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Festveranstaltung "300 Jahre Berliner Akademie der Wissenschaften"

Grußwort von Bundespräsident Johannes Rau aus Anlass der Festveranstaltung „300 Jahre Berliner Akademie der Wissenschaften“Was hat eine wissenschaftliche Akademie mit Feuerspritzen zu tun?

Auf den ersten Blick mag diese Frage irritieren. Für den großen Mathematiker und Philosophen Gottfried Wilhelm Leibniz lag sie ganz nahe.

Er brauchte viel Geld für seine im Jahre 1700 gegründete Kurfürstlich-Brandenburgische Sozietät der Wissenschaften, die spätere Preußische Akademie der Wissenschaften.

Deshalb wollte Leibniz seiner Akademie das Privileg der Feuerspritzen verschaffen.

Die Bürger würden „von Herzen gern“ – so lautete seine Überlegung – um des besseren Schutzes vor Feuerschäden willen etwas mehr für die Anschaffung und Erhaltung von Brandspritzen zahlen, sodass – wie es im Original heißt – „ein wesentlicher Überschuss bleibe, welches zu nichts Andern als ad cassam Societatis Scientiarum anzuwenden, damit sie besser in Stand sey, mehr desgleichen landersprießliche Dinge auszufinden oder zu veranstalten.“

Das war gleich dreifach nützlich gedacht – für den Einzelnen, für die Gesellschaft und natürlich für die Wissenschaften.

Dieser Plan verlief im Sande. Immerhin ist er aber ein Beleg für die ganz praktische Vernunft auch unserer genialsten wissenschaftlichen Köpfe und vor allem ein Lehrstück über die "Bodenhaftung“, die historische Lebens- und Bürgernähe des Akademiegedankens.

Leibniz hat nicht von ungefähr für seine „Churfürstliche Societät“ in Anspruch ge-nommen, dass sie ihr Bestreben“ – wie er schrieb – nicht auf „bloße Curiosität oder Wissensbegierde und unfruchtbare Experimente“, sondern auf den „Nutzen“ und das Allgemeinwohl richte.

Das ist gewiss ein sehr aktueller Gedanke. Wenn wir heute 300 Jahre Akademie der Wissenschaften in Berlin und Brandenburg feiern, dann gibt es viele gute Gründe dafür, die schwere und wichtige Arbeit zu würdigen, die die Berlin-Brandenburgische Akademie und ihre Vorgängereinrichtungen und die anderen wissenschaftlichen Akademien in Deutschland bei der Bewahrung unseres reichen wissenschaftlichen und kulturellen Erbes geleistet haben und weiterhin leisten.

Feierstunden wie diese haben ihre eigene Form und Würde, aber sie sind keine Weihestunden und sie sollten das auch nicht sein. Zu einer pluralistischen und demokratischen Wissenschaft gehört immer, Fragen zu stellen und selbstverständlich auch das Sich-Infragestellen.

Arno Borst, der große deutsche Mittelalter-Historiker, hat einmal gesagt, dass nur der seine Geschichte gewönne, „der mit den Vorangegangenen redet und mit den Nachkommenden rechnet“. Ich halte das für eine weise Erkenntnis. Sie gilt nicht nur für die Politik, sondern ebenso für Wissenschaft und Forschung. Auch die wissenschaftlichen Akademien in Deutschland müssen „mit den Nachkommenden rechnen“.

Wenn heute über Fragen unseres Wissenschaftssystems und über die Forschung in Deutschland diskutiert wird, dann ist leider nur selten von unseren wissenschaftlichen Akademien die Rede.

Sehr viele Bürgerinnen und Bürger – das ist jedenfalls mein Eindruck – wissen nicht einmal, dass es sie gibt. Das trifft wohl auch für die Einwohner der Städte zu, die Sitz einer Akademie sind. Manchem Anderen erscheinen die Akademien vielfach als elitäre, aber etwas verstaubte Altherrenclubs, deren ehrwürdige Mitglieder gelehrte Vorträge über altertumswissenschaftliche Themen halten oder in erlauchten Gesprächsrunden unter sich bleiben.

