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Laudatio von Bundespräsident Johannes Rau aus Anlass der Verleihung des Ludwig-Wünsche-Preises an Shimon Peres

I.

Lieber Shimon Peres,

wie oft wir einander begegnet sind, haben wir beide nicht gezählt. In Jahren und Jahrzehnten ist Freundschaft entstanden, haben wir viele Gespräche geführt. Manche sind mir unvergesslich.

Am stärksten hat sich mir ein gemeinsames Erlebnis eingeprägt, es liegt siebzehn Jahre zurück. Es war bei der Tagung der Sozialistischen Internationale in Portugal. Nach einer heftigen Auseinandersetzung über die Frage, ob ein Vertreter der PLO als Beobachter zugelassen werden sollte, wurde dieser schließlich eingeladen. Wir wohnten im gleichen Hotel. Es war am letzten Tag auf der Abschlussveranstaltung, da hörten wir plötzlich Schüsse vor der Tür. Der PLO-Vertreter war von einem anderen PLO-Mitglied erschossen worden, weil er den Frieden suchte. Wir unterbrachen die Sitzung. Im Anblick des verhüllten Toten sprachen Kamal Jumblat, Willy Brandt und Shimon Peres letzte Worte für einen PLO-Vertreter, der auf der Suche nach Frieden gestorben war. Diese Erinnerung hat sich mir ins Herz eingebrannt.

Auch darum ist die Aufgabe, für Sie, meinen Freund und Weggenossen, eine Laudatio zu halten, nicht nur eine angenommene Aufgabe, sondern eine Ehre und eine Freude.

Sie ist auch ein Zeichen meines Dankes. Denn unsere zahlreichen Begegnungen haben viel beigetragen zu meinem Verständnis von dem, was im Nahen Osten vorgeht.

In Ihren Schriften, in denen Sie so überzeugend Ihre politische Philosophie entwickelt haben, bin ich auf eine Aussage gestoßen, die ich unbedingt zitieren möchte:

"Friede ist wie Krieg. Er entwächst aus einem Boden, auf dem nicht nur zwei verschiedene Lager sich gegenüberstehen, sondern zwei verschiedene Kräfte: die gestrigen und die von morgen."

Ich glaube, nichts könnte das Ringen im Nahen Osten treffender beschreiben als diese beiden Sätze. Nichts könnte besser verdeutlichen, worum es in der Weltgeschichte schon immer gegangen ist: um die Wahl zwischen der Hoffnungslosigkeit der Reflexe des Krieges und der Zuversicht des Weges zum Frieden.

Und nichts könnte kürzer Ihren eigenen Lebensweg beschreiben. Über sich selbst sagen Sie:

"Die fünfzig Jahre meines öffentlichen Lebens lassen sich in zwei Hälften teilen. In der ersten Hälfte galt meine Arbeit der Verteidigung, in der zweiten dem Frieden."

Wie schwierig es für einen Mann des Friedens ist, seine Aufgabe zu erfüllen, das wird uns gerade in diesen Tagen wieder vor Augen geführt.

Sie, lieber Shimon Peres, haben in Ihrem langen Politikerleben so ziemlich alles erfahren und erlitten, was ein Politiker erfahren und erleiden kann. Das geht von der begeisterten Zustimmung für Ihre Friedenspolitik bis zur Ablehnung und zur politischen Niederlage, weil diese Politik zum Spielball eines mit allen medialen Mitteln geführten Kampfes der schon erwähnten Gestrigen wurde.

Im August 1994 haben Sie mit Itzak Rabin und Yassir Arafat den Friedensnobelpreis für die Durchsetzung eines visionären Konzepts erhalten, das aus nur vier Worten bestand: "Gaza und Jericho zuerst". Weniger als zwei Jahre später wurden Sie aus Ihrem Amt gewählt.

Ich zögere nicht, in diesem festlichen Augenblick auch diese bitteren Momente zu erwähnen. Denn ich weiß, dass Sie mich verstehen, wenn ich diesen Teil Ihres politischen Lebens deute: Sie haben immer und kompromisslos für den Frieden gestanden, notfalls auch gegen das Mehrheitsvotum der eigenen Partei.

Langfristige Sicherheit ist auch im Nahen Osten nur durch Vertrauensbildung und durch Zusammenarbeit zu erzielen. Das ist eine Überzeugung, die ich mit Ihnen teile. Und wir werden Recht behalten: Das alte Denken, dass Sicherheit nur militärisch zu erreichen ist, wird auch im Nahen Osten eines Tages obsolet sein, wie sehr der Friede auch gerade in diesen Tagen wieder in Frage gestellt sein mag.

II.

Wie ein Kontrapunkt dazu zieht sich durch Ihre öffentlichen Äußerungen das neue Denken. Es gründet auf den Erfahrungen und auf Einsichten, die der Politiker Peres gewonnen hat:

Allem voran steht Ihre klare Vorstellung vom Wesen der Demokratie, die für Sie auf zwei Grundrechten beruht: dem Recht auf Gleichheit und dem Recht auf Verschiedenheit. Verordnete Gleichmacherei ist für Sie das Ende der Demokratie. Sie haben immer betont, dass auch die Angst vor Nivellierung zu einer Kriegsursache werden kann.

Ihre Philosophie geht auf zwei große Väter Israels zurück. Der eine war Ben Gurion, der Staatsgründer; ihm haben Sie gedient. Der andere war Moses, der Vater des alten Israel; von ihm haben Sie gelernt, ihn zitieren sie immer wieder. Seine Mahnung an Israel, "erinnere Dich, dass Du ein Sklave warst", ist für Sie zum Leitsatz geworden. In der Anwendung auf Israels Umgang mit seinen palästinensischen Nachbarn haben sie ganz einfache Worte gefunden:

"Ein freier Mann wird nie mehr Sklave sein, er darf aber auch nicht zum Herrscher werden. ... Die Botschaft des Judentums ist eine Befreiungsbotschaft. Wir wurden nicht befreit, um andere zu beherrschen."

Ich kenne keinen Politiker, der in der Vergangenheit die Rechte von Israels Nachbarn so einfach und so fair beschrieben hat.

Wer so denkt, der denkt auch neu über den Staat: Für Sie folgen Wohlstand und Einfluss des modernen Staates unmittelbar aus dem Ausbildungsniveau seiner Bürger. Die alte Maxime, dass die Macht der Staaten sich in der Größe des Territoriums, der Zahl der Bevölkerung und der Stärke der Armee erweist, haben Sie ad acta gelegt. Langfristig setzt sich die Macht der Ideen immer gegen die Macht der Armeen durch.

Solches Denken stiftet Frieden. Ich zitiere Sie wieder:

"Es reicht nicht aus, einen Staat zu haben, sondern wir müssen ein Land haben, das im Frieden mit seinen Nachbarn lebt und ihnen Ruhe und Frieden beschert."

Ihre Botschaft ist eindeutig: Frieden hat man nicht, Frieden schafft man. Frieden gewinnt man, indem man seinem Nachbarn hilft, in Ruhe zu leben. Das setzt Vertrauen voraus. Vertrauen ist eine Vorleistung ohne die Sicherheit, dass sie belohnt wird. Misstrauen ist für Sie die große politische Krankheit unserer Tage.

III.

Lieber Shimon Peres, wenn ich mir noch einmal überlege, was ich bisher gesagt habe, dann reizte es mich, eine provozierende Frage zu stellen: Wundert es Sie, dass Sie mit Ihren Gedanken so oft auf härtesten politischen Widerstand gestoßen sind - bei Ihren politischen Freunden ebenso wie bei Ihren Gegnern? Sind sie sich bewusst, wie sehr Sie die alles besser wissenden selbsternannten "Realisten" provozieren? Ich bin sicher, Sie spüren es. Aber nie haben Sie Ihre Prinzipien verraten, um kurzfristig taktische oder parteipolitische Vorteile zu erzielen.

Sie haben sich immer zu einer visionären Politik bekannt. Manche verachten Visionen als "unrealistisch". Dabei unterscheiden sie sich von der alltäglichen Politik nur durch größere Weitsicht in der Zielsetzung und größere Geduld in der Umsetzung.

Der Visionär ist oft einsam. Das ist deutlich aus Ihren Erinnerungen herauszulesen, die Sie im Blick auf den Friedensprozess der Jahre 1994/95 geschrieben haben, in denen Sie die schwierige Lage der Protagonisten Arafat, Peres und Rabin angedeutet haben:

"Zukunftsvisionen sind nie mehrheitsfähig. ... Je mehr wir uns dem Frieden näherten, desto mehr verloren wir Terrain in der öffentlichen Meinung bis zu jenem schrecklichen 4. November 1995."

Ist es überraschend, dass sich diese Schwierigkeiten gerade in diesen Tagen wiederholen, in denen wir dem Frieden so nahe waren wie schon lange nicht mehr? Die fundamentalistischen Gegner des Friedens auf beiden Seiten können oder wollen den Blick nicht in die Zukunft richten. Sie scheinen am Frieden nicht interessiert, sie tun alles, um ihn zu vereiteln.

IV.

Aber sie werden nicht Recht behalten. Visionäre wie Sie erweisen sich langfristig immer als die besseren Realisten.

Während meines Staatsbesuchs im Nahen Osten in diesem Frühjahr hatte ich Gelegenheit, den Grundstein für einen von Deutschland finanzierten Industriepark auf der palästinensischen Seite der Grenze zu legen. Ich erinnere mich, wie bewegend das war. Wir standen auf einem Gelände, das soeben erst von Minen geräumt worden war. Der Industriepark sollte den Palästinensern Gelegenheit geben, Investitionen anzuwerben und industrielle Strukturen aufzubauen. Sie, Shimon Peres, waren bei der Feier als der zuständige israelische Minister dabei. Sie haben sich dafür verantwortlich gefühlt, dass Friede nicht nur auf dem Papier entsteht, sondern dass die Palästinenser tatsächlich fühlen, merken, erleben, dass der Friede sich wirtschaftlich lohnt.

In einer großen Rede in Davos im Januar dieses Jahres haben Sie uns dieses Konzept erläutert. Sie haben das Bild eines sich organisch entwickelnden Friedens auf der Grundlage von Interessengemeinschaft, von Integration und von wirtschaftlicher Verflechtung entwickelt.

Das sind ganz materielle Interessen. Sie haben das die "Soziallehre Moses" genannt. Er hat ja bei der Beschreibung des gelobten Landes auch nicht nur von spirituellen Dingen gesprochen, sondern ein Land verheißen, in dem Milch und Honig fließt.

In Ihren Worten wird dieses Konzept kraftvoll, bildhaft und verständlich:

"Eine politische Treppe ohne das Geländer wirtschaftlicher Perspektiven zu errichten, hätte bedeutet, die Menschen der Gefahr auszusetzen, dass sie beim Aufstieg noch vor dem Ziel in die Tiefe stürzen."

Sie haben in Davos das europäische Vorbild für den Frieden im Nahen Osten hervorgehoben, und das zu Recht. Bei aller gebotenen Zurückhaltung mit unerbetenen Ratschlägen: Eines lässt sich aus der europäischen Entwicklung sagen: Aus Kriegen zunächst zu einem geordneten Zusammenleben, dann zu einem geregelten Nebeneinander und schließlich zu einem Miteinander zu kommen - das ist der große europäische Erfolg der letzten fünfzig Jahre. Auch für Israel und seine Nachbarn ist grenzüberschreitende Verflechtung der beste Weg, um einen Frieden dauerhaft zu machen.

Dem wirtschaftlich Stärkeren kommt dabei natürlich eine Führungsrolle zu. Sie einzusetzen zum wirtschaftlichen Nutzen seiner Nachbarn, das erfordert psychologisches Feingefühl: Der Starke muss sich zurücknehmen können, wenn er dem Nachbarn wirklich helfen will. Sonst wird aus der wirtschaftlichen Stärke unerwartet politische und psychologische Schwäche.

V.

Lieber Shimon Peres, Carlo Schmid, den Sie gekannt haben, hat seine Vorbilder aus der Frühzeit der Bundesrepublik einmal mit folgenden Worten beschrieben:

"Sie waren nicht in die Politik gegangen, weil sie die Chance reizte, Macht zu gewinnen oder Karriere machen zu können. ... Sie gingen in die Politik, um Wandel zu schaffen, auf dass Idee und Wirklichkeit des Menschen sich decken können."

Mit diesen Worten hätte Carlo Schmid auch Shimon Peres beschrieben. Israel und der Nahe Osten brauchen dringender denn je Politiker von seiner Größe, seinem Format, seinem Charakter und seiner Gesinnung.