Navigation und Service

Rede anlässlich der Preisverleihung Deutscher Umweltpreis 2000 in Potsdam

Redevon Bundespräsident Johannes Rauanlässlich der Preisverleihung Deutscher Umweltpreis 2000am 15. Oktober 2000 in Potsdam



Meine Damen und Herren,

in diesem schönen Gebäude lebt man ein wenig zwischen Transpiration und Inspiration und wünscht sich vielleicht etwas Windenergie. Aber ich will jetzt nicht von den Umständen hier im Saal reden, sondern von der Welt, in der wir leben, eine Welt, in der die Schlagzeilen uns jeden Tag zu neuen Schlachtfeldern führen. Es geht um den Abbau der Arbeitslosigkeit, es geht um die wirtschaftliche Entwicklung, es geht um den Kampf gegen Rechtsextremismus, es geht um die Zukunft unserer Sozialsysteme, es geht um die Osterweiterung der EU. Die Themen jagen sich. Der Umweltschutz wird dabei zur Fußnote. Der Umweltschutz wird zu etwas, was wir uns offenbar nur leisten können, wenn es uns gut geht. Der Umweltschutz wird zu etwas, was Kosten verursacht und was man darum vernachlässigen kann, wenn man andere Ziele hat.

Meine Damen und Herren, das ist einer der verhängnisvollsten Irrtümer, die es gibt. Denn Umweltschutz hilft mit, Kosten zu senken, Umweltschutz schafft Arbeitsplätze. Es gibt aber auch Arbeitsplätze, die kann man nicht erhalten, weil die, die Kapital investiert haben, damit Altlasten produziert haben. Deshalb muss man die Ökonomie umstellen, deshalb muss man Ökonomie und Ökologie miteinander versöhnen. Das ist der Grund dafür, dass ich zum zweiten Mal den Umweltpreis - nach Weimar jetzt in Potsdam - aushändige und das ist der Grund dafür, dass Sie mir in der vergangenen Woche schon die Frage vorgelegt haben, ob ich im nächsten Jahr wohl wieder kommen könnte. Die Antwort steht in Jakobus 4 Vers 15: So Gott will und wir leben.

Wir waren schon einmal weiter im Denken in Deutschland. Wir dürfen nicht zurück fallen in ein altes Denken. Wir dürfen nicht verstecken, dass es wirtschaftliche Erfolge gibt, die aus dem Umweltschutz kommen. Wir dürfen aber auch die falschen Diskussionen nicht einfach laufen lassen, die nicht unterscheiden zwischen Preisen und Kosten. Ich empfehle einen Blick in die Vereinigten Staaten. Da sind die Energiepreise zwar viel niedriger als bei uns, aber die Haushalte geben einen viel höheren Anteil ihres Budgets für die Energierechnung aus, weil viel mehr Energie verbraucht wird. Das zeigt den Unterschied zwischen Energiepreisen und Energiekosten. Den sollte man kennen.

Wir haben in den letzten zwei Jahrzehnten erhebliche Fortschritte im Umweltschutz gemacht. Im Rhein kann nicht nur Klaus Töpfer wieder baden, und der Himmel über der Ruhr ist wieder blau. Abfälle werden getrennt gesammelt und verwertet und es gibt wohl kaum ein anderes Land, in dem man mit Schadstoffen so umsichtig umgeht wie bei uns. Aber es wäre schönfärberisch, nicht zu sehen, dass es auch Verlierer gegeben hat. Verlierer auf diesem Weg und bei diesem Prozess. Für manche Arbeitnehmer ist Umweltschutz ein rotes Tuch gewesen und jetzt kommt es darauf an, dass wir die wirtschaftlichen Vorteile wieder deutlich machen.

Wer in der Welt bei international steigenden Energiepreisen nach sparsamen Autos sucht, der blickt nach Deutschland oder nach Japan, wer Filteranlagen, wer produktionsintegrierte Umwelttechnik sucht, der kommt zu uns, und auch wer eine Windkraftanlage bauen will, der kommt an deutschen Firmen nicht vorbei.

Die Umweltwirtschaft beschäftigt inzwischen mehr als eine Million Menschen. Darunter sind eine Fülle von High-tech Berufen, die wir ohne solchen Umweltschutz nicht hätten. Es geht also nicht um den Kampf zwischen Umwelt und Technik, sondern es geht darum, mit moderner Technik Umweltschutz voranzutreiben. Das muss unser Thema sein und unser Thema werden. Wer sich die Schwellenländer ansieht, der weiß, dass der Weltmarkt für diese Technik längst nicht gesättigt ist. Er wird weiter boomen und diese Seite der Medaille sollten wir auch sehen.