Jedenfalls stellen viele die Fragen, die auch Sie, Herr Präsident Simon, im vergangenen Jahr in einem Beitrag für den „Tagesspiegel“ aufgegriffen haben: Was machen eigentlich die wissenschaftlichen Akademien in unserem Land? Was ist ihr Zweck? Wie sieht ihre Zukunft aus?

Die deutschen Akademien der Wissenschaften sind Gelehrtengesellschaften und Orte des interdisziplinären Meinungsaustauschs. Sie sind traditionell auch Trägerinnen von Forschungsvorhaben. Dabei handelt es sich häufig um Vorhaben in den Geistes- und Gesellschaftswissenschaften, die nicht selten auf Jahrzehnte angelegt sind und nicht nur die Lebensarbeitszeit, sondern die Lebenszeit eines Hochschullehrers übersteigen können. Sie könnten an unseren Universitäten gar nicht durchgeführt werden.

Ich möchte es ausdrücklich betonen: Auch die Kritiker unserer Akademien müssen anerkennen, dass diese gerade für manche geisteswissenschaftliche Fragen unentbehrliche, ja praktisch die einzigen Orte der Forschung sind.

Wenn die Akademien – um nur einige Beispiele zu nennen – an Enzyklopädien und Wörterbüchern deutscher Dialekte arbeiten, an großen Editionen von Dichtern und Philosophen, an historischen Atlanten, Inschriften oder Namensforschungen arbeiten, dann wird uns deutlich:

Die Akademien der Wissenschaften sind Heimstätten bedeutender Grundlagenprojekte, bei denen – um ein Wort Jacob Burckhardts zu gebrauchen – „Edelsteine der Erkenntnis“ gehoben werden, die lange, zu lange, vergraben oder jedenfalls nicht frei zugänglich waren.

Die Rolle der Akademien darf sich aber nicht in solchen Forschungsprojekten erschöpfen, wenn sie ihren Standort in unserem Wissenschaftssystem festigen und weiterentwickeln wollen.

Ich möchte daran erinnern, dass Professor Wolfgang Frühwald, der heutige Präsident der Alexander-von-Humboldt-Stiftung, in seiner Rede anlässlich der feierlichen Neukonstituierung Ihrer Akademie im März 1993 die Akademien dazu aufgefordert hat, sich stärker auch für in die Zukunft weisende Forschungsaufgaben zu öffnen und den engagierten Dialog mit der Öffentlichkeit zu suchen.

Ich stimme diesen Forderungen von Professor Frühwald, die er vor einigen Monaten (in einem Artikel für die „Süddeutsche Zeitung“) noch einmal bekräftigt und weiter begründet hat, ausdrücklich zu.

Dabei sehe ich es als besonders wichtig an, dass die wissenschaftlichen Akademien ihr Verhältnis zur Öffentlichkeit, zu Politik und Gesellschaft neu gestalten. Die Wissenschaften, aber vor allem ihre Ergebnisse, sind ein wesentlicher Teil unseres Lebens. Sie sind gesellschaftlich und staatlich gewollt und möglich gemacht. Aber sie sind nicht autonom in dem Sinne, dass sie Niemandem Rechenschaft schulden. Es ist unser aller gutes Recht, ja unser aller Pflicht, Fragen zu stellen, sie öffentlich zu erörtern und überzeugende Antworten einzufordern. Die Öffentlichkeit fordert heute die ethische und moralische Verantwortung des wissenschaftlichen Erkenntnisfortschritts!

Das kann am besten gelingen, wenn die Wissenschaften zusammen kommen. Die erste, die platonische Akademie, war ein Ort des Gespräches und des Austausches. Das müssen Akademien immer wieder neu werden. Sie alle kennen die Diskussionen über die Notwendigkeit interdisziplinärer Forschung. Das ist heute erst recht an der Zeit, wo es etwa in den biochemischen Wissenschaften und in der Genetik nicht nur um molekulare Prozesse geht, sondern immer mehr auch um die Frage: Was ist der Mensch?

Etwas abgekürzt kann man sagen: Naturwissenschaften sagen uns, was die Menschen können. Geisteswissenschaften sagen uns, was die Menschen sollen. Beides gehört unbedingt zusammen, wenn wir nicht zu unserem gemeinsamen Schaden aneinander vorbei reden wollen. Interdisziplinäre Arbeiten darf nicht mehr nur Gegenstand wissenschaftlicher Rhetorik bleiben, sondern muss alltägliche wissenschaftliche Praxis werden.

Daher kann kein Zweifel mehr daran sein, dass es heute zu den Aufgaben der Wissenschaften gehört, ihre Arbeit zu vermitteln, sie auch in verständlicher Weise für die Allgemeinheit transparent zu machen – und zwar nicht nur im Hinblick auf bestehende Gefahren und Gefährdungen, sondern auch auf gesellschaftliche Akzeptanz und Abwehr letztlich unbegründeter Ängste und Befürchtungen.

Viele der wissenschaftlichen Organisationen und Institutionen in unserem Land haben das inzwischen erkannt. Viele Initiativen zur Förderung des Dialogs zwischen Wissenschaft und Gesellschaft belegen das. Auch die wissenschaftlichen Akademien sollten sich diesem Gedanken nicht verschließen.

Das gilt umso mehr, als die interdisziplinäre Ausrichtung und Möglichkeit zur Gesamtschau, die sich daraus ergibt, die Akademien geradezu dafür prädestinieren, sich wesentlich vernehmbarer als bisher öffentlich zu aktuellen Fragestellungen in Wissenschaft und Gesellschaft zu Wort zu melden.

Immer mehr Fragestellungen lassen sich wegen ihrer Komplexität und Differenziertheit nämlich nicht mehr in und von einzelnen wissenschaftlichen Disziplinen, sondern nur durch interdisziplinäres Zusammenwirken begreifen und lösen.

Ich möchte die Akademien ausdrücklich dazu ermuntern: Mischen Sie sich öffentlich, auch ungefragt, in die wichtigen Fragen unserer Zeit ein! Der rasante Fortschritt der Biotechnologie und die sich daraus ergebenden ethischen Fragestellungen sind dafür nur ein wichtiges Beispiel. Melden Sie sich mit Memoranden, mit wissenschaftlichen Symposien und anderen Diskussionsveranstaltungen zu Wort!

Sie können so nicht nur unsere Gesellschaft zum Nachdenken anregen, sondern darüber hinaus den politisch Verantwortlichen wichtige Anstöße für die Erfüllung ihrer Aufgaben geben. Politikberatung durch die Wissenschaft ist wichtig und unverzichtbar. Sie kann den politisch Verantwortlichen das Abwägen zwischen verschiedenen, oft gegenläufigen Aspekten nicht abnehmen. Aber sie kann ihnen vor Augen führen, was zu bedenken und was zu tun ist, wenn die Politik bewerten und entscheiden muss.

Der bisherige Beitrag des deutschen Wissenschaftssystems zur Lösung von Problemen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft ist nach Meinung Vieler – auch ich zähle mich dazu – noch deutlich steigerungsfähig.

In nicht wenigen anderen Ländern gehört die Politikberatung – Professor Frühwald hat darauf zu Recht hingewiesen – zu den vorrangigen Aufgaben der wissenschaftlichen
Nationalakademien.

Die Akademien in Deutschland sollten das sachliche Gespräch mit der Öffentlichkeit suchen, sie sollten vermitteln, welche tatsächlichen Probleme anstehen. Sie sollten ihre Lösungen nicht nur im Kreise der so genannten Experten beraten, sondern verständlich und öffentlich kommunizieren. Politik und Gesellschaft brauchen die Unterstützung wissenschaftlichen Sachverstandes, der über Wahlperioden hinausdenkt. Auch die Wissenschaft war nie und wird nie unfehlbar sein. Aber mit ihren Ergebnissen und
Lösungsvorschlägen wächst ihr – und das heißt auch den Akademien in Deutschland – die Aufgabe zu, Politik und Gesellschaft sachkundig und kompetent zu beraten. In der deutschen Wissenschaftslandschaft könnten auf diese Weise gerade die Akademien ihr besonderes Profil bekommen oder stärken.

Ich wünsche der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften eine erfolgreiche Zukunft und allen Mitgliedern der Akademie viel Glück bei ihren Vorhaben.