Navigation und Service

Rede zur Eröffnung des Salem International College in Überlingen

Rede von Bundespräsident Johannes Rau zur Eröffnung des Salem International College am 18. Oktober 2000

Sehr geehrte Ehrengäste und Gäste,

sehr geehrte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Schule,

vor allem aber: Liebe Schülerinnen und Schüler,

I.

das ist ein großer Tag für die Schule Schloss Salem - vielleicht der wichtigste seit ihrer Gründung vor achtzig Jahren.

Heute beginnt ein neuer Abschnitt in der Geschichte dieser Schule, aber auch in der Geschichte des privaten Schulwesens in Deutschland.

Ich selber habe mich viele Jahre in der Bildungspolitik engagiert und ich bin stets für ein starkes und lebendiges öffentliches Schulwesen eingetreten - aber auch dafür, privaten Schulen den Freiraum zu geben, andere und neue pädagogische Wege zu gehen. Und so teile ich die Hoffnung, dass vieles, was die privaten Schulen unter den günstigen Bedingungen der "pädagogischen Provinz" erproben, von den öffentlichen Schulen geprüft und gegebenenfalls übernommen wird.

Das größte privat finanzierte Schulprojekt Deutschlands, möglicherweise Europas: wie viel Mut gehört dazu, ein solches Unternehmen in Angriff zu nehmen! In einigen Stichworten haben Sie, Herr v. Kuenheim, eben anklingen lassen, welche Anstrengungen erforderlich waren, bis die heutige Eröffnung möglich wurde.

Es muss einiges zusammenkommen, will man sich auf einen solchen Weg begeben und ihn erfolgreich zu Ende gehen: Geleitet hat Sie die Kraft eines inzwischen weltweit erfolgreichen pädagogischen Konzeptes.

Vorangetrieben hat den Bau der "Spiritus rector" des Projektes, Dr. Bueb, der Leiter Salems.

Ermöglicht haben es die vielen Freunde der Schule, die bereit waren, mit teils erheblichen Spenden zur Finanzierung des Neubaus beizutragen.

Das "Salem International College" ist ein eindrucksvolles Beispiel dafür, was Privatinitiative bewirken kann. Eine begeisternde Idee und ein zukunftsweisendes, der Jugend gewidmetes Projekt haben Sie, die Förderer, veranlasst, diese große Anstrengung gemeinsam zu schultern.

Ich wünsche mir, dass dieses Vorbild auch in anderen Bereichen der Gesellschaft Schule macht, dass sich Menschen zusammentun und große und kleine Vorhaben selber in Angriff nehmen. Und ich wünsche mir, dass solche Initiativen auch die öffentliche Unterstützung erhalten, die sie verdienen.

Sie, Professor Lederer und Ihr Architektenteam beglückwünsche ich zu diesem gelungenen Wurf. Freilich, den verwinkelten Charme der alten Klöster und Schlösser, in denen so viele Internatsschulen untergebracht sind, kann man nicht einfach nachbauen. Aber die Atmosphäre einer Schule lebt ja von den Menschen, die in ihr lernen, leben, arbeiten. Und ich habe den Eindruck, dass dieser Neubau die besten Voraussetzungen dafür bietet, eine Schule lebendig werden zu lassen, an die - fast - jede Schülerin und jeder Schüler eines Tages gerne zurückdenken wird.

II.

Mit der Eröffnung des College geht Salem neuen Zielen entgegen - und bewegt sich doch in bewährten Bahnen.

Auch beim Aufbruch zu neuen Ufern halten Sie an jenen Erziehungszielen fest, die der Pädagoge Kurt Hahn in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts für Salem und für andere Schulen formuliert hat: Verantwortung, praktische Nächstenliebe und Internationalität sind die Haltungen, die die Salemer Erziehung seit jeher zu bilden sucht.

Die modernen Entwicklungen in Wirtschaft, Verkehr und Telekommunikation haben dem Erziehungsziel 'Internationalität" neue, zusätzliche Bedeutung verliehen. Dem trägt die Eröffnung des Salem College Rechnung.

Unter den internationalen Schulen in Deutschland wird sie eine ganz besondere sein. Kinder aus Deutschland und dem Ausland gehen nicht deshalb auf eine gemeinsame Schule, weil sie zufällig am gleichen Ort wohnen, sondern sie kommen aus allen Gegenden Deutschlands und aus vielen Ländern hierher zusammen, um miteinander und voneinander zu lernen, auch um zu lernen, wie man miteinander auskommt.

Internationalität hat in Salem Tradition. Dafür steht die "Round Square Conference" mit ihren internationalen Gemeinschaftsprojekten und einem weltweiten Schüleraustausch.

Und es ist wohl nicht zufällig, dass Salem der Organisation "ZIS" Gastrecht gewährt, die Stipendien an Jugendliche vergibt, die bereit sind, unter besonderen Bedingungen eine Auslandsreise zu unternehmen. Ich hatte eben bereits die Gelegenheit zu einem Rundgang durch die Schule und habe in einem der Räume eine kleine Ausstellung über dieses bemerkenswerte Stipendienprogramm gesehen - eine großartige Möglichkeit, sich selber in der Begegnung mit der Fremde und dem Fremden zu erproben.

Kurt Hahn war es besonders wichtig, der Erziehung junger Menschen eine internationale Ausrichtung zu geben. Seine Anstöße leben bis heute fort und führen zu neuen Initiativen. Projekte, die er noch selber auf den Weg gebracht hat, sind die "Outward Bound-Bewegung", in der junge Menschen sich in der Naturerfahrung bewähren und die "United World Colleges", denen das Salem College sich verbunden fühlt.

Eine neue Dimension hat die Erlebnispädagogik 1993 mit der Idee der "High Seas High School" erhalten, die von der Hermann-Lietz-Schule Spiekeroog verwirklicht wird. An Bord eines traditionellen Segelschiffes leben und lernen Jugendliche während eines halbjährigen Törns gemeinsam und bekommen so entscheidende Prägungen und Impulse für ihr Leben.

III.

Wer sich diese wunderbare Anlage anschaut und das Konzept erläutern lässt, der wird feststellen, wie konsequent und nachhaltig modernen pädagogischen, aber auch ökologischen Erfordernissen Rechnung getragen wird.

Überall zeigt sich: hier werden die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts angenommen. Dieser Mut, die Entschlossenheit, neu über die Aufgaben und die Rolle der Schule nachzudenken, neue Wege zu gehen und auf die eigene Kraft zu vertrauen, das ist eine Haltung, von der ich mir wünsche, dass sie im Bildungswesen insgesamt viel Nachahmung findet.

Doch es sind nicht allein die moderne Ausstattung der Schule, der rücksichtsvolle Umgang mit der Umwelt oder zukunftsgewandte pädagogische Überlegungen, die das Besondere des Salem International College ausmachen.

Das Herz der Schule, so glaube ich zu spüren, schlägt an anderer Stelle: In der Mitte des Geländes erhebt sich das Forum. Hier ist ein zentraler Raum für Gespräch und Begegnung, für die Entfaltung musischer Aktivitäten und für die Einübung verantwortlichen demokratischen Handelns geschaffen worden.

Hier wird die pädagogische Antwort auf eine Sorge gegeben, die viele von uns heutzutage umtreibt und die Hubert Markl, der Präsident der Max-Planck-Gesellschaft, einmal in die Worte gekleidet hat: "Was hülfen uns denn Wissensriesen, wenn sie die Gemüter von Zwergen hätten?"

Junge Menschen brauchen Räume, Zeit und Anregung für musische, für künstlerische und sportliche Entfaltung, für Tätigkeiten, die nicht nur an Nutzen und Verwertbarkeit orientiert sind.

In einer Welt, deren Leitmotiv allzu oft die Beschleunigung zu sein scheint, brauchen sie auch Räume für Ruhe, Rückzug und Besinnung.

Im Obergeschoss des Forums wird der Charakter der Schule besonders sinnfällig: Am Ende eines langen Ganges mit Computerarbeitsplätzen weitet sich der Raum zu einer großen Bibliothek. Der Blick geht hinaus auf die Landschaft des Bodensees und wir werden daran erinnert, dass wir uns in einer der ältesten und reichsten Kulturlandschaften Deutschlands befinden, zwischen den Klöstern der Insel Reichenau und Salem, in der Nähe zur Birnau, zu Meersburg und zur Insel Mainau. Daran mag Prinz Max von Baden 1920 gedacht haben, als er die Salemer Klostergebäude der Schule mit dem Hinweis überließ, nie zu vergessen, dass dies eine von Gott gesegnete Landschaft sei.

Die Verbindung der beiden Räume im Obergeschoss des Forums wirkt wie ein Programm: Wir müssen uns der Zukunft zuwenden und können doch zugleich am Bewährten festhalten. Hinter den modernen Techniken stehen der Reichtum und die Erfahrung vergangener Kulturleistungen. Erst, wenn uns die Fundamente vertraut sind, auf denen wir stehen, sind wir fähig zu Begegnung und Auseinandersetzung mit dem Neuen und Anderen.

IV.

Unsere Gesellschaft ist in ständiger Veränderung. Das wird zur einzigen Konstanten. Daher müssen wir fähig sein, mit dem Wandel umzugehen, ihn zu nutzen und zu gestalten.
Das setzt bleibende Werte voraus, die dem Einzelnen Halt und Orientierung geben. Es wäre verlorene Mühe, diese Werte im Lehrvortrag vermitteln zu wollen - sie müssen am vorgelebten Beispiel erfahren und im eigenen Tun lebendig werden.

Kurt Hahn hat dies auf die prägnante Formel gebracht:

"I hear - I forget. I see - I remember. I do - I understand."

Ganzheitliche Erziehung, die Einheit von Bildung und Charakterbildung - das ist der Kern und der Erfolg der Reformpädagogik, wie sie bis heute in vielen Schulen lebendig ist.

In Salem ist sie besonders ausgeprägt: Mit der Verpflichtung, einem der humanitären Dienste wie der Feuerwehr, dem THW, dem Sozial- oder dem Umweltdienst anzugehören, mit der großen Bedeutung des Sports und mit der Förderung der musischen Neigungen, die in der ein oder anderen Form in jedem jungen Menschen stecken. Und mit der Erziehung zur Verantwortung.

In der 'Polis" der Schulgemeinschaft können jene demokratischen Haltungen eingeübt werden, die unsere Gesellschaft so dringend braucht. Wer Verantwortung übernimmt, hilft Freiheit erhalten. Hinter allen drei Tugenden, die als Ziel der Salemer Erziehung formuliert sind - Wahrheitsliebe, Mut und Verantwortung -, steht letztlich die Freiheit.

Wenn wir jungen Menschen elementare Erfahrungen und Kenntnisse vermitteln und ihnen festen Boden geben, wenn wir ihnen auch zeigen, dass mehr in ihnen steckt, als sie ahnen, dann geben wir ihnen nicht nur Selbstvertrauen, sondern wir helfen ihnen, mit ihren Fähigkeiten und ihrem modernen Wissen verantwortlich umzugehen.

V.

Liebe Schülerinnen und Schüler, das heutige Fest findet in erster Linie natürlich Euretwegen statt.

Das ist Eure Schule - eignet sie Euch an, prägt sie, macht etwas aus ihr. Sorgt dafür, dass die Ideen und Prinzipien, von denen heute viel die Rede ist, keine leeren Floskeln bleiben, sondern mit Leben erfüllt werden.

Dann kann auch in diesem Neubau jene Atmosphäre einkehren, die Salem für Euch und für die vielen ehemaligen Schüler, die heute hier sind, zu einer ganz besonderen Schule macht.

Unter Euch mag es besonders begeisterte Salemer geben und solche, die vielleicht nicht oder noch nicht ganz so gerne hier sind. So etwas soll ja vorkommen. Aber ich denke, dass jeder, der eine solche Schule besucht hat, eine Schule mit diesem Angebot, mit diesen Möglichkeiten und in einer solchen Landschaft gelegen, dass der spüren wird: es ist etwas Besonderes, hier gewesen zu sein.

Euch wird nicht nur eine ungewöhnliche Chance geboten, sondern Ihr genießt ein wirkliches Privileg. Wer kann schon unter solchen Bedingungen aufwachsen und wie viele werden sich wünschen, dass ihnen das möglich wäre!

Versteht den besonderen Vorzug, den Ihr genießt, daher als Verpflichtung. Begreift die Verantwortung, zu der Ihr erzogen werdet, nicht nur als Verantwortung für Euch selber, sondern als Verantwortung für andere und für die Gemeinschaft und die Gesellschaft - aus welchem Land auch immer Ihr kommt.

- Es gilt das gesprochene Wort. -