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Grußwort von Bundespräsident Johannes Rau zum 50jährigen Bestehen des Zentralrates der Juden in Deutschland für die Allgemeine Jüdische Wochenzeitung vom 19. Juli 2000

Der Zentralrat der Juden in Deutschland wird fünfzig Jahre alt. Dieses Jubiläum ist ein guter Anlaß innezuhalten und zurückzublicken auf die Zeit und die Lage in Deutschland im Jahr 1950: Da war die Bundesrepublik Deutschland ein Jahr alt. Da lag das Ende der national-sozialistischen Gewaltherrschaft erst fünf Jahre zurück. Und da waren die Spuren des Krieges noch überall zu sehen. Da war das ganze Ausmaß der Vernichtung sichtbar, die die national-sozialistische Tyrannei über die Welt gebracht hatte. Hass und Gewalt des Regimes hatten sich besonders gegen die Juden in Deutschland und Europa gerichtet. Der Schmerz und die Trauer der Überlebenden waren unsäglich. Die Fragen nach dem Warum alles Geschehenen verlangten nach einer Antwort. In dieser Situation gründeten die Juden den Zentralrat.

Damals lebten in Deutschland nur gerade noch zwanzigtausend Juden. Inzwischen sind es zirka hunderttausend. Dafür bin ich dankbar. Die Juden in Deutschland haben mitgeholfen, dass die Bundesrepublik Deutschland wieder ein gleichberechtigter Partner in der Gemein-schaft der Völker werden konnte. Der Zentralrat der Juden in Deutschland gab immer wieder Anstöße für das Gespräch und den Dialog, auch zwischen Juden und Christen, Deutschen und Israelis. Ich erinnere besonders an die beiden Männer, die mit ihren unterschiedlichen Gaben die Arbeit in den vergangenen Jahren maßgeblich geprägt haben: Heinz Galinski und Ignaz Bubis, der im vergangenen Jahr gestorben ist.

Heute stellt besonders die Zuwanderung von Juden aus den Staaten der früheren Sowjetunion den Zentralrat der Juden und das jüdische Gemeindeleben vor neue Aufgaben. Ich hoffe, dass die neu hinzugekommenen Gemeindeglieder mit ihren unterschiedlichen Traditionen eine Heimat in Deutschland finden werden. Den Zentralrat und die jüdische Gemeinde dabei zu unterstützen, ist eine wichtige Aufgabe.

Seit seiner Gründung ist es ein Schwerpunkt der Arbeit des Zentralrates, jüdische Identität in Deutschland zu stärken und gleichzeitig die Zusammenarbeit mit der nicht-jüdischen Umwelt zu suchen. So sind neue Brücken zwischen Juden und Nicht-Juden entstanden. Vor allem die junge Generation bedarf der besonderen Vermittlung von Werten und Traditionen. Ich freue mich darüber, dass sich der Vorsitzende des Zentralrates, Paul Spiegel, dieser wichtigen Aufgabe verstärkt zuwendet. Und ich wünsche mir, dass es auch in Zukunft gelingt, gerade der nachfolgenden Generation die Schönheit und die Vielfalt jüdischen Lebens nahe zu bringen.

Ich gratuliere dem Zentralrat der Juden in Deutschland zum fünfzigjährigen Bestehen. Ihm wünsche ich, dass seine Arbeit auch weiterhin von Versöhnung, Traditionsbewußtsein und Zukunftshoffnung geprägt bleibt; uns allen indes, dass wir die Möglichkeiten erkennen, die darin für unser Land liegen.