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Grußwort aus Anlass der Wiedereröffnung des Museums für Ostasiatische Kunst in Berlin

Meine Damen und Herren,

Reisen in andere Länder und Kulturen haben lange stattgefunden, bevor es die modernen Verkehrsmittel gab. Oft, allzu oft, haben solche Reisen nicht nur friedlichen, sondern auch militärischen Zielen gedient. Das haben manche Länder, die uns in diesem Museum näher gebracht werden, auf schmerzliche Weise erfahren.

Es gab jedoch auch Reisen, die dem wirtschaftlichen und kulturellen Austausch gedient haben oder auch dazu, Wissensdurst und Neugier auf ferne Länder zu befriedigen. Der ostasiatische Raum hat schon früh und immer wieder westliche Kaufleute und Forschungsreisende angezogen und viele von ihnen verzaubert. Ihre Berichte - denken wir nur an Marco Polo oder Lafcadio Hearn - haben auch jene in ihren Bann geschlagen, die solche Reisen nur in ihrer Phantasie machen konnten.

Manche von diesen "virtuellen" Reisenden früherer Tage haben sich intensiv mit den vielfältigen Kulturen Ostasiens beschäftigt und sind im Laufe der Jahre zu Wissenschaftlern, zu Sammlern und Bewunderern ostasiatischer Gelehrsamkeit, Kunst und Kultur geworden. Sie haben zusammen mit den wirklich Reisenden dabei mitgeholfen, dass die Kulturen Ostasiens der westlichen Technik, der Medizin, der Kunst und Kultur immer wieder entscheidende Impulse gegeben haben - und das tun sie bis heute.

Diese Einflüsse waren und sind so zahlreich und so vielfältig, dass ich sie nicht alle aufzählen kann. Ich nenne nur den Buddhismus, der das einigende Band zwischen den unterschiedlichen Kulturen ist, denen wir in diesem Museum begegnen und dem ein eigener Ausstellungsraum gewidmet ist.

Der Buddhismus hat westliche Philosophie und westliches Denken immer wieder und immer wieder neu geprägt. Gegenwärtig findet er unter stressgeplagten Menschen in der westlichen Welt, die auf der Suche nach geistiger Orientierung sind, wieder viele Anhänger. Ich hoffe, dass wir ihm mit Respekt begegnen, dass er nicht nur Mode geworden ist, dass wir uns buddhistischen Sinnvorstellungen nicht nur zuwenden, weil wir uns selber als so leer empfinden.

Ich hoffe, dass wir die Auseinandersetzung mit dem Buddhismus als eine ganz ernsthafte Sache sehen und angehen. Das darf nicht an der Oberfläche bleiben. Das darf nicht Ausdruck des wohl sehr westlichen Bestrebens sein, zu schnellen und leichten Ergebnissen zu gelangen.

Die Diskussion über den Buddhismus muss zu einer intensiven Auseinandersetzung mit den Kulturen Ostasiens führen und nicht zu einem oberflächlichen Verständnis von Religion und Kultur, nicht zu einem westlichen Überlegenheitsgefühl, wie es bis in unsere Tage das Gespräch zwischen den Weltreligionen belasten kann.

Nicht viele Menschen in Europa wussten oder wollten wissen, um nur ein Beispiel zu nennen, dass es den Kunstbegriff, der in der westlichen Welt zur Zeit der Renaissance entwickelt wurde, in China schon tausend Jahre vorher gab. Darüber werden wir gewiss im Festvortrag von Professor Goepper etwas hören.

Ich nenne dieses Beispiel, weil ich glaube, dass eine bloß oberflächliche Beschäftigung mit den Hochkulturen Ostasiens ihrer reichen Vergangenheit und Gegenwart nicht gerecht wird. Ostasien und die westliche Welt sind heute wirtschaftlich und politisch so eng miteinander verflochten, dass wir mehr denn je eine intensive gegenseitige Beschäftigung mit unseren Kulturen brauchen.

Die wirtschaftliche Globalisierung der Welt kann nur dann menschlicher, menschenfreundlicher werden, wenn sie von einem intensiven kulturellen Austausch begleitet wird, der uns Gemeinsamkeiten und Unterschiede bewusst macht. Unser Ziel muss sein, kulturelle Vielfalt zu bewahren. Ich bin davon überzeugt, dass in dieser Vielfalt die Chance für eine Einheit der Welt liegt, die nicht auf Abgrenzung und Gegeneinander, sondern auf produktiver Auseinandersetzung und auf Miteinander beruht.

Das kann nur gelingen, wenn wir uns in unserem jeweiligen "Anderssein" verstehen lernen und wenn wir uns respektieren. Dazu gehört auch, uns darüber zu verständigen, welche Werte wir - bei aller Andersartigkeit unserer Kulturen - als Weltbürger gemeinsam haben. Dafür brauchen wir eine intensive und keine oberflächliche Beschäftigung miteinander. Das war das Ziel Wilhelm von Bodes.

Dieses Museum hat seit seinem Bestehen kosmopolitischen privaten Sammlern viel zu verdanken. Vor dem Zweiten Weltkrieg waren das in erster Linie jüdische Privatsammler. Die Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten hat die deutsche Kultur auch in dieser Hinsicht um vieles ärmer gemacht und ihr ein großes Stück Weltoffenheit genommen.

Den Verlust des Großteils seiner Bestände hat das Museum lange nicht verwunden. Um so mehr freue ich mich darüber, dass es jetzt nach langer Zeit an seinen alten Rang anknüpfen kann. Das verdankt es großzügigen Leihgebern. Das verdankt es auch den langjährigen Bemühungen von Professor Veit, ohne dessen Einsatz dieses Museum heute wohl nicht eröffnet werden könnte. Ich möchte Ihnen allen dafür herzlich danken.

Wir leben in einer Zeit, in der sich alles beschleunigt und der Blick vieler Menschen vor allem auf die Zukunft gerichtet ist. Aber wenn wir unsere Zukunft gewinnen wollen, dann müssen wir uns auf die großen kulturellen Traditionen der Welt besinnen. Darum wünsche ich mir, dass wir dieses Museum nicht als einen Ort verstehen, an dem die Zeugnisse vergangener Epochen lediglich aufbewahrt werden, sondern als eine Stätte der lebendigen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Das ist in meinen Augen die Voraussetzung für eine fruchtbare Begegnung zwischen westlicher und der östlicher Kultur in Gegenwart und Zukunft.

Ich wünsche dem Museum viel Erfolg, viele neugierige Besucher und viele Menschen, die es nach neuen Erkenntnissen und Einsichten hungert.