Freilich, schon Winston Churchill hat gesagt, wer sich auf seinen Lorbeeren ausruht, der trägt sie an der falschen Stelle. Darum sage ich: Was wir noch lernen müssen, das ist das Kriterium der Nachhaltigkeit in die Wirtschaft und in unser politisches und gesellschaftliches Denken zu bringen, denn das, was ich hier gesagt habe, gilt auch für die Entwicklungshilfepolitik so wie es für die Umweltpolitik gilt. Dass Rohstoffe bald erschöpft sein werden, lesen wir in jedem Buch, aber was wir tun, um nachhaltig zu wirtschaften, das wird zu wenig gesagt, das wird zu wenig deutlich in der gesellschaftlichen Diskussion.

Die Chefs einiger großer japanischer Unternehmen haben in einer gemeinsamen Verpflichtung für das 21. Jahrhundert dem G8-Gipfel im Juli in Okinawa ein Papier vorgelegt und gesagt: "Die Unterstützung der Regierung ist für den Aufbau einer nachhaltigen Zukunft von fundamentaler Bedeutung. Wir bitten die Staats- und Regierungschefs, die am 21. Juli in Okinawa zusammenkommen werden, dringend, sich für den Schutz des Klimas einzusetzen und für die Umstrukturierung der fiskalischen Politik in dem Sinne, dass umweltfeindliche Aktivitäten entmutigt und umweltfreundliche unterstützt werden und Arbeit geschaffen wird. Die Umgestaltung der Wirtschaft hin zur ökologischen Nachhaltigkeit bietet die größte Investitions­gelegenheit in der Geschichte der Menschheit". Soweit zehn große japanische Unternehmen.

Wie wäre es, wenn die deutschen Unternehmer diesen Text einmal läsen und ein Teil von ihnen würde ihn nachsprechen. Damit wir uns nicht missverstehen: Viele deutsche Unternehmen haben das erkannt und wir sehen heute ein Beispiel dafür, dass es viele erkannt haben. Aber dass das Ziel vielen auf den ersten Blick utopisch erschienen ist, das habe ich in vielen Jahren und Jahrzehnten politischer Verantwortung immer wieder erfahren. Es hat lange gedauert, bis man deutlich machte, dass wir die Nutzung von Rohstoffen drastisch verringern müssen, ohne auf Wohlstand zu verzichten. Umweltschutz ist kein Thema der Askese, sondern der Veränderung des Lebens durch Vernunft und Zukunftsorientierung. Das muss deutlich werden.

Über die beiden Preisträger ist schon vieles gesagt worden. Ich will das nicht wiederholen. Aber auch ich habe in den letzten Tagen natürlich Briefe bekommen, mit Warnungen vor Windkraftanlagen, mit Hinweisen auf die völlig falsche Entscheidung der Jury, so als hätte ich ihr angehört. Ich sage mit Nachdruck: Wir haben für die Windenergie gesetzliche Vorschriften, die Mensch und Natur schützen und die müssen eingehalten werden. Wo es nötig ist, da müssen sie verbessert werden, aber es gibt zu den Energien, die regenerierbar sind, keine Alternative, wenn man Zukunftssicherung betreiben will. Darum ist der Deutsche Umweltpreis, der höchstdotierte in Europa, so etwas wie ein Aufruf an Ingenieure und Wissenschaftler, an Techniker und Unternehmer, diesen Weg weiter zu gehen, Kreativität, Phantasie, Intelligenz und Erfindungsreichtum einzusetzen, damit es in jedem Jahr preiswürdige Arbeiten gibt, die Rohstoffe sparen, Umwelt schonen, Zukunft sichern.

Ich bin gern dabei, wenn solche Menschen ausgezeichnet werden, und ich bin gern dabei, wenn wir den Vorbildcharakter dessen, was sie tun vor aller Welt deutlich zu machen versuchen. Umwelt darf nicht die Sache der Spezialisten werden oder bleiben. Umweltschutz bedeutet die Sicherung der Zukunft, und das muss eine gesellschaftliche Aufgabe sein, die genauso wichtig ist wie die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit, die genauso wichtig ist wie die Sicherung der sozialen Systeme, die genauso wichtig ist, wie wir sie an manchen Stellen in den letzten Jahren genommen haben und wie wir sie an anderen Stellen noch nehmen müssen. Umwelt, Ökologie und Ökonomie, das sind keine feindlichen Brüder, sondern das ist ein Geschwisterpaar, das Zukunft sichern und leben kann.

Herzlichen Glückwunsch.