist, die Kreativität und die Neugierde der Jungen und die Erfahrung und das Wissen der Älteren zusammenzuführen. Junge, hoffnungsvolle Nachwuchswissenschaftler sind in den letzten Tagen den herausragenden Persönlichkeiten ihrer Disziplinen, den "Stars der Szene“ sozusagen, begegnet. Und sie haben miteinander sprechen können.

Das ist ein Glücksfall. Ich bin davon überzeugt: Wissenschaftler und Forscher, die sich den Fragen des Nachwuchses stellen, leisten mehr für die Wissenschaft, als die meisten Festvorträge erreichen können.

II.

Robert Musil, ein großer Schriftsteller, der aber auch, was viele nicht wissen, Philosoph und Ingenieur war, hat einmal gesagt: „In der Geschichte der Menschheit und ihrer Wissensdisziplinen gibt es kein freiwilliges Zurück und wohl auch kein freiwilliges Zusammen.“

In letzterem haben Sie ihn widerlegt. Sie sind in großer Zahl zusammengekommen, um - jenseits der eigenen Disziplinen - von den Erfahrungen und Perspektiven anderer zu lernen und diese neuen Erkenntnisse der eigenen Forschung nutzbar zu machen.

Die wichtigsten wissenschaftlich-technischen Erkenntnisse entstehen heute aus der wissenschaftlichen Arbeit, die Fachgrenzen überschreitet, auf den Grenzgebieten zwischen Biologie, Physik und Chemie zum Beispiel. Neue Kontakte helfen, alte Grenzen zu überwinden, und Wissenschaft und Forschung neue Impulse zu geben.

In einem stimme ich Robert Musil jedoch zu: An ein „freiwilliges Zurück“ ist in der Geschichte der Menschheit und ihrer Wissensdisziplinen nicht zu denken.

Im Gegenteil: Immer schneller scheint die Entwicklung vorwärts zu stürmen. Fast täglich erweitert sich der Handlungsspielraum des Menschen. Gleichzeitig wird mit Sorge diskutiert, ob die Technologien des 21. Jahrhunderts – Robotik, Gentechnik, Nanotechnologie – den Menschen nicht zur gefährdeten Art machen.

Die Träume und Alpträume des menschlichen Lebens stehen sich in kaum einem anderen Bereich so schroff gegenüber wie in Wissenschaft und Forschung. Es wird immer wichtiger, schnell und angemessen handeln und reagieren zu können - und immer schwieriger.

Zu Recht wird gesagt, dass die eigentlichen Probleme der Zukunft nicht die Probleme der Technik sein werden, sondern die Probleme der Ethik. Die Hoffnung des alten Fortschrittsglaubens auf eine geradlinige Entwicklung zum immer Besseren hin hat sich als Illusion erwiesen.

Der Sündenfall der Atombombe hat uns in die Lage versetzt, uns selber und die ganze Welt zu zerstören. Andere Gefährdungen sind hinzugekommen, vor allem im Bereich der Umwelt. Zugleich sind Prinzipien ins Wanken geraten, die bislang die ethische Verantwortung des Einzelnen leiteten.

Mancher Grundkonsens wird in Frage gestellt. Verunsicherungen erschweren Entscheidungen des Gewissens. Nicht mehr die Natur setzt dem Menschen Grenzen, er muss lernen sich selber Grenzen zu setzen.

Ich rede hier nicht der Technikfeindlichkeit, der Zivilisationsmüdigkeit oder gar einem generellen Pessimismus das Wort. Im Gegenteil: Mehr denn je sind wir auf die Wissenschaften angewiesen und müssen sie fördern. Immer komplexer werden die Herausforderungen unserer Gegenwart. Wir werden sie nur bestehen, wenn wir unser Wissen ständig prüfen und erneuern, vermehren und weitergeben.

Aber so unentbehrlich die Wissenschaft auch ist, so muss die Gesellschaft doch zugleich auf ihrem Anspruch bestehen, die Rahmenbedingungen zu bestimmen. Wissenschaft und Forschung sind Teil unseres Lebens; sie müssen dem Menschen dienen. Sie müssen so organisiert werden, dass die Lebensgrundlagen auch für zukünftige Generationen gesichert bleiben.

Politik trägt hier zweifache Verantwortung: Zum einen dafür, dass Wissenschaft und Forschung auf materiell gesicherter Grundlage stattfinden können, zum anderen dafür, die Grenzen zu ziehen, innerhalb derer Forschung und Lehre sich entfalten können.

Der Staat hat darüber zu wachen, dass der gesellschaftliche Konsens über die ethischen Grundlagen wissenschaftlichen Handelns und darüber, wie unsere Zukunft aussehen soll, nicht gefährdet wird. Er bürgt für die Sicherheit seiner Bürgerinnen und Bürger und für den Schutz der Umwelt. Und er haftet, wenn etwas schief geht. Darum ist es richtig, dass es staatliche Regelungen gibt, so richtig es aber auch ist zu verlangen, dass Regelungen so einfach und unbürokratisch wie möglich sein müssen.

Es ist unser aller Recht und unsere Pflicht, die nötigen Fragen zu stellen, sie öffentlich zu erörtern und überzeugende Antworten einzufordern.

Die Aufgabe der Wissenschaft liegt darin, die Konsequenzen unterschiedlicher Entscheidungen deutlich zu machen, Optionen und Strategien darzustellen. Dann können die politisch Verantwortlichen aus dem Möglichen das Wünschenswerte auswählen und die Weichen stellen.

Nur so können wir den Eigenwert achten und bewahren, den wir in der Vielfalt der Natur und in der gesamten Schöpfung erkennen. Ich halte es mit Ernesto Cardenal, der einmal gesagt hat: "Die ganze Schöpfung ist die Schönschrift Gottes, und in seiner Schrift gibt es nicht ein sinnloses Zeichen."

III.

Wir haben allen Grund, Graf Lennart und Gräfin Sonja Bernadotte und den engagierten Bürgerinnen und Bürgern zu danken, die die „Lindauer Idee“ seit 50 Jahren pflegen.

Sie haben einen großen Beitrag dazu geleistet, der deutschen wissenschaftlichen Forschung nach dem zweiten Weltkrieg international wieder zu Renommee zu verhelfen und die führenden Wissenschaftler in den Disziplinen Chemie, Physik und Medizin nach Deutschland zu holen.

Die Inselstadt Lindau und die Blumeninsel Mainau präsentieren unser Land von einer seiner schönsten Seiten. Die Tagung trägt damit zur internationalen Verständigung und Freundschaft bei.

Sie ist über den Tag und die eigentlichen Veranstaltungen hinaus ein Aushängeschild Deutschlands in der wissenschaftlichen Welt.

Es ist eine schöne Aufgabe, die Sie sich gestellt haben, Graf und Gräfin Bernadotte, ein für die Zukunft so wichtiges Feld wie die Forschung zu unterstützen. Und es ist ein Privileg, die Besten der Besten um sich versammeln zu können.

Ich freue mich darüber, dass es Ihnen gelungen ist, die Zukunft der Nobelpreisträgertagung langfristig zu sichern. Die im Rahmen dieser Jubiläumsveranstaltung ins Leben gerufene Stiftung „Lindauer-Nobelpreisträger-Treffen am Bodensee“ ist ein Meilenstein für die Zukunft und Weiterentwicklung der Tagung.

Ich wünsche allen Anwesenden weiterhin erfolgreiche und anregende Lindauer Treffen. Und ich verbinde diesen Wunsch mit der herzlichen Bitte an Graf und Gräfin Bernadotte, auch in Zukunft zum Wohle von Forschung und Wissenschaft aktiv zu bleiben